Mein Filmtagebuch 2024
Ob Neustarts oder (wieder)entdeckte ältere Streifen: Die stärksten Filme und Serien (und zuweilen auch das Gegenteil davon) aus meinem persönlichen Filmjahr 2024. Das Foto stammt aus dem wunderbaren Streifen Die Unschuld des japanischen Meisterregisseurs Hirokazu Kore-eda, meinem unangefochtenen Lieblingsfilm des Jahres.
Insgesamt habe ich im Filmjahr 2024 nicht weniger als 117 Spielfilme, 28 Serien und zehn Dokumentationen gesehen.
Meine Favoriten aus dieser Liste sind:
Platz 1: Die Unschuld (Monster)
Platz 2: Past Lives
Platz 3: The Room Next Door
Platz 4: Des Teufels Bad
Platz 5: Rickerl
Platz 6: Andrea lässt sich scheiden
Platz 7: Im letzten Sommer
Platz 8: Das Lehrerzimmer
Platz 9: Der Gymnasiast
Platz 10: Saltburn
Platz 11: May December
Platz 12: Crossing: Auf der Suche nach Tekla
Platz 13: Das Versteck (John and the Hole)
Platz 14: Anatomie eines Falls
Platz 15: Meine fantastische Mutter
Platz 16: Bittersüßer Regen
Platz 17: Roter Himmel
Platz 18: Alien Romulus
Platz 19: Dune 2
Platz 20: Zone of Interest
Platz 21: Holy Spider
Die Serienhighlights des Jahres:
Ripley
The Frog
Monster: Die Geschichte von Lyle und Erik Menendez
Expats
Nach vielen Jahres habe ich die Weihnachtskomödie Singe Bells des österreichischen Regisseurs Xaver Schwarzenberger aus dem Jahr 1997 wiedergesehen. Die Ereignisse rund um das chaotisches Weihnachtsfest im Familienkreise und verschneiten Landhaus sind mit Erwin Steinhauer, Inge Konradi und Johanna von Koczian prominent besetzt und nicht schlecht gealtert. Die Machart ist verglichen mit heutigen Sehgewohnheiten sehr bedächtig, der Humor wirkt weit weniger böse als damals, doch das Ganze hat nach wie vor Witz und Charme. Der ebenfalls aus heimischen Produktionsstätten stammende Episodenfilm Schrille Nacht ist wesentlich jüngeren Datums (2022), weiß aber nur in einigen der Szenen zu amüsieren. Ein grantiger Christbaumverkäufer, ein unglücklicher Paketlieferant, ein stressiger Elternbesuch oder ein schwuler Heiratsantrag - recht nett, aber ein Kultfilm wie Single Bells wird das nicht werden.
Regisseurin Ishana Shyalaman gelingt es, in die in den letzten Jahren immer kleinerern Fußstapfen ihres berühmten Vaters M. Night Shyalaman zu treten - in der Hinsicht nämlich, dass der Schöpfer legendären Filmguts wie The Sixth Sense immer häufiger mit enttäuschenden Arbeiten aufwartet. Auch They See You, der Erstlingsfilm der Tochter, mutet sich auf den ersten Blick interessant an - ein Gebäude in einem unheimliche Wald, darin Menschen, die von grausigen Wesen von außen beobachtet werden. Die in Richtung von gestaltwandelnden Feen gehende Auflösung des Geheimnisses dahinter ist dann aber so lächerlich wie nur möglich.
Der Transport von Essen auf einer herabsinkenden Plattform in einem über 300 Stockwerke tiefen vertikalen Gefängnis und der damit zusammenhängende existentialistische Kampf ums Überleben der Insassen bildete bereits die Prämisse für den spanischen Thriller Der Schacht aus dem Jahr 2019. Ob des großen Erfolgs reicht Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia nun das Prequel Der Schacht 2 nach. Der Streifen gibt Einblicke in die Figuren und das Terrorsystem, in dem sie sich gefangen sehen, und vermischt dabei oft drastische Gewalt mit Kritik an sozialer (Un)Gleichheit. Spannend ist diese Mischung allemal.
Schon lange habe ich keine so scheinheilige Geschichte gesehen wie den vom ZDF produzierten Fernsehfilm Weihnachtspäckchen ... haben alles zu tragen aus dem Vorjahr. Im Mikrokosmos einer verschneiten deutschen Kleinstadt bekommen wir vorgesetzt: einen Fünfzehnjährigen, der von seinem Vater misshandelt wird, ohne dass im Film auch nur ein Hauch von Gewalt zu sehen ist; zwei alte Leutchen, deren Einsamkeit mal so behauptet wird, damit sie dann doch den Weihnachtsabned miteinander verbringen können; ein stark übergewichtiges Mädchen, das weiterhin Schokolade essen darf und ganz nebenbei ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenbringt; ein Fahrerflüchtiger, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis auf eine verständnisvolle Frau trifft; ein schwules Paar, denen in ihrem heteronormativem Verhalten im Hauptabend sogar ein keusches Wangenbussi erlaubt ist; eine junge Pflegerin mit pinkgefärbten Haarsträhnen, die sich in einen Vorzeigeschwiegersohn von nigerianischem Flüchtling verguckt - und sie dürfen sich dann sogar auf die Lippen küssen. Die Konflikte hinter diesen Abziehbildchen interessiert das Filmchen offensichtlich gar nicht, die kitschige Auflösung ins herzenswarme Nichts ist wichtiger, aber: Hey, ist ist Weihnachten und wir sind ja alle sooo tolerant! Vielleicht haben sich die Verwantwortlichen ja gefreut, ihre Excel-Liste der Akzeptanz von Minderheiten abhaken zu können; ich habe die Sache eher als ekelhaft empfunden.
Black Doves ist eine sechsteilige britische Agentenserie, die trotz massiver innerer Unlogik durchgehend spannende Unterhaltung bietet. Keira Knightly als Ehefrau des Verteidigungsministers arbeitet für die im Titel genannte Organisation, die heikle Informationen an die Meistbietenden verkauft, ist als Co-Produzentin aber wohl zumindest zum Teil für ihre unvorteilhafte Frisur verantwortlich, Bond-Q Ben Whishaw gibt das menschlich berührende Porträt eines Auftragskillers, der ihr zur Seite gestellt wird und dem der Beruf die Chance einer warmherzigen Liebesbeziehung zerstört. Bewundernswert, wie die Spionin zwischen heftigsten Kämpfen und Schießereien doch immer wieder ihre Zwillinge rechtzeitig ins Bett bringt und auf Parties und Empfängen makellose Konversation macht.
Ein Bub, der achtjährige Amerigo (Christian Cervone), zwischen zwei Müttern: der bitterarmen in Neapel, einer durchs Leben hart gewordenen Frau, "die nie geliebt wurde und deshalb nicht weiß, wie man liebt", und jener im Norden, die ihn gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Kinderverschickungsprogramm zum Aufpäppeln aufnimmt. Der italienischen Regisseurin Christina Camencini gelang mit Der schönste Tag in meinem Leben (2002) ein wunderbarer Tränendrüsendrücker, in ihrer neuen Arbeit Ein Zug voller Hoffnung hingegen entsteht kaum atmosphärische Dichte, in der sich die Figuren zu filmischem Leben entwickeln würden. In eine unnötige Rahmenhandlung eingebettet, in der der erwachsene Amerigo als Stargeiger nach dem Tod der Mutter ins Leere stieren und schluchzen darf, bleiben tiefe Emotionen eher außen vor, echten Zugang zu den Charakteren suchen wir deshalb vergeblich.
Spinnenhorror hat es schon seit Längerem nicht mehr gegeben, erinnern wir uns nur an den Klassiker Arachnophobia aus dem Jahr 1990. Der Grusler Spider des australischen Drehbuchautors und Regisseurs Kiah Roache-Turner schafft nun Abhilfe. Eine kleine außerirdische Spinne, die binnen Kurzem zu beachtlicher Größe heranwächst, terrorisiert und dezimiert im Verlauf der Handlung die Bewohner:innen eines New Yorker Wohnblocks - in diesen herkömmlichen Plot verpackt ist ein für einen Horrorfilm ungewöhnlich ernsthafter Umgang mit den involvierten Charakteren. Besonders die von pubertären Nöten gepackte Charlotte und ihre Beziehung zu ihrem Stiefvater Nathan stehen im Mittelpunkt des Geschehens, und wenn der Teenager endlich den Ernst der Lage begreift und sich mit Spritzpistole und Mottenkugelwasser auf die Jagd des monströsen Arachnids begibt, ist das nicht überaus spannend, aber vergnüglich anzusehn.
Schon lange habe ich keinen Film gesehen, der in der Erinnerung auch wieder so rasch verblasst war. Kleine schmutzige Briefe nennt sich dieses kleine langweilige Filmchen. Die im Titel genannten Briefe voll vulgärer Ausdrücke und Beschimpfungen erhalten mehrere Personen in einem englischen Küstenort der 1920er-Jahre, unter ihnen auch die altjüngferliche Edith (Olivia Coleman). Als Absenderin glaubt man allenthalben die unbekümmert-freche neue Nachbarin aus Irland (Jessie Buckley) ausgemacht zu haben, allein die weibliche Polizistin Gladys (Aljana Vasan) glaubt nicht an diese Version. Die weiblichen Figuren haben allesamt mit toxischer Männlichkeit zu kämpfen, unter ihnen bildet sich denn auch bald eine Art Solidarität zur Aufklärung des Krimirätsels. Doch von vornherein ist klar, um wen es sich bei der Verfasserin wohl handeln muss, so wie alles an dieser einschläfernden Banalität ohne Hirn und Humor so vorhersagbar ist wie die klimpernde Musik gleich zu Beginn. Zuweilen, besonders in Szenen, in den Polizisten beteiligt sind, schrammt der Streifen an Laientheater; aber schon vergessen.
Der Titel des Films May December spielt auf den beträchtlichen Altersunterschied in Beziehungen an und genau ein solcher stellt den Knackpunkt in dem Familiendrama des US-amerikanischen Meisterregisseurs Todd Haynes (Velvet Goldmine, 1998; Dem Himmel so fern, 2002; Carol, 2015) dar. Natalie Portman agiert darin als Schauspielerin Elizabeth, die sich zu Recherchen mit jener von Julianne Moore dargestellten Grace trifft, die sie in einem Film über deren skandalhaften Beziehung als Erwachsene zu einem damals 13jährigen Joe verkörpern soll. Mitterweile, 20 Jahre später, sind die beiden verheiratet und haben Kinder, die bald ins College aufbrechen werden - was ihre Eltern dazu bringt, über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken sowie das eigene Handeln und ihre Beziehung als Liebende in Frage zu stellen. Auf meisterhafte Weise führt Regisseur Haynes die Demontage der doch angeblich so wunderbar funktionierenden Familie vor; nach und nach tun sich Brüche und Spalten in deren Oberfläche auf und erlauben Einblick in all die Zweifel, (Selbst)Vorwürfe, die Frage nach Schuld, unausgesprochenen Vorwürfe und die stille Verzweiflung, die sich darunter breit gemacht haben. Ist es echte Liebe, die Graces und Toms Beziehung zusammenhält, oder kam es nur zur Heirat, weil Grace damals im Gefängnis schon von ihrem jugendlichen Liebhaber schwanger war? Die glänzenden darstellerischen Leistungen von Portman, Moore und Charles Melton als erwachsenem Tom halten die psychologische Ambivalenz den ganzen Film über am Brodeln; und am Schluss sind nicht nur die Charaktere, sondern auch wir Zuschauende so verunsichert, dass niemand die Frage eindeutig zu beantworten weiß.
Mit Music By John Williams möchte ich hier auch einmal über einen Dokumentarfilm schreiben, denn was wäre die Geschichte des Kinos ohne die legendären Scores des mittlerweile 92jährigen Großmeisters der Filmmusik. In zahlreichen Filmausschnitten, Aufnahmen von Orchesterproben und -einspielungen sowie Interviews mit Wegbegleitern wie Steven Spielberg und George Lucas gewinnen wir Einsicht in die unglaubliche Bandbreite und Tiefe von Williams' genialem Werk. Wir brauchen nur den ersten Takt eines seiner Leimotive zu hören, um sie zum Film und oft auch der Figur, die sie charakterisieren, zuordnen zu können - dem weißen Hai, Darth Vader, Harry Potter, den Dinosauriern, E. T. und vielen, vielen anderen. So ist eine Doku entstanden, bei dem man aus dem Gänsehautrieseln gar nicht mehr herauskommt, nicht nur bei der für mich schönsten, herzzerreißendsten, berührendsten Filmmelodie überhaupt, dem Violinstück von Schindlers Liste.
Fesch ist er, der afroamerikanische Polizist Alex Cross in der mit seinem Nachnamen betitelten achtteiligen amazon-Serie, ein muskulöser Hühne, stets makellos gekleidet und mit einer neuen Wollmütze für jeden Tag ausgestattet. Auf der Jagd nach einem Serienkiller, der seinerseits Morde anderer nachstellt, bedient er sich seines coolen Wagens und so manch psychologischer Tricks und schlittert dabei in einem winterlichen Washington, D. C. in so manche heikle Situation; zudem hat er den Tod seiner Frau ein Jahr zuvor noch nicht verarbeitet und weiß mit einer neuen Liebesbeziehung nicht so recht umzugehen. In ausgebleichten Farben und meist kaltem Gegenlicht agieren die Figuren arg nach Schema F, die Handlung bietet keine Überraschungen und zuweilen wird die Düsternis der Schauplätze sosehr übertrieben, dass nicht eindeutig ist, wer sich nun im Bild befindet. Um mindestens zwei Folgen gekürzt, würde sich die Sache nicht gar so ziehen und die Spannung wohl steigern. Lichtblick der Serie ist Hauptdarsteller Aldis Hodge, der sie mit großer physischer und auch intellektueller Präsenz über so manchen Durchhänger trägt.
Es ist mir nicht verständlich, wie Blink Twice, der Erstlingsfilm der US-amerikanischen Regisseurin Zoe Kravitz, zu euphorischen Rezensionen à la "intensiver Thriller, der an die Grenzen der Komfortzone geht" gekommen ist. Es handelt sich um eine recht vorhersehbare Sache, wenn junge Frauen auf die Partyinsel eines Milliardärs eingeladen, dort unter Vergessens-Drogen gesetzt und missbraucht werden. Dass sie sich schließlich zur Wehr setzen, den Spieß umdrehen und mittels vereinter Frauenpower ihre Rache durchziehen, mag als feministische Variation des Althergedienten gesehen werden, von überraschenden Twists und Raffinesse im Storytelling ist aber auch hier nichts zu merken. Channing Tatums psychopathischer Bösewicht muss sich mit einer eindrucksvollen Szene zufriedengeben und ist im Grunde genommen so austauschbar wie der Rest des Casts.
Sollte Gladiator II tatsächlich von vielen Fans des Monumentalepos aus dem Jahr 2000 bereits lang erwartet worden sein, dann wird sich der Streifen wohl bei den meisten als herbe Enttäuschung herausstellen. Mittlerweile beherrscht es Ridley Scott wohl im Schlaf, bombastische Schlachten und Zweikämpfe in staubigen Arenen zu inszenieren. Was bei diesem Film aber völlig auf der Strecke bleibt, sind Einfallsreichtum und das Interesse für seine Charaktere. Lucius, der Sohn des im ersten Teil getöteten Gladiators Maximus, trägt zwar zahlreiche Kämpfe nach außen aus, über die Konflikte in seinem Inneren erfahren wir aber wenig. Paul Mescal, im Vorjahr großartig in All of Us Strangers, hat hier nichts anderes zu tun, als seine antrainierten Muskeln zu präsentieren, von den Hürden auf seinem Weg zum beliebtesten Gladiator Roms ist nichts zu merken. "Mandalorian" Pedro Pascal als vom Töten verzweifelter General kratzt auch bloß an der Oberfläche seiner Figur, Connie Nielsen als Lucius' Mutter Lucilla darf bildwirksam leiden und die beiden Caesaren sind so stark geschminkt und verrückt, wie wir das in solchen Sandalenfilmen seit Peter Ustinovs legendärem Auftritt als Kaiser Nero in Quo vadis? (1951) gewohnt sind und erwarten. Einzig Denzel Washingtons Charisma sticht aus dem Einheitsbrei an gwohnten Bildern, Situationen und Tönen heraus, sein Bösewicht voller Tücken gibt sich denn aber auch ziemlich maniriert. Insgesamt hat mich die Konstellation der Figuren, ihrer Konflikte und Intrigen in Roland Emmerichs Serie Those About to Die mehr gepackt. Wenn Szenen aus dem ersten Film auftauchen und Hans Zimmers Gladiator-Thema anklingt, entstehen kurze Momente atmosphärischer Dichte, auch diese aber ertrinken in der Flut an Selbstzitaten Ridley Scotts, wahren Plagiaten des eigenen Werks. Das Ganze ist natürlich in der gesamten Gestaltung als Popcornkino im Moment des Ansehens unterhaltsam - abgesehen von der schrecklich computergenerierten Mischung aus Pavianen und Hunden, mit der es Lucius in seinem ersten Arenenkampf zu tun bekommt. Damit hat es sich aber auch schon - auf dem Nachhauseweg ist alles bereits wieder verblasst.
Im Wettbewerb um den dämlichsten deutschen Filmtitel kommt an jenen des zwei Jahre alten Films Bittersüßer Regen kein anderen auch nur annähernd heran. Der Originaltitel Saudade fez Moranda aqui Dentro kann frei mit "Die Sehnsucht in mir" übersetzt werden, was an und für sich auch etwas kitschig klingt. Der Film selbst ist das genaue Gegenteil. Der brasilianische Regisseur, Autor und Kameramann Haroldo Borges hat damit eine wahre Independent-Perle geschaffen. Die Geschichte spielt in Bahia und dreht sich um den fünfzehnjährigen Bruno, der abgesehen von den üblichen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens mit der Gewissheit zurechtkommen muss, eines Tages zu erblinden. Und dann, ganz plötzlich, wacht er eines Morgens auf und seine größte Furcht ist Realität geworden. Wir begleiten Bruno (Bruno Jefferson verkörpert ihn auf seelenberührende Weise) auf seinem steinigen Weg, mit seiner Behinderung fertig zu werden. Es kostet ihn viel Kraft, das Leben als Blinder zu akzeptieren, es zu meistern, wobei ihm dabei seine beste Freundin, seine Mutter und ganz besonders sein jüngerer Bruder Ronny zur Seite stehen. Borges beobachtet sie dabei mit der Handkamera, die Szenen zwischen den Burschen wirken ungezwungen natürlich, zuweilen fast improvisiert. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie, die Innigkeit der Beziehung zwischen den beiden Brüdern ist wahrlich herzerwärmend. Am Schluss friert das Bild der beiden beim Fahrradfahren ein, es sind lachende, befreite Gesichter; miteinander, soviel ist offensichtlich, werden sie ihre Zukunft meistern können.
"Der neue Hitchcock/Spielberg/Chaplin ..." - in diese Riege der bedeutendsten aller Filmkünstler, deren Nachname unverkennbar mit ihrem Stil, ihrer Bilderwelt, ihren Themen und typischen Figuren verbunden ist, hat der spanische Ausnahmeregisseur Pedro Alodóvar spätestens seit seinen Meisterwerken Alles über meine Mutter (1999), Sprich mit ihr (2002) und La mala educación (2004) Aufnahme gefunden. Nun wurde seine jüngste Arbeit und erster englischsprachiger Streifen The Room Next Door Aufnahme in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Tilds Swinton als todkranke ehemalige Kriegsreporterin Martha, die auf ihrem Recht auf einen selbstbestimmten Tod besteht, und Julianne Moore als Freundin aus jüngeren Tagen, Ingrid, die sie auf diesem letzten Weg begleiten soll - im Zimmer nebenan, wenn die Nacht gekommen ist, um die Pille zu nehmen, die allem ein Ende setzt. Dies ist grandios gespielt und nicht minder grandios umgesetzt, besonders, als Almodóvar beginnt, die vorgegebenen Parameter seiner Geschichte zu verlassen und darin Möglichkeiten für das Leben im Hier und Jetzt zu finden. "Langsam schwand seine Seele, als er den Schnee leise druch das Universum fallen hörte, leise herabfallen hörte wie das Nahen ihrer letzten Stunde, auf alles Lebendige und die Toten." Am Ende zitiert Almodóvar James Joyces Kurzgeschichte Die Toten (1914) und John Hustons Adaption aus dem Jahr 1987. Er spiegelt die Worte des irischen Schriftstellers in seiner unverwechselbaren filmischen Sprache und beschwört in der Ansicht der toten Martha auf einem Liegestuhl auf der Terrasse eines Hauses im Wald ein Bild von Stille, von Ruhe und Erlösung. Auf diese Weise macht Alodóvar seinen Film über das Sterben zu einem Hohelied auf das Leben.
