Mein Lesetagebuch 2024
Hier stelle ich meine Gedenken, Ideen und Meinung zu den im heurigen Jahr gelesenen Büchern vor, wobei die bunte Palette von Romanen und Sammlungen von Kurzgeschichten bis zu Sachbüchern reicht.
Insgesamt habe ich im Jahr 2024 49 Bücher gelesen, 14 davon haben mich wirklich beeindruckt. Meine Bestenliste des Jahres in alphabetischer Reihenfolge:
Bakker, Gerbrand: Der Sohn des Frisörs
Boyne, John: Earth
García Marquez, Gabriel: Erinnerungen an meine traurigen Huren
Hynes, James: Ich, Sperling
Ibeh, Chukwuebuka: Wünschen
Kirchhoff, Bodo: Seit er sein Leben mit einem Hund teilt
Kosgaard, Thomas: Hof
Lermebel, Oedro: Torrero, ich habe Angst
Moeyaert, Bart: Bloße Hände
Taylor, Brandon: Die letzten Amerikaner
Taylor, Brandon: Vor dem Sprung
Tijssan, Angelo: An Rändern
Washington, Bryan: An einem Tisch
Washington, Bryan: Dinge, an die wir nicht glauben
Es passiert nur ganz selten, dass ich in einen Roman so gar nicht hineinkomme; bei dem Buch Der Einfall der Geister des afroamerikanischen Autors Randall Kenan war dies aber der Fall. Vielleicht fand die Übersetzung des Textes ins Deutsche auch nur deshalb statt, weil es sich bei Kenan um den Nachlassverwalter des Werks von James Baldwin handelt, der seinerseits derzeit ja ein Revival erlebt. Der Protagonist der Geschichte ist ein junger Mann namens Horace, der in einer Südstaaten-Baptistengemeinde aufwächst und als Gläubiger mit seiner Homosexualität hadert, ein Zwispalt, der in dem unbedingten Wunsch endet, sich mittels eines dämonischen Zaubers in ein Tier zu verwandeln. Was mich als hochinteressante Figur und ebensolches Thema einfing, bekam ich bei der Lektüre praktisch nicht zu fassen. Sorry, hat einfach nicht geklappt.
Der afroamerikanische Autor Brandon Taylor entwirft seine Geschichten als Puzzlespiele der durch Zufälle der Handlung oder Figuren im Vorder- und Hintergrund der Texte ineinander verwobenen Mikrokosmen. Das klingt komplizierter, als es tatsächlich ist, denn Taylor versteht es, die einzelnen Handlungsstränge seiner Romane und Kurzgeschichten auf überaus elegante, unaufdringliche, wie selbstverständlich wirkende Weise miteinander zu verknüpfen. Es handelt sich bei seinen Texten um College-Erzählungen, die Figuren leben in einem solchen Umfeld und versuchen sich, von früheren Erlebnissen, Traumata, Unsicherheit, Selbstzweifel und schierer Angst vor dem Leben heimgesucht, durch ihren Alltag zu schlagen. Einige von ihnen sind schwarz, viele queer, und Charaktere, die in der einen Geschichte irgendwo am Rand vorkommt, können in der nächsten bereits direkt im Zentrum der Handlung stehen. Faszinierend, wie Taylor diese Erzählweise schon in seinem in die Shortlist für den Booker-Preis aufgenommenen Erstlingsroman Real Life (2020) zur Meisterschaft gebracht hat, wenn wir den Studenten Wallace als einzigen Afroamerikaner in einer Universitätsstadt des Mittelwestens auf dem Weg seiner Selbstbehauptung als "einzigem schwarzen Körper in einem weißen Raum" begleiten. Atmosphärisch immens dicht, stilistisch sattelfest, mit keinem Wort zuviel oder zu wenig und so nahe an, man könnte auch sagen: so nahe in den Figuren, dass beim Lesen eine Art knisternde Spannung aufkommt, bei der es sich im Grunde genommen um unser Mitgefühl handelt. Diese Charakterisierung trifft auch auf Taylors weitere Arbeiten zu. In der Sammnlung von klassisch konstruierten short stories mit dem Titel Vor dem Sprung (2021) lässt sich ein junger schwuler Mann nach einem gescheiterten Suizidversuch mit einem Paar ein, das ihm zeitweise als Möglichkeit zur Flucht aus seinen Depressionen, dann aber auch als veritable Bedrohung vorkommt; eine krebskranke junge Frau verzweifelt an der bornierten Sturheit ihres Großvaters; ein Bursch erfährt an seinem 17. Geburtstag, dass sein bester Freund eine Mitschülerin vergewaltigt hat. Ich möchte diese Geschichten als brillante Studien der Suche nach dem Sinn des Lebens bezeichnen. Auch in Taylors jüngstem, eben erst erschienenen Roman Die letzten Amerikaner sind es Studierende in einer verschlafenen Universitätsstadt, die sich mit dem nahenden Ende ihres Studiums konfrontiert sehen - und damit auch mit der Frage, wie sie ihr weiteres Leben denn überhaupt gestalten wollen. Worauf setzen, fragen sich diese Freunde und Liebenden und merken, dass die Verbundenheit zwischen ihnen zuweilen doch nicht so stark ist wie gedacht. Und inmitten des harten Realismus, dem sich Taylor verplfichtet fühlt und in dem auch die Schilderungen von Sex und Gewalt eine große Rolle spielen, keimt für die jungen Leute doch immer auch die Hoffnung, dass das Leben für sie so etwas wie Glück bereithalten könnte: "Was war Glück, wenn nicht dieser Moment, wenn nicht jetzt, genau jetzt, dieser Kreis von Freunden, zusammen zum vielleicht letzten Mal, die sich fanden für diese Zeit, genau diesen Moment. Was waren sie, wenn nicht glücklich?"
Von der Literaturkritik fast hymnisch gefeiert, hat mich Die Inkommensurablen, der Roman der jungen österreichischen Autorin Raphaela Edelbauer, ganz und gar nicht gepackt. Die Ausgangssituation der Erzählung, nämlich das Zusammentreffen von drei sehr unterschiedlichen Charakteren im Wien des Vorabends zum Ersten Weltkrieg, finde ich sehr spannend; aus den Schicksalen des Pferdeknechts Hans, der sich damit konfrontiert sieht, dass seine Vorahnungen tatsächlich vor seinen Augen abspielen, des adeligen Adam, der unter der patriarchalen Härte seines Vaters leidet und statt einer Karriere im Militär eine in der Musik vorziehen würde, und der Mathematikerin Klara, die sich in einer frauenfeindlichen akademischen Welt durchzusetzen versucht, webt Edelbauer in nur wenigen gelungenen Passagen ein Spinnennetz über das Chaos in den Straßen Wiens und den Herzen der Menschen zwischen Kriegseuphorie und Todesangst. Hingegen wird meist in hochgeschraubter Sprache endlos über redundante Themen schwadroniert, was dem Text die Punktgenauigkeit und Intensität und uns die Möglichkeit nimmt, den Figuren wirklich nahe zu kommen. In der Mathematik sind Inkommensurable unwägbare, nicht vergleichbare Größen, in eine solche nicht einschätzbare und greifbare Welt sehen sich die Charaktere geworfen. Das war der einzige Schnittpunkt, den ich als Leser angesichts dieses allzu verkopften Romans mit ihnen hatte.
