Aufblende - Eine Initialzündung
Jaws (USA 1975)
Soweit ich mich erinnern kann, gab es vor Steven Spielbergs Jaws keinen Film, zu dem ein Trailer im Werbefernsehen lief. Als der Streifen nach Österreich kam, hatte ich gerade erst ein zweistelliges Alter erreicht und dachte nicht einmal in meinen wildesten Vorstellungen daran, ihn im Kino sehen zu können. Meine Möglichkeiten waren damals ziemlich eingeschränkt und bezogen sich in erster Linie auf die Sonntagnachmittagsvorstellungen im Bahnhofskino der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. Diese orientierten sich in der Programmgestaltung an Kindern und Jugendlichen. Zu sehen gab es – zumindest im Rückblick – primär die japanischen Godzilla-Streifen, die in hiesigen Breiten noch nicht den heutigen Kultstatus genossen, und die populären deutschen Karl-May-Verfilmungen um den edlen Winnetou und seinen Blutsbruder Old Shatterhand. Wenn der Riesensaurier in als solche deutlich erkennbaren Kulissen eines Mini-Tokio wütete, war das für mich Spannung pur; und wenn Stewart Granger als grau melierter Old Surehand, die Flinte betont lässig in der Armbeuge und ohne richtig zu zielen, die Gangster von einem Zugdach schoss, war ich im Anschluss an die Vorstellung noch stundenlang mit dem Nachspielen der Szene beschäftigt.
Was Jaws betraf, genügte vorerst der Trailer, um meine rege Fantasie anzukurbeln. Ich saß damals oft lang vor dem Fernsehapparat, nicht wegen der Programme, sondern wegen der Werbeblöcke dazwischen. Wobei es ungewiss war, ob der Trailer an diesem Abend überhaupt laufen würde. Wenn es dann wirklich so weit war, wenn zu der Kamerafahrt durch Unterwasserpflanzen dieses herrlich schaurige Thema von John Williams einsetzte und dann in immer rasanteren Schnitten ein Stakkato der Spannung erzeugt wurde, ohne dass das für den Titel verantwortliche Ungeheuer auch nur einmal zu sehen war, war dies einer der entscheidenden Momente, aus denen meine Liebe zum Film und zum Kino geboren wurde.
Spielberg stellte mit seinem Film das Genre des Spannungskinos auf den Kopf wie sonst nur Hitchcock zuvor und schuf den ersten Blockbuster der Kinogeschichte – und ja, damals war ein solcher meist noch eine innovative und spannende Angelegenheit. Es ist erstaunlich, wie perfekt Jaws auch heute noch als Provokation dessen funktioniert, was jederzeit aus den Tiefen des Meeres wie aus jenen unseres Unterbewusstseins aufsteigen und unser Leben, wie wir es im Griff zu haben glauben, von einem Augenblick auf den anderen infrage zu stellen vermag. Da ist die legendäre Eröffnungsszene, in der eine nackte blonde junge Frau bei ihrem Mondscheinbad attackiert und im Wasser herumgewirbelt wird, wobei der Angreifer noch gänzlich unsichtbar bleibt. Da bricht Panik am Strand aus, als eine Haiflosse gesichtet wird, die Schwimmer versuchen, aus dem Wasser zu kommen, und scheren sich dabei nicht um Kinder und andere Badende, eine Szene, die Todd Field in seinem psychologischen Filmdrama Little Children (2006) auf grandiose Weise reflektiert, wenn er einen Pädophilen im Freibad in einen Pool mit Kindern steigen lässt. Da gibt es ironischen „comic relief“, wenn der Seebär Robert Shaw und der Meeresbiologe Richard Dreyfuss auf dem Boot, mit dem sie sich gemeinsam mit Roy Scheider alias Polizeichef Martin Brody zur Haijagd aufgemacht haben, in einer Art Wettbewerb einander ihre Wunden präsentieren. Doch die Stimmung schwenkt um, als Shaw mit glänzenden Augen und unheimlicher Ruhe in der Stimme vom Sinken der USS Indianapolis während des Zweiten Weltkriegs und den darauffolgenden Haiattacken auf die Überlebenden erzählt. Wenn dann der Kampf der drei Männer gegen den Hai ausbricht, wenn die Musik unsere Emotionen aufpeitscht und das Ungetüm den Käfig demoliert und dann das ganze Boot, wenn Robert Shaw ihm ins offene Maul rutscht und Brody schließlich auf dem Mast des sinkenden Schiffes liegt und auf das Ungetüm schießt, das ihm durchs Wasser entgegenpflügt, sind die einzelnen Momente längst zu grandiosem Gänsehautkino verschmolzen, das besser, packender, effektiver wohl nicht inszeniert werden könnte.
Im Finale des Films explodiert der monströse Hai, weil Brody es schafft, die Druckluftflasche, die das Ungetüm zwischen den Zähnen hat, zu treffen. In meiner Kindheit genügten einige kurze Ausschnitte im Fernsehtrailer für eine Initialzündung, die in mir als Zuschauer stattfand: für den Urknall meiner lebenslangen Liebe zu den bewegten Bildern, von denen ich, das war mir klar, mehr, viel mehr, wollen würde. Davon erzählt diese kleine Zusammenstellung einiger meiner persönlichen und in diesem Sinne unter ganz subjektiven Kriterien ausgewählten Lieblingsszenen.