Ins Licht laufen

Die Unschuld



 
Zwei Jungen laufen ins Licht. Zuvor sind sie in einem alten Eisenbahnwaggon gefangen und fühlen sich, obwohl um sie herum ein Tropensturm tobt, frei. Der Wind, der Regen, das Chaos der Natur – die Buben aber haben in dem halb überwachsenen Waggon im Wald ihren ganz persönlichen Zufluchtsort gefunden. Äste trommeln und Tropfen peitschen aufs Dach, doch da sind auch Ryūichi Sakamotos wunderbar ruhige Klavierakkorde, sie konterkarieren die Dramatik der Szene, denn in den Herzen der Kinder herrscht keine Panik, sondern Frohsinn. Die Buben gehen nach vorn ins Fahrerhaus und spähen durch die Scheibe, in ihrer Vorstellung bewegt sich das Gefährt in Richtung ihrer Zukunft.

Über diese Zukunft, die sie miteinander verbringen wollen, haben sich Minato und Yori schon früher Gedanken gemacht, sie haben auch über Wiedergeburt gesprochen, denn das Leben, in dem sie glauben, ihre enge Freundschaft geheim halten zu müssen, weil sie mehr als dies sein könnte, nämlich Liebe, erscheint ihnen wie ein Gefängnis. Hirokazu Kore-eda, der große Humanist des japanischen Gegenwartskinos, nähert sich dieser Selbsterkenntnis der beiden Jungen in seinem Coming-of-Age-Drama Die Unschuld behutsam und über Umwege an. Kore-eda bedient sich der Tradition von Kurosawas bahnbrechendem Film Rashomon – Das Lustwäldchen (1950), der dastellt, wie eine soziale Aktion von unterschiedlichen Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen wird. Hier sind es Minatos Mutter und sein Lehrer, die durch die Lüge des Burschen, in der Schule misshandelt worden zu sein, ihr Leben auf den Kopf gestellt sehen. Wir erleben die Geschichte in drei Akten, den ersten aus der Sicht der Mutter und den zweiten aus jener des Lehrers, erst im dritten Teil des Films erfahren wir den tatsächlichen Hergang der Ereignisse.

Minatos Lüge folgt auf einen Moment, in dem ihm seine Sehnsucht, Yori ganz nahe zu sein, so klar wie nicht zuvor vor Augen steht. Yori gilt in der Schule als Außenseiter, wird von Mitschülern gemobbt und vom Vater beschimpft und geschlagen, nach außen hin, hat Minato ihm eingeschärft, dürfe niemand von ihrer Freundschaft wissen, er hat sich an der Demütigung Yoris sogar beteiligt. Hier im Waggon, mit einer Kette aus Sternenlichtern geschmückt, leben sie aber in ihrem geheimen Reich. Bei einer Jause spielen sie „Wer ist das Monster?“ Dabei halten sie sich Karten vor die Stirn und sollen durch gezielte Fragen herausfinden, welche Rolle sie denn gerade einnehmen. Minato gibt Yori, der die Karte eines Fisches hochhält, den Tipp: „Wenn ein Feind dich angreift, weicht alle Kraft aus deinem Körper und du gibst einfach auf. Du versuchst nichts zuviel.“ Yori, der der Gewalt seiner Umwelt ihm gegenüber tatsächlich nichts entgegenzusetzen hat, bleibt als Antwort nur ein resigniertes Lächeln.

Dazu passt auch, dass sie zuvor beim Schießen mit Steinschleudern auf ihre Zukunft zielen, doch Yori hat dieser pessimistischen Sicht etwas entgegenzusetzen. Die Buben machen sich an die Hausübung, einen Aufsatz über eben ihre Zukunft, da schreibt Yori Minatos und seinen Namen in Zusammenhang vom Glück eines gemeinsamen Lebens. Der Lehrer würde die Aussage ohnehin nicht verstehen, gehen die Jungen gleich wieder einen Schritt zurück. Einige Zeit darauf, die Grillen schreien schon am späten Nachmittag, rückt Yori mit einer schlimmen Wahrheit heraus: Er solle die Schule wechseln, sein Vater wolle ihn abschieben. Er versucht den Freund aber auch gleich zu trösten: Dann brauche er sich keine Sorgen mehr um ihn zu machen. „Ich will nicht, dass du weggehst“, ruft Minato verzweifelt und beugt sich zu Yori. Die Gesichter der Buben sind ganz nah, sie schauen einander in die Augen, Yori umarmt Minato ganz fest und hält seinen Kopf ein wenig zur Seite, dass es fast den Anschein hat, als wolle er seine Bereitschaft zu einem Kuss zeigen: „Ach, Minato.“ Doch dieser stößt ihn jetzt von sich. „Schon okay!“, versucht ihn Yori abermals zu beschwichtigen: „Mir geht es manchmal genauso.“ Da springt Minato auf, stößt den Freund noch heftiger von sich und zu Boden und – man kann es nicht anders ausdrücken – flieht, flüchtet aus dem Waggon.