Nach außen hin vermittelt Freya das Bild einer erfolgreichen und wohlhabenden Ärztin. Sie ist als Chirurgin für Verbrennungsopfer tätig, gilt dabei als überaus kompetent und ihren Patientin:nen gegenber mitfühlend. Hinter dieser Fassade aber verbergen sich nicht nur traumatisierende Vorkommnisse aus ihrer Kindheit, sondern auch ein Geheimnis, das, sollte es ans Tageslicht kommen, ihre Reputation von einem Moment auf den anderen zerstören würde. Freya ist die Protagonistin im dritten Band von John Boyles Tetralogie der Elemente, betitelt Fire. Die Geschichte befindet sich in einem losen Kontext zu den Vorgängern Water und Earth, und Boyle bedient sich abermals einer literarischen Technik, die er beherrscht wie kaum jemand anderer. Er schlüpft in Freyas Haut und lässt sie selbst über ihr dunkles Leben erzählen. So sind wir auf ihrer Seite, wenn sie von Gewalt berichtet, die ihr angetan wird, halten es - bis zu einem gewissen Punkt - aber auch für nachvollziehbar, wenn sie sie selbst anwendet. Erst allmählich werden uns die Zusammenhänge klar und wird das Ausmaß der Verwundungen verständlich, die an ihr geschehen sind und die nun von ihr ausgehen. Das ist als psychologischer Thriller hochspannend und lässt uns dem abschließenden vierten Band der Reihe entgegenblicken; Air wird im Mai des nächsten Jahres erscheinen.
In der Zeit zwischen den Fünfzigerjahren und bis zu seinem frühen Tod Mitte der Achtziger war der Wiener Schauspieler Ernst Meister nicht weniger als "die schönste Stimme Österreichs". Sein Sohn Michael Meister blickt in seinem Roman Das Leben ist Ernst hinter die öffentliche Fassade des Darstellers und Reziteurs und legt dabei die Person eines hypernervösen und von seinen Neurosen geplagten Mannes frei. Besonders intensiv empfand ich jene Passagen, die sich mit Ernsts Kindheit und Jugend befassen, die Beziehung zu seiner harten, kalten, ablehnenden Mutter prägte ihn wohl sein ganzes Leben lang. Diesem Rückblick auf den Vater stellt der Autor die (fiktive?) Geschichte von Ernsts Sohn Jonathan gegenüber, also eigentlich seiner selbst, der im Schatten des Publikumslieblings aufwächst und recht ziellos durch sein Coming-of-Age taumelt. Die Freundschaft - wenn es denn eine ist - zu Sebastian, dem Spross einer reichen Döblinger Familie, die zwiespältigen Gefühle ihm gegenüber, wenn ihn dieser einmal wirklich zu mögen scheint, nur um ihn am nächsten Tag öffentlich zu demütigen, scheint ihm Wege zu weisen, die aber ihrerseits zu keinem Ziel führen. Michael Meister spingt zwischen dem Damals und Heute hin und her und versucht in der Erforschung der Geheimnisse beider Familien in die emotionale Welt einer Vielzahl von Charakteren (zum Vater noch die Mutter, Sebastian, seine Eltern und Schwester) einzudringen, ich hätte eine genauere Erforschung der ungewöhnlichen Beziehung zwischen Anziehung und Abgestoßensein der beiden Burschen noch interessanter gefunden.
Manfred Deix hätte ihn wohl als "Rotzbub" bezeichnet, den jungen Protagonisten aus dem Coming-of-Age-Roman Hof des dänischen Autors Thomas Korsgaard. Er trägt den Namen Tue und verbringt seine Kindheit und Jugendjahre auf der ziemlich heruntergewirtschafteten Schweinefarm seiner Eltern in Jütland. Tue berichtet selbst von seinem kolerisch-aggressiven Vater, der depressiven Mutter und dem kauzigen Rest der Verwandtschaft, später auch von seinem Freund Mike, mit dem er entscheidende Erlebnisse teilt, und seiner besten Freundin, der wilden Iben. Tue redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und das ist meist ziemlich witzig zu lesen. Pro Kapitel schildert das Kind und später der Teenager Tue eine Episode aus seinem chaotischen Leben; immer wieder aber blicken wir auch hinter die Fassade des "frechen" Burschen und entdecken dahinter einen sensiblen Charakter, der verzweifelt nach der Liebe seiner Eltern sucht und sich ganz einfach Mühe gibt, sich inmitten einer Familie, die den Anschluss an die Gesellschaft verloren hat, seine Träume zu bewahren. "Mit Humor und Herz" gehe Tue vor, lesen wir auf dem Buchrücken, und diese Formulierung trifft auch zu; weshalb wir den kommenden beiden Teilen der Trilogie schon erwartungsvoll entgegenblicken.
Wann immer ich auf ein Buch mit dem Titel Magische Momente stoße, das sich mit Filmen beschäftigt, möchte ich es natürlich mit meinem eigenen vergleichen. Im Fall von Rainer Ganseras Werk mit dem Untertitel "75 Meisterwerke der Filmkunst" ist der Eindruck ein zwiespältiger. Auf jeweils einer Doppelseite wird jeder dieser Filme in Wort und Bild präsentiert, wobei die Strukturierung der Beiträge in vier, durch römische Ziffern bezeichnete Teile den Fluss der mit Enthusiasmus und erkennbarer Liebe zum Kino verfassten Texte doch ein wenig stört und an manchen Stellen arg gezwungen wirkt. Die Fotos zeigen stets die erwähnten Szenen, die im Detail beschrieben und analysiert werden, das ist ausgezeichnet umgesetzt. Allein die Auswahl der Filme lässt zu wünschen übrig, was die Eigenständigkeit des Autors betrifft - da wird tatsächlich nur ein Kanon an arrivierten Streifen abgehandelt, den Pfeffer etwaiger wohltuender Überraschungen gibt es nicht. Filmfreunde werden in dem schmalen Band aber sicher gern schmökern und diese magischen Momente (wieder einmal) an ihrem geistigen Auge vorbeiziehen lassen.
Zu Wünschen, dem Erstlingsroman des jungen nigerianischen Autors Chukwuebuka Ibeh, erschien im Spectrum der "Presse" eine derart gehässige und arrogante Rezension, dass mein Interesse auf das Buch sofort geweckt war; dazu kommt ein selten gelungenes Cover. "Wie kann man etwas Schönes beginnen, wenn man schon vorher um seine Endlichkeit weiß", heißt es in dem Roman gegen Ende; der Satz liest sich wie das resignative Resumee der Hauptfigur Obiefuna, der im Nigeria der 2010er-Jahre in dem Bewusstsein aufwächst, "anders" und damit geächtet zu sein, ausgestoßen in einer Gesellschaft, in der Homosexualität strafbar ist. Eine Jugend im Verborgenen, im Dorf und auf der Privatschule, später als junger Erwachsener auf der Uni. Häme, Schläge, Tritte, "Obi" erlebt sie alle am eigenen Leib, lernt mit der Zeit aber, in dieser Umgebung zu bestehen und "unsichtbar" zu werden, wenn er weder ein, noch aus weiß, aber auch immer wieder den Mut aufzubringen, Freundschaften zu schließen. Wünschen - dies als Bezug zum Titel - wird er ja noch dürfen, doch dieses Sehnen nach Gleichberechtigung, danach, Liebe und Beziehungen offen leben zu dürfen, endet immer wieder nur in Enttäuschungen und Angst. Ibeh bringt uns mit seinem Text seinen Protagonisten mit großer Aufmerksamkeit, mit Behutsamkeit und Zärtlichkeit so nahe, wie es schon seit Längerem kein Roman mehr geschafft hat. Er hat damit eine Figur geschaffen, deren Schicksal uns zu Herzen geht; dass sich die "Presse"-Rezensentin nicht in ihn einzufühlen vermochte, verrät uns letztlich mehr über sie selbst als über den wunderbaren Roman Wünschen.
In einer (nicht sehr stark) überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage ist jüngst Martin Hyuns Gebrauchsanweiseung für Südkorea erschienen. Wie sämtliche Bände der Reisebuchreihe bringt uns das Buch das asiatische Land und seine Menschen näher, geht auf leicht lesbare Weise in kurzen Kapiteln auf die Geschichte, die Traditionen und Sehenswürdigkeiten ein - kein Bildband, kein klassisches Guidebook, sondern ein Lesebuch, das Vorfreude auf eine Reise in ein faszinierendes Land macht.