Bei dem thailändischen Actionfilm Bangkok Breaking: Himmel und Hölle handelt es sich um die Fortsetzung einer mir unbekannten sechsteiligen Serie. In beiden fungiiert Sukollawat Kanarot als Rettungssanitäter, der in dramatische Ereignisse hineingezogen wird. Im Fall des Spielfilms sind das Grundstückspekulationen und die Entführung des kleinen Tochter des superreichen Spekulanten, dazu kommen die Kämpfe rivalisierender Drogenbanden und korrupte Polizisten. Die Hauptfigur behauptet sich darin glaubwürdig zwischen Entschlossenheit und Verzweiflung, die ganze Sache gestaltet sich aber viel zu ausgewälzt zwischen einigen argen Logiklöchern, was besonders die (Un)Verwundbarkeit einiger Charaktere betrifft.
Die deutsche Netflix-Serie Achtsam morden wird im Momenmt medial extrem als kurzweilige Satire gepusht, das Versprechen vermag sie aber nicht einzulösen. Tom Schilling in der Figur eines Rechtsanwaltes mit mafiösen Klienten wird durch die kriminellen Umstände und eine zur Rettung seiner Ehe durchgeführte Atemtherapie zum Killer und einem guten Vater - zu Beginn lässt sich die Sache als durchaus witzig an. Die ständige stereotype Überzeichnung von Figuren wie der Ehefrau und der Kommissarin, die Bösewichter, die in ihrer Klischeehaftigkeit dem Niveau deutscher Fernsehkrimis entsprechen und die in der Durchbrechung der vierten Wand nur selten spritzigen Kommentare des Antihelden beginnen aber sehr bald zu nerven. Der Stoff hätte für einen neunzigminütigen Film gereicht, tut es aber nicht für acht Serienfolgen. Zu all dem erfahren wir am Schluss noch, dass wohl oder übel eine zweite Staffel ins Haus stehen wird.
Regionalkrimis boomen ja, was Bücher als auch die Verfilmungen betrifft. Nun agiert der österreichische Kabarettist Thomas Stipsits in der Hauptrolle der Verfilmung seines eigenen Romans: Kopftuchmafia ist der Burgenlandkrimi betitelt, eine Gruppe von Freunden seit Kindheitstagen mit unterschiedlich ausgeprägtem Kinderwunsch steht im Mittelpunkt, dazu gibt es noch drei tratschende alte Damen auf einer Bank mitten im Dorf, Bauspekulationen und eine für dieses Genre recht ungewöhnliche Liebesgeschichte. Der fürs Fernsehen gedrehte Film ist recht nett anzuschauen, doch originell ist er nicht. Hingegen kupfert er, was sowohl den Inhalt und die Figurenzeichnung, als auch die Bildsprache betrifft, von Polt bis Eberhofer mit einem Schuss Dorfer ab, was an Ingredienzien dieses Genres erfolgreich scheint, und mischt es zu einem Eintopf ab, dessen Geschmack wir schon längst kennen.
Dass ein Musical eine historische Geschichte mit dem modernen Musikstil des Hip Hop erzählt, ist einzigartig. Dass Hamilton dies auf musikalisch und dramaturgisch aufregende Weise durchzieht, hat wohl auch zu seinem durchschlagenden Erfolg beigetragen. Das Multitalent Lin-Manuel Miranda, Schauspieler, Rapper, Komponist, Autor und Produzent in Personalunion, rollt das Leben des titelgebenden Gründervaters, Mitstreiters George Washingtons und ersten Finanzministers des neuen Staates vom jungen Mann bis zum Tod auf. Dabei treibt der Beat die Musik zu immer neuen stakkatoartigen Höhepunkten, immer wieder gipfelt die unter der Regie von Thomas Kail makellos gestaltete Broadway-Aufnahme, die nun auf Disney+ zu sehen ist, in verblüffenden rap battles - mitreißender geht nicht mehr. Dieses Tempo hat freilich auch jene Schattenseite, dass emotionale Momente, die eigentlich die Sicht auf die tiefen Gefühle der Figuren freigeben sollten und in diesem Sinne mehr Ruhe und Raum gebraucht hätten, seltsam distanziert von uns ablaufen; auch hetzt die Vesessenheit auf die Didaktik der historischen Eckpunkte und Fakten von einem Parameter zum nächsten, die dann auch wie in einer Liste abgekakt werden - jene Bandbreite an Emotionen, die die besten Musicals ausmachen, bleibt dabei aber auf der Strecke. So ist Hamilton, von einem grandiosen Cast perfekt dargeboten, besonders in seinen lauten, nicht aber den leisen Szenen gelungen.
Der Film Als wir tanzten ( 2019) des schwedischen Regisseurs mit georgischen Wurzeln Levan Akin ist eine unglaublich eindringliche Studie der beengenden sozialen und politischen Verhältnisse in Georgien, die einen jungen schwulen Tänzer zu erdrücken drohen. Einige der Gänsehautmomente dieses wunderbaren Streifen finden sich in meinem Buch Magische Momente. In Akins neuer Arbeit Crossing: Auf der Suche nach Tekla begibt sich die pensionierte Lehrerin Lia (Mzia Arabuli) auf die im Titel genannte Nachforschung nach ihrer Nichte Tekla, die, als Transfrau von ihrer Familie geschmäht, ihr Heimatland verlassen musste und in Istanbul untergetaucht ist. Sie freundet sich mit dem Tollpatsch Achi (Lucas Kankava) an, der sie begleitet, und lernt die Anwältin Evrim (Deniz Dumanli) kennen, die gerade um die Anerkennung als Frau kämpft. Um dieses Trio von Charakteren hat Akin einen sehr ruhigen, leisen und sich zurücknehmenden Film gemacht, dessen Figuren sich in einer Art Übergang befinden: Sie verlassen die ihnen vertraute Umgebung ebenso wie alte Denkmuster. Akin entwerfe, so das Programm der Berlinale, "eine Topografie von Orten queerer Fürsorge und Solidarität". So ist Crossing ein zutiefst humanistisches Abtasten von Möglichkeiten, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu führen, die in stille Bilder gegossene Poesie des Alltags von Außenseitern, die, indem sie zusammenhalten, stark sind.
Der Junge und der Reiher, heuer mit dem Oscar als bester animierter Film ausgezeichnet, ist das große Alterswerk des bereits 85-jährigen japanischen Kultregisseurs Hayao Miyazaki, berühmt etwa für Das wandelnde Schloss (2004) und Chihiros Reise ins Zauberland (2001). Seine Zusammenarbeit mit dem Studio Ghibli brachte diese Meisterwerke und so etwas wie einen ganz eigenen Stil des Anime hervor. Ein Bub auf der Suche nach seiner angeblich verstorbenen Mutter und der verschwundenen Stiefmutter, ein verfallener Turm, der im Titel genannte Reiher, in dem ein ganz anderes Wesen steckt, eine Vielzahl von übereinander geschichteten Welten - ein Feuerwerk der Fantasie.
Produziert von Tanz der Teufel-Regisseur Sam Raimi, geht der Thriller Don't Move von der Prämisse einer jungen Frau aus, der fernab der Zivilisation von einem Wochendmörder eine Substanz injiziert wird, die innerhalb von zwanzig Minuten zur vollständigen Lähmung ihrer Gliedmaßen und ihres Sprechvermögens führen wird. Was folgt, ist der zwar bieder inszenierte und vorhersehbare, aber durchaus spannende Versuch, dem Killer und dem fast auswegslos erscheinenden Schicksal zu entkommen. Kelsey Chow und Finn Wittrock liefern sich einen Kampf auf Leben und Tod.
Zuweilen ist es so, dass ich, die positiven Rezensionen zu einem Film im Hinterkopf, glaube, einen anderen Streifen zu sehen. Zuletzt war das bei der sogenannten romantischen Actionkomödie A Killer Romance so. Der Regisseur Richard Linklater hat mit seiner Before-Reihe und der Langzeitstudie Boyhood Filme zum Niederknien gemacht - kaum zu glauben, dass er auch für diesen öden Unsinn verantwortlich zeichnet. Von Action keine Spur, von Romantik nichts zu merken und auch mit der Komödie ist es nicht weit her. Ein von Glen Powell uninteressant verkörperter vorgeblicher Profikiller, der in Wahrheit für die Polizei arbeitet, steht im Mittelpunkt der Angelegenheit, gepriesen wurden allenthalben die unterschiedlichen Masken und Kostüme, in denen er bei Kontakaufnahme mit seinen Kunden agiert. Sorry, diese ähneln Faschingsverkleidungen, die Taktik ist immer dieselbe, es wird ewig herumgeredet und ich habe keinen einzigen zündenden Gag entdeckt.
Die mexikanische Netflix-Serie Das Geheimnis des Flusses dreht sich um die Muxes, Personen eines dritten Geschlechts, wie es im Bundesstaat Oaxacha in der Tradition der Zapoteken gelebt werden darf. Manuel, ein stiller und feminin wirkender Bub, wird wegen der schweren Krankheit seiner Mutter zur Oma verschickt und freundet sich dort mit dem Draufgänger Erik an. Das im Titel angesprochene Geheimnis teilen die Freunde, seitdem ein Bräutigam in seiner Hochzeitsnacht vor ihren Augen ums Leben kommt. Frida Sofía Cruz und Mauro Guzmán sind die beiden hinreißenden Kinderdarsteller:innen in diesen bittersüßen Szenen, in denen sich ihre Freundschaft gegenüber Herabwürdigung und Gewalt zu behaupten versucht. In eher ausgetretenen Pfaden verläuft die Handlung ab der Folge fünf, wenn Manuel unter dem Namen Sicarú (Trinidad Gonzáles) als Muxe zurück in das Dorf seiner Kindheit kommt - und Erik (Diego Calva) ganz anderes als erhofft reagiert. Ein zuweilen soapiges, zuweilen berührendes Drama um die Selbstbehauptung von an den Rand der konservativen Gesellschaft gedrängten Menschen, das uns einen Einblick in ihre recht unbekannte Welt gibt.
Der japanische Eiskunstläufer Yuzuru Hanyu, Olympiasieger 2014 und 2018 sowie Weltmeister 2014 und 2017, ist seit dem Jahr 2022 als Produzent und Hauptdarsteller von spektakulären Eiskunstlaufshows tätig und auf Disney+ in einer solchen zu erleben. Der Titel Gift bezieht sich auf Hanyus immenses Talent, das dazu verleiten mag, ihn als besten Eiskunstläufer aller Zeiten zu bezeichnen. In Hanyus Show aus dem gigantischen Tokyo-Dome (Februar 2023) treten ein Symphonie-Orchester und eine Rockband auf, Tänzer:innen sind rundum gruppiert, auf dem Eis steht aber Hanyu ganz allein und ist eine Klasse für sich. Zwischen den Sololäufen gibt er auf einer riesigen Leinwand und im Anschluss an die Show auch in einem Interview eher banale Einsichten über das Leben und seine Karriere von sich, bei den Acts aber verblüfft und verzaubert er wie kein anderer es vermag. Es gibt ganz neu einstudierte und auch einige seiner legendären Auftritte, auch mit den Kostümen von damals, zu sehen. Die Eleganz von Hanyus Eislaufkunst ist unnachahmlich, dazu ein mitreißendes Licht- und Farbspiel: ein wahrer Augenschmaus.
Den Blätter- und Herzchenwirbel aus den ersten beiden Staffeln der britischen Netflix-Serie Heartstopper nach den Bestseller-Comics von Alice Oseman gibt es auch in der dritten immer noch, doch es mischen sich auch immer öfter bedrohliche schwarze Wolken als Spiegel des inneren Befundens der Charaktere dazu. Ein Teil der wunderbaren Leichtigkeit um die schwule Liebesgeschichte der beiden Teenager Nick und Charlie und ihrer bewusst diversen Freundesgruppe ist verloren gegangen, schließlich bohren sich die neuen acht Folgen mit Problemen wie mentaler Gesundheit, Zwangs- und Essstörungen sowie großer Unsicherheit vor dem ersten Sex tief unter oft gesehenes oberflächlich-prüderes Coming-of-Age. Der authentisch agierende Cast rund um Kit Connor und Joe Locke ist einnehmend sympathisch und die Produktion merklich darauf bedacht, die schwierigen Themen auf jugendgerechte, einfühlsame und ernsthafte Weise zu behandeln. Und in der romantischen Schlussszene verdrängen die pinken Herzen wieder alle dunklen Wolken.
Die zweite Staffel der Netflix-Serie Gyeongseong Creature schildert in sieben Folgen aufs Neue die Geschichte einer Liebe, die die Zeiten überdauert, und den Kampf des von Park Seo-Jun und Han So-Hee verkörperten dazugehörigen Paares gegen frankensteinartige Versuche der Züchtung eines hybriden Mensch-Monster-Wesens. Das Spezielle an dieser Staffel: Sie spielt im heutigen Südkorea, also rund achtzig Jahre nach der ersten; dennoch sind die Figuren von damals - der Held, die Heldin sowie die Bösewichtin, die im Hintergrund die Fäden zieht - in junger Frische involviert. Dies hat mit einem im Wasser lebenden Miniwurm auf der Suche nach menschlichen Wirten zu tun. Sehr schön fotografiert, schnell in den Kampfszenen und bedächtig in den emotionalen Momenten geschnitten und einfühlsam gespielt, bringt die Serie ihre Geschichte treffend auf den Punkt.
Da wurde ich mal von einem Film wirklich überrascht. Das Prequel zu dem erfolgreichen Horrorfilm A Quiet Place (2018) und seiner Fortsetzung (2020) trägt den Titel A Quiet Place: Tag eins und spult die Geschichte zurück zum Beginn der Invasion der Aliens mit dem besonders ausgeprägten Gehörsinn und den seltsamen Klicklauten. Anders als erwartet, erfahren wir nichts Neues über die Außerirdischen und ihrer Herkunft, und wer auf reinen Grusel aus ist, wird wohl bitter enttäuscht werden. Hingegen befasst sich der Streifen mit dem Schicksal einer krebskranken jungen Frau (mit intensiver Präsenz verkörpert von Lupita Nyong'o), die von ihrem Hospiz aus einen Ausflug nach Manhattan unternimmt und dabei vom Angriff der Aliens überrascht wird. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit, der Kampf mit den krankheitsbedingten Schmerzen, das Aufbegehren gegen ihre schier aussichtslose Lage wird auf nicht gerade logische, doch spannende Weise erzählt und nimmt auf unsere Erwartungen kaum Rücksicht - was ich absolut positiv meine.
Nein, um einen Horrorfilm - obwohl als solcher beworben - handelt es sich bei dem spanischen Drama Das Geheimnis von Marrowbone aus dem Jahr 2017 ganz und gar nicht. Regisseur Sergio G. Sánchez geht es vielmehr um eine Familiengeschichte angesichts widrigster Umstände. Oft wird dabei von Geistern hinter Spiegeln gesprochen, was für eine nicht unbeträchtliche gruselige Spannung sorgt, im finalen Plottwist, der tatsächlich überraschend kommt, wird ein ganz anderer Ton angeschlagen. Vier Geschwister suchen nach dem Tod ihrer Mutter Schutz auf einem großen Anwesen - in erster Linie vor dem überaus gewalttätigen, eben aus einem Gefängnis ausgebrochenen Vater. Sie haben einander geschworen, immer zusammenzuhalten - dass Vieles nicht so ist, wie wir es vor unseren Augen zu sehen glauben, werden wir erst in der Auflösung des Stücks erfahren. George MacKay gibt hier zwei Jahre vor seiner furiosen Leistung in Sam Mendes' Kriegsdrama 1917 die psychologisch ausgefeilte Darstellung eines verwirrten und verzweifelten jungen Mannes, des "großen Bruders", der bereit ist, alles für seine Geschwister zu tun; auch Anya Taylor-Joy war damals noch vor ihrem Damengambit-Erfolg.
Der spanische Reisseur J. A. Bayona ist für meinen absoluten Horrorfilm-Favoriten Das Waisenhaus (2007) verantwortlich, mein Interesse für seine jüngste Arbeit Die Schneegesellschaft war dementsprechend groß. Darin zeichnet er eine wahre Geschichte aus dem Jahr 1972 mit großer Ernsthaftigkeit und ebensolchem Respekt für die Beteiligten nach. Ein Flugzeugabsturz über den tief verschneiten chilenischen Anden, die Mitglieder einer Rugbymannschaft aus Uruguay, die Angst, die Verzweiflung, die grauenhafte Kälte, immer wieder auch Momente der Hoffnung, doch noch von einem der Suchflugzeuge entdeckt zu werden, die Gemeinschaft, das Zusammenhalten und die Freundschaften, die Verwundungen, der Überlebenswille, der Tod - der Film spiegelt alle Arten von Emotionen der Verunglückten bis zur Rettung Weniger von ihnen nach 72 Tagen wider. Bayona konzentriert sich nicht auf eine der Figuren, sondern auf ihre Gemeinschaft, weshalb er keine richtige Identifikationsfigur herausstreicht, die uns das Verfolgen der Handlung ein wenig erleichtert hätte. Er vermeidet dadurch aber auch - selbst als sie beginnen, die toten Kameraden zu essen - jede Form von billiger Effekthascherei. Dadurch gelingt es ihm, die Würde der Opfer ebenso wie jene der Überlebenden zu bewahren.
Es ist die wohl eindringlichste Szene des heurigen Serienjahres. In Folge fünf (von insgesamt neun) von Ryan Murohys Anthologieserie Monster: Die Geschichte von Lyle und Erik Menendez nähert sich sechsunddreißig Minuten lang und ohne einen einzigen Schnitt die Kamera in unmerklicher Langsamkeit während eines Gesprächs mit seiner Anwältin, deren Rücken vorerst noch im Bild ist, dem Gesicht des amerikanischen Darstellers Cooper Koch. In geradezu atemberaubender Intensität, zu Beginn gehemmt, dann immer offener, erzählt der junge Mann von der Gewalt, die ihm als Kind und noch als Jugendlicher angetan wurde, und liefert dabei eine Performance zum Niederknien. Koch verkörpert den jüngeren und stilleren Teil des Brüderpaares, das in den späten Achtzigern wegen des Mordes an seinen Eltern (Javier Badem und Chloe Sevigny) vor Gericht steht. Die beiden erschießen sie aus nächster Nähe, was folgt, ist ein Leben in Saus und Braus und dann der tiefe Fall in einen mehrjährigen Prozess. Aussagen, Behauptungen, Tränen, Hoffnung, Euphorie, Niedergeschlagenheit - Nicholas Alexander Chavez steht in seiner Rolle als extrovertierter Lyle Cooper Koch nicht nach. Murphys auf den Punkt geschriebene und wie immer perfekt inszenierte Arbeit agiert mit dem Konzept der Verunsicherung; fand der Missbrauch an den Söhnen durch die Eltern tatsächlich statt, waren die behauptete Brutalität des Vaters und die bewusste Ignoranz der Mutter reine Verteidigungsstrategie oder Realität? Murphy verdichtet die Ereignisse einerseits zur schlüssigen filmischen Erzählung, nimmt sich andererseits aber auch genügend Zeit, hinter die Fassade der tragenden Figuren zu blicken und stößt so nicht auf die eine bewiesene Wahrheit, sondern auf eine ganze Bandbreite an individuell gefühlten Wahrheiten. Was seine Serie, wie schon den ersten Anthologieeintrag Dahmer (2022), zu einem faszinierenden psychologischen Drama über Schuld und Sühne, menschliche Sehnsüchte und Abgründe und das Scheitern am eigenen Selbst macht.
The Greatest Night in Pop ist eine gelungene Dokumentation betitelt, die sich einer Nacht im Jänner 1985 widmet, in der sich die Crème de la crème der US-amerikanischen Popmusik in einem Studio in Los Angeles traf, um ihren Teil im Kampf gegen den Hunger in Äthiopien zu leisten. Der Song "We are the World", verfasst von Michael Jackson und Lionel Richie und produziert von Quincy Jones, wurde denn auch tatsächlich zum Welthit und zur Hymne der Solidarität. All die Stars von Bruce Springsteen und Bob Dylan über Diana Ross und Cindy Lauper bis zu Tina Turner und Stevie Wonder in dieser Nacht in diesem Studio zusammenzubringen und auch noch zu schaffen, dass sie "ihr Ego" vor der Tür ließen, war indes eine Mammutaufgabe, die die Doku auf anschauliche Weise vorführt.
Der Horrorstreifen The Deliverancy des US-amerikanischen Regisseurs Lee Daniels (Precious) bettet seine Figuren in ein für Exorzismusfilme ungewohntes soziales Setting. Eine alleinerziehende Mutter (Andra Day zwischen liebevoller Mama und alkoholtorkelnder Furie) dreier Kinder gibt sich große Mühe, ihre Familie samt krebskranker Großmutter (Glen Close beweist in ihrer Rolle bewundernswerten Mut zur Gewöhnlichkeit) irgendwie über die Runden zu bringen. Der Film kümmert sich mehr um die Frage, wie diese Charaktere angesichts immer häufigerer unerklärlicher Vorkommnisse in ihrem Haus miteinander umgehen, was verbale und körperliche Gewalt betrifft, als um die üblichen teuflischen Schockmomente. Dieser anfängliche Teil ist auch der weitaus spannendere, gegen Ende verläuft die Handlung dann mehr und mehr in den genretypischen Bahnen. Wirklich gruselig fand ich so manche Fratze, zu der sich die Gesichter der Kinder verzerren, wenn der Dämon in ihnen wütet.
