Die Bedrohlichkeit des Begehrens

Der talentierte Mr. Ripley (1999)
Die Klavierspielerin (2002)


Eine jazzige, sehr reduzierte, von Miles Davis’ Trompete fast gehauchte Version von „Nature Boy“ bildet den Hintergrund zu dieser schwülen, sexuell aufgeladenen Szene: „There was a boy/A very strange enchanted boy …“ Obwohl hier nur instrumental, glaubt man, die Worte zu hören. Matt Damon und Jude Law spielen Schach, sie sind Tom Ripley und Dickie Greenleaf, der Hochstapler und das verzogene Söhnchen reicher Eltern. Dickie sitzt dabei in der Badewanne, Tom auf dem Rand daneben. Der Dampf, der Schweiß, die Stimmen zu einem Raunen gesenkt, die Schachzüge, dabei die Augen und die Hände in Großaufnahme, die Neugier, das unterdrückte Begehren, die Situation an der Kippe zu etwas Anderem, etwas Unausgesprochenem, Verbotenem. „I’m cold. Can I get in?“, fragt Tom. Ein Abschätzen des Moments, Blicke, die sich treffen, dann schließlich die verneinende Antwort. „I didn’t mean with you in it“, versucht sich Tom zu rechtfertigen, worauf Dickie aufsteht und aus der Wanne steigt. In einem angelaufenen Spiegel beobachtet Tom den nackten Dickie, da dreht sich dieser um, Tom schaut rasch weg. The Hunger (1983) hieß Tony Scotts eigenwilliger Arthouse-Vampirfilm mit Catherine Denauve, Susan Sarandon und David Bowie und bekam den deutschen Titel Begierde verpasst. Beides, Tom Ripleys Hunger, seine Begierde danach, Dickie zu berühren, so wie er oder gar er zu sein, ist in der berühmten Badewannenszene geradezu greifbar.
Später wird Tom Ripley aus eben diesen uneingestandenen Gefühlen morden, er wird Dickie, von dem er sich zurückgewiesen fühlt, mit einem Ruder erschlagen, er wird seine Identität einnehmen und, um sein Geheimnis zu wahren, aus seiner Sicht zwingend weitere Morde begehen. Diese Art der Rechtfertigung der Taten, der Tom am Ende des Films sogar die mögliche Beziehung zu einem Mann opfert, bewahrt ihn vor Gewissens­bissen oder einem Empfinden von Schuld. Patricia Highsmith, die Tom Ripley 1955 erfand, ging es nie um das „whodunit“ der klassischen Kriminalliteratur mit den ihr inherenten moralischen Implikationen, sondern um das „whydunit“, um die Umstände und Motive, die einen unauffälligen Durchschnittsmenschen ins Verbrechen treiben. Die Idee der Schicksalshaftigkeit ist in dieser Logik verankert, dagegen aufzu­begehren wäre zwecklos, und da wir das Innenleben dieser Protagonisten nachvollziehen können, stehen wir automatisch auf ihrer Seite. 
Es ist nachzulesen, dass Highsmith die Gesellschaft von Katzen und Schnecken jener von Menschen vorgezogen habe. Mason Currey berichtet von einer Cocktailparty in London, zu der die Autorin mit einer riesigen Handtasche gekommen sei, „that contained a head of lettuce and a hundred snails“, von denen sie gemeint habe, sie seien ihre „compani­ons for the evening“. Highsmiths misantrophische Züge scheinen in ihren ausführlichen, fast manischen Tagebuchaufzeichnungen ebenso auf wie in den distanzierten Liebesbeziehungen zu Frauen und Männern, aus denen sie oftmals wieder in die Distanz ihres Schreibens flüchtete - es verwundert nicht, dass ihren Charakteren, auch Tom und Dickie, kein erfülltes Liebesleben vergönnt ist.
Patricia Highsmiths Beziehung zu ihrer Mutter war zeitlebens ein kompliziertes, wohl frustrierendes und zweifellos extrem anstrengendes Wechselspiel von Zuneigung und Hass. Angeblich erfuhr sie einmal von ihrer Mutter, dass diese versucht habe, sie durch das Trinken von Terpentin abzutreiben. Ob wahr oder nicht, die Autorin schien ihr Leben lang gefangen in der Zerrissenheit, was ihre Mutter betraf, und setzte diese in der Kurzgeschichte „The Terrapin“ über einen Jungen, Victor, um, der seine Mutter mit einem Küchernmesser ersticht, nachdem diese seine geliebte Schildkröte in kochendes Wasser wirft.
Ähnlich enervierend gestaltet sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tocher in Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin (1983). Der österreichische Regisseur Michael Haneke adaptierte den Stoff mit dem ihm eigenen kühl-distanzierten, klinischen Interesse an den Verstörungen einer menschlichen Versuchsanordnung und der Sezierung der kruden Gefühlswelten ihrer handelnden Figuren. Isabelle Huppert ist die titelgebende Klavierlehrerin Erika, Annie Girardot deren Mutter, mit der sie im Ehebett schläft und in einem bösen Spiel der gegenseitigen Demütigungen und Erniedrigungen gefangen ist. Hinzu kommt Benoit Magimel als junger Klavierschüler namens Klemmer, der sich in Erika verliebt und dem die strenge Lehrerin in einem Brief ihre geheimsten sexuellen Wünsche offenbart: „Wenn ich flehe, dann tue nur so, als ob du es tun wolltest, in Wirklichkeit ziehe die Fesseln bitte noch fester, noch strammer zusammen, und den Riemen ziehe mindestens um 2–3 Löcher, je mehr, desto lieber ist es mir, fester zusammen, und außerdem stopfe mir dann noch alte Nylons von mir, die bereitliegen werden, derart fest in den Mund als es geht und knebel mich so raffiniert, dass ich nicht den geringsten Laut von mir geben kann.“
In einem Sexshop, wo sie an den benutzten Taschentüchern riecht, oder einem Autokino, lebt Erika ihre Begierden voyeuriostisch aus, als es beim Oralsex in einer Abstellkammer jedoch zum direkten Kontakt mit Klemmer kommt, erbricht sie sich und flüchtet vor ihm. Aber sie hat ihr Spiel mit ihm bereits zu weit getrieben, und nun folgt jene Szene, die Haneke mit einer Direktheit und eisigen Brutalität inszeniert, die die Gänsehaut des Betrachters zum Refelex, wegzuschauen, mutieren lässt. Die Ohrfeigen, die Faust, die Klemmer Erika in den Magen rammt, die Tritte, als sie sich vor ihm auf dem Boden krümmt. Das Zitieren aus dem Brief, die brutale Vergewaltigung, und hinter der versperrten Tür die Mutter, die ihrer Tochter nicht zu Hilfe kommen kann. Klemmers Frage nach Erikas Wohlergehen im Schluss daran ist dabei der vielleicht grausamste Aspekt.  
Wo Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber das Schlimmste zu verhindern, mitunter echte Nähe zuzulassen vermocht hätte, führt die Bedrohlichkeit des Begehrens, der Versuch, den nagenden Hunger der Seele zu unterdrücken, zur Blockade des Eingestehens, führt schlussend­lich zu Schmerz und Leid und Tod. Aber es ist wohl genau das, was Figuren wie Tom und Erika so faszinierend macht.