Hin und wieder so ein richtig schöner Abenteuerroman kann schon etwas Herrliches sein. Der von mir geschätzte Autor Ken Follet etwa beherrscht diese Kunst in solchem Maße, dass sich bei all dem "pleasure" nicht einmal ein Hauch von "guilty" einstellt. Ganz anders liegt die Sache bei dem als solchem bezeichneten "historischen Roman" Die erste Fahrt des Orient-Express - kein Wunder, dass sich der Verfasser hinter einem Pseodonym, David Janz, versteckt. Der Titel ist Programm, der belgische Ingenieur und Unternehmer Georges Nagelmackers steht im Mittelpunkt des vohersagbaren Geschehens und ihm ohne Sinn und Funktion der Romancier Jules Verne zur Seite. Noble Passagiere, üble Verbrechen, ein Wettlauf mit der Zeit, politische Verflechtungen - die grauenhafte Prosa wirkt wie teils aus Wikipedia abgeschrieben, teils lachhaft in ihrer Schwülstigkeit. Und das Schlimmste, was man über ein solches Buch sagen kann: Es ist durch und durch spannungslos und langweilig.
Ich bin für die Intensität von Kurzgeschichten ja sehr empänglich. Wenn sie in pointierter Prägnanz in die Tiefe der Psyche von Charakteren vorzustoßen vermögen, unvermittelt, ohne Wenn und Aber und Umwege hin zu einem Moment der Katharsis, dem Gefühl von oftmals schmerzhafter Einsicht in die eigenen Gegebenheiten und jene der Welt, ist das für mich die Esssenz von Literatur. Flannery O'Connor, Faulkner und Hemingway, Katherine Mansfield und Truman Capote - der Vergleich mit solcher Meisterschaft ist wohl fast unfair. Doch so gern ich die Romane von John Boyne lese, seine Short Stories in der Sammlung Beneath the Earth kommen da nicht mit. Trotzdem illustrieren die Geschichten von einem gewaltbereiten Farmer, einem erfolglosen Schriftsteller, dem sexuellem Erwachen eines einsamen Burschen, von Vorurteilen und Vorverurteilungn ein breites Spektrum an Einblicken in die Hoffnungen und Ängsten von Figuren, deren innere Monologe und äußere Handlungen mich beim Lesen bei der Stange halten konnten.
"Mir wurde klar, dass keine Freundschaft je so eng gewesen war wie unsere." Dieser Satz aus Alain Claude Sulzers kurzem Roman Fast wie ein Bruder steht für die Beziehung der zwei wesentlichen Charaktere - und doch gelingt es dem Text nicht, mir dieses heraufbeschworene Gefühl auch tatsächlich zu vermitteln. Eine Bubenfreundschaft im Ruhrgebiet der Siebziger, die unvermittelt - nachdem einer der Freunde, Frank, mit einem anderen Burschen "erwischt" wird - abbricht; erst viele Jahre später, wenige Zeit vor Franks Aids-Tod, entsteht wieder menschliche Nähe zwischen ihm und dem Ich-Erzähler, doch auch diese erscheint mir eher behauptet, als dass ich sie (mit)fühlen konnte. Erst als die Bilder des zeitlebends erfolglosen Malers Frank in einer Berliner Galerie auftauchen, gewinnt die Geschichte ein wenig an Fahrt. In der Kürze lag bei Sulzer schon immer die Würze, nicht nur in seinem Erfolgsroman Der perfekte Kellner (2006) vermochte der Autor daraus mit psychologischem Feingefühl berührende Tiefe herauszuholen. Beim jüngsten Roman ist ihm dies nicht gelungen; die Distanz zwischen den Hauptfiguren blockiert den direkten Zugang auch zu uns Lesenden. So manche schwülstige Formulierung hätte zudem eines strengen Lektorats bedurft.
Mit seinem Jugendroman The Boy in the Striped Pyjamas (2006) wurde der irische Autor John Boyne weltberühmt, sein Wälzer The Heart's Invisible Furies (2017) ist bis heute eines meiner Lieblingsbücher - in Hinsicht Spannung und Dramatik sind Boynes Bücher für mich allerbestes Lesefutter. Konzentriert auf die Hauptcharaktere und auf den Punkt erzählt sind auch die bislang erschienenen schmalen Bände seiner losen Tetralogie zum Thema von Schuld und Sühne und damit zusammenhängend den vier Elementen. Water (2023) schilderte die Geschichte einer Frau Mitte fünfzig, Willow, auf der Flucht vor den Medien. Ihr Mann ist des sexuallen Missbrauchs ans Schwimmschülerinnen schuldig gesprochen, sie selbst zieht sich auf eine kleine Insel zurück, um dort ihren inneren Frieden wiederzufinden - kein einfaches Unterfangen, fühlt sie sich doch für den Suizid ihrer älteren Tochter (mit)verantwortlich. Als sie am Ende des Bandes zum Festland zurückkehrt, sitzt der siebzehnjährige Evan mit ihr im Boot. Er ist denn auch der Protagonist des zweiten Buches mit dem Titel Earth (2024), das fünf Jahre nach dem ersten spielt. Evan ist mittlerweile Profifußballspieler und zusammen mit einem Freund seinerseits des sexuellen Missbrauchs einer jungen Frau angeklagt. Wie es dazu kommt, schildert Boyne als wahre Passion der Zweifel und Selbsverleugnung, als zu Herzen gehende Odyssee der Selbstfindung. Ich konnte den Text nicht zur Seite legen, bevor er in einem Rutsch durchgelesen war. Für den November ist der dritte Band Fire angekündigt.
Warum hält Ward eine tote Ente unter seiner Jacke verborgen und warum ist Betjeman, der grantige Nachbar, dem Buben und seinem besten Freund Bernie trotz der Kälte am Abend des letzten Tages des Jahres auf den Fersen? Die gefrorenen Felder, der Stacheldrahtzaun, der Bach, in dem die Ente schließlich landet und wo sich Betjeman rächt, indem er Wards geliebten Hund zu Tode bringt - die Szenerie, die der belgische Autor Bart Moeyaert in seinem grandios erzählten Kinderbuch Bloße Hände entwirft, spiegelt die Atmosphäre der Unsicherheit und Angst, die zwischen seinem Figurenpersonal herrscht. Im Jahr 1998 mit dem deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, leitet das Buch jedes der kurzen Kapitel mit einer Vignette von Rotraud Susanne Berner ein, die die karge Szenerie zwischen und auf den Höfen am Rande eines kleinen Dorfes skizziert. "Ich wurde seltsam böse im Kopf", heißt es einmal durch Wards Mund, als er sich in seinen Gedanken dem wahren Ablauf der Ereignisse nur kurze Zeit vor dem Tod seines Hundes zu stellen beginnt. Auf grandiose Weise findet Moeyaert Eingang in das Denken dieses vaterlosen Kindes, das, durch Betjemans Avancen seiner Mutter gegenüber völlig verängstigt und verwirrt, einen eigenen Handlungen fast erstaunt wie von außen zusieht. Ein einfühlsames, berührendes, dazu atemlos spannendes Meisterwerk in einfachen Sätzen und höchster Sprachkunst.