Insel der Milliardäre ist der eher maue und in Richtung einer Reality-Show irreführende Titel einer sechsteiligen norwegischen Netflix-Serie. Schön sind sie nicht alle, doch reich allemal, die Mitglieder zweier Familien von Fischfarmbesitzern in der beinharten Konkurrenz, die weltgrößte Lachsproduzenten zu werden. Das Drumherum ist lakonisch und doch kurzweilig erzählt, die gesponnenen Intrigen sind voller Finten und treffend-sarkastischer Pointen, treiben Geldgier und verletzte Eitelkeiten so manche Figuren doch zu extremen Handlungen. Das Ende bleibt offen und weist wohl auf eine zweite Staffel.
Der britische Comedian Jack Whitehall ist mit uns und seinem kautzigen und ständig nörgelnden Vater Michael bereits in mehreren Serien rund um den Globus gereist. In der vierteiligen Reihe Vaterschaft mit meinem Vater erkunden die beiden vor und dann auch nach der Geburt von Jacks Tochter die Frage, was es denn wirklich ausmacht, ein Vater zu sein. Die Themen von Geburtsvorbereitung und Geburt, Sicherheit und Langlebigkeit werden dabei auf meist amüsante Weise ausgelotet. Das ist zuweilen arg an den Haaren herbeigeholt und nicht das Beste, das wir von Whitehall Junior und Senior bislang gesehen haben, die sympathische Familie hat unsere Herzen aber schon lang erobert, deshalb bleiben wir auch diesmal dran.
Der südkoreanische Schauspieler Kim Woo-bin trug schon die Zukunftsserie Black Knight (2023) mit seinem stechenden Blick und großen Charisma. In dem Actionkrimi Officer Black Belt von Regisseur Kim Joo-hwan agiert er anfangs als naiv-gutherziger Kindskopf, der durch die Konfrontation mit den Untaten von Sexualstraftätern zum verantwortungsvollen Erwachsenen reift. Auch in den ausführlichen Kampfszenen gibt er als Martial Arts-Bewährungshelfer eine gute Figur - für Freunde des Genres ist das recht kurzweilige Unterhaltung.
Jeder neue Film des Oscarpreisträgers Ang Lee (Brokeback Mountain) ist natürlich einen genauen Blick wert, so verhält es sich auch bei dem Thriller Gemini Man aus dem Jahr 2019. Will Smith spielt darin einen Auftragskiller, der im guten Glauben agiert, nur veritable Bösewichter auszuschalten. Dass er selbst in dem Moment, als er sich zur Ruhe setzen will, zum Sicherheitsrisiko wird und eliminiert werden soll, ist als Plot wahrlich nichts Neues; dass es sich bei dem Killer, der auf ihn angesetzt wird, um eine geklonte Version seines achtundzwanzig Jahre jüngeren Selbst handelt, nun aber doch. Anfangs ist dies ziemlich spannende Hochglanzaction, mit der Zeit beginnt sich die Handlung eher zu ziehen, und was in manchen Szenen aufs Trefflichste funktioniert, nämlich die Auseinandersetzung mit Smiths im Motion-Capturing-Verfahren erstelltem jüngeren Ich, misslingt in anderen ganz gehörig. Erst gegen Ende der Sichtung wurde mit bewusst, dass ich den Film früher schon einmal gesehen hatte - kein gutes Zeugnis.
Seit kurzem finden wir auf Netflix den Actionkrimi Rebel Ridge. Der britische Schauspieler Aaron Pierre verkörpert mit großer physischer und auch psychischer Präsenz einen ehemaligen Marine, der in Konflikt mit einem korrupten Kleinstadtsherrif (Don Johnson) gerät: ein Mann, der durch ungünstige Umstände in einen Strudel aus Erniedrigung und Gewalt gerissen wird. Zu Beginn weiß der Streifen durch seine ruhig-beherrschte Machart zu begeistern, da wird beträchtliche Spannung aufgebaut, ohne dass gleich losgeballert werden muss; freilich vermag die Inszenierung diesen Thrill über die Laufzeit von 130 Minuten nicht durchzuhalten. Wer während des durchhängenden Mittteils dennoch am Ball bleibt, wird von einer extrem gelungenen Klimax belohnt.
Als endlich wieder einmal einen Film aus der Sicht von und für Burschen wurde die Teeniekomödie Incoming beworben und auch allenthalben rezensiert. Vier Freunde, alle sympathische Typen, laut Filmscript aber "Loser", die wesentliche mehr Interesse für die sie umgebende Mädchenwelt hegen, als diese für sie aufzubringen vermag, geraten in eine Oberstufenparty mit den üblichen Zutaten wie zuviel Alkohol, Hasch, knappen Bikinis und einem ziemlich peinlichen Chemielehrer. Recht einfallsloses Coming-of-Age.
Im Wettbewerb um den dämlichsten deutschen Serientitel des Jahres befindet sich die Netflix-Produktion Ein neuer Sommer unanfechtbar auf dem ersten Platz. Der Originaltitel A Perfect Couple ist viel aussagekräftiger, denn um ein angeblich solches ideales Paar dreht sich die Geschichte. Eine der superreichen Familien auf der Ostküsten-Ferieninsel Nantucket, der neue Bestseller der Mutter Nicole Kidman (steif wie meist) in den Starlöchern, die Großfamilie (Liv Tyler, Dakota Fanning) samt Geliebter (Isabelle Adjani) zum Probedinner der Hochzeit des mittleren von drei Söhnen versammelt - da treibt plötzlich eine schöne Leiche im Wasser. Für ihre tief berührende Familiengeschichte In einer besseren Welt erhielt die dänische Regisseurin Susanne Bier 2011 den Oscar, ihre Miniserie lässt die Qualitäten dieses Meisterwerks aber schmerzlich vermissen. Zwar wartet der Krimi mit einem ansprechend leicht skurrilen Coppaar auf, doch alles bleibt allzu brav und bieder, wo doch ständig Skandalöses behauptet wird. Das größte Manko ist aber, dass für uns zusehende Hobbydetektiv:innen viel zu wenige (richtige oder falsche) Fährten gelegt werden, um wirklich mitraten zu können; darunter leidet die Spannung und erblüht die Banalität.
Ich habe schon lang keine so künstlich wirkenden Kulissen gesehen wie die klinisch sauberen Straßen und die plastikhaften Gebäude einer Kleinstadt in der koreanischen Netflix-Serie Gyeongseong Creature. Dies ist umso erstaunlicher, als die Geschichte um eine kleine Rebellengruppe, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs der faschistischen japanischen Besatzungsmacht entgegenstellt, an ihrem zweiten Hauptschauplatz, einem zum Labor für grausame Versuche an Gefangenen zum Zweck der Entwicklung eines monsterartigen Wunderwaffe umgebauten Krankenhaus doch recht realistisch verankert ist. Der fesche Besitzer eines Pfandhauses, eine schöne junge Detektivin, ihr trauriger Vater, ein geheimnisvoller Maler und ein "mad scientist", wie er im Filmlehrbuch steht, grausame Experimente, eine sich sehr langsam entwickelnde Liebesbeziehung und eine recht ordentlich animierte Kreatur wissen die meiste Zeit der zehn Folgen à rund siebzig Minuten zu unterhalten - so manche Kürzung hätte die Serie trotzdem vertragen.
Es dauerte tatsächlich bis zum Ende der zweiten Folge (von insgesamt acht) der südkoreanischen Krimi-Miniserie The Frog, bis mir ein Hinweis auffiel: dass nämlich die Geschichte mit all ihren Wendungen und skurrilen Charakteren nicht nur auf zwei parallelen Handlungs-, sondern zudem auch auf zwei Zeitebenen abläuft. Ein Witwer und Vermieter eines Ferienhauses an einem idyllischen See, die schockierende Vermutung, dass eine geheimnisvolle Mieterin genau dort ihren kleinen Sohn umgebracht haben könnte, die Frage nach Eingreifen oder Wegschauen, die Untaten eines Serienkillers in einem Motel unweit davon, der erste Fall einer Polizistin, der auf einmal in Richtung eines vielleicht letzten weist, dazu ein Bursch, dessen Leben von einem Moment auf den anderen durch eine nächtliche Begegnung aus der Bahn geworfen wird. Klingt verzwickt, ist es auch - doch so elegant die Fäden der Story bündelnd strukturiert, auf den Spannungspunkt gebracht und blendend gespielt, dass das Mitfiebern bis zum rührenden Schluss garantiert ist.
Der deutsche Regisseur und Produzent Til Schweiger schafft es einfach nicht, einen auch nur annehmbaren Film zu machen. Die Rettung der uns bekannten Welt aus dem Jahr 2022 ist ein im wahrsten Sinn des Wortes ungutes Beispiel für sein völliges Unverständnis, was die sinnvolle und ehrliche Erarbeitung eines filmischen Stoffes und der darin beteiligten Charaktere beträgt. Schweiger gibt den alleinerziehenden Vater von drei Kindern, wobei der älteste Sohn (Emilio Sakraya ist talentiert, aber zu alt für die Rolle des Teenagers) an einer bipolaren Störung leidet. Die verstorbene Ehefrau gibt dem Papa in dessen Vorstellung Tipps fürs Daten, dieser merkt nicht, dass sich die perfekte Nachfolgerin ohnehin bereits vor seiner Nase herumdrückt, und eine Szene, in der es ums "Kacken" vor anderen geht, soll wohl gewagt sein. Wirklich schlimm ist, wie Schweiger die Problematik der psychischen Krankheit einfach als plakativen Aufhänger benutzt, ohne damit auch nur das Geringste anzufangen. Die Störungen der anderen Patient:innen im luxuriösen Therapiezentrum werden als pseudowitziger Hintergrund für eine kleine Liebesgeschichte missbraucht, ein paar kluge und viele gar nicht lustige Sprüche später verläuft die Handlung in den für Schweigers Filme so typisch ausgebleichten Farben zu einem Happy family-Event am See.
Die Ankündigung, bei Bros (2022) würde es sich um die erste von einem Hollywoodstudio produzierte romantische Komödie mit einem schwulen Liebespaar im Zentrum des Geschehens und einem weitgehend queeren Cast in deren Umkreis handeln, empfand ich eher als Drohung denn als Empfehlung, deshalb habe ich die Sichtung auch so lange Zeit hinausgeschoben. Queere Menschen im filmischen Mainstream, das ging schon oft schief, meist wurde und wird nicht mit ihnen, sondern über sie gelacht; als grausigste Beispiele kommen mir etwa Bully Herbigs Der Schuh des Manitu (2001) oder (T)Raumschiff Surprise (2004) in den Sinn. Doch Überraschung - die altbekannte Geschichte von Boy meets Boy über Boy looses Boy und dem schlussendlichen obligatorischen Happy end, hier im Milieu eines New Yorker Museums für queere Geschichte angesiedelt, wird auf so charmante und selbstironische Weise aufbereitet, dass es am Unterhaltungsfaktor nicht viel zu meckern gibt.
Hostel-Regisseur Eli Roth richtet mit dem Horrofilm Thanksgiving eine seiner im Nischenpublikum beliebten Schlachtplatten an, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Körper werden zersägt, Blut spritzt in Fontänen und Menschen werden gegrillt, wenn ein Jahr nach der gewalttätigen Black Friday-Plünderung eines Warenhauses ein Killer mit der Maske der Pilgerväter blutrünstige Rache nimmt - das übliche Gekreische, die üblichen uninteressanten Figuren samt deren Darsteller:innen, die üblichen Dezimierungsspielchen. Selbst im Splatter-Genre nur zweitklassig, weil schlicht und einfach nicht spannend.
Als ich mir im vergangenen Frühjahr in unserem Programmkino immer wieder tolle österreichische Filme wir Rickerl, Andrea lässt sich scheiden und Des Teufels Bad ansah, lief gefühlt die ganze Zeit im zweiten Saal die Komödie Oh la la - Wer ahnt denn sowas? und fand über Wochen hindurch ein treues Publikum. Bald konnte ich den Trailer fast auswendig. Nun, nach Ansicht des dazugehörigen Films, kann ich mit Fug und Recht behaupten: Beides gesehen, kein Vergleich. Wobei in diesem Fall der Trailer eindeutig der bessere Output ist. Er präsentiert die Höhepunkte dieser Geschichte um die Familien eines Brautpaares, die durch DNA-Tests ihre Herkunft offenbart bekommen, der Rest dazwischen ist zerredete Fadesse in der Biederkeit einer Provinztheaterinszenierung. Mit französischem Esprit hat das nichts zu tun: Die Figuren sind allesamt so überzeichnet, dass ihnen jene Erdung fehlt, die im Vergleich zu ihrem überspitzten Gehabe dann so etwas wie echten Witz und Komik aufkommen ließe. So aber sind sie bloß peinlich, genauso wie der Rest des Films.
Keinem Film habe ich heuer so entgegengefiebert wie Alien Romulus - und zumindest kann man sagen, dass das Ergebnis beim Ansehen wirklich Spaß macht. Das wunderbare Worldbuilding um eine Minenkolonie ohne Sonnenlicht und eine Gruppe Jugendlicher, deren größte Sehnsucht es ist, aus diesem Gefängnis zu entkommen, die innovative Kameraarbeit, der tolle Sound, der realistische Look und das Setdesign, die genau auf Ridley Scotts bahnbrechendem Meisterwerk aus 1979 aufbauen (Romulus ist zeitlich zwischen Alien und der Fortsetzung Aliens angesetzt), der ruhige Einstieg und die bis zu einem einzigen Crescendo gesteigerte Action der zweiten Filmhälfte - viel spannender geht nicht. Zumindest zwei der Charaktere sind mehr als reines Alienfutter: Cailee Spaeny füllt ihr modernes Equivalent zu Ripleyfigur recht passabel aus, die rundeste Figur ist der Android Andy, den David Johnson in der "Gefühls"lage der jeweiligen Programmierung zwischen logischer Kälte und fast menschlichen Emotionen verkörpert. Wirklich inhaltliche Innovation hat Regisseur Fede Alvarez (Don't Breathe) aber nicht im Sinn, er bietet in erster Linie Fanservice pur. Da werden einzelne Einstellungen bis ganze Szenen aus den Vorgängern des Franchise nachgestellt und auf die Actionklimax gepusht - ob wir in dieser Hinsicht von Hommage oder Raubkopie sprechen wollen, sei dahingestellt. In diesem Sinne ist eine überwältigende Geisterbahnfahrt der Best-of-Moments der Reihe entstanden, die gegen Schluss durchaus auch mal ein wenig innehalten und Atem schöpfen dürfte, alles in allem aber an den Kinostuhl fesselt wie schon lange kein Film mehr.
Wieder ein Film, der hundert Millionen Dollar für nichts und wieder nichts verpulvert! Nach dem durchaus gelungenen, weil charmanten und zuweilen sogar berührenden Reboot des Ghostbusters-Franchise mit dem Streifen Ghostbusters Legacy (2021) durch den Erfinder des Originals, Jason Reitman, vermurkste sein Sohn Ivan nun bei Ghostbusters: Frozen Empire, was es nur zu vermurksen gab. Der Film verliert seine Story um - der Titel sagt es - einen überragend mächtigen Kältegeist selbst zuweilen aus den Augen und weiß mit seinem Figurenpersonal aus den "alten" Geisterjägern (Dan Aykroyd, Bill Murray) und dem jugendlichen Neuzugang (Mckenna Grace, Finn Wolfhard) nicht das Geringste anzufangen. Stattdessen werden laufend neue uninteressante Charaktere eingeführt, ohne dass sie beim Fortlauf der Geschichte auch nur ansatzweise mitwirken. Ein Sammelsurium an verschenkten Gelegenheiten.
In seiner neuesten Filmarbeit Civil War entwirft der britische Filmemacher Alex Garland ein erschreckendes Szenario. In den USA herrscht Bürgerkrieg, ein Präsident mit dem Demokratieverständnis eines Donald Trump hält sich mit Unterstützung der Armee an der Macht, sieht sich aber mehr und mehr von militärisch ebenfalls nicht zimperlichen Allianzen bedrängt. Im Zentrum der Geschichte stehen Kirsten Dunst als beinahe gebrochene, am Leben und der Realität ihres Berufes zweifelnde und verzweifelnde Fotoreporterin alter Schule und an ihrer Seite Cailee Spaeny als junge aufstrebende Konkurrenz. Sie versuchen sich in die Hauptstadt durchzuschlagen und treffen auf wahre Horrorszenen des Kippens einer Gesellschaft in die Anarchie, in der Moral und Menschlichkeit abhanden gekommen sind. Robert Redford und Dustin Hoffman in Alan J. Pakulas Watergate-Krimi Die Unbestechlichen (1976), Mel Gibson in Peter Weirs wunderschönem Politdrama Ein Jahr in der Hölle (1982) oder Nick Nolte in Roger Spottiswoodes Nicaragua-Thriller Under Fire (1983) - die Vorbilder an Klassikern zur Rolle des Journalismus als vierte Gewalt im Staat sind groß. Garlands Arbeit kommt da ein beachtlichdes Stück mit - besonders die finalen Szenen der Erstürmung des Weißen Hauses sind mitreißend inszeniert. Die Fotos, die die beiden Hauptfiguren oft unter Einsatz ihres Lebens schießen, werden oftmals auch tatsächlich eingeblendet; sie sind so exzellent gelungen wie der Film zumindest am Ende.
Leichte Filmkost für einen heißen Sommerabend: In dem Sciencefiction-Streifen The Moon schickt Südkorea Astronauten auf den Mond, wobei so ziemlich alles, was nur schiefgehen kann, auch schiefgeht. Ein Sonnesturm, heftige Meteoritenhagel, bornierte Raumfahrbehörden, vertuschte Probleme im Vorfeld der Aktion, dazu nach dem Stranden auf dem Mond knapper Sauerstoff und eisige Kälte - was der junge Astronaut (K-Pop-Star Do Kyung-Soo) bis zu seiner finalen Rettung durch das Team einer internationalen Raumstation alles durchmachen muss, kann sich sehen lassen; und zwar durchaus auch optisch, denn visuell spielt der Streifen in gehobener Liga mit. Was nervt, sind die debilen Verhaltensweisen so mancher Verantwortlicher im Kontrollraum.
Der britische Roman- und Drehbuchautor (The Beach) sowie Regisseur (28 Days Later, Ex Machina) Alex Garland legt mit dem psychologischen Thriller Men aus dem Jahr 2022 - den unnötigen und dummen deutschen Zusatztitel Was dich sucht, wird dich finden wollen wir gleich wieder vergessen - einen Film vor, der beim Sichten und danach geradezu in Denkarbeit mündet. Nach dem Suizid ihres Ehemannes nach einem heftigen Streit flüchtet eine junge Frau namens Melanie (eine Tour de force für die großartige Jessie Buckley) aufs Land, wo sie in einem kleinen Ort auf eine Reihe von Männern, vom Vermieter über den Pfarrer bis zum Polizisten, trifft, die einander allesamt täuschend ähnlich sehen (auch Rorey Kinnear bietet eine schauspielerische Glanzleistung); und die ihr allmählich, aber unweigerlich, mehr und mehr zu Leibe zu rücken beginnen. Aufgeladen mit zum Teil religiöser Symbolik, entwickelt der Film die Versuchsanordnung einer Psychoanalyse durch gewalttätige Umstände, bei der wir nie genau wissen, was sich real und was nur in Melanies Gefühlsleben abspielt. In der finalen Abfolge mehrerer blutig inszenierter Männergeburten stoßen wir schließlich auf einen Erklärungsversuch, der die Sache tatsächlich zu einer runden macht.
Angeregt durch eine Lesung von Klaus Maria Brandauer, holte ich nach langer Zeit wieder einmal Istvan Szabos mit dem Auslandsoscar gekrönten Film Mephisto hervor. Nicht weniger als 43 Jahre ist der Start des Streifens her und leider ist er nicht gut gealtert. Was damals allerortens hochgelobt wurde, nämlich Brandauers intensive Darstellung des Schauspielers und Intendanten Gustav Gründgens und seines Aufstiegs und Falls in Zeiten des Nationalsozialismus, ist heute abgesehen von der biederen Inszenierung der größte Schwachpunkt des Films: Diese überbordende Maniriertheit in Spiel und Ausdruck des korrumpierbaren Künstlers, die nichts Stilles und keine Zwischentöne zulässt, erscheint heute outrierend bis zum Gehtnichtmehr.
Die Netflix-Dokumentation Schmutziges Pop-Business: Der Boyband-Betrug zeigt die verbrecherischen Machenschaften von Lou Pearlman, dem Erfinder von Boybands wie Backstreet Boys und *NSYNC. Durch die Förderung der jungen Künstler in den Neunzigern war er imstande, Investoren für seine Scheinfirmen zu ködern - insgesamt 500 Millionen Dollar machten die Außenstände schließlich aus. Das unangenehme Konzept der Doku, durch den Einsatz von KI Pearlman selbst mit Aussagen, die er nie getätigt hatte, zu Wort kommen zu lassen, passt irgendwie in dieses ganze Wirrwarr an Lug und Trug.