Nachts spricht Minato dann die Lüge über den Lehrer aus. Er ist nach dem Streit zum Waggon zurückgekehrt, er freut sich über eine Nachricht von Yori und geht ihm durch den Tunnel, der zum Waggon führt, entgegen. Doch wer auftaucht, ist seine Mutter, voller Erleichterung, ihren Sohn gefunden zu haben. Im Eingang zum Tunnel sieht Minato Yori stehen und wieder verschwinden. Und dann, weil er mit dem Chaos der Unsicherheiten in seinem Herzen nicht mehr zurande kommt, dieser Angst, mit seinen Gefühlen Yori gegenüber nicht in dieses Leben zu passen, ja, eine Art Monster zu sein, fällt der Mutter gegenüber die falsche Behauptung vom Missbrauch durch den Lehrer. Minato wird sich später mit der Direktorin seine Schule im Musikraum aufhalten. „Ich mag jemanden“, wird er sich ihr gegenüber öffnen. „Und ich lüge, weil ich’s keinem erzählen kann.“ Und wieder der Gedanke an ein Leben ohne Zukunft: „Sonst kommt raus, dass ich nicht glücklich werden kann.“ Die Direktorin hat ihm ein Blasinstrument gereicht. „Wenn du es nicht erzählen kannst“, schlägt sie vor, „dann blas es raus.“ Es folgen die Töne, die sie erzeugen, sie ziehen aus dem Musikraum über die Schule bis zum Lehrer, der auf dem Dacht steht und angesichts seines ruinierten Lebens nicht mehr ein und aus weiß.

In Soyo Kurakawa als über seine Gefühle völlig verwirrter und aus den gewohnten Geleisen geworfener Minato und Hinata Hiiragi, der ein Lächeln im Gesicht trägt, um sie schrecklichen Wunden seiner Seele nicht sichtbar werden zu lassen, hat Regisseur Kore-eda zwei außergewöhnliche junge Darsteller zur Verfügung; sie befinden sich genau an jener Nahtstelle zwischen Kind und den allerersten Schritten ins Erwachsenwerden, wie sie zuletzt der belgische Filmemacher Lukas Dhont zum Thema seines stillen Meisterwerks Close (2022) machte. Die beiden agieren in rührenden und berührenden Momenten, in denen sich ihre Hilflosigkeit in ihren Augen spiegelt und sie uns direkt am Herzen packen.

Die Ambivalenz der Emotionen der jugendlichen Figuren spiegelt sich auch im Ende von Monster, wie Kore-edas Film im Original treffender betitelt ist. Minatos Mutter und sein Lehrer sind durch den Sturm und den Regen gelaufen, die haben den umgestürzten und halb von Erde verschütteten Waggon gefunden, sie haben versucht, von einer Luke den Schlamm wegzuwischen und sie schließlich mit vereinten Kräften geöffnet. Doch der Waggon war leer und in seinem Boden eine andere Luke geöffnet.
 
Minato und Yori, das sehen wir am Schluss des Films aus dem Blickwinkel der beiden Buben, sind durch diesen Ausgang im Boden des Waggons entkommen, sie kriechen durch einen schmalen Tunnel ins Freie. Dort erwarten sie Sonnenlicht, das durch die Blätter bricht, und das Zwitschern von Vögeln, der Sturm ist abgeflaut. Die Buben laufen los, sie laufen durch wucherndes Grün und sind umgeben von blendendem Licht, sie haben, metaphorisch gesprochen, ihre Widergeburt erfahren, selbst der Weg zu den aufgelassenen Geleisen, die in einer vorigen Szene von einem Gitter blockiert waren, ist frei. 

Die vielerortens diskutierte Theorie, dass die beiden Jungen in Wahrheit zu Tode gekommen sind und sich in einer Art Jenseits befinden, ist nicht von der Hand zu weisen – wirklich kohärent ist die Abfolge der Ereignisse aus Sicht der Erwachsenen und jener der Kinder nicht, da gibt es doch zumindest einen recht klaren Bruch. Da Regisseur Kore-eda dieser Interpretation in einem Interview bei den Filmfestspielen von Cannes widersprochen hat, traue ich mich, bei meiner Sicht zu bleiben: Kore-eda verschiebt die letzte Sequenz des Films in den Bereich des magischen Realismus, in dem sich das Innenleben der Figuren in den äußeren Bildern manifestiert. Durch die Katharsis der Sturmnacht und den Aufruhr der ihr vorangehenden Erlebnisse, die in ihnen wahrscheinlich nicht weniger getobt haben als das Unwetter, haben Minato und Yori schlicht und einfach zu ihrem ganz persönlichen Glück gefunden, zu Mut und Hoffnung und der reinen Freude, beisammen und am Leben zu sein: zur Freiheit, ganz sie selbst zu sein und zueinander und ihren Gefühlen füreinander zu stehen – in diesem hochkomplexen und zum Niederknien schönen Filmkunstwerk. 

Kaibutsu (Monster/Die Unschuld, Japan 2023)