Genau an dem Tag, an dem mein Buch Magische Momente jüngst herauskam, stieß meine Frau beim Googeln auf einen Band mit ziemlich ähnlichem Titel: Magic Movie Moments, Autor George Perry, im Jahr 2000 in englischer Sprache im Penguin-Verlag im Großformat erschienen. Selbe Idee, geradezu konträre Umsetzung. Rund 140 prägende Szenen der Kinogeschichte werden in einem und zuweilen auch mehreren Bildern dargestellt, dazu gibt es aber jeweils nur einen ganz kurzen Text, der meist gar nicht sosehr auf den jeweiligen filmischen Moment eingeht, sondern eher banales Basiswissen zu dem betreffenden Film wiedergibt. Übrigens überschneidet sich Herrn Perrys Auswahl nur in dreißig Fällen mit meiner, sie eignet sich als Fotoblätterbuch im Gegensatz zu Magische Momente, das als Leseband konzipiert und auch ausgeführt ist.
Die Konstruktion von Day, dem neuen Roman des Pulitzerpreisträgers Michael Cunningham (The Hours), ist eine faszinierend durchdachte. In drei Teile gegliedert, spielt sich die Geschichte am Vormittag, Nachmittag und Abend des 5. April ab, jedoch in drei aufeinanderfolgenden Jahren. Im ersten, 2019, lernen wir Dan, einen erfolglosen Songwriter, Isabel, eine Fotoredakteuerin, und ihre beiden Kinder Viola und Nathan kennen, die in einem Brownstone in Brooklyn leben, dazu eine befreundene Familie sowie Robbie, Isabels schwulen Bruder, um den sich die Gedanken fast aller drehen, der aber seinerseits nach einer Trennung in erster Linie durch einen fiktiven Instagram-Charakter zu leben scheint. Aus Sicht der einzelnen Figuren nehmen wir an emotionalen Engpässen, an enttäuschten Hoffnungen und der Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe teil. Im Jahr darauf werden sie zum Teil auseinandergerissen, sie finden sich durch einen Corona-Lockdown isoliert und voller Zukunftsangst wieder. Im dritten Teil, der im Jahr 2022 spielt, ist Robbie gestorben, die Familie und Freunde verbringen den Abend, bevor seine Asche in einem See verstreut werden soll, in einer Hütte im Wald, viele Träume sind zerstört, Vorwürfe und Selbstvorwürfe martern die verwundeten Seelen. Cunninghams Text ist plastisch und voller Tiefe und es fallen Sätze, so perfekt wie diese Charakterisierung eines Teenagers: "... Nathan who is no longer his past but not yet his future self ..."
Der Grund, weshalb Tonio Scharingers Roman Echtzeitalter mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, bleibt mir auch nach der Lektüre verschlossen. Der Klappentext verheißt eine "Sprengung" des Genres einer Coming-of-Age-Geschichte, doch das trifft einfach nicht zu. In konventioneller Weise erzählt der junge österreichische Autor vom Leben und Überleben eines Wiener Jugendlichen namens Till in einem elitären Gymnasium; dass es sich dabei um das Theresianum handelt, legen zahlreiche Anspielungen nahe und ist kein Geheimnis mehr. Tyrannische Lehrkräfte, schwierige Schritte der Selbstfindung, eine erste Liebe und dazwischen immer wieder (allzu) lange Passagen, die sich um Tills Passion, das Computerspiel Age of Empires 2, drehen. Vielleicht muss man genau das goutieren, um dem Roman mehr als Durchschnittlichkeit attestieren zu wollen.
In dem nett gestalteten Band Das Schöne. 59 Begeisterungen hat der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier kleine Texte gesammelt, die im Klappentext "mitreißende Schwärmereien" genannt werden. Tatsächlich behandelt der Autor auf jeweils zwei bis vier Seiten von Shakespeare über Mozart bis zu Batmans Joker und Frankensteins unglücklicher Kreatur Menschen und/oder Werke und sinniert über damit verbundene philosophische Ideen, dass es eine Freude ist, seinen intellektuellen und zuweilen auch empathischen Gedankengängen zu folgen.
Die Autobiografie der Filmdiven aller Filmdiven ist nichts für Zwischendurch: Auf rund 1200 Seiten lässt Barbra Streisand in Mein Name ist Barbra ihr Leben und ihre Karriere Revue passieren und plaudert dabei (zuweilen allzu ausführlich) aus dem Nähkästchen. Mal liest sich das als nerviges Namedropping, an vielen weiteren Stellen aber gewinnen wir interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte von Klassikern wie Hello, Dolly! oder Yentl. Die Insidergeschichten vom Broadway und aus Hollywood verblüffen manchmal in der Hinsicht, dass ich nicht gedacht hätte, dass einer Frau mit dem Status und dem Einfluss der Streisand immer wieder gewaltige Stolpersteine in den Weg gelegt wurden und andererseits die psychischen Probleme der Sängerin und Schauspielerin Hemmschuhe an den eigenen Füßen waren. Als Highlights des Buches gelten für mich die zahlreichen selbstkritischen Kommentare zu einzelnen Filmszenen.
Im Suhrkamp-Verlag erschien jüngst eine deutsche Ausgabe eines über zwanzig Jahre alten Klassikers der queeren Literatur, Torero, ich habe Angst. Der chilenische Autor Pedro Lermebel setzt das Schwärmen, das Herzklopfen, ja die Liebe seiner weltvergessenen Heldin, "nicht mehr jung, nicht mehr Mann", zu einem attraktiven Studenten, der sich als Revolutionär entpuppt, in die Aufbruchsstimmung der Proteste gegen die Militärdiktatur Augusto Pinochets im Frühjahr 1986. In ihrer trotzig-selbstbestimmenden, oft auch flatterhaft-poetischen Sprache schildert die Heldin die Wallungen der Politik und ihrer Seele; es ist eine mitreißende Geschichte, in die wir hier gezogen werden, die Akteuere und Akteurinnen wechseln, und durch die unterscheidlichen Perspektiven entsteht das plastische Bild eines Landes und der Umwälzungen, die um die Personen herum und in ihnen vorgehen. Und indem wir den Befreiungsakt der im Chaos ihrer Gefühle gefangenen Protagonistin begleiten, wächst sie uns ans Herz.
Für Filmliebhaber:innen ist der Band Cinema Speculation ein wahres Fest - aber wohl nur für diese. Der Ausnahmeregisseur Quentin Tarantino versammelt darin Essays zu den wichtigsten amerikanischen Filmen der Neunzehnsiebziger, die er selbst als Kind und meist in Doppelvorstellungen gesehen hat. Darin verwebt er detaillierte Analysen eben dieser Streifen, von Dirty Harry über The Getaway bis zu Escape from Alcatraz, mit persönlichen Erlebnissen und Erkenntnissen aus Gesprächen mit Filmschaffenden. Tarantino ist einer, der sozusagen an der Quelle saß und daraus in seiner Sozialisation seinen schier unstillbaren Durst auf alles stillte, das mit dem Medium Film zusammenhängt, und er schreibe mit dem Feuereifer eines echten Filmfreaks.
Da hat der Fischer-Verlag für seine Taschenbuchausgabe aus 2004 des ersten Romans von Gabriel García Márquez mit dem Titel Laubsturm, den er bereits mit neunzehn Jahren schrieb und der im Jahr 1955 seine Erstveröffenbtlichung erfuhr, aber ein besonders hässliches Covermotiv ausgewählt. Schon damals entwarf der Literaturnobelpreisträger in dem für ihn magischem Realismus die Welt von Macondo, die uns später in seinem einzigartigen Roman Hundert Jahre Einsamkeit sosehr faszinieren sollte. Ein alter Oberst, seine Tochter und sein neunjähriger Enkel erzählen aus unterscheidlichen Perspektiven von dem in der Hitze Kolumbiens gelähmten Ort, vom Bürgerkrieg und dem Bananenboom und allerlei seltsamen Menschen, und zwar in einer für García Márquez untypisch knappen Weise. Insofern mutet der Text aus heutiger Sicht wie eine - zweifellos gelungene - Stilübung für das folgende schwelgerische Werk an.