Wem die Namen Jimin und Jung Kook nichts sagen, braucht jetzt gar nicht weiterzulesen, denn dann wird man auch mit der zweiteiligen Miniserie Are You Sure? auf Disney+ nichts anfangen können. Während die übrigen Bandmitglieder ihren Militärdienst in Südkorea ablegen, begeben sich die beiden BTS-Stars auf einen Kurztrip im Umkreis von New York. Dabei können wir ihnen beim Kajak- und Motorradfahren, bei einem Waldspaziergang samt Moskitoattacke und einem Ausflug auf einer Yacht, Blödeln, Einkaufen, Kochen und - ja, auch das! - Schlafen. Welche Massen an Junk Food die beiden in sich hineinzustopfen vermögen, ist wirklich beachtlich. Insgesamt unspektakulär und auf nette Weise selbstironisch, wen es eben interessiert. Nachtrag zur Staffel zwei: Nun treffen sich Jimin und Jung Kook mit ihrem Kollegen V auf der Ferieninsel Jeju. Außer Essen fällt ihnen hier kaum mehr etwas ein, das wird auf die Dauer ziemlich langweilig.
Lange habe ich die Sichtung der groß angekündigten und beworbenen Actionkomödie The Fall Guy des amerikanischen Bullet Train-Regisseurs David Leitch hinausgezögert; allzu abgetörnt hat mich der Trailer mit seinen Deadpool-doofen Witzchen. Der Film selbst hat mich jetzt sehr positiv überrascht. Angelehnt an die Achtziger-Serie Ein Colt für alle Fälle geben sich Ryan Gosling als Stuntman mit harter Schale und weichem Herzen und Emily Blunt als ihm in dieser Konstituation in nichts nachstehende Regisseurin eines Science-fiction-Blockbusters ein launiges Stelldichein. Dass sie am Schluss zusammenkommen werden, ist von Anfang an klar, die zahlreichen Actionszenen rund um das Verschwinden des Stars der Produktion (Aaron Taylor-Johnson) dazwischen sind wunderbar handgemacht und erzeugen ganz viel Spaß. Und Ryan Gosling ist wohl am Höhepunkt seiner Coolness.
Ich mag Monsterfilme, bin mit den japanischen Godzilla-Streifen aufgewachsen, liebe Jurassic Park - The Lake hingegen, eine neue thailändische Mischung aus diversen Zutaten aus solchen Filmen, weiß keinen Moment zu fesseln. Die Kreatur, die aus dem titelgebenden Gewässer steigt und sich menschenfressenderweise von ländlichen Reisfeldern bis in immer besiedeltere Gebiete vorarbeitet, tritt praktisch nur im regendurchpeitschten Dunkeln auf, das vergleichsweise geringe Budget fällt so nicht weiter auf und ins Gewicht; das Fehlen von auch nur ansatzweise innovativen und reizvollen Ideen hingegen schon.
Um ein wirkliches Musical handelt es sich bei der queeren Liebesgeschichte Something Like Summer nicht; es ist nur eine Handvoll (banaler) Lieder, die in die Handlung eingeschoben sind, auf einer fast leeren Bühne dargeboten werden und den Fortlauf der Erzählung deshalb eher blockieren als weiterentwickeln. Ben und Tim, ersterer geoutet, zweiterer ob seiner Homosexualität verzagt - ihr Liebe beginnt in der High School und zieht sich mit Höhen und Tiefen, Innigkeit und Trennung bis ins junge Erwachsenenalter. Grant Davis und Davi Santos wirken in den Teenieszenen viel zu alt, gestalten ihre Rollen in den späteren Szenen aber mit Liebeswürdigkeit und Verve. Das Ganze ist zu lang und gleichzeitig zu kurz; manche Szenen und Nebenfiguren scheint es nur zu geben, wiel sie im Script stehen, andere, die emotionale Tiefe vermitteln könnten, werden allzu rasch abgehandelt. Das alles hätte was werden können.
Zeiten des Umbruchs ist eine Familiengeschichte aus dem jüdischen Queens der Achtziger und gleichzeitig eine Art Aufarbeitung der persönlichen Jugend des amerikanischen Regisseurs James Gray, das weitverbreitete Szenenfoto mit Opa Anthony Hopkins und seinem von Pubertätshormonen verwirrten Enkel Paul (sehr talentiert: Michael Repeta) lässt auf großes Gefühlskino hoffen. Doch Drehbuch und Regie verzetteln sich in Nebensächlichkeiten, anstatt die Beziehungen wirklich auszuloten. Die Freundschaft zwischen Paul und dem schwarzen Burschen Johnny (Jaylin Webbs Präsenz wird großteils vergeudet) empfand ich mehr behauptet, als dass ich sie tatsächlich miterleben durfte, auch jene zum Großvater ist mehr angedeutet als auserzählt und dessen Tod wird dann auch husch-pfusch abgehandelt. Eine Geschichte mit viel Potential, das ich aber nicht als wirklich genutzt empfunden habe.
Broadway Therapy, der letzte Film des New Hollywood-Meisters Peter Bogdanovich (Die letzte Vorstellung, Paper Moon, Bewegliche Ziele) aus dem Jahr 2015, mutet wie der verzweifelte Versuch an, seinen überragenden Komödienerfolg Is was, Doc? (1972) zu wiederholen; was ihm nicht gelingt. Tatsächlich gibt es in der Geschichte um ein Escortgirl mit Herz und Seele, das im Stück eines ehemaligen Freiers auftritt und es mit der Eifersucht seiner Ehefrau zu tun bekommt, die eine oder andere gelungene, weil wirklich witzige Szene. Der Rest ist nur deshalb nicht Schweigen, weil er so geschwätzig ist. Woody Allen, an dessen Inszenierungsstil der Film zuweilen erinnert, hätte das wohl besser hingekriegt.
Wie schlecht kann ein Superheldenfilm eigentlich sein? Der Streifen Aquaman: Lost Kingdom hat einen neuen Level nach unten definiert. Worum es eigentlich geht, nämlich einen Bruderzwist im Hause des Königs von Atlantis, ist unwichtig, denn die CGI (was bedeutet: fast der gesamte Film) ist so unwirklich und hässlich, die Figurenzeichnung so kindisch, die Dialoge so doof, dass man ohnehin bloß die Luft anhalten und den Kopf unter Wasser tauchen kann.
Diesmal also kein orangefarbenes Taxi und kein Kutscherhof, sondern einen Coffee-Truck namens "brewtiful" und eine Villa in einer Kleinstadt am Meer. Was die erste heimische Realityshow von vor etwa 25 Jahren so sympathisch machte, nämlich die Natürlichkeit und Ungezwungenheit der Kandidat:innen, macht auch die Netflix-Serie The Boyfriend richtig. Da gibt es keine hysterischen Dramen, nichts Ungustiöses, quotengeil Ordinäres oder Verletzendes und kein Gekreische. Stattdessen treten im ersten gleichgeschlechtlichen Datingformat Japans einfach nette und feinfühlige junge Leute auf, die in den zehn Folgen ihrer Suche nach Freundschaft und Liebe soviel "feelgood" verbreiten, dass man ihnen dabei gern zusieht. Stehgreif ist das natürlich auch diesmal nicht, aber sympathisch gescriptete Reality allemal.
In den Vogelflug-Totalen über der Stadt Rom des Jahres 79 n. Chr., den wilden Wagenrennen und besonders Tieren wie einem gigantischen weißen Löwen und blutrünstigen Krokodilen stoßen uns die katastrophal schlechten Computersimulationen in der Historienserie Those About to Die sauer auf, seit Kenneth Brannaghs Misshandlung des Agatha-Christie-Stoffes von Tod auf dem Nil habe ich keine so hässlichen mehr gesehen. Trotzdem steigert sich die von Roland Emmerich und Marco Kreuzpaintner verantwortete zehnteilige prime-Serie in ihrem dramatischen Verlauf zur kurzweiligen Soap in Sandalen, Lendenschurz und Toga. Nach dem Tod von Kaiser Vespasian (Anthony Hopkins brilliert in kurzen Szenen) kämpfen seine beiden Söhne Titus (Tom Hughes, beherrscht) und Domitian (Jojo Macari mit meist wahnsinnigem Blick) mit allen dirty tricks um die Vorherrschaft, ihr Intrigenspiel macht Spaß; dazu gibts halbnackte Körper der trainierten Art, heftige Kämpfe im blutigen Staub der Arena, Wagenrennställe, die wie in der heutigen Formel 1 geführt werden, immer neue Wendungen und - das wichtigste - interessante Charaktere mit ebensolchen Darsteller:innen, als bestes Beispiel mag der von Iwan Rheon verkörperte Inhaber eines Wettbüros dienen.
Die der Krimikomödie See How They Run aus dem Jahr 2022 zugrundeliegende Idee mutet reizvoll an: Im Zuge der 100. Vorstellung des Agatha-Christie-Langzeiterfolgs Die Mausefalle im Londoner Westend kommt es 1953 zu Morden im Theaterteam, bei den Ermittlungen treten Parallelen zwischen dem Stück und der filmischen Realität auf, die schließlich auf dem Landsitz der großen Autorin zusammengeführt werden. Saoirse Ronan gibt sich alle Mühe, ihrer Rolle einer jungen Polizisten Leben einzuhauchen, der Rest des Casts (Sam Rockwell, Adrin Brody, Harris Dickinson) weiß mit den ihren nichts Rechtes anzufangen. Die britische Spleenigkeit der Figuren wirkt allzu bemüht und aufgesetzt, was fehlt, ist echter Esprit.
Laut eigener Angaben handelt es sich bei dem Streifen In voller Blüte um den Abschiedsfilm des einzigartigen Schauspielers Michael Caine. Einmal will er es noch wissen, ganz so wie seine Figur eines 89jährigen Weltkriegsveteranen, der sich mit Rollator und auf eigene Faust aufmacht, um an D-Day-Gedenkfeiern teilzunehmen. Der britische Regisseur Oliver Parker lässt Caines Darstellerkunst breiten Raum, Glenda Jackson steht ihm als seine Ehefrau im Altersheim nicht nach, die tiefe lebenslange Liebe glauben wir den beiden gern. Ein rührender Film, geeignet zur Steigerung des Taschentuchverbrauchs.
Der kolossale Kassenflop Madame Webb vermittelt den Eindruck, beim Casting habe man sich große Mühe gegeben, möglichst uninteressante Darstellerinnen zu besetzen; quasi ein Wettbewerb an faden Gesichtsausdrücken inmitten einer völlig belanglosen Handlung. Schon der Einstieg einer Spinnensuche in Peru ist nichts als lachhaft, der Dilettantismus um vier Superheldinnen im Spiderman-Universum kaum auszuhalten.
In allen Lebenslagen, von jung und energiegeladen bis gebrochen und am Boden zerstört, verkörpert Joaquin Phoenix in Ridley Scotts Biopic Napoleon den Kaiser der Franzosen - daran muss sogar ein Schauspieler seines Kalibers scheitern. In ausgebleichten Farben schaut die Titelfigur meist mürrisch drein, da kommt kein Charisma über die Leinwand, und die endlosen Schlachtsequenzen wirken wie aus anderen Scott-Filmen kopiert. Fast drei Stunden Langeweile.
Jason Statham ist einer dieser Möchtegern-Schauspieler, deren Popularität mir beim besten Willen nicht verständlich ist. Auch in seiner neuesten Haudrauf-Action mit dem Titel The Beekeeper führt er einen ganz persönlichen Rachefeldzug durch, wobei sich der Beruf als Imker alsbald als Tarnung für eine Geheimorganisation zum Schutz der USA außerhalb der regulären rechtsstaatlichen Gerichtsbarkeit entpuppt. Trump-Fans dürften damit wohl etwas anfangen können.
Da gibt es einmal eine interessante Figur in diesem Superhelden-Konglomerat, das unsere Kinosäle seit Jahren heimsucht, in diesem Fall den superschnellen The Flash, und in der Person von Ezra Miller auch einen wirklich interessanten Schauspieler im (wie meist) lächerlichen Kostüm. Und was machen die Verantwortlichen daraus? Sie killen die Story durch diesen ewigen Paralleluniversen-Unsinn, der jedes Mitgefühl mit den Charakteren und jegliche Spannung eliminiert, weil Zeitlinien ja eh immer wieder verändert werden können und nichts wirklich Hand und Fuß hat.
Als leidliche spannende Mischung aus Stephen Kings Kinder des Zorns und all jenen Gruselfiguren, die sich in Filmen mit schöner Regelmäßigkeit aus Maisfeldern zu erheben oder zu Halloween ihr blutiges Handwerk auszuführen pflegen, geriert sich der amerikanische Horrorfilm Dark Harvest. Das Vogelscheuchenmonster Sawtooth Jack und die Burschen einer Kleinstadt, die ihm alljährlich entgegentreten. Der Sieger des makabren Wettbwerbs wird von allen beneidet und wähnt sich im Gewinn von Freiheit, welch ein Irrglaube.
Angesichts seiner letzten Arbeiten, ist kaum mehr nachvollziehbar, dass der britische Regisseur Guy Ritchie einmal für wirklich spritzige Actionkomödien veratwortlich zeichnete. In seiner Netflix-Produktion The Ministery of Ungentlemanly Warfare darf er viel Geld für künstlich wirkende Kulissen und eine Vielzahl an Explosionen, untermalt von Italowesternmusik, verpulvern, die Geschichte um eine von Churchill eingesetzte Geheimtruppe mit der Mission des Kappens der Nachschubwege für die Nazi-U-Boot-Atlantikflotte scheitert aber an der Austauschbarkeit der Figuren. Ende der Siebziger gab es eine Reihe ähnlich gelagerter Streifen (Die Wildgänse kommen, Die Seewölfe kommen, Flucht nach Athena), die stets von ihrem fulmninanten Cast (Richard Burton, Gregory Peck, Roger Moore, David Niven) profitierten. Dass Ritchies Pseudo-Asse Henry Cavill und Til Schweiger sind, sagt schon alles über diese kaltschnäuzig-laientheaterhafte Peinlichkeit.
So ungewöhnlich wie die Einordnung als Independent-Coming-of-Age-Psychothrillerdrama funktioniert John and the Hole, auf Deutsch flach als Das Versteck betitelt, aus dem Jahr 2021 auch tatsächlich. Das Debut des spanischen Künstlers und Filmemachers Pascual Sisto geriert sich als Mischung aus Michael Haneke und Gus Van Sant, weiß in seiner kühl beobachtenden Distanziertheit aber auch sehr eigenständig zu fesseln. Der dreizehnjährige John, authentisch dargestellt von Charlie Shotwell mit unlesbarer Mimik, betäubt eines Abends Vater, Mutter und die Schwester und befördert sie in einen Schacht, aus dem sie aus eigener Kraft nicht entkommen können. Im Ambiente seines privilegiert-wohlhabenden Umfeldes mit Zugang zu Bargeld und einem SUV lotet er nun aus, was es heißt, wie ein Erwachsener zu leben - wobei unklar bleibt, wie ein zweiter Handlungsstrang mit einem kleinen Mädchen, das von seiner Mutter verlassen wird, einzuordnen ist. Der permanent unheilvolle Schwebezustand von Handlung und Protagonist erzeugt trotz der langsamen Erzählweise eine Art Sog und beträchtliche Spannung. Eine klare Auflösung sollte man sich bei dem Film nicht erwarten; mir ist sie nicht abgegangen.
Der Katastrophenthriller Airport 77 - Verschollen im Bermuda-Dreieck war zweifellos einer der für meine filmische Sozialisation prägendsten, die Riege an Hollywoods (Alt)Stars, eingeschlossen in einer abgestürzten Boeing 747 tief unter dem Meeresspiegel und konfrontiert mit all ihren großen und kleinen privaten Problemen und dem offensichtlich immensen ihres Überlebenskampfes, das spornte in mir als Teenager jene Faszination für das Medium Film und seine Geschichten an, die schon zwei Jahre zuvor durch Spielbergs Der weiße Hai in gewaltiges Aufwallen versetzt wurde. Nun gibt es einen neuen Film, No Way Up betitelt, der die beiden Ideen des Absturzes samt einiger Überlebender in einer Luftblase im Inneren des nicht mehr flugtüchtigen Fliegers und einer erklecklichen Anzahl von Haien rund um ihn und zuweilen sogar in seinem überfluteten Teil zusammenzufügen versucht. Leider so läppisch und langweilig, dass sich die Klasse der Vorbilder (wieder einmal) offenbart. Nichts Neues unter dem Meeresspiegel, jeder rezente Möchtegern-Haithriller beweist es.
Ob es sich bei der Idee eines Prequels zum Horrorklassiker Das Omen aus dem Jahr 1976 um eine reizvolle handelt, sei dahingestellt, was die Regisseurin Arkasha Stevenson in ihrem Langfilmdebut daraus macht, ist es trotz stimmungsvoller Ansätze leider nicht. Das erste Omen also, darin eine amerikanische Novizin in einem römischen Waisenhaus, eine Verschwörung mit dem Ziel der Ankunft des Antichristen, das Ganze im stimmungsvollen Setting der Siebziger und mit dem Ansinnen der Psychostudie einer verwirrten jungen Frau - der Einstieg in den Streifen erscheint durchaus vielversprechend. Doch dann beginnt sich die Sache zu ziehen und nicht einmal das (vorhersehbare) Finale weiß mitzureißen. Was gibt es über einen Horrorfilm Schlimmeres zu sagen, als dass er langweilt?
Unglaublich, die Privilegien und der Reichtum, in dem die Expats leben, also Ausländer:innen mit Arbeitsplatz Hongkong, unglaublich aber auch die Tristesse, die ihre Existenz umfangen hat und aus der sie einfach keinen Ausweg zu finden scheinen. Die Serienadamption des Romans von Yanice E. K. Lee verfolgt das Schicksal von drei dieser Frauen mit US-amerikanischem, indischem und koreanischem Hintergrund, verwebt es aber auch mit jenem ihrer Filipino-Bediensteten. Wobei es Nicole Kidman, wohnhaft in einem Luxustower auf dem Peak, abrupt den Boden unter den Füßen wegzieht, als ihr kleiner Sohn auf einem Nachtmarkt von einem Moment auf den anderen verschwindet. Der Sturz in den Abgrund ist tief, der Aufprall desillusionierend. So ausgefeilt gezeichnete Charaktere gab es in einer Serie schon lange nicht mehr, ihr Umfeld ist glaubwürdig, ihre Einsamkeit und Trauer umfangen uns auf fast unangenehme Weise. Die vierte und fünfte Folge verharren dann aber doch zusehr am Stand und erzählen uns dabei wenig Neues; wie so oft bei Serien hätten Kürzungen die Intensivität des Gesamteindrucks noch verstärkt.
Angesichts des Trailers zum Reißer Im Wasser der Seine könnte man auf spannenden Haihorror hoffen, der Film dazu enttäuscht jedoch in jeder Linie. Themen werden angerissen und nicht weiterverfolgt, die Charakterzeichnung begnügt sich mit aufgerissenen Augen, die Haie bewegen sich allzu ruckartig, zuweilen ist nicht klar, ob wir uns in einer Satire befinden oder das Ganze ernst gemeint ist. Ach ja, die Handlung: Haie, darunter ein ungeheures Muttertier, bevölkern die Seine während eines Triathlons. Mit mehr Geschick hätte sich aus dieser Idee wohl etwas machen lassen.
Der Idee der inneren Dämonen, die einen Menschen zur Verzweiuflung zu treiben vermögen, nimmt sich die mitreißende Miniserie Eric an. Die Geschichte um das Verschwinden eines Buben ist im New York der Achtziger mit all dem Schmutz, der Korruption und der Kriminalität dieser Periode angesiedelt, Benedict Cumberbatch verkörpert mit Hingebung die Rolle des Vaters, eines Puppenspielers und Alkoholikers, der sich, getrieben von Schulgefühlen und in Begleitung des titelgebenden imaginierten Monsters, auf dessen Suche macht. Stimmige Atmosphäre, interessante Figuren (Gaby Hofffmann als nicht minder desperate Mutter, McKinley Belcher III als versteckt schwuler schwarzer Polizist), nachvollziehbare Entwicklungen: perfekter Bingestoff.
Nach den kathatrophal hässlichen CGI-Gewittern der jüngsten Godzilla- und/oder King Kong-Filme mit ihrer dummen Story und den flachen Charakteren geriert sich der japanische Streifen Godzilla Minus One als wohltuende Handarbeit mit Bildsequenzen, denen man auch wirklich folgen kann. Zum siebzigsten Jahrestag des Starts der ursprünglichen japanischen Filmreihe, deren Einträge mich durch die Sonntagsnachmittagsvorstellungen meiner Jugend in den Siebzigern begleiteten, wird diese auf ihren Ursprung, die Zeit des Atombombentests im Pazifik und des Kalten Krieges zurückgeführt. Im Mittelpunkt des Kampfes gegen den stets wütenden Riesensaurier steht ein Kamikazepilot mit Überlebensschuld-Syndrom, die Geschichte ist interessant, das Schauspiel für unsereins aber zuweilen arg outriert und die Auftritte des Ungeheuers sind ebenso behäbig wie dessen ungelenke Bewegungen bei der Zerstörung Tokios.