Es ist im Grunde genommen ein wunderbarer Liebesroman, den der US-amerikanische Schriftsteller Bryan Washington mit dem Buch Dinge, an die wir nicht glauben aus dem Jahr 2020 geschrieben hat, und dies, obwohl die Beziehung zwischen dem schwarzen Kindergärtner Ben und seinem Freund Mike, einem Koch mit japanischen Wurzeln, gleich zu Beginn auf der Kippe zu stehen scheint. Trotz großer gegenseitiger Zuneigung glauben sie nicht mehr an so etwas wie beständiger Liebe, dazu steht eine plötzliche räumliche Trennung ins Haus und eines Tages Mikes schroffe Mutter auf Besuch aus Japan vor der Tür; gerade, als Mike eben dorthin aufbricht, um seinen todkranken Vater zu pflegen. Aus wechselnden Erzählperspektiven erleben, nein: fühlen wir in Wahsingtons intensiver Erzählung die Emotionen im Zwiespalt der beiden Männer, nicht miteinander, aber definitiv auch nicht ohne einander leben zu können und zu wollen. Ihre Suche nach einem für sie persönlich passenden Weg aus diesem Schlamassel, als das sich ihr Leben geriert, ist schnörkellos und nicht ohne Humor geschrieben und geht wirklich nahe.
Der deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff wendet in seinen Texten die Vorgehensweise des Um- und Einkreisens an, und zwar, was den Inhalt und die Figuren, als auch die Sprache betrifft, die er Wort für Wort und Satz für Satz hinterfragt - ein Suchender um die Ungewissheit und Gewissheit von Sprache. "Man muss Sätze lieben", hat es Bernhard Schlink, Autor des Weltbestsellers Der Vorleser jüngst in einem Interview auf die Frage formuliert, was es denn brauche, um ein Schriftsteller zu sein: "Man muss die Gestalt und das Gestaltgeben lieben." In diesem Sinne erweist sich Bodo Kirchhoff auch in seinem Roman Bericht zur Lage des Glücks aus 2021 als wahrer Schriftsteller. Ein Mann auf den Spuren einer zerbrochenen Liebe im Süden Italiens mit dem Ziel, das eigene Unglück abzuschütteln, dort die Begegnung mit einer hochgewachsenen afrikanischen Schönheit und die Frage nach dem Eigentlichen und dem, was Bestand haben könnte - der Sog von Kirchhoffs faszinierender Sprachgenauigkeit zieht uns in seine Erzählkunst um das Erkunden der Liebe.
Das arme Buch, habe ich mir beim Lesen des Öfteren gedacht, denn ich musste es bei jedem Umblättern dermaßen verbiegen, um auch den Text am inneren Rand entziffern zu können, dass der Buchrücken danach bereits völlig zerlesen aussah. Was dann aber auch nicht viel ausmachte, denn ein zweites Mal werde ich mir Soldaten des rumänischen Autors Adrian Schiop sicherlich nicht zu Gemüte führen. Als einen "queeren Roman mit Kultstatus" bewirbt der Verlag das Buch; da hat's bei mir aber gar nicht gefunkt. Der ärmste Bezirk von Bukarest, ein unsympathischer Ich-Erzähler und seine Liebe zu einem aus einer Gangsterfamilie stammenden Rom. Was durchaus Potential zu einer romantischen "amour fou" hätte, hangelt sich von einem Saufgelage zum nächsten und suhlt sich in larmoyanter Selbstzerstörung. Dazwischen nichts, darüber hinaus nichts, führt zu nichts.
Eine kleine Bäckerei in Houston, Texas, geführt von einer Familie koreanischer Einwanderer, TJ, der HIV-positive Sohn, und Cam, sein bester Freund von Kindheitstagen an, dessen geliebter Gefährte vor seinen Augen von einem Polizisten erschossen wird - die innere Zerrissenheit und die Verzweiflung, von der das Figurenpersonal von Bryan Washingtons berührendem Roman An einem Tisch geradezu erdrückt wird, könnte nicht größer sein. Und doch ist da die Freundschaft zwischen TJ und Cam, ist die Stütze, die sie einander nicht immer, in entscheidenden Momenten aber doch geben, die die beiden jungen Männer am Leben erhält und ihnen am Schluss des Buches auch so etwas wie einen Weg in die Zukunft weist. Von wechselnden Perspektiven aus nimmt uns Washingtons lakonische und dennoch sehr intensive Erzählweise, die ich fast als phantastischen Realismus bezeichnen möchte, an der Hand und geleitet uns in eine Art von Hoffnungsschimmer, der immer dann, wenn gemeinsam gekocht, gebacken und gegessen wird, besonders greifbar wird.
Der deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff war am Anfang seiner literarischen Tätigkeit ein Meister der kleinen Form, in seinem Spätwerk entwickelte er sich zu einem der dicken Wälzer. Seine Mexikanische Novelle eröffnete mir bei ihrem Erscheinen im Jahr 1984 eine ganze Welt an für mich damals sensationellen Eindrücken, wozu Sprache in Bezug auf ihre Klarheit und Tiefe in der Lage sein kann. Nun, als Unikum inmitten der Romane der letzten Zeit, erscheint mir Nachtdiebe abermals eine Novelle, laut Kirchhoff selbst eine Art Destillat aus seinem Roman Der Sandmann (1992). Der Sinn und Zweck erschließt sich mir nicht, die Vorlage war nur unmerklich länger, Personal, Szenerie und Geschichte, ja ganze Sätze sind ident. Die Suche eines alternden Radiosprechers mit betörender Stimme nach der Babysitterin seines kleinen Sohnes in den Souks von Tunis erweist sich zudem als ziemlich wirr und in der Schilderung der Geschehnisse und Emotionen furchbar redundant.
Als "nah am Monolog geschrieben" wird Gabriel Wolkenfelds Roman Wir Propagandisten gekennzeichnet, und dies mag der hauptsächliche Grund dafür sein, dass ich zu dem Buch, erstmals im Jahr 2015 erschienen und nun neu aufgelegt, keinen Zugang gefunden habe. Wenn mir die erzählende Hauptfigur schon fremd bleibt, verhält es sich mit der Geschichte natürlich nicht anders. Ein junger schwuler Slawist verbringt ein Jahr in Russland, er soll deutsche Sprache und Kultur vermitteln, derweil die Duma sich anschickt, sogenannte "homosexuelle Propaganda" zu verbieten. Dementsprechend im Verborgenen finden Treffen unter Gleichgesinnten in "Themenclubs" statt und herrscht eine Atmosphäre des latenten Misstrauens. Mehr "show" als "tell" hätte die Schilderungen wohl konkreter und anschaulicher gemacht.
Der spanische Ausnahmeregisseur Pedro Almodóvar tritt mit dem Band Der letzte Traum als Autor von Erzählungen in Erscheinung, die nur zum Teil als für sich stehende Kurzgeschichten bestehen können. Wie Almodóvar selbst im Vorwort vermerkt, sind die meisten Texte eng mit seinem filmischen Werk verbunden. Sie ähneln ausgebauten Skizzen oder mit Dialogen versehenen Treatments zu einigen seiner Arbeiten, die ich als großer Bewunderer dann auch in lebendigen Bildern - etwa die Missbrausszene eines Buben durch einen Pater in La mala educacíon ("Der Besuch") oder die Aufführung des Theaterstücks Endstation Sehnsucht im Streifen Alles über meine Mutter ("Zu viele Geschlechtsumwandlungen") - vor meinem inneren Auge ablaufen gesehen habe; in diesem Sinne habe ich die Lektüre genossen, ich bezweifle aber, dass Leser:innen, die mit Almodóvars Werk weniger vertraut sind, damit tatsächlich viel anfangen können.
"Im neunzigsten Jahr meines Lebens wollt ich mir zum Geburtstag eine liebstolle Nacht mit einem unschuldigen Mädchen schenken." Wenn Gabriel García Márquez', der unangefochtene Meister der ersten Sätze, über einen greisen Toren und die überwältigende Macht der Liebe schreibt, kommt dabei pure Poesie heraus. Inspiriert durch die jüngste posthume Veröffentlichung seines letzten Textes Wir sehen uns im August, habe ich den kurzen Roman Erinnerungen an meine traurigen Huren aus dem Jahr 2004 für mich wiederentdeckt. Die zauberhafte Prosa des Literaturnobelpreisträgers trägt durch die Gefühlswelt dieses alten Mannes, dem es genügt, die Angebetete ganze Nächte hindurch nur beim Schlafen zu beobachten, und dem diese tiefe Zuneigung neuen Lebensmut und ungeahnte Einsichten in seine Identität schenkt. Einfach wunderschön.
Was nur in aller Welt ist da in André Aciman gefahren? Nach dem Buch Find Me (2019), der zum Fremdschämen misslungenen Fortsetzung seines Meisterwerks Call Me By Your Name (2007), legt der Autor nun einen schmalen Band mit dem Titel The Gentleman from Peru vor, eine kleine Novelle, durch verschwenderisches Layout und besonders großen Druck auf 169 Seiten aufgeblasen. Das Setting ist Aciman-like, ein Küstenstreifen im Süden Italiens im Sommer, das Zirpen der Grillen in den Olivenhainen, ein einsamer Strand mit den Ruinen eines Leuchtturms. In einem luxuriösen Hotel treffen ein geheimnisvoller älterer Herr namens Raoul und eine Gruppe junger Amerikaner:innen aufeinander, es kommt zum heilenden Auflegen einer Hand, zur Vorhersage der Zukunft und schließlich zum Eintauchen in die Erinnerung an eine Liebe vierzig Jahre zuvor - jedoch nicht in Form ausfomulierten Nacherlebens, sondern ganz simpel als direkte Erzählung Raouls. Und während man der schönen Stimmung wegen noch gnädig über so manche schwülstige Stilblüten hinwegzusehen bereit ist, realisiert man, dass die Sache tatsächlich auf Seelenwanderung und Wiedergeburt hinausläuft, ohne ironische Brechung, ohne Zwischentöne, sondern schlicht und einfach ernst gemeint. In puncto Rufschädigung in eigener Sache hat Herr Aciman einen großen Schritt vorwärts gemacht.
Dass sich der junge Autor Kipling mit einer Pistole und einem Vorrat an Mineralwasser in seinem Arbeitszimmer im Keller verbarrikadiert, um in nur drei Wochen seinen literarischen Erstling fertigzustellen, ist eine frische Ausgangsidee für den Roman Grönland des amerikanischen Schriftstellers David Santos Donaldson. Dass sich dieses Buch mit der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen dem britischen Autor E. M. Forster (Maurice, geschrieben 1914, doch erst 1971 posthum veröffentlicht) und dem wesentlichen jüngeren Ägypters Mohammed El Adl befassen soll, klingt nicht weniger reizvoll. Und auch die Erlebnisse des Marokkaners Mohammed, mit dem sich Kipling nach seiner Flucht aus New York in Grönland anfreundet, muten mir spannender an als Kiplings überspanntes Innenleben, das auf mindestens hundert Seiten zu lang vor uns ausgebreitet wird. Das Schicksal der beiden Mohammeds, detailreicher auserzählt, hätte wohl ein interessanteres Buch ergeben.
Als Freund der Bücher des deutschen Juristen und Autors Bernhard Schlink seit seinem ungeheuren Erfolg mit Der Vorleser (1995) war ich von seinem neuesten Roman Das späte Leben eher enttäuscht. Die sechsundsiebzigjährige Hauptfigur, Martin, wird durch die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs aus seinem gewohnten Leben gerissen; in den zwölf Wochen, die ihm der Arzt als Frist avisiert hat, die es zu nützen gilt, setzt Martin nun alles daran, seiner Frau Ulla und seinem kleinen Sohn David als liebevoller und sorgender Ehemann und Vater in Erinnerung zu bleiben. In seinem gewohnt nüchternen Erzählstil geht Schlinks Introspektive in Martins Gefühlswelt nie ins Sentimental-Kitschige, dies als Pluspunkt; sie bleibt meist aber auch so außen vor, dass sich kaum Berührungspunkte und echtes Mitgefühl eingestellt haben. Ins Banale rutscht die Sache in jenen Kapiteln ab, in denen sich Martin in Briefform direkt an David wendet und ihm seine Lebensweisheiten bezüglich Arbeit, Liebe, Gott und die Welt zu vermitteln versucht.
Als Altherrenlitertaur werden die Romane des deutschen Sprachpräzisisten Bodo Kirchhoff in letzter Zeit immer wieder bezeichnet und das zum Teil nicht von ungefähr. Der Autor ist mittlerweile Mitte siebzig, auch seine Protagonisten befinden sich in diesem späten Lebensabschnitt, dabei steht ihnen die eigene Endlichkeit stets vor Augen. Ein kleines Haus mit Garten auf einem Hang über dem Gardasee, dort wohnt in Seit er sein Leben mit einem Tier teilt ein Mann namens Schongauer, seines Zeichens ehemaliger Darsteller von Nazischergen in Hollywoodfilmen, nach dem Unfalltod seiner Frau mit seiner Hündin, dieses Alleinsein durchbrochen von einer Journalistin mit allzu persönlichen Interviewfragen und einer jungen Reisebloggerin mit fahruntüchtigem Wohnmobil. Kirchhoffs hautsächliche Beschäftigung war immer jene mit der unvermeidlichen Einsamkeit der menschlichen Existenz, vorgetragen mit großer Behutsamkeit im Umgang mit eigenen Gefühlen und denen anderer, und dem (auch späten) Begehren, daraus auszubrechen, nämlich durch nichts Geringeres als die Liebe. Kirchhoff ist ausufernd wie eh und je in seiner Suche nach der Perfektion der Sprache, in der er sich zuweilen auch verliert; doch dann fallen Sätze wie "Eine Liebe fängt an, wenn wir das Glück, das jemand in uns auslöst, nicht länger in Schach halten.", und uns wird klar, jemandem bei der Arbeit zusehen zu dürfen, dem tatsächlich Punktgenauigkeit gelingt.
Von Marlene Dietrich und Joan Crawford über Maria Schell und Audrey Hepburn bis zu Zarah Leander und Bette Davis - es sind große Namen aus der Filmgeschichte, um die sich der deutsche Autor Christoph Dompke in seinem Essayband Alte Frauen in schlechten Filmen kümmert. Doch auch wenn ihn in seiner pointierten Analyse so mancher Mechanismen der Filmbranche und ihres uncharmanten Umgangs mit den alten Damen deren Arbeiten gegen Ende ihrer Karriere und die darin gezeigten Leistungen nicht gerade beglücken, spricht doch in Wahrheit aus den meisten dieser Texte die unbedingte Liebe zum Film und seinen größten Diven. Eine flüssig lesbare Verneigung vor Frauen, deren Blicke von der Leinwand den Autor und nicht nur ihn im Herzen getroffen zu haben scheinen.
In Form eines besonders schön gestalteten Buches erzählt die dänische Autorin Rakel Halsgund-Gjerrild in ihrem Roman Adam im Paradies vom in ihrer Heimat bekannten Maler Kristian Zahrtmann und seinem im Titel des Buches genannten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als skandalös empfundenen Bildes. Ein nackter Mann ist darin von Pflanzen und Früchten eines Paradiesgartens umringt, und während der Fertigstellung des Gemäldes erinnert sich der siebzigjährige Künstler an Episoden aus seinem Leben, die im Klappentext als dekatent bezeichnet werden. Doch kein Funke der hier beschworenen Sinnlichkeit und des behaupteten Eros sind auf mich bei der Lektüre übergesprungen; die Emotionen der Charaktere sind an mir vorbeigegangen, vielleicht, weil die Autorin sie selbst nicht authentisch genug nachempfinden konnte, sondern sich quasi mit einem Blick von außen bescheiden musste. Genauso liest sich dann ihr Text.