Es ist einer der großen magischen Momente der Filmgeschichte, wenn die beiden Schwestern Celie und Nettie nach Jahren der gewaltsamen Trennung und der Demütigung und Gewalt durch Männer einander in einem Mohnfeld wieder gegenüberstehen, wenn sie einander in die Hände klatschen und über ihnen der rote Ball der Sonne thront wie das Auge eines gütigen Gottes. Dieses Gänsehautgefühl aus Steven Spielbergs Klassiker Die Farbe Lila (1985) nach dem Briefroman von Alice Walker kommt in der rezenten Musicaladaption aber nicht auf. Allzu glattgebügelt mäandert die Geschichte der Emanzipation einer Reihe von schwarzen Frauen im Süden der USA dahin, allzu banal und bieder die Inszenierung von Regisseur Blitz Bazawule, allzu selten bleibt die recht beliebige Musik trotz engagiertem Cast und interessanter Choreografien im Gedächtnis.
Die Gruppe von jungen Außenseitern, das Geheimnis, das über der Kleinstadt schwebt, das Monster, das in regelmäßigen Zeitabständen aus dem Verborgenen wiederkehrt - nichts an dem spanischen Horrorfilm The Bogeyman Origins ist neu, wir kennen das alles aus Es oder Stranger Things; von letzterem Stoff ist die Musik sogar fast eins zu eins gestohlen. Trotzdem funktioniert die Geschichte anfangs recht gut, um die persönlichen Hintergründe der Jugendlichen baut sich eine unheimliche Atmosphäre auf. Was der Film dann aber daraus macht, ist langweilig, weil eben schon so oft gesehen, und im Finale fast ärgerlich banal.
Eine Vater-Sohn-Geschichte in recht ungewöhnlichem Fantasy-Gewand: Der französische Regisseur Thomas Cailley entwirft in seinem Film Animalia das Bild einer Welt, in der Mutationen von Menschen zu Tieren auftreten. Diese Mischwesen werden in speziellen Zentren ruhiggestellt, unter ihnen ist die Ehefrau von Francois und Mutter seines Sohnes Émile, die ein schwieriges Verhältnis eint. Und auch Émile bemerkt an sich die ersten Anzeichen einer Wandlung. Seine nächtliche Flucht durch ein Maisfeld, gejagt von Stelzengehern, die die Szenerie überblicken können, ist nur eine der kreativen Ideen in der Umsetzung des Stoffes, den wir gut und gern als Coming-of-Age der innovativeren Art bezeichnen dürfen. Was den Streifen aber wirklich sehenswert macht, ist das diffenzierte Spiel des jungen Paul Kircher, der hier nach seiner tollen Leistung in dem Drama Der Gymnasiast eine weitere überaus berührende Darstellung liefert; durch seine Körpersprache, die Gestik und seine Mimik macht er den Verlauf der Mutation zur nuancierten Erkundung seiner Figur und ihres Weges in die Freiheit.
Jüngst habe ich in meiner Rezension zu dem Film Im letzten Sommer den französischen Jungdarsteller Samuel Kircher als große Entdeckung bezeichnet, nun liefert sein älterer Bruder Paul in Christophe Honorés feinem psychologischen Drama Der Gymnasiast eine nicht minder großartige schauspielerische Leistung ab. Er geht völlig in der Rolle des siebzehnjährigen schwulen Lucas auf, der sich nach dem Unfalltod seines Vaters aus der Sicherheit seines bisherigen Lebens geschleudert sieht. Hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen von Hilflosigkeit, Wut und Trauer, versinkt er in der Suche nach seinem Platz im Leben und der Welt in einer tiefen Depresssion mit selbstzerstörerischen Zügen. Die Kamera ist ganz nah bei ihm und seiner von der wunderbaren Juliette Binoche verkörperten Mutter. Honorés Film ist das tiefgehende und berührende Porträt eines Jugendlichen und seiner Familie, die in ihrem Versuch, mit dem Verlust eines geliebten Menschen zurande zu kommen, in Sprachlosigkeit unterzugehen drohen und schließlich dennoch einen für sie passenden Weg zur Kommunikation finden.
Nach über dreißig Jahren wiedergesehen und immer noch herzlich gelacht: Die österreichische Komödie Muttertag aus 1993 ist eine Abfolge von Gags zwischen Satire und Sarkasmus und meist treffender Pointen rund um den im Titel genannten Festtag, in der wir einige der heimischen Kabarett-Lieblinge in jungen Jahren wiedersehen dürfen. Erdacht haben die Geschichte Roland Düringer und Alfred Dorfer, zusammen mit Reinhard Nowak und Andrea Händler agieren sie gleich in mehreren Rollen. Erfrischend wie damals.
Martin Scorseses allseit überaus gepriesenes Alterswerk Killers of the Flower Moon mutet zuweilen wie ein Wettstreit im Grimassenschneiden an, den sich Leonardo DiCaprio und Robert De Niro als wahre Wölfe im Schafspelz da liefern, ihr beständiges Overacting ist kaum zu ertragen. Ebenso verhält es sich mit den in ihrer Redundanz ins schier Endlose gezogenen Dialogen. Die Geschichte wäre brisant und hochspannend: Serienmorde an Angehörigen des Stammes der Osagen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, um durch das Erbe an das Land der Indigenen mit den reichen Ölfunden zu gelangen. Heiratspolitik der grausamen Sorte also - ein griffigerer, stringenter erzählter Film von vielleicht der halben Länge dieses dreieinhalbstündigen Möchtegern-Epos hätte den Plot wohl besser im Auge behalten. Zu den Figuren, die zuweilen beinahe wie ein Persiflage auf sich selbst wirken, erhalten wir so wenig emotionalen Zugang wie sie füreinander zu empfinden scheinen: Die große Liebe zwischen DiCaprio und seiner Ehefrau (Lily Gladstone mit meist steinernem Gesichtsausdruck - wie in aller Welt kam es zur Oscarnominierung?) wird behauptet, ist aber nie wirklich nachvollziehbar. Langweilig, ich komme leider zu keinem anderen Urteil.
Mit jeder schwachen neuen Arbeit schwindet die Hoffnung, dass M. Night Shyamalans rege Vorstellungskraft erneut einen Geniestreich wie seinen Erstling The Sixth Sense (1999) hervorbringen könnte. Sein neuer Thriller Knock at the Cabin ist da keine Ausnahme. Die Prämisse ist wieder einmal einfallsreich. Ein schwules Paar und ihre kleine Tochter verbringen eine Auszeit in einem recht ordentlich ausgestatteten Häuschen im Wald, da stehen auf einmal vier Fremde vor der Tür. Die Forderung: Ein Mitglied der kleinen Familie müsse sich opfern, um den Untergang der Menschheit zu verhindern. Holzschnittartig gezeichnete Charaktere versus ein ordentlich entwickelter Spannungsbogen, die Sache könnte noch gut gehen. Doch die banale Auflösung stellt wie schon oftmals zuvor in Shyalamans Filmen den größten Hemmschuh für wirklich gelungenen Thrill dar.
Ryan Murphys Anthologieserie Feud, zweiter Streich mit dem Zusatztitel Capote vs The Swans; Und im Vergleich zur ersten Staffel (siehe unten) mit einem allzu langgezogenen und langweiligen Ergebnis. Bennett Millers Film Capote entwarf 2005 ein faszinierendes Porträt des brillanten Schriftstellers im Rahmen der Recherche zu seinem Bestseller Kaltblütig. Murphy und Co-Produzent und -Regisseur Gus van Sant (!) versuchen dies nun anhand der heftigen Konflikte, die sich gegen Ende seines Lebens mit Freundinnen aus der New Yorker Society (die "Swans") ergaben, als Capote begann, ihre intimsten Geheimnisse literarisch zu verabeiten. Der britische Schauspieler Tom Hollander gibt eine beachtenswerte Vorstellung von Capotes affektiertem Gehabe und seinem sprachlichen Singsang; acht Stunden lang der in ziemlich redudanten Dialogen ausgebreiteten, stets um die eigenen Befindlichkeiten kreisenden egoistischen Laymoranz der Figur zuzusehen, die sich zudem mit den Persönlichkeiten ebensolcher und in diesem Sinne uninteressanter Damen befasst, ist dann aber doch ein bissl viel. In einer pointiert-scharfen Kürze wäre hier definitiv die Würze gelegen.
Ryan Murphy, der Schöpfer einer langen Reihe von Streaminghighlights wie American Horror Story und Dahmer, ist auch das Mastermind hinter der Anthologie-Serie Feud - Die Feindschaft zwischen Bette und Joan. Wie der Titel schon indiziert, geht es um eine Art von Fehde, in der ersten Staffel aus dem Jahr 2017 um die komplizierte und gar nicht freundliche Beziehung zwischen den Hollywooddiven Bette Davis und Joan Crawford. Auf dem absteigenden Ast ihrer Karrieren, drehen sie im Jahr 1962 den Schwarz-weiß-Psychothriller Was geschah wirklich mit Baby Jane?, der sich im Nachhinein als großer Wurf entpuppen sollte. Verletzter Stolz, Unsicherheit, Einsamkeit, die Angst vor dem Älterwerden und Nicht-mehr-Gesehenwerden sind die persönlichen Dramen, die Murhy als Triebfedern hinter der zum Teil grotesken Rivalität zwischen den beiden Schauspielerinnen herausarbeitet, sein beträchtlicher Gusto für den Mythos Hollywood, Filmtratsch und schneidende Wortspitzen gipfelt etwa in der faszinierenden Szenenfolge um die Oscarverleihung 1963. Susan Sarandon als Bette Davis und besonders die großartige Jessica Lange als Joan Crawford stehen ihm dabei mit beachtlichen Leistungen zur Seite.
Vor zehn Jahren profitierte der überaus gelungene österreichische Psychothriller Ich seh ich seh von der viralen Versicherung eines Bloggers, bei der Vorschau des Films würde es sich um "the sacriest trailer ever" handeln. Dies trifft meinem Eindruck nach eher auf den Trailer zum Horrorfilm Evil Dead Rises zu, den ich als dermaßen angsteinflößend empfand, dass ich es vorzog, mir den Streifen bei Tageslicht zu Gemüte zu führen. Wäre nicht nötig gewesen, denn der in perfektem Herzschlag-Timing geschnittene Trailer entpuppte sich als gruseliger als das dann doch eher konventionellen Bahnen gehorchende Splattermovie um einen Dämon, der in einer Erdbeben-Sturmnacht von den Migliedern einer Familie Besitz ergreift. Gegen Schluss hin wird das Ganze extrem blutig, was dann doch wieder jene goutieren werden, denen auch der Trailer gefallen hat.
Entgegen aller anderslautender Behauptungen: Nein, Zendaya ist keine gute Schauspielerin. Sie hat nicht mehr als drei Gesichtsausdrücke auf Lager: Lächeln, Schmollmund und Zorn samt dazugehöriger Falte. Aus der Rolle der Tennisspielerin Tashi in dem Drama Challengers von Call Me By Your Name-Regisseur Luca Guadagnino hätte eine talentiertere Mimin denn auch vielleicht mehr Tiefe und Hintergrund herausgeholt, was aber auch schon den einzigen Kritikpunkt an dieser spannenden "ménage à trois" darstellt. Zwei Tennistalente, Patrick (God's Own Country Josh O'Connor) und Art (Mike Faist), beste Freunde und Sportpartner von Jugend an, sehen sich in einem Dreiecksverhältnis mit Tashi gefangen, sie ist Katalysator für Emotionen wie Begehren und Liebe und bleibt, selbst nach einem Unfall vom Profisport ausgeschlossen, doch kalt und berechnend. Guadagnino inszeniert die Duelle, ob jene im Sport oder jene in dem in Form von zahlreichen verschachtelten Rückblenden erzählten komplexen Beziehungsgeflecht, mit großer visueller und akustischer Hingabe zu einem starken psychogischen Katz-und-Mausspiel mit überraschendem Ausgang.
Eine dankbare Altersrolle hält die Tragikomödie Swan Song des amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Todd Stephens für das filmische Urgestein Udo Kier bereit. Er spielt den einstigen Friseur Pat, der nach einem Schlaganfall ein tristes Dasein in einem Seniorenwohnheim fristet. Aus diesem reißt ihn die Nachricht, dass eine reiche Bewohnerin der kleinen Stadt, bis zu einem Zwist eine gute Freundin, in ihrem Testament verfügt hat, er solle ihr für die Beerdigung Haare und Make-up machen. Der Weg zu ihr gerät Pat zur Erinnerungsreise in sein Leben, den Beruf, die Freunde, die Liebe - und schließlich zur Erkenntnis, doch so etwas wie Spuren hinterlassen zu haben. Udo Kier macht diesen alten schwulen Mann zu einer berührenden Charakterstudie zwischen Einsamkeit, Stolz und dem Ringen um Würde.
Als Ein Glücksfall, wie auch der Titel lautet, erweist sich der neue Film von Woody Allen. Der mittlerweile 89-jährige Autor und Regisseur legt mit dem Streifen eine geistreiche, von sanfter Sozialironie getragene Kriminalkomödie mit einem, je nach persönlicher Sicht, völlig unglaubwürdigen oder meisterhaften finalen Twist vor. Bewundernswert ist jene Leichtigkeit der Inszenierung, die Allens Alterswerk durchzieht und in der sich die Geschichte wie in einem plätschernden Fluss aus Gersprächen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen des Figurenpersonals entwickelt. Eine von ihrem reichen und ziemlich skrupellosen Ehemann dominierte junge Auktionistin, das unerwartete Zusammentreffen mit einem Verehrer aus der Schulzeit, eine leidenschaftliche Affäre und die Frau Mama mit detektivischem Gespür - ihr Spiel um Liebe und Eifersucht unterhält uns beim Ansehen prächtig. Ob davon etwas bleiben wird, ist aber eine andere Frage.
Eine verhängnisvolle Affäre stellt die französische Regisseurin Catherine Breillat in den Mittelpunkt ihres Filmdramas Im letzten Sommer. Wie aus sicherer Distanz beobachtet sie die Geschichte um eine auf Missbrauchsfälle spezialisierte Anwältin, die sich, gelangweilt vom biederen Familienleben, auf eine Liebschaft mit ihrem siebzehnjährigen Stiefsohn einlässt. Wenn aus den Charakteren aber die Gefühle brechen, beim Sich-aneinander-Herantasten, beim Sex, beim Weinen, dann ist die Kamera und sind mit ihr unsere Blicke ganz nah bei ihnen. Die fabelhafte Léa Drucker als Frau mittleren Alters, die die Versäumnisse der Jugend nachholen zu können glaubt, Olivier Rabourdin als ihr Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht, und der junge Samuel Kircher, eine Entdeckung, als trotzig-aufmüpfiger Jugendlicher ziehen uns in den Bann ihres intensiven Zusammenspiels um die Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und der plötzlichen Leidenschaft.
Es gibt Filme, die altern in Würde, und andere, denen ist dies nicht vergönnt. Der Tierhorrorfilm Willard aus dem jahr 1971 gehört zu letzteren. Die Geschichte um die introvertierte Titelfigur und seine Beziehung zu Ratten kommt zwar ganz ohne Effekte aus, sondern setzt auf die dressierten Nager, ist in der Charakterzeichnung aber oberflächlich und im Schauspiel dermaßen übertrieben, dass sie heutzutage nicht einmal mit großem filmhistorischen Interesse zu goutieren ist.
Der Zeitpunkt, da eine Reihe der Mitglieder der weltberühmten K-Pop-Band BTS den südkoreanischen Militärdienst leisten müssen, erschien den Beteiligten offenbar als guter Moment für einen Rückblick in die über zehnjährige Erfolgsgeschichte der Gruppe. BTS Monuments: Beyond the Star ist die achtteilige Dokumentation betitelt, zusätzlich sind ein Buch und ein Photobook erschienen. Geschildert wird der anfangs steinige Weg der sieben Burschen von Praktikanten bis hin zu Idolen im K-Pop-Business in faszinierenden Konzertausschnitten und den harten vorangegangenen Proben, Reiseberichten, Home stories sowie zahlreichen und in der Summe eher redundanten Interviews, die die Artists zuweilen als Selbstzweifler und Melancholiker zeigen. Für nicht Eingeweihte stellt sich das Ganze in seinen ständigen Zeitsprüngen als eher verwirrend dar, für Fans ist es natürlich ein Fest.
Basierend auf dem gleichnamigen international erfolgreichen Jugendbuch von Benjamin Alire Sáenz, entwirft der Film Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums die Geschichte einer Freundschaft, die zur Liebe wird. Die beiden im Titel genannten Burschen, beide Einzelgänger voller Selbstzweifel, erleben im El Paso der späten Achtziger ihr Coming-out - vor sich selbst, voreinander und vor ihren Familien. Regisseurin Aitch Alberto geht dabei auf einfühlsame und zielgruppengerechte Weise vor, doch zuweilen erscheint mir die Szenenfolge allzu sprung- und skizzenhaft, ich hätte sie mir auserzählter gewünscht. Das authentische Spiel der Newcomer Max Pelayo und Reese Gonzales und so mancher poetische Moment im Regen oder unter dem weiten texanischen Sternenhimmel wissen dafür aber bis zu einem gewissen Grad zu entschädigen.
Was für ein grauenhafter Film! Schon der erste Teil hatte uns nichts zu sagen, die Fortsetzung Rebel Moon 2: Die Narbenmacherin setzt noch einiges in Bezug auf wahre Logikkrater drauf. Regisseur Zack Snyder gelingt es in seiner Vergewaltigung von Kurosawas Sieben Samurai-Stoff einfach nicht, Figuren zu schaffen, die echte Charaktere sind, und deshalb ist uns in den redundant geschilderten Kämpfen ihr Überleben auch ziemlich egal; Mitfiebern war einmal - in all dem Bombast an dummen Dialogen, schwülstiger Musik und ständig eingesetzter Zeitlupe tritt die ganze Sache eigentlich von der ersten bis zur letzten Minute auf der Stelle und erzeugt bloß Langeweile. Szenen wie die Ermordung des Königs samt Kostümen aus einem Faschingsfundus, die Weizenernte im Gegenlicht und das Verteidigungstraining, das in null Komma nichts auch schon erledigt ist, sind von ausgesuchter Dämlichkeit, da hilft auch nicht, dass wir Sofia Boutella die Actionheldin namens Kora durchaus abnehmen. Snyder runiert sogar den Showdown zwischen ihr und dem nazihaften Oberbösewicht (Ed Skrein) durch offensichtliche Schnitte - Zensur im Sinne der angestrebten Netflix-Familientauglichkeit?
Sechs Jahre vor ihrem furchtbaren Barbie-Film beschäftigte sich die amerikanische Regisseurin Greta Gerwig auf ungleich einfühlsamere Weise mit der weiblichen Psyche. Lady Bird will der Teenager Christine genannt werden. Sie absolviert ihr Abschlussjahr auf einer katholischen High School und hat nur einen Gedanken: der für sie engen Welt des kalifornischen Sacramento entfliehen zu können und an einer Ostküstenuni aufgenommen zu werden. Saoirse Ronan verkörpert die Unsicherheit des Mädchens und die komplexe Beziehung zu ihrer Mutter auf exzellente Weise und hebt die Erzählung um jugendliches Aufbegehren, Selbstfindung und erste Liebe (Timothée Chalamet in einer kleinen Rolle, in der er nicht viel zu tun hat) über das Niveau der dem Genre des Coming-of-Age immanenten Versatzstücke.
Auf einem populären Webtoon basierend, spinnt die südkoreanische Serie A Killer Paradox in acht Folgen ein mörderisches Netz um den Charakter eines jungen Mannes namens Lee Tang (Choi Woo-shik aus Train to Busan und Parasite) mit der besonderen Gabe, "böse Menschen" zu erkennen, die er flugs - anfangs unbeholfen, dann immer raffinierter - auch gleich ins Jenseits befördert. Die für solche Serien typischen skurrilen Einfälle, sowohl inhalticher Natur als auch die visuelle Gestaltung betreffend, wissen in den ersten Folgen zu unterhalten, als sich die Erzählung in der zweiten Hälfte aber von Tang ab- und Figuren wie einem dicklichen Computernerd, einem Polizisten mit Vaterkomplex und einem älteren Serienkiller mit Diabetes zuwendet, flacht die Spannung merklich ab.
Dass Rachel Zegler schön singen kann, hat sie in Spielbergs West Side Story (2021) bewiesen, darin war sie die Idealbesetzung für die Rolle der Maria. In Francis Lawrences Prequel zur Hunger Games-Saga jedoch, betitelt Die Tribute von Panem - The Ballad of Songbirds and Snakes, gelingt es ihr nicht, ihrer Filmfigur Format zu geben. Als junge Bewohnerin des District 12 namens Lucy Gray Baird schwingt sie sich durch die tatkräftige Mithilfe von Coriolanus Snow, des späteren Präsidenten der Diktatur Panem, zur Siegerin der Hungerspiele auf, und hier liegt auch das Grundproblem des Films: Zwischen den beiden existiert keine Chemie, ihre Leidenschaft, ja Liebe füreinander ist in keinem Moment nachfühlbar. Der fesche Brite Tom Blyth steht im Zentrum der Handlung und macht die zerfaserte Erzählung von der Wandlung vom Burschen aus einer verarmten Familie zum Mentor der Hungerspiele, späteren Soldaten und schließlich Stipendiaten der Universität der Hauptstadt glaubhaft nachvollziehbar. "Es sind die Dinge, die wir am meisten lieben, die uns zerstören", hören wir am Schluss aus dem Off; im Falle von Coriolanus Snow ist dies zweifellos der Wille zur Macht, ihm und seinem Darsteller hätte ein stringenterer und damit spannenderer Film gebührt.