Was ich über das neue Buch von Márquez geschrieben habe, trifft auch auf den schmalen Band An Rändern des belgischen Autors Angelo Tijssens zu: eine Erzählung, eine Novelle vielleicht, durch einen verschwenderischen und in diesem Fall recht unschönen Schriftspiegel zu einem Roman aufgeblasen, der der Text nicht ist. Was die Qualität des Buches aber nicht schmälert. Tijssens, dem Drehbuchautor der beiden wunderbaren queeren Filme Girl und Close seines künstlerischen Partners Lukas Dhont, gelingt es nämlich mit schlafwandlerischer Sicherheit, auf so wenigen Seiten ein ganzes Leben vor unseren Augen wachsen zu lassen: Die Rückkehr eines jungen schwulen Mann in den Kindheitsort am Meer nach dem Tod der Mutter, die Erinnerungen an Jahre der Misshandlungen, der Schläge, Schnitte und blauen Flecken, dazu aber auch der Kameradschaft und ersten Liebe zu einem Schulfreund. Den er, trotz der Zaghaftigkeit im Rasen seines Herzens, nun auch wiedertrifft und mit dem er eine Nacht der Nähe und der Zärtlichkeit, jedoch auch des endgültigen Abschieds verbringt. Ein wunderschöner, in seiner Kargheit berührend-poetischer und tieftrauriger Text, der den Fehlgriff der Gattungsbenennung nicht nötig hat.
Die Bücher des kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez haben mich durch mein Leseleben begleitet - ein wahres Universum des phantastischen Realismus mit seiner Sensitivität für sämtliche Sinne des menschlichen Daseins hat sich durch Romane wie Hundert Jahre Einsamkeit (1967) und Die Liebe in den Zeiten der Cholera (1985) für mich aufgetan. Nachvollziehbar deshalb die große Vorfreude, alsnun von einer Neuerscheinung mit dem Titel Wir sehen uns im August zehn Jahre nach Márquez' Tod gemunkelt wurde. Der Autor selbst wollte die Geschichte von einer verheirateten Frau, die jedes Jahr mit einer Fähre zu einer tropischen Insel übersetzt, um dort einen Strauß Gladiolen auf das Grab ihrer Mutter zu legen, und die dort durch die Bekanntschaft mit verschiedenen Männern die in ihrer Ehe vermisste Leidenschaft neu für sich entdeckt, vernichtet und auf keinen Fall publiziert wissen, seine Söhne waren nun anderer Meinung. Doch den Text als Roman zu verkaufen, kommt Hochstapelei gleich; in ungewöhnlich großem Druck samt Vor- und Nachwort ist dies eine auf knapp über hundert Seiten aufgebauschte Kurzgeschichte, eine Novelle vielleicht, die in ihrer farbenprächtigen Stimmung angenehm zu lesen ist, jedoch in einer Sammlung von Erzählungen, wie sie von Márquez ja existieren, besser aufgehoben wäre. Die Leseglücksligkeit von früher stellt sich dabei auch aufgrund einzelner sprachlich eher missglückter Formulierungen nicht ein, da müssen wir uns schon mit wenig Wonne der Erinnerung zufrieden geben.
Simon, Mitte vierzig, ist schwul und Friseur wie schon sein Großvater und Vater. Letzteren hat er aber nie kennengelernt, er ist angeblich 1977 beim Zusammenstoß zweier Flugzeuge auf Teneriffa ums Leben gekommen. Das geruhsame, in den immer gleichen Bahnen verlaufende Leben von Simon gerät ins Wanken, als er sich bei der eherenamtlichen Betreuung von Behinderten in einem Schwimmbad von einem von ihnen, dem achzehnjährigen Igor, angezogen fühlt. Und als ein Kunde, ein Schriftsteller, auf die Geschichte von Simos Vater stößt und mit der Recherche darüber beginnt. Der niederländische Autor Gerbrand Bakker versteht es in seinem wunderbaren Roman Der Sohn des Friseus, diese beiden Ebenen kunstvoll miteinander zu verbinden. Das Schwimmen in vorgegeben Bahnen als Metapher für den Alltag seines Protagonisten: In seinem unaufgeregten Stil reflektiert er das Leben dieses Mannes und seiner Existenz zwischen leiser Melancholie, der grundsätzlichen Zufriedenheit am Leben und nur hin und wieder auch ein bisschen Einsamkeit; dabei entwickelt er in stillen Szenen und den Geheimnissen, die sich dahinter verbergen, einen wahrlich mitreißenden Lesesog.
Ingrid Noll, die überaus erfolgreiche deutsche Autorin, ist auch mit ihren achtundachzig Jahren produktiv wie eh und je. Fast jedes Jahr kommt ein neues Buch heraus, im Diogenes-Verlag gewohnt schön gestaltet. Immer wieder freue ich mich darauf, obwohl der Krimi-Aspekt der Romane seit Nolls beeindruckenden Debüt mit der Hahn ist tot (1991) immer mehr in den Hintergrund tritt. Gruß aus der Küche ist der neueste Roman betitelt, geht es ja um das vierköpfige Figurenpersonal eines veretarischen Restaurants namens "Aubergine". Und wieder ist es so wie immer: Die Autorin beginnt zu erzählen und es ist, als hätten wir uns im gemütlichen Wohnzimmer oder auch der nicht minder gemütlichen Küche der mit viel Ironie ausgestatteten Tante Ingrid eingefunden, die uns mit ihren Geschichten das gewohnte heimelige Gefühl einer Teegesellschaft vermittelt. Auch wenn die Handlung immer dünner zu werden scheint und nicht alle Charaktere stimmig getroffen sind (an einer Siebzehnjährigen überhebt sich Frau Noll diesmal), möchte ich die wohlige Stimmung dieser Bücher nicht missen.
Ich habe den Roman Damals im Sommer des deutschen Autors Florian Gottschick als nette Nebenbei-Unterhaltung zu lesen begonnen, das Thema einer ersten Liebe in den Ferien Ende der Neunzigerjahre klang ansprechend. Die sich schüchtern anbahnende Freundschaft mit einem anderen Burschen, erste Erfahrungen in den Dünen, kleine Rivalitäten mit dem älteren und viel cooleren Bruder, die Selbstfindung in der eigenen Homosexualität - die Rezensionen waren allenthalben sehr positiv. Gestolpert bin ich dann schon bald über so manche krasse Stilblüten: "An diesem Tag umschmiegte mich die Hitze wie ein aufdringlicher Liebhaber, dessen allgegenwärtige Hände in Übergriffigkeiten umzuschlagen drohten." Das tut weh! Die Handlung fließt dann aber locker und unterhaltsam dahin, bis der Autor gegen Ende anscheinend mehr will und die Geschichte mit einer Reihe weiterer Probleme überfrachtet. Und wo er tiefgründig zu sein versucht, kommen wieder die Stilblüten. In den richtigen Händen könnte ich mir die Erzählung aber gut als melancholischen Sommerfilm vorstellen.
Ein junger schwuler Dachdecker auf der Walz und dabei auf der Suche nach Freundschaft, Sex, Liebe und in erster Linie nach sich selbst, und das alles angesiedelt in den Jahren 1978/79: Da hoffte ich auf, wie vom Klappentext versprochen, eine atmosphärisch stimmige erzählung über das "Entkommen aus dem tristen Schweigen der westdeutschen Vorwende-Provinz in die gelöste Rhetorik eines freien Geistes". Leider hat mich der Roman Der Spunk von Michael Roes aber nicht gefunden; das mag an dem flapsisgen deutschen Dialekt liegen, in dem Gabriel, mit naivem Staunen über Frankfurt und West-Berlin bis nach Südfrankreich unterwegs, über sich erzählt und an der immergleichen Redundanz seiner Erlebnisse. Das Buch lässt für mich jeden Charme vermissen, tut mir leid, zu den Charakteren wollte sich beim lesen keine Nähe einstellen, und so war es mir gegen Ende auch ziemlich egal, ob es was wird mit Gabriel und "Pille" aus Berlin.
Nach ihrem großen Erfolg mit dem Roman Engel des Vergessens war es etliche Jahre lang eher still um die Autorin Maja Haderlap. Nun legt sie mit Nachtfrauen ein Buch vor, das sich drei Generationen Südkärntner Frauen mit slowenischen Wurzeln widmet. Mira kehrt in das Dorf ihrer Kindheit und Jugend zurück, ihre alte Mutter Anni soll auf den Umzug in ein Pflegeheim vorbereitet werden, deren Mutter wiederum wurde von den Gräuel des Krieges heimgesucht. Ihr Ringen mit prekären Lebensumständen, unabwägbaren politischen Entwicklungen und patriachalischen Lebensformen führen zu jenen kleinen und größeren Tragödien, in denen ihnen die ersehnte weibliche Autonomie zuweilen als unerreichbar erscheinen mag. Haderlaps Sprache ist konzentriert und fern pathetischen Überschwangs, dringt aber tief in Mias und Annis Charaktere ein und lässt uns an ihrem Leben und den Erinnerungen an das teilhaben, was früher war und sie zu den Frauen gemacht hat, die sie heute sind.
Der Sauhund aus dem Titel heißt Flori, ein laut Verlagstext junger Mann, "der so lange fortläuft, bis er selbst bei sich ankommt." Der junge Bad Tölzer Autor Lion Christ hat seinen Debutroman im Jahr 1983 und später angesiedelt, wobei ich die Szenen vor Floris Flucht aus der Enge eines Kaffs in die Großstadt München besonders gut beschrieben fand. Zu Beginn hat Flori gerade seinen Zivildienst hinter sich gebracht und im Schulfreund Gregor eine erste Liebe gefunden. Er weiß insgeheim aber nur eins: Er muss weg von der Mutter, die ihn zu erdrücken droht, vom biederen Vater und einem Umfeld, in dem er keinen blassen Schimmer von den Möglichkeiten seiner Zukunft hat. Diese Passagen sind pointiert gestaltet, die Dialoge im Dialekt sitzen, die Charaktere sind glaubhaft. In München wird die Szenerie klischeehafter. Flori trifft auf das schwule Leben, in Clubs und auf Klappen macht er mit Drag Queens, Drogen, unverbindlichem Sex, Freiern und den ersten schwarzen Wolken einer neuen Krankheit namens AIDS Bekanntschaft. Simplicissiumus, der er eigentlich ist und immer bleiben wird, ist er aber nur von der Sehnsucht nach dem einen "richtigen" Menschen beseelt. Als er diesen im letzten Teil des Buches kennenlernt und sich in seiner Unsicherheit und großen Verletzlichkeit vorerst gegen eine engere Beziehung stemmt, weiß das Buch, wissen sein Ton und die liebenswert-unbeholfene Hilflosigkeit seiner Charaktere mit berührenden Momenten wieder zu überzeugen.
Wenn er wieder einmal eine ganze Nacht lang von älteren Männern missbraucht wird, sieht das Knabe Antinoos sich selbst als Vogel, der aus seinem Körper fliegt und von hoch oben das grausige Treiben wie von außen verfolgt. Ich, Sperling heißt demnach auch der historische Roman von James Hynes. Antinoos wächst als namenloses Waisenkind in einem Bordell in einem römischen Ort an der spanischen Südküste auf. Einige der Prostituierten, fast allesamt Sklavinnen, kümmern sich um ihn wie Mütter, doch er erfährt Zwang, Gewalt und Schmerz am eigenen Leib - ein Leben in Elend ist ihm vorgezeichnet, besonders, als er älter wird und nun selbst Freiern gefügig sein muss. Ich, Claudius, Kaiser und Gott nannten sich der Roman von Robert Graves (1934) und die dazugehörige erfolgreiche Fernsehserie (1976), in der ein alter Mann, in diesem Fall eben der Kaiser Claudius, Rückschau auf sein Ldeben hält. In Ich, Sperling ist es der alte Sklave, der sich an die Vergangenheit erinnert, mit dem Unterschied, dass nur die Kindheit des gepeinigten Protagonisten abgedeckt wird - vielleicht ist ja eine Fortsetzung geplant. Dieser kann man mit Interesse entgegensehen, denn Hynes schöpft bei seiner Erzählung aus dem Vollen, seine Sprache ist bildreich und die Antike entsteht vor unseren Augen mit fast zum Angreifen anschaulicher Lebendigkeit. Ein Roman über die Traumata der Gedemütigten und Entrechteten, aber auch über die Zärtlichkeit und Liebe, die zwischen diesen Figuren entsteht, und deren unbedingten Willen zu überleben.
Die Herbstnovelle der deutschen Autorin Jana Walther ist die Fortsetzung ihres Romans Im Zimmer wird es still, dessen damalige Veröffentlichung ich direkt mitverfolgen konnte. Ich fand ihn damals und finde ihn heute zärtlich, traurig und, obwohl es sich um das Thema von Krankheit und Tod dreht, lebensbejahend. In dieser Weise hat mich auch Herbstnovelle berührt. Jana Walther beschreibt auf unaufdringliche, leise und wahrscheinlich gerade deshalb so intensive Weise die Hochzeit von Peter und Andreas am Krankenbett und den bald darauf folgenden Krebstod von Peter. Sie beschreibt aber auch den Weg, den Andreas in den Wochen und Monaten darauf geht, seine Trauer, seine Verlorenheit in der Welt, die täglichen Verrichtungen, die Zwiegespräche mit Peter an dessen Grab - und dann, ganz allmählich, seine Annäherung an Mark, der vom besten Freund zu mehr wird. Das ist gefühlvoll und geradezu behutsam geschildert: als Weg zurück ins Leben.
Weil er erfährt, dass sein Sohn auf eine Eliteschule der Nazis aufgenommen werden möchte, kommt Franz Schindl eine Dreiviertelstunde zu spät in die Fabrik - und wird noch im letzten Kriegsjahr 1945 eingezogen. In wunderbarer, auf raffinierte Weise einfacher Sprache und unter Einbeziehung von entdeckten Feldbriefen seines Großvaters entwirft der hauptberuflich als Dermatologe tätige Dr. Andreas Schindl in Die Verspätung das Bild einer Kindheit und Jugend in der Härte des ländlichen Lebens in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Es gelingt ihm, auf nur etwa 120 Seiten eine in sich abgerundete historische Erzählung zu gestalten, die in weiten Teilen auf den Biografien von Mitgliedern seiner Familie beruht: Wie einige wenige dahingesagt Sätze ein Leben völlig verändern können, weiß uns tief zu berühren. Zudem ist das Büchlein überaus schön gestaltet.
Im fünften Band der Heartstopper-Comicsreihe sprechen Charlie und Nick zueinander die drei schwerwiegenden Worte aus und müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie mit einer räumlichen Trennung, begründet durch die Wahl Besuch eines weiter entfernten Colleges, durch den älteren Nick zurande kommen können. Liebenswert und zart wie gewohnt, erzählt Alice Oseman ihre schwule Liebesgeschichte auf altersadequate und warmherzige Weise; das ist nicht so frisch gelungen wie in den ersten Bänden, vermag Lesenden aber dennoch ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.