Eine Erinnerung an Der Club der toten Dichter schwebt über der winterlichen Szenerie von The Holdovers, dem allerorts überaus gepriesenen und mit allerlei Preisen bedachten neuen Film des amerikanischen Regisseurs Alexander Payne. Weihnachtsferien in einem exklusiven Neuengland-Internat des Jahres 1970, ein einzelner Schüler (der überzeugende Newcomer Dominic Sessa), sein Geschichtslehrer (Paul Giamatti wird immer dann peinlich, wenn er witzig zu sein versucht) und die Köchin (Weshalb in aller Welt hat Da'Vine Joy Randolph für diese durchschnittliche Darstellung Oscar und Golden Globe bekommen?) bleiben als einzige zurück; es ist von Anfang an vorgezeichnet, dass sie sich zusammenraufen werden, gemeinsam lässt sich das schwere Binkerl, das auf ihnen allen lastet, einfach leichter bewältigen. Als Tragikomödie wird der Film apostrophiert, doch die Sprunghaftigkeit zwischen den beiden Polen dieser Bezeichnung zerstört jede Art von Stimmung, sobald sie im vorhersagbaren Gang der Handlung endlich einmal aufgebaut wurde. Kaum eine Szene, die wir so oder ähnlich nicht schon in anderen Internatsfilmen gesehen haben - und nicht einmal beim Lecken der seelischen Wunden kommt Tiefe oder Rührung auf. Was immer diverse Jurys in diesem Film gesehen haben, ist mir bis zum Schluss leider verschlossen geblieben.
Mit Cannes-Siegern kann ich im Allgemeinen ja ziemlich viel anfangen, bei dem Body-Horror Titane aus 2021, von der französischen Regisseurin Julia Ducournau mit geradezu aggressiver Kälte in Szene gesetzt, ist dies aber nicht der Fall. Eine Serienmörderin (Agathe Rousselle) mit einer Titanplatte im Kopf fühlt sich mit Fahrzeugen sexuell verbunden und nimmt auf der Flucht die Identität des verschwundenen Sohnes eines älteren Feuerwehmannes an. So weit, so konfus, in der dröhnenden Lautheit der Inszenierung haben nur leider tiefe Gefühle und damit die Möglichkeit zur Identifikation mit den Figuren keinen Platz.
Zum hundertjährigen Studiojubiläum kommt der möglicherweise uninspirierteste Disney-Film aller Zeiten. Die Geschichte von Wish dreht sich um einen Magierkönig, der seinem brav diversen Volk nur ihm angenehme Wünsche erfüllt, und dem Mädchen Asha, das dem monarchischen Grundprinzip wie in Disneyfilmen üblich zwar huldigt, gegen die genannte Bestimmbarkeit der Wünsche aber rebelliert. Der Inszenierung fehlt jeglicher Charme, die Story ist in sich unlogisch, die Heldin von sich selbst zusehr überzeugt, um Identifikationsfigur zu sein, die musikalischen Einlagen sind ein fader Einheitsbrei und die Sidekicks von konsequenter Einfallslosigkeit.
Die brillante Kameraführung von Robert Elswit, die bis ins letzte Detail durchdachte Komposition jeder einzelnen Einstellung, das edle Schwarzweiß der Bilder: Die für Netflix produzierte Miniserie Ripley ist ein grandioses Fest fürs Auge. Steven Zaillian, Oscarpreisträger für das Drehbuch von Schindlers Liste, erzählt die Geschichte von Patricia Highsmiths psychopathischem Antihelden in gemächlichem Tempo und langen Dialogen, die jenen seltsamen Spannungssog entfalten, der uns atemlos mit dem Mörder Tom Ripley mitfiebern lässt. Nach Alain Delon (Nur die Sonne war Zeuge, 1960) und Matt Damon (Der talentierte Mr. Ripley, 1999) verkörpert Andrew Scott, von dessen schaupielerischen Qualitäten wir uns erst jüngst in All of Us Strangers überzeugen konnten, die Titelrolle - und hier liegt die Schwäche der Sache: Scott ist mit seinen fast fünfzig Jahren eigentlich eine glatte Fehlbesetzung für den Charakter des jungen Blenders - Härte statt Charme, maskenhafte Züge statt Verletzlichkeit. Es gelingt Scott nicht, Toms Gier, jemand anderer zu sein, zu vermitteln, seine Kunst, sich selbst unsichtbar zu machen und in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen, auch nicht sein Begehren, dem reichen Lebemann Dickie Greenleaf (auch körperlich) nahe zu sein und, in der Erkenntnis, dass dies nicht möglich ist, ganz er zu werden. Erst als Dickie, mit einem Anker beschwert, auf dem Grund des Meeres ruht und sich die weiteren Folgen um Toms Psychospiel mit Dickies Freundin Marge und der Polizei drehen, wirkt Scott glaubwürdiger; dann haben wir uns auch schon an seine neue, reifere, gesetztere Interpretation der Figur gewöhnt und sind längst der Faszination dieser großartigen Serie erlegen.
Der britische Regisseur Andrew Haigh nimmt in seinem Filmdrama All of Us Strangers die Grundkonstellation seines brillanten Erstlings Weekend als dem Jahr 2011 wieder auf: Zwei in ihrer Einsamkeit gefangene Männer, der ältere Adam und der wesentlich jüngere Harry, treffen zusammen und lernen, sich einander durch Sex und immer offenere Gespräche zu öffnen; und allmählich entsteht so etwas wie echtes Vertrauen zwischen ihnen. Von Anfang an kreiert Haigh durch die düstere Szenerie in einem Hochhauskomplex mit nur zwei bewohnten Wohnungen eine Stimmung des Geheimnisvollen, und als Adam auf seine Eltern im Alter vor ihrem Unfalltod dreißig Jahre zuvor trifft, verstärkt sich diese unwirkliche Atmosphäre. Wer würde nicht gern mit seinen Eltern auf Augenhöhe in der Kindheit Erlebtes aufarbeiten? Adam erhält die Gelegenheit dazu, was zu einer Reihe von emotional berührenden Dialogszenen führt. Seine Beziehung zu Harry wird immer intensiver, doch irritierende Momente häufen sich. Eine Art Kammerspiel über jeden Menschen als Insel - der Weg zum finalen Twist der Geschichte geht zu Herzen, die faszinierende, haltlos traurige Wendung am Schluss hat mich unvorbereitet getroffen. Andrew Scott als Adam und Paul Mescal als Harry harmonieren auf Gänsehaut erzeugende Weise, sie zeigen bedingungslos ehrliche Verletzlichkeit in einem Film über Verlust und Isolation, über nicht weniger als das Leben und den Tod.
Im Klassiker Lohn der Angst aus dem Jahr 1953 war es Yves Montand, der sich unter der spannungssteigernden Anleitung von Regiemeister Henir-Georges Clouzot um den gefährlichen Transport von Nitroglyzerin über südmerikanische Wellblechpisten zu kümmern hatte, in William Friedkins Remake Atemlos vor Angst aus 1977 verkörperte Roy Scheider den Abenteurer, der sich auf die halsbrecherische Fahrt macht. Ein talentloses Team rund um den französischen Regisseur Julien Lexlercq ist nun für die Netflix-Neuverfilung unter dem ersten der beiden Titel verantwortlich, außer die Handlung in die Wüste zu verlegen und eine weibliche Hauptfigur einzuführen ist den Beteiligten nichts Neues eingefallen. Seelenlose Action mit Darstellungen ohne jedes Charisma.
Als hätte eine KI die Charaktere entworfen und das Script verfasst, so mutet sich Antoine Fuquas Rachethriller Equalizer 3 an - wobei vom Thrill aufgrund der Vorhersehbarkeit des Verlaufs und Ausgangs nicht viel zu spüren ist. Ein Städtchen an der italienischen Amalfiküste, darin alle Menschen gut und reinen Herzens, kein Wunder, dass Opa Denzel Washington für sie und gegen die Camorra ins Feld zieht, auf seine ultrabrutale Art und Weise. Faszinierend, wie Washington inmitten all des dummdreisten Verhaltens der Figuren mit feinen Nuancen seines Spiels dennoch Akzente zu setzen weiß.
Hirokazu Kore-eda (Goldene Palme für Shoplifters, 2018), der Meister des Kammerspiels des täglichen Lebens, aus dessen Hintergründen zweilen höchste menschliche Dramatik erwächst, bedient sich in seiner neuesten Arbeit Die Unschuld einer multiperspektivischen Erzähltechnik. Der deutsche Titel lenkt vom Eigentlichen ab; Monster heißt der Streifen im japanischen Original und in der internationalen Auswertung, und genau darum geht es auch: Um die Frage, was an Monströsem, nämlich aus Selbstzweifeln genährten Unwahrheiten und Lügen, in uns schlummert und wie diese, so wie immer bei Kore-eda durch Menschlichkeit in Wahrhaftigkeit überführt werden könnten. Die Mutter, der Lehrer, das Kind - inwiefern in der Schule Gewalt ausgeübt wird und von welcher Seite aus, wie eine Frau mit dem Verlust des Ehemannes und eine andere dem Tod der Enkelin zurande kommt, wie sich der Umgang eines jungen Lehrers mit den ihm anvertrauten Kindern gestaltet, wie die beiden Buben Minato und Yori zueinander stehen - Kore-eda erzählt die Ereignisse in drei Szenenfolgen jeweils aus der subjektiven Sicht der jeweiligen Figuren, und erst allmählich entsteht dadurch ein Gesamtbild, dem wir trauen können. Der dritte Akt, der sich um die Freundschaft zwischen den beiden Buben dreht, findet dabei Bilder und Einstellungen, die zu Herzen gehen, und mündet in einen Aufbruch, eine Art Wiedergeburt, in vollendeter Kinopoesie.
Als Art Kunstprojekt aus Bildern, Tönen und zuweilen einer schwarzen oder roten Leinwand erweist sich der mit einem Auslandsoscar ausgezeichnete Spielfilm The Zone of Interest des britischen Regisseurs Jonathan Glazer. Nicht immer leicht zugänglich, in Teilen experimentell und fast sperrig, weil nicht plotzentriert, dabei ungemein erleuchtend, verdeutlicht der Streifen konsequent wie sonst kaum eine filmische Arbeit Hannah Arendts Überlegungen zur "Banalität des Bösen". Glazer zeigt das Leben der Familie des Kommandanten des Konzentrationslager Auschwitz, Rudolf Höß. Nur durch eine Mauer vom Lager getrennt, spielt sich in einer großen Villa mit prächtigem Garten das Familienleben ab, wird gemeinsam gegessen und plantschen die Kinder im Schwimmbecken, als hätten alle Scheuklappen aufgesetzt. Was vom Grauen des KZs bis hierher dringt, sind Geräusche einer eigens aufgebauten Tonbibliothek, sind Rufe, Schreie, Schüsse und zuweilen Salven, sind aber auch die rauchenden Schornsteine - dazwischen die Mauer als Trennlinie zwischen soganennter Normalität und dem Unvorstellbaren. Im Vordergrund dazu präsentiert Frau Höß ihrer Mutter ihre Blumenzucht, hält Kaffeetratsch und kommandiert ihre Angestellten herum. Sandra Hüller verkörpert diese Frau mit schier unglaublicher Borniertheit und Kälte, Christian Friedel verhält sich als Lagerleiter liebevoll zu seinen Kindern und fällt im nächsten Moment am Telefon Todesurteile. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit hat mich bei diesem Film erfasst und bis zum Ende, wenn Putzkräfte die Schaukästen im Auschwitz von heute reinigen, nicht mehr losgelassen.
Die Serie 3 Body Problem wurde von Netflix zum Großereignis gehypt, und die meisten Medien verbreiten die Botschaft brav und getreu. Dabei handelt es sich bei den bislang acht Folgen um die bevorstehende Ankunft von Außeriridischen auf der Erde und eine damit verbundene Gruppe junger Wissenschaftler:innen um eine technisch gut gemachte, aber von nicht gerade charaismatischer Darstellung getragenen Neuaufguss von Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art aus dem Jahr 1977; den Esprit und Enthusiasmus, besonders aber auch die Fähigkeit zu staunen, dieses Meisterweks geht der heutigen durchkalkulierten Produktion schmerzlich ab.
Was das Duo Veronika Franz und Severin Fiala, verantwortlich für das ausgeklügelte Drehbuch und die meisterhafte Regieführung des österreichischen psychologischen Historiendramas Des Teufels Bad, geschaffen hat, ist ein wahres Wunderwerk. In der Geschichte der jungen Agnes, die sich in ärmlichem bäuerlichen Milieu in der Mitte des 18. Jahrhunderts an ihrer Sensibilität, der religiösen Indoktrination ihrer Zeit und ihres Umfeldes und den Anforderungen des harten Arbeitsalltags zerrieben fühlt, tut sich der Abgrund einer Welt auf, in der das Hoffen und Suchen nach so etwas wie einer eigenen Identität schlichtweg keinen Platz hat. Der Ausweg in die Grausamkeit, den sie schließlich wählt, ist historisch verbürgt und erscheint uns wohl gerade aus diesem Grund ungeheuerlich. Kamermann Martin Gschlacht wurde mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet, die Bilder, die er nur mit dem Licht von Fackeln und Kerzen kreiert, vertiefen die atmosphärische Authentizität des Werks, wie auch der unheimliche Score und die im Dialekt gehaltenen Dialoge der bei den Dreharbeiten improvisierten Szenen. In der Hauptrolle macht Anja Plaschg Agnes' tiefe Emotionen, die man heute als Depressionen bezeichnen würde, mit unglaublicher Intensität nachvollziehbar; ihre in einem einzigen Take gedrehte Beichtszene, hier zitiere ich Kamermann Gschlacht, ist schon jetzt Filmgeschichte.
Die feministische Frankensteiniade Poor Things des griechischen Regisseurs Giorgos Lanthimos, mit einem Goldenen Löwen in Venedig und dem Oscar für die Hauptdarstellerin Emma Stone ausgezeichnet, ist Kunstkino in Reinkultur, vemochte mich emotional aber nicht zu berühren. Ein exzentrischer Arzt (Willem Dafoe mit vernarbtem Gesicht) verpflanzt im viktorianischen London das Gehirn eines ungeborenen Kindes in den Körper seiner Mutter, einer Selbstmörderin, und erweckt diesen durch Eletrizität wieder zu Leben. In grobem Schwarzweiß sind jene Passagen des Films gehalten, in denen Bella lernt, sich zu bewegen, zu sprechen und sich nach üblichen gesellschaftlichen Regeln zu verhalten. In den Teilen des Films, der ihren Ausbruch aus dieser Existenz beschreibt, schöpft Lanthimos aus knalligsten Farben. Eine Suche nach dem Ich, nach einem selbstbestimmten Leben als Frau, was auch die Bereiche von Bildung und von Sexualität betrifft, die Bella mit großem Selbstbewusstsein auskostet - anfangs ist man vom Rausch der betont künstlichen Bilder und dem Reichtum an Ideen mitgerissen, alsbald beginnen sich diese aber im Kreis zu drehen und totzulaufen; erst gegen Ende schwingt sich Poor Things wieder zum Esprit der Anfangsszenen auf.
Der Krimiserie Death and Other Details gelang es zu Beginn, mein Interesse mit spritzigem Erzählton, visueller Raffinesse und einem Locked-Room-Mystery auf einem im luxuriösen Art déco gestylten Kreuzfahrtschiff zu wecken; vielleicht, so dachte ich, ist heutzutage im Genre der Agatha-Christie-Nachahmungen doch auch weniger Peinliches als Kennegh Brannaghs grässliche Poirot-Schändungen möglich. Zumindest letztere Hoffnung hat die Serie erfüllt, für wirklichenBinge-Gusto ist die Handlung mit ihren bescheidenen Twist und Enthüllungen aber zu sehr in die Länge von zehn Folgen gezogen, um an der Stange halten zu können.
Es ist wirklich beachtlich, welche Haken zwischen Genres und Stimmungen südostasiatische Filme zuweilen zu schlagen imstande sind. Der taiwanesische Streifen The Pig, the Snake and the Pigeon folgt dem todbringenden Feldzug eines Kriminellen (Ethan Juan), der sich, im Glauben, unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein, auf die Spur der beiden meistgesuchten Killer des Landes macht. der in Hongkong geborene Regisseur Wong Ching-po schöpft aus dem Vollen: Was als blutiger Noir-Thriller mit musikalischen Ankängen zum Italo-Western beginnt, entwickelt sich in der zweiten Hälfte unvermutet zur scharfen Sozialsatire auf selbsternannte Gurus und das Leben in einer Kommune und entwirft kurz vor dem konsequent radikalen Ende sogar einen besonders romantischen Moment.
Als filmischer Snack für Zwischendurch funktioniert das Heist-Movie Lift recht gut. Eine Gruppe von Meisterdieben soll auf geheiß der Interpol während eines Fluges Goldbarren im Wert von einer halben Milliarde Dollar stehlen - was auf einfalls- und überaus waghalsige Weise vorerst nach Plan abzulaufen scheint, dann aber aus Gründen der Dramaturgie gründlich schiefgeht. Ein Vehikel für Stars aus der zweiten Reihe (Kevin Hart, Jean Reno, Sam Worthington) und trotz der hässlichen CGI der Flugzeuge spritzig inszeniert.
Die dritte und finale Staffel der queeren schwedischen Teenie-Serie Young Royals lässt sich anfangs recht fad an, ohne Überraschungen zieht sich die Liebesgeschichte zwischen dem Kronprinzen Wille und seinem "Bettelknaben" Simon vier Folgen durchs typische Eliteschulenleben mit Schmusen, Partys und einer genervten Königin dahin, bevor sie in der vorletzten merklich an Tempo und Dramatik gewinnt und sich in der letzten nochmals zu Herzschmerz in Reinkultur aufschwingt. Edvin Ryding und Omar Rudberg sind so nett wie gewohnt, ein bissl mehr Pfeffer hätte der Sache nicht geschadet.
Der deutsche Regisseur Jobst Oestmann ist, so kann man nachlesen, primär mit Tatort-Folgen und ähnlichen Fernsehkrimis beschäftigt. Wie ein solcher mutet auch seine Coming-of-Age-Geschichte 2er ohne aus dem Jahr 2008 an, besonders so manche Biederkeit des Drehbuches, die musikalische Untermalung und der unnötige Kommentar aus dem Off weisen in diese Richtung. Die beiden damaligen Jungdarsteller Tino Mewes und Jakob Matschenz verkörpern Außenseiter, die miteinander Rudern für einen Zweier ohne Steuermann trainieren und dabei, um den nötigen Gleichklang herzustellen, einander so ähnlich wie Zwillinge werden möchten. Es wird viel geredet, doch die Figuren werden nicht schlüssig gezeichnet; die psychologischen Zusammenhänge bleiben unklar und das tragische Ende so unbefriedigend wie der ganze Film.
Der Twist, auf den der Thriller Hypnotic hinausläuft, ist ja nun kein so übler und soll hier nicht verraten werden, doch stellt sich die Frage, ob man überhaupt so lange bei der Stange bleibt, um ihn enträtselt zu bekommen. Zu uneinheitlich und schlecht durchdacht ist der Inszenierungsstil von Robert Rodriguez - anfangs wirr und überhastet, in manchen Szenen nicht auserzählt, wie plötzlich abgewürgt, in anderen wird allzu vieles herausgeplappert, was sich eigentlich erst entfalten sollte. Und hölzener als Ben Afflecks Spiel als Cop auf der Suche nach seiner verschwundenen Tochter geht nun wirklich nicht mehr; es geht um Hypnose und inwiefern sich Menschen dadurch beeinflussen lassen, fast wie in einem solchen Zustand wirkt auch Herr Affleck.
Ich erinnere mich noch gut an das Schwärmen meiner Elterngeneration über den jungen Horst Buchholz im deutschen Nachkriegskino von 1957, ich selbst bin dann Anfang der Achtziger den Abenteuern von John Moulder Brown in einer der für damals typischen TV-Miniserien gefolgt; nun also Jannis Niewöhner, ebenfalls gutaussehend und charmant, als Titelheld in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Die Frauen (und ein Graf) liegen auch ihm als Kellner in einem Pariser Nobelhotel zu Füßen, und anfangs macht es sogar Spaß, seinem trickreichen Agieren bis hin zur Übernahme der Identität eines jungen Marquis (David Kross) zuzusehen. Detlev Bucks Adaption des Romans von Thomas Mann, bei dessen Umsetzung zu einem Drehbuch ihm Daniel Kehlmann zur Seite stand, gerät aber im Verlauf der Handlung immer mehr zum von so manchen Nebenfiguren Teil laienhaft vorgetragenen Theaterklamauk mit völlig lächerlichem Ende (das in dieser Form übrigens im Roman gar nicht vorkommt).
Es ist wie in einem der psychologischen Dramen von Autoren wie Tennessee Williams, bei denen es besonders viel Finesse der Regie bedarf, sie von der Theaterbühne in ein realistischeres filmisches Setting zu transferieren. Zwar hat Drehbuchautor und Regisseur Scott Boswell den Stoff seiner Lowest-Budget-Independent-Produktion A Wake über den Tod eines von zwei Zwillingsbrüdern und die emotionalen Schluchten, in die dieser die einzelnen Mitglieder seiner Familie stürzt, direkt für den Film entwickelt, bis auf wenige Ausnahmen spielen sich die einzelnen Dialoge aber wie Teile einer szenischen Aufführung ab. Bei der im Titel angesprochenen Totenwache brechen dann Hintergründe zu den Figuren (versteckte Homosexualität, Mobbing, Drogenmissbrauch, Lieblosigkeit in der Familie) ans Tageslicht, manch unbeholfene Darstellung, der zum Teil katastrophale Ton und unnatürlich wirkendes Make-up killen aber oft die Stimmung. Noah Urrea in den Rollen der Zwillinge und Kolten Stewart als Freund des einen wissen in ihrem Spiel hingegen zu überzeugen und nehmen uns gegen Ende doch noch ein Stück mit auf ihrer Trauerreise.
Familienaufstellung von Papa und zwei Teenietöchtern in der in ausgebleicht-edlen Farben fotografierten südafrikanischen Savanne: Schon in der Sixties-Serie Daktari spielte ein Löwe die Hauptrolle, damals war es ein schielendes Haustierexemplar namens Clarence. Im Tierhorror Beast - Jäger ohne Gnade aus dem Jahr 2022 ist es eine bösartig-räudige, gar nicht so übel computergenerierte Version des angeblichen Königs der Tiere, der sich auf die Jagd nach Wilderern, aber auch die unter diese geratene US-Familie macht. Selbst Scar wirkt gegen dieses Monster in vernarbter Fellgestalt wie ein Lämmchen, da hat Papa Idris Elba mit der Verteidigung seiner Filmtöchter alle Hände voll zu tun. Relativ lange ungeschnittene (auch Action-)Szenen steigern die Spannung und am Schluss rettet ein freundliches Löwenrudel die Ehre seiner Gattung.
Guy Ritchies Gaunerkomödie The Gentlemen aus dem Jahr 2019, mit Matthew McConaughey, Charlie Hunnam und Hugh Grant hochkarätig besetzt, war spritzig-launige Unterhaltung, nun präsentiert der Regisseur ein Serien-Spin-off, ohne dafür aus einem erkennbaren Reservoir an Ideen schöpfen zu können. Es geht um einen jungen Adeligen, der nach dem Tod des Vaters zwar Titel und Anwesen, jedoch auch beträchtliche Schulden und das Drogenlabor unter den Ställen erbt. Theo James erledigt diese Rolle ohne erkennbares darstellerisches Potential und bewegt sich mit meist gerunzelter Stirn und ohne weitere Ausdrucksmöglichkeiten durch eine unnötig in die Länge gezogene Handlung, aus der nur ab und zu Ritchies gewohnt skurrile Einfälle, was inhaltliche Wendungen oder seinen sonst rasanteren Inszenierungsstil betrifft, zu echtem Amüsement führen.
Würde es sich bei Drehbuchautor Carter Smith nicht auch um den Regisseur von Swallowed - Es ist in dir handeln, wäre das Script wohl geshreddert und nicht verfilmt worden. Der kamertechnisch stimmig bebilderte Body Horror dreht sich um zwei schwule Freunde, die im Irrglauben, Drogen über die Grenze nach Kanada zu schmuggeln, Kondome mit Insektenlarven verschlucken. Hätten die Burschen oder der böse Drahtzieher der Sache schon einmal etwas von Abführmitteln gehört, wäre alles ohne weitere Dramatik in zwanzig Minuten erledigt; da dies aber offenbar nicht der Fall ist, versucht man, eine gesamte Filmhandlung lang an die verschluckten Würmer zu kommen. Der fesche Cooper Koch und der knorrige Mark Patton geben sich zwar redliche Mühe, den dummplatten Dialogzeilen Leben einzuhauchen, die meiste Zeit dominiert aber unfreiwillige Komik.
Die Flucht aus der Enge der Provinz, dabei die Suche nach der eigenen Identität, ist nicht erst seit der psychologischen Studie Rückkehr nach Reims (2009) und den erfolgreichen Romanen von Edouard Louis (Das Ende von Eddy, 2014) ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Der Romancier Philippe Besson reiht sich mit seinem wunderschön-traurigen autobiografischen Buch Hör auf zu lügen aus dem Jahr 2017 in das Genre dieser Geschichten. Die Liebesbeziehung zwischen zwei siebzehnjährigen Burschen, Stéphane und Thomas, in den Achzigern und das Zusammentreffen von Stéphane und Lucas, dem Sohn von Thomas, fünfunddreißig Jahre später erzählt nun Regisseur Olivier Peyon in stimmungsvoll-ausgebleichten Sommerbildern, die jenen aus einem Herbst der Erinnerung gegenüberstehen. Guillaume de Tonquédec als Stéphane sieht Besson tatsächlich sehr ähnlich und Victor Belmondo lässt in der Rolle des Lucas Erinnerungen an seinen Großvater Jean-Paul in jungen Jahren aufkommen. Ein Film, getragen von der Melancholie einer lebenslangen unglücklichen Liebe, jedoch nicht so zu Herzen gehend wie die literarische Vorlage.
Bei dem psychologischen Kriminalfilm The Lesson handelt es sich um das Spielfilmdebut der britischen Regisseurin Alice Throughton und um eine biedere Version des Aufregers Saltburn aus dem Vorjahr. Ein Jedermann in einem für ihn ungewohnten Umfeld des großen Wohlstands: Die Geschichte um einen jungen Literaturwissenschaftler, der als Privatlehrer für den Sohn (Stephen McMillan) eines berühmten Schriftstellers (Richard E. Grant) und einer recht mysteriösen Kunstkuratorin (Julie Delpy) angeworben wird, beginnt eher gemächlich, weiß dann aber einen gewissen Sog aus Andeutungen auf unter der Oberfläche des privilegierten Familienlebens versteckten schwarzen Flecken zu entwickeln. In der Auflösung liegt keine große Raffinesse, ein Spoiler-Prolog killt von vornherein die Überraschung; doch die tolle Besetzung rund um den sympathischen Daryl McCormack, der in Meine Stunden mit Leo (2022) schon Emma Thompson neue Lust aufs Leben zu machen gelang, hält uns bis zum Schluss bei der Stange.
Meisterregisseur David Lean nannte sich selbst einmal einen "picture chap", einen, der alles tut für die perfekte Einstellung, und Denis Villeneuve ist ihm in diesem Sinne ein gelehriger Schüler. Auch inhaltlich haben mich manche Szenen im Partisanenkampf der Fremen gegen die bösen glatzköpfigen Harkonnen in Dune Part Two an Leans Geniestück Lawrence von Arabien (1962) erinnert. Und Villeneuve liefert uns natürlich auch tatsächlich das bildgewaltige Epos, als das sich bereits der erste Teil (2021) der Verfilmungt von Frank Herberts Sci-fi-Romanzyklus Der Wüstenplanet (ab 1963) erwies. Das ist großes Kino, keine Frage. Doch Villeneuve, der vielleicht während der Dreharbeiten noch nicht wusste, ob ein dritter Teil finanzierbar wäre, hat soviel in die Handlung gepackt, dass diese mitunter überhastet wirkt und potentiellen Gänsehautmomenten nicht genügend Raum zu Entfaltung gibt. Ich hätte mir Paul Atreides' Wandel zum Messias langsamer und insofern auch nachvollziehbarer gewünscht und von seiner Liebe zur Fremin Chani gern mehr gesehen als einen romantischen Sonnenuntergangskuss auf einer Düne - dann hätte Timothée Chalamet auch mehr Gelegenheit zu jener charakterlichen Tiefe gehabt, die seine Reifung vom Jugendlichen zum Mann im ersten Teil so auszeichnete. Ich hätte gern mehr von der Beziehung Pauls zu seinem Lehrer Javier Bardem erfahren, auch miterlebt, dass es wohl mehr braucht als eine einzige Beobachtung, um den Ritt auf einem Wurm meistern zu können. Ich wäre auch gern intensiver in die Figur des psychopathischen Feyd-Rautha Harkonnen, den Austin Butler mit gandioser Bösartigkeit ausstattet, vorgedrungen, und weshalb man einen Schauspieler wie Christopher Walken in der Rolle des Imperators ohne Möglichkeiten zur Rollengestaltung verheizt, kann ich gar nicht verstehen. Dies ist natürlich Jammern auf höchstem Niveau, denn alles, was uns Dune Part Two bietet, ist großartig; allein, der Stoff hätte noch so viel mehr hergegeben - vielleicht hätte diese Geschichte in zwei Filme aufgeteilt werden sollen. Nun müssen wir uns eben darauf einlassen, einfach zu genießen, was sich uns vor unseren Augen abspielt, und die Lücken mit unserer eigenen Fantsie füllen.
Als Risqué Business sieht es dieses sympathische Duo an, sich vom konservativen Südkorea aus auf die Spur des gesellschaftlichen Erlebens von Beziehungen und Sexualität sowie auch der wirtschaftlichen Verwertung von Erotik in anderen Teilen der Welt zu machen. Der Komiker und Moderator Shing Dong-yup und der Sänger und Entertainer Sung Si-kyung bereisen in der ersten Staffel ihrer Netflix-Serie Japan und in der zweiten Taiwan, in der dritten, die sie nach Amsterdam, Berlin und Köln führt, sind sie schon ordentlich schockiert ob der dort üblichen Freizügigkeit. Die Sache ist humorvoll und unterhaltsam gemacht, die beiden gehen mit großen Augen und geröteten Wangen durch die ihnen neue Welt und führen freundliche Gespräche mit auskunftswilligen Einheimischen; anrüchig ist daran ganz und gar nichts.
Der amerikanische Drehbuchautor Dustin Lance Black war schon zweimal mit den Vorlagen zu Biopics erfolgreich, für Gus Van Sants Milk (2008) und Clint Eastwoods J. Edgar (2011). Sein Script für den Streifen Rustin geht sorgfältig in der Schilderung der Zeitumstände vor, doch George Costello Wolfe spielt nicht in einer Liga mit Gus van Sant oder Clint Eastwood, den Regisseuren der oben genannten meisterlichen Filmen. Der Schauspieler Colman Domingo verkörpert engagiert die Rolle des im Titel genannten schwulen Bürgerrechts-Aktivisten Baynard Rustin, dem 1963 trotz widrigster Umstände und massiven Gegenwinds auch aus den eigenen Reihen die Organisation jenes Marsches auf Washington gelang, in dessen Verlauf Martin Luther King seine legendäre "I have a dream"-Rede hielt. Leider ist das Ganze ziemlich bieder geraten, dem Thema angebrachte große emotionale Szenen fehlen ganz und gar.
Ein höchst hagerer Serienkiller wird nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und zwei Menschen, ein Polizist und die nun erwachsene Tochter eines seiner früheren Opfer, setzen alles daran, ihn zu Fall zu bringen. In Missing You aus dem Jahr 2016 inszeniert der südkoreanische Regisseur Mo Hong-jin einen Weg der Rache, der für nicht wenige der Beteiligten in den Abgrund führt. Dabei werden nicht die Hintergründe aller wichtigen Figuren ausreichend erklärt, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihnen nachvolziehbar zu machen. Allein die beunruhigende Gestalt von Hauptdarsteller Kim Sung-oh sticht aus dem durchschnittlichen Thriller und bleibt im Gedächtnis.
Es könnte sein, dass sich der spanische Regisseur David Moragas für seinen Film A Stormy Night aus dem Jahr 2020 Andrew Haighs brillantes Dialogdrama Weekend (2011) zum Vorbild genommen hat. Unter der Prämisse eines aufziehenden Sturms und gestrichener Flüge kommt ein junger Filmemacher bei einem Mitbewohner einer Freundin unter. Das zuerst scheue Sich-aneinander-Herantasten, dann die immer offenere Annäherung der beiden recht unterschiedlichen schwulen Männer, ihre Gespräche, die aus Fremden so etwas wie Freunde machen, das alles hat schon viel mit Weekend zu tun. Doch weiter gehen die Gemeinsamkeiten nicht; zu hölzern agieren die Darsteller, zu oberflächlich bleiben die Dialoge. Die Schwarzweiß-Fotografie hingegen wirkte auf mich sehr stimmig.
Andrea lässt sich scheiden ist ein Film, in dem sich mehr zwischen den Zeilen abspielt als in den Worten, die die Charaktere tatsächlich aussprechen. In seiner zweiten Regiearbeit nach Wilde Maus (2017) entwirft der österreichische Schauspieler, Kabarettist und Autor Josef Hader eine von Leere durchzogene Szenerie, eine ausgebleichte Landschaft aus Hügeln und Feldern, die in der sommerlichen Hitze den Atem anzuhalten scheint. Birgit Minichmayer verkörpert die Titelfigur, Polizistin in einem kleinen Weinviertler Ort, mit meist beherrschtem Gesichtsausdruck. An ihr scheint die Eintönigkeit des Immer-Selben abzuprallen, selbst die anlassigen Scherze der Männer, die ihre Empfindungen der Sinnlosigkeit im Alkohol zu ertränken versuchen: da reißt sich jemand zusammen, einfach, weil alles so ist, wie es eben ist., und sie nichts daran ändern kann. Als ihr der Noch-Ehemann eines Nachts betrunken vors Auto taumelt und sie ihn überfährt, begeht sie Fahrerflucht, erlebt kurz darauf aber voller Staunen mit, wie ein Religionslehrer und trockener Alkoholiker sich selbst für den Täter hält und die Schuld auf sich nimmt. Josef Hader gibt diesen Charakter mit der ihm eigenen perspektivenlosen Melancholie, dieser stillen Verzweiflung am Leben, die der lakonische, treffsicher gesetzte Humor der Dialoge immer wieder für ein paar Momente aufzureißen vermag. Am Schluss steht so etwas wie der Funke von Hoffnung auf einen Aus- und Aufbruch; in einer Spiegelung des ersten Bildes, in dem ein Auto auf uns zufährt, fährt ein anderes fort von diesem Ort; Andrea, die am Steuer sitzt, hat ein konkretes Ziel, und das ist schon ziemlich viel in diesem Hineinhorchen in die Seelen zerrissener Menschen.
Der Titel der Dokumentation 78/52 von Alexandre O. Philippe bezieht sich auf die Anzahl der Einstellungen und Schnitte in Hicthcocks legendärer Duschszene in Psycho (1960). Sieben Tage dauerten die Dreharbeiten im Dezember 1959 und 45 Sekunden läuft die fertige Szene im Film. Welche verschiedensten Aspekte des Filmemachens, von ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und dem innovativen Schnitt bis zu Herbert Herrmanns ennervierenden Geigenklängen, der Streifen revolutionierte, damit befasst sich diese auf spannende Weise erhellende Doku. Regisseure wie Peter Bogdanovich und Guillermo del Toro, eine Reihe von Fachleuten aus der Branche und sogar Janet Leighs Bodydouble Marli Renfro sorgen in einer Art Super-Close-up der Szene für jede Menge Hintergrundsiformationen und analysieren sie Einstellung für Einstellung. Die immense Bedeutung des Films und die Genialität der Szene werden uns dadurch anschaulich vor Augen geführt.
Eine Geschichte, die sich in den Jahren 2000 und 2001 tatsächlich zugetragen hat, nimmt der iranische Regisseur Ali Abbasi als Grundlage für seinen sozialkritischen Kriminalfilm Holy Spider. In der Stadt Maschhad, die für den Islam als besonders heilig gilt, macht ein vordergründig braver Familienvater Jagd auf Prostituierte. Bei der Verfolgung seines Ziels, die Straßen von dem Schmutz ihrer Existenz zu reinigen, ermordet er sechzehn Frauen und erfährt, als ihm eine junge Journalistin trotz widrigster Umstände auf die Schlichte kommt, als Held im Kampf gegen Unmoral großen Zuspruch von seiner Familie und weiten Teilen der Bevölkerung. Faszinierende Einblicke in das Leben im sogenannten Gotteststaat entlarven den religiösen Fanatismus und die Bigoterie dieses patriarchalen Systems und aller, die sich ihm fügen. Am Schluss demonstriert der älteste Sohn des Mörders an seiner kleinen Schwester die Vorgehensweise des Vaters und stellt voller Stolz in den Raum, dessen Taten fortführen zu wollen; der Kreislauf der Gewalt hat sich geschlossen.
Im Grunde genommen ist der psychologische Arthouse-Krimi Inside des griechischen Regisseurs Vasilis Katsoupis eine One-Man-Show für Willem Dafoe; und der Mann mit den markanten Gesichtszügen geht auch tatsächlich in der Rolle des Kunsträubers Nemo bis zur totalen Hingabe auf. Bei einem Beutezug (Schiele!) wird er aufgrund eines falschen Codes für die Alarmanlage in einem High-Tech-Penthouse hoch über der New Yorker Skyline eingeschlossen. Von der Außenwelt völlig abgekapselt, macht er über mehrere Wochen eine wahre Tour de force an Emotionen durch: von Wut und Hoffnung über Verzweiflung und dem Verfall in den Wahnsinn bis hin zu einem Ende, das mehr Fragen offenlässt als beantwortet. Eine überaus reizvolle Grundidee, die auch die erste Hälfte des Films in Spannung hält, wird schließlich zu sehr mit Symbolik und Methaphern überfrachtet und in metaphysische Spekulationen getrieben. Ist Nemo im Grunde genommen in sich selbst gefangen? Kommt sein Bestreben, durch zu eine in großer Höhe angebrachte Lichtluke zu entfliehen, einer Art Himmelfahrt gleich? Und weshalb ist er plötzlich verschwunden? Wir dürfen drüber sinnieren.
Welchem Genre sich der Film Little Joe der österreichischen Regisseurin Jessica Hausners zuordnen lässt, ist fraglich. Science-fiction-Horror mit einer gehörigen Portion Zukunftsangst ist darin enthalten, ein psychologischer Thriller ist die Geschichte rund um die titelgebende genmanipulierte Pflanze, die Glücksgefühle auslösen soll natürlich auch. Die Molekularbiologin Alice kommt sich in dem Personengeflecht von Mitarbeiter:innen, ihrem Sohn und dem Ex-Mann, das sie umgibt, mehr und mehr wie ein Fremdkörper vor. Mit den konsequent aufeinander abgestimmten Farben, dem artifiziellen Setting, dem betont gestelzten Spiel der Darsteller:innen und dem mit schrillen Flöten, Trommeln und hohem Pfeifen zuweilen enervierenden Sounddesign ist Little Joe ein Kunstfilm, wie er im Buche steht. Wie schon in Philipp Kaufmanns Klassiker Die Körperfresser kommen aus dem Jahr 1978 entsteht bald eine Stimmung der unwirklichen Bedrohung, in der die Figuren nicht mehr sie selbst zu sein scheinen und sich fühlen, als ob sie ihr Leben nur noch spielen würden - mit dem einzigen Zweck, die Pflanze zu verbreiten. Den unbedingten Mut zur Eigenständigkeit kann man Jessica Hausner, so wie bei wohl allen ihren filmischen Arbeiten, auch bei Little Joe nicht absprechen.
Paul Schrader wurde als Drehbuchautor von Scorseses Taxi Driver (1976) bekannt und inszenierte Richard Gere zum Mann für gewisse Stunden (1980). Mit seinem Streifen The Card Counter legt er nun einen Streifen ganz im Stil dieser Zeit vor. Oscar Isaac gibt einen ehemaligen Foltersoldaten aus dem Lager Abu Ghraib, der nach einem langen Gefängnisaufenthalt zum Berufsspieler mit der im Titel genannten Fähigkeit wird. Erst spät im Film wird klar, weshalb er einen jungen Mann mit Schulden und ohne Lebensziel (Tye Sheridan) unter seine Fittiche nimmt und was das alles mit einem Spezialisten für Sicherheitssysteme (Willem Dafoe) zu tun hat. Ein sehr kühler Film um Schuld und die (Un)Möglichkeit von Sühne, um "die mönchische Geduld des Wartens" (David Ehrlich) beim Spiel und im richtigen Leben, der Distanz zu uns hält wie seine Figuren zueinander. Was einerseits Spannung erzeugt, andererseits kaum Mitgefühl mit ihnen und ihrem Schicksal aufkommen lässt.
Gar nicht gelungen ist die Serienadaption der Brad Pitt/Angelina Jolie-Actionkomödie Mr. & Mrs. Smith aus dem Jahr 2005. Bei diesen beiden Bestandteilen, die die Kinovorlage so unterhaltsam machten, fehlt es hier an allen Ecken und Enden. Die zwei Hauptcharaktere stellen aus Gründen der Tarnung miteinander verheiratete Profikiller dar, wobei Donald Glover eher Schwiegermutterliebling als Heldenfigur ist und wir nie verstehen werden, weshalb in aller Welt die farblose Maya Erskine besetzt wurde. Auch die Action nehmen wir ihnen nicht ab und ist zudem lauwarm inszeniert und die Sparte Komödie ertrinkt in ewigen und schier ewig andauernden Dialogschienen ohne Witz und Charme. Insgesamt also ein Konglomerat an vergeudeten Gelegenheiten.
Der österreichische Regisseur Adrian Golginger hat wirklich eine goldene Hand bei der Besetzung seiner überaus fordernden Kinderrollen. In seinem autobiografischen Debütfilm Die beste aller Welten aus 2017 verkörpert der damals neunjährige Jeremy Miliker Golgingers Alter ego, der das Zusammenleben mit seiner drogensüchtigen Mutter und ihrem Freundeskreis aushalten muss. Verena Altenberger gibt diese junge Mutter mit dem unbedingten Willen, selbst in ihren dunkelsten Stunden für ihren Sohn da zu sein und ihm die im Filmtitel genannte Lebenswelt zu ermöglichen - eine andere kennt der kleine Adrian ja auch nicht. Jeremy Milikers Spiel ist dabei beglückend in seiner Authentizität und Ehrlichkeit, Parameter, die (abgesehen vom ein bissl gar glatten Schluss) auch Golgingers Inszenierung auszeichnet.
Da meine Begeisterung für Adrian Golgingers neuen Film Rickerl gar so groß war, hat mich die nachgeholte Sichtung seines Streifens Der Fuchs aus dem Jahr 2022 ziemlich enttäuscht. Die Anfangssequenzen sind berührend: Ein Bergbauernhof, eine große Familie, harte Arbeit und viel zu wenig zu essen, ein einziger Erdapfel als Abendessen für den Jüngsten, den achtjährigen Franz, der am darauffolgenden Tag vor Erschöpfung zusammenbricht, der Vater, der versucht, der Frage des fiebernden Kindes, ob er denn sterben müsse, mit einer Geschichte zu begegnen. Das Zusammenspiel des kleinen Max Reinwald und Karl Markovics ist von feinen Zwischentönen geprägt und geht zu Herzen. Dann aber wird Franz als Knecht an einen reichen Bauern verkauft, schreiend klammert er sich an den Vater und kann dennoch nichts dagegen ausrichten, aus diesem Umfeld an Menschen, die einander das einzige schenken, das sie haben, nämlich Liebe, gerissen zu werden. Sprung, und jetzt wird's schlimm. Im Krieg fungiert Franz als Motorradkurier, zuerst in Polen, anschließend beim Vorstoß in Frankreich. Das Grauen des Krieges bleibt hier Illustration, es müssen ein paar Explosionen im Hintergrund und einige Leichen am Wegesrand belegen, drei weitere treiben im Meer, sonst scheint's den Beteiligten nicht allzu schlecht zu gehen: einige gute Kameraden, die Unterkunft in einem Schloss, die Annäherungen an eine junge Französin und Motorradfahrten durch idyllische Wiesenlandschaften und Wälder. Und da ist auch noch der im Titel genannte Fuchs, den Franz verletzt aufliest, über ein Jahr hindurch großzieht und in der Posttasche überall hin mitnimmt, den er so lieb gewinnt wie sonst keinen Menschen, das Kindheitstrauma lässt grüßen. Simon Morzé spielt diese Figur recht leblos, er soll halt auch jemand sein, der vor der Gefahr, in Beziehungen zurückgewiesen zu werden, zurückschreckt, vielleicht ist das ja sogar recht passend. Aber kein Moment des Films nach den Markovics-Szenen vermag mich zu rühren; er wirkt unecht, gezwungen, rein behauptet. Was Krieg bedeutet, ist nicht einmal ansatzweise zu ahnen, diese Verniedlichung ist so ärgerlich wie der Niedlichkeitsfaktor des kleinen Fuchses hoch.
Auch das gibt es ab und zu: Im Deutschen ist der Filmtitel gelungener als im französischen Original, weil auf zweierlei Arten interpretierbar. Im vorjährigen Cannes-Sieger Anatomie eines Falls geht es um den buchstäblichen Todessturz eines Mannes vom Balkon oder einem Fenster aus in den Schnee, Regisseurin Justine Triet zeigt aber auch den Fall ins schier Bodenlose, den daraufhin im Laufe eines Jahres mit Verhören, Mutmaßungen und einer Gerichtsbverhandlung das Leben seiner Frau und seines sehbehinderten Sohnes nimmt. Mit Sandra Hüller und Milo Machado Graner in den beiden tragenden Rollen, beide herausragend in ihren lange Zeit zurückgehaltenen, früher oder später aber ausbrechenden Emotionen, lüftet Triet so manches Lebensgeheimnis der Familie in zahlreichen Monologen und Dialogen und erzeugt dabei einen fast unglaublichen Spannungssog. Großes Gefühlskino entsteht dabei aber nicht, in der makellos-kühlen Inszenierung betrachten wir die Figuren selbst dann wie von außen, wenn die Kamera in manchen Szenen ganz nah bei ihnen ist. Dabei entsteht so etwas wie Hochachtung vor einem geradezu perfekten Film und den Leistungen der Beteiligten, mitgerissen sind wir dennoch kaum.
Unterschiedlicher könnten The Brothers Sun in der gleichnamigen achtteiligen Netflix-Serie kaum sein. Der eine, Bruce, Fraktion tolpatschiges Weichei, lebt mit seiner Mutter in Los Angeles und sieht sich hin- und hergerissen zwischen seinem Medizinstudium und der Freude am Improvisationstheater. Der andere, Charles, ganz Sixpack-Martial-Arts-Badass, aber auch mit beeindruckenden Backkünsten, leitet unter seinem Vater eine Verbrecherorganisation in Taipeh. Anschlag auf den Papa, Charles reist nach Kalifornien, um die Mama samt Bruder zu beschützen - und muss erkennen, dass sie im Hintergrund einige Fäden zieht. Michelle Yeoh gibt Mama Sun voll tougher Mutterliebe, Sam Li als Bruce und Justien Chien komplemettieren die sympathische Familienzusammenführung zwischen Humor und toll choreografierten Kämpfen. Alles in allem flott, kurzweilig und sehr unterhaltsam.
Erza Miller gibt den jungen Ben Kingsley und beide verkörpern das exzentrische Malergenie Salvador Dalí in der Filmbiografie Daliland der American Psycho-Regisseurin Mary Harron. Die Handlung kreist um das New Yorker St. Regis Hotel und den Winter 1974, den Dalí zusammen mit seiner Muse Gala (Barbara Sukowa) und seiner Partyentourage in den Geburtswehen einer neuen Ausstellung verbringt. Ich war als Jugendlicher hingerissen von der Kunstfigur des Malerfürsten und seinen (damals für mich) mysteriösen Gemälden voll brennender Giraffen und zerrinnender Uhren. Davon ist in dem bieder inszenierten Film nicht viel zu sehen, wer mein Interesse für die Thematik nicht aufzubringen vermag, wird von dem Film nicht viel halten. Ausgenommen vom letzten Ultra-Close up auf Ben Kingsleys Augen, diesem Blick eines alten kranken Mannes, der nicht mehr viel Leben vor sich hat.
Und dann stehen sie einfach so da und sagen kein Wort; hingegen vermitteln ihre Blicke und ihre Körpersprache alles über ihre Gefühle füreinander und ihre Traurigkeit über das nicht gelebte gemeinsame Leben. Der autobiografisch geprägte Film Past Lives der südkoreanisch-kanadischen Autorin und Regisseurin Celine Song stellt Fragen über verpasste Gelegenheiten, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt: Das Wiedersehen zwischen einer jungen, mittlerweile verheirateten Frau und ihrer Jugendliebe nach vierundzwanzig Jahren ist ein einziges von Zerrissenheit gemartertes Wenn. Teo Yoo und John Magaro in den Rollen der beiden Männer an der Seite dieser Frau (Greta Lee) verkörpern ihre Figuren ungemein authentisch und mit geradezu herzzerreißenden Sensibilität. Ein leises Abschiedsgedicht in Bildern, schlicht und einfach reinste Filmpoesie.
Die Serie The Artful Dodger fungiert als Art Fortsetzung zu Charles Dickens' berühmtestem Roman Oliver Twist. Als Setting haben wir eine Hafenstadt im Australien der Mitte des 19. Jahrhunderts vor uns und darin ein sympathisches bis bitterböses Figurenpersonal. Da gibt es einen trinkfreudigen Gouverneur mit strenger Gattin und schöner, aber kranker Tochter (Maia Mitchell), die alles über Medizin gelesen hat und sich mit feministischer Courage dafür einsetzt, sie auch ausüben zu dürfen. Weiters eines überaus talentierten jungen Chirurgen (Thomas Brodie-Sangster in der Titelrolle als Historien-Version von Doogie Howser), dem noch nie praktizierte Operationsmethoden als erstem gelingen. Natürlich taucht auch Fagin auf, der Lehrherr für die jugendlichen Trickdiebe im originalen Roman, mit verschlagem Augenzwinkern und merklichem Gusto von David Thewlis verkörpert. Es geht drunter und drüber, und dann gesellt sich auch noch Oliver Twist himself zu dem Spiel, in rotgesichtig-dicklicher Gestalt und voller heimtückischer Pläne. Die Musik ahmt mit Cembalo und kratzenden Geigen Hans Zimmers Sherlock Holmes-Sountrack nach, das ist nicht neu, treibt die Charaktere aber spritzig durch die Handlung.
Es ist eine Weihnachtsparty im Freundeskreis, von der aus sich Oliver (Luke Evans) von seinem Ehemann Marc (Daniel Levy) zu einer Geschäftsreise verabschiedet. Wenig später verstirbt er bei einem Unfall und Marc steht auf seinem langen und steinigen Weg zur Akzeptanz eine Zeit der Trauer bevor - während der er auch herausfinden muss, dass der Geliebte eine Affäre hatte. Good Grief schwankt zwischen (mäßig lustiger) Komödie und (mäßig zu Herzen gehendem) Drama. Ganz nett, aber auch nicht mehr.
"Mei potschertes Leb'n" heißt ein Lied aus dem Jahr 1986, in dem die Boxlegende Hans Orsolic Einschau hält in ein Leben, das ihm einfach nicht in den Griff zu kriegen gelingt. Es funktioniert wie eine Blaupause auf die Titelfigur von Rickerl, einem Wiener Musiker, der sich trotz großen Talents ständig selbst im Weg zu stehen scheint. Voodoo Jürgens verkörpert ihn mit großer Sensibilität und einer Authentizität, die wohl von den beträchtlichen Ähnlichkeiten zwischen der Filmfigur und ihm selbst kommt. Der großartige Film des jungen österreichischen Drehbuchautors und Regisseurs Adrian Golginger, konsequent im Wienerischen Dialekt gedreht, lebt von der ungekünstelten Nähe zum Milieu und den darin verankerten Charakteren, aber auch von der Intimität einer Vater-Sohn-Geschichte, in der Gefühle nur selten ausgesprochen werden, in ganz einfacher und stiller Zartheit und Zärtlichkeit aber für Vater und Kind erfahrbar werden. Die Schlussszene, in der der sechsjährige Ben Winkler (eine Entdeckung!) mittels eines selbst geschriebenen Liedes dem "potscherten" Vater seine unbedingte Liebe erklärt, gehört zum Berührendsten, das seit langem auf der Leinwand zu sehen war.
Und gleich die zweite Staffel von The White Lotus. Selbe Idee, anderer Ort: Diesmal stellt ein Luxushotel auf Sizilien den Schauplatz für die überspannten Spielchen der reichen Gäste dar, samt im Meer treibender Leiche. Die dunklen Wellen rauschen und der Ätna spuckt Feuer, die Atmosphäre ist stimmig. Zwei superreiche Ehepaare aus der IT-Branche, ein Trio aus Vater, Sohn und Opa auf der Suche nach ihren italienischen Wurzeln, zwei Prostituierte, die auch ihr Scherflein zur allgemeinen Verwirrung beitragen, und auch die tolle Jennifer Coolidge ist wieder im Boot und gerät ins Visier einer schwulen Verbrechergruppe. Die Struktur ist aus der ersten Staffel abgekupfert, die Figuren sind weniger originell gezeichnet, der satirische Charakter bleibt aber bestehen und bei der ganzen Sache mitzuraten macht weiterhin Spaß. Gewichtiger Bonus sind die italienischen Schlager als Klangkulisse.
Ein Resort auf Hawaii und darin diese Ansammlung schräger Charaktere: ein Hotelmanager mit Drogenproblemen, ein Flitterwöchler mit Mutterkomplex, seine Gerade-erst-Ehefrau mit Zweifeln, eine einsame alternde Blondine auf der Suche nach Zweisamkeit, eine dysfunktionale Familie mit kontrollsüchtiger Mutter, gewissenbissegeplagtem Vater und schwer pubertierendem Tennagenachwuchs ... Die Gesellschaftssatire The White Lotus von Mike White blickt in den sechs Folgen der ersten Staffel aus dem Jahr 2021 mit sarkastischer Neugier in die individuellen Abgründe seines reichen, aber nicht immer schönen Figurenpersonals. Das sind mit Gusto inszenierte Dialoge und Szenen, die, genau auf den Punkt geschrieben, immer die wundeste Stelle treffen und entlarven, was sich hinter den Fassaden der Figuren verbirgt.
Nach Eingeschlossene Gesellschaft wieder ein Film über den Mikrokosmos Schule, spielt Das Lehrerzimmer aber in einer ganz anderen Liga. Genau beobachtet, klug geschrieben, in realistischen Bildern festgehalten und ausgezeichnet gespielt, zeichnet der Streifen das Drama einer jungen Lehrerin (Leonie Benesch), die einer Reihe von Diebstählen an ihrer Schule auf den Grund zu gehen versucht. Ausgelöst wird dadurch ein Strudel an Verdächtigungen, Vorurteilen und Verlemdungen, in dem ein Wort das andere gibt und sämtliche Versuche, sich in die Haut eines anderen zu vesetzen und offen miteinander zu kommunizieren, wie in einem unerbittlichen Sog ins Leere führen. Ein beunruhigendes Thema, mit großer Konsequenz umgesetzt.
Es hat einige Zeit gebraucht, bis ich in den Kriminalfilm Bad Lands des japanischen Regisseurs Masato Harada hineingefunden habe. Ist es zu Beginn nicht ganz einfach, die Sprünge in der Zeichnung der Charaktere und dem Verlauf der Handlung nachzuvollziehen, macht diese Komplexität aber bald den besonderen Reiz des Films aus. Ein Geschwisterpaar, das gar keines ist, ein Vater, der sich als Peiniger entpuppt, dazu kommen Betrugsfälle, Spielschulden und auch einige Morde; und die im Titel genannte Bar als Rückzugsverortung, an der sich Kaffee mit viel Zucker genießen lässt. Sakura Ando und der J-Pop-Star Ryosuke Yamada beweisen beträchtliche schauspielerische Qualitäten zwischen Stoik und Verzweiflung.
Der Look von The Creator ist grandios. Regisseur Gareth Edwards, der schon mit dem Star Wars-Spin-off Rogue One zu begeistern wusste, gelingt es, futuristische Aspekte und technische Entwicklungen auf eine Weise in realistischen Settings zu verankern, die wundersame und dennoch geerdete Szenerien entwickeln. Nach der Explosion einer Atombombe in Los Angeles befindet sich die Menschheit im Krieg gegen eine künstliche Intelligenz, die vom sogenannten New Asia aus operiert. John David Washington gibt - exzellent wie immer - einen ehemaligen Spezialagenten, der reaktiviert wird, um sich auf die Suche nach dem "Schöpfer" der AI zu machen. Sehr spannend und mit immer wieder neuen Wendungen versehen, weiß der Streifen auf inhaltlicher wie optischer Hinsicht zu fesseln; und endlich einmal eine charakterlich ausgefeilte Figur im Zentrum eines Blockbusters zu sehen, macht Freude.
Ein staubtrockener Sommer in einem Ferienhaus an der Ostsee und ein brennder Frischling auf der Flucht vor einer lodernden Flammenwalze: Roter Himmel betitelt der deutsche Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold dementsprechend auch seinen großartigen Film. Thomas Schubert spielt den schnöseliger und ständig genervter Jungautor Leon, dem das zweite Buch so gar nicht gelingen will, Paula Beer ist die geheimnisvolle Nadja im roten Sommerkleid und nimmt bald den Mittelpunkt des Freundeskreises (Leons Freund Felix und Nadjas Liebhaber Devid finden Gefallen aneinander) ein. Hier ist so viel Unausgesprochenes "zwischen den Zeilen" spürbar, dieser Schwebezustand ist bezaubernd; und was als leichte Sommerkomödie beginnt, wird alsbald zum Drama mit bitterem Ende. Am Schluss regnet es Asche und wir hören die letzten Absätze aus Leons neuem Buch, das die gesehene Geschichte als Thema hat. Liebe und Schmerz und das Leben mittendrin - ein wunderbarer Film.
Letzten Sommer machte das Internetphänomen "Barbenheimer" die Runde; damit gemeint ist der Wettstreit zwischen zwei sehr unterschiedliche Großproduktionen, Barbie und Oppenheimer. Ersteren fand ich schon ziemlich schwach, zweiterer ist meiner Meinung nach Christopher Nolans schwächster Film - was natürlich keinen wirklich schlechten Film meint. Der Regisseur schaffte es nur bisher, uns mit jedem seiner Stoffe zu verblüffen und nie zuvor gesehene bahnbrechende Akzente zu setzen. Die Lebensgeschichte des "Vaters der Atombombe" zieht sich aber über drei Stunden mit (bis auf die Szene der Explosion der Testbombe) fast ununterbrochenem bombastischem Score, dem es sogar gelingt, die schier endlosen Diskussionen, Befragungen und Hearings auf eine Weise voranzutreiben, die uns über weite Strecken in ihren Sog zieht, uns andererseits aber auch schier erdrückt. Cilian Murphy in der Titelrolle und besonders auch Robert Downey Jr. agieren exzellent, doch Nolans Bilder sind diesmal althergebracht und die dazwischengeschnittenen Clips von kreisenden Atomen, sprühenden Funken und Explosionen wirken banal. Am Schluss jedenfalls sehen wir Oppenheimer von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zerfressen, denn in einer früheren Szene geäußerte Ängste um ein globales Wettrüsten sind Realität geworden: "Now, I am become Death. The destroyer of worlds."
Dracula meets Alien und das nicht im Weltraum, sondern auf dem Segelschiff, auf dem der untote Vampir nach London reist. Die letzte Fahrt der Demeter zeigt in meist ziemlich dumklen Bildern, wie pro Nacht einer der Seeleute nach dem anderen dezimiert wird. Das Ganze ist hübsch ausgestattet, jedoch ohne eigene Ideen nach Schema F gestaltet und deshalb völlig vorhersehbar; wahrscheinlich auch deshalb recht langweilig, weil keiner der Charaktere auch nur von annäherndem Interesse ist.
Eine nach dem Suizid ihres Verlobten traumatisierte Polizeikommissionarin auf der Spur eines Serienmörders, der es auf illegale thailändische Arbeiterinnen abgesehen hat: Der Kriminalfilm The Abandoned des taiwanesischen Regisseurs Ying-Ting Tseng zeichnet ein stimmiges Bild einer verzweifelten Frau am Rand des Abgrunds ihres Lebens, von Janine Chun-Ning Chan einfühlsam dargestellt: düstere Spannung mit romantischen Untertönen.
Wohltuend, dachte ich mir über einen weiten Verlauf der Comicverfilmung Morbius, endlich einmal ein Marvel-Spektakel ohne überkünstliche computergenerierte Kulissen, nervtötende Pseudowitzchen und endlosen Bombast. Der wie immer exzellente Jared Leto in der Rolle eines schwerkranken Arztes, der auf der Suche nach einem Heilmittel durch die Vermischung von Menschen- und Fledermaus-DNA zum Vampir mit zwei Seelen in der Brust wird, eine veritable Jekyll-und-Hyde-Geschichte um den Dualismus zwischen Gut undBöse im Kampf um den Wert des Lebens, zudem spannend und in knackiger Prägnanz gestaltet. Doch dann wird alles durch ein gehudeltes Finale ohne Gusto und Pfeffer auf eine Weise abgwürgt, die nahelegt, dass keiner der Beteiligten mehr Lust an der Sache hatte.
Als Lehrer kamen mir bei der Sichtung der Dramödie Eingeschlossene Gesellschaft des deutschen Regisseurs Sönke Wortmann durchaus die eine oder andere Typisierung und Bemerkung bekannt vor. Der Vater eines Schülers, der wegen eines fehlenden Punktes nicht zur Matura zugelassen werden soll, nimmt eine Runde an Lehrkräften eines Gymnasiums als Geiseln und zwingt sie zur Diskussion über Noten, Schulleben und die eigenen Prioritäten - wobei unter den Kolleg:innen bald alle Hemmungen fallen. Leider mündet die Sache alsbald in eine Aneinanderreihung von Klischees, besonders auch, was die erst verspätet zu Hilfe eilende Polizei betrifft.
Mein erster Film im neuen Jahr: Meine fantastische Mutter des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese zeigt Penélope Cruz in der Rolle einer in ihrer unglücklichen Ehe gefangenen Frau, ihr einziger Halt sind die drei über alles geliebten Kinder. Das älteste, Adriana (von Luana Giuliani famos verkörpert), fühlt sich eher wie ein Bursch, was im Rom der 1970er-Jahre nicht unbedingt auf viel Verständnis stößt: "Du und Papa, ihr habt mich falsch gemacht." Ein stimmig ausgestattetes, ruhig erzähltes und einfühlsames Drama über das Suchen der eigenen Identität, das nach Angaben des Regisseurs autobiografische Züge trägt.