Mich wundert, dass ich so traurig bin

Little Children (2006)
Mysterious Skin
(2004)


Dass er von Außerirdischen entführt worden sei, so erklärt sich Brian die Zeitphase von fünf Stunden im Sommer, als er acht Jahre alt war, über die er keine Erinnerung hat und nach der er sich mit blutender Nase im Keller seines Elternhauses wiederfand. Was tatsächlich geschah, dass Brian nämlich von seinem Baseballtrainer missbraucht wurde, hat er verdrängt. Basierend auf dem Roman von Scott Hein verfolgt Gregg Akaris Mysterious Skin Brians Leben der Unsicherheit und Selbstzweifel bis zum Alter von neunzehn Jahren, nun macht er sich auf die Suche nach der unbequemen, der erschütternden Wahrheit. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin,/ein Märchen aus uralten Zeiten, das geht mir nicht mehr aus dem Sinn.“ - Heinrich Heines Verse aus seinem Gedicht „Lorelei“ (1822) skizzieren einen Hintergrund, wie er auch für Brian zutreffen mag. Eine Jungfrau mit goldenem Haar sitzt darin auf einem Berg über dem Rhein und betört die Schiffer mit ihrem sirenenhaften Gesang. Die Konsequenz dieser Verwirrung: Schiffer und Khan werden von den Wellen verschlungen. Brians Traurigkeit, seine Alpträume und die wiederholten Blackouts sind direkte Zeichen der Wunden, die das Horrormärchen aus seiner Kindheit, diese Nacht des Missbrauchs in ihn geschlagen hat.
Doch Brian ist nicht das einzige Opfer, um das sich der Film auf unverblümte, sensible, nachhaltige Weise kümmert. Der Baseballcoach hatte einen Lockvogel: Neil, der ohne Vater aufwachsen muss, weiß schon als Kind, dass er schwul ist und verliebt sich in den Trainer, der für ihn eine Art Ersatzvater wird. Als dieser am Ende des Sommers die Kleinstadt verlässt, driftet Neil ohne Basis und Ziel durchs Leben. Bei seinen ersten Versuchen als Stricher wiederholt er wie im Zwang die Erfahrungen mit dem Coach, doch es sind zwei unglaublich intensive Momente, die Neil aus dem Gewohnten reissen und ihn zwingen, sich seinen verdrängten Emotionen zu stellen; die psychische und seelische Reinigung als Wirkung der persönlich erlebten Tragödie weist ihm den ersten Schritt zu einer Änderung seines Lebens.
In New York gerät Neil an einen Freier, dessen Körper von Melanomen überwuchert ist. „Don’t be worried“, beruhigt der Mann Neil, als er dessen erschrockenen Gesichtsausdruck sieht, „this is gonna be the safest encounter you ever had.” Und er bittet ihn: „If you could just rub my back. Really, I need to be touched.” Im ersten Moment zuckt der Todkranke vor Neils Händen zurück, so ungewohnt ist es für ihn geworden, von einem anderen Menschen berührt zu werden. Doch dann seufzt er dankbar auf: „Yes, yes, yes. Make me happy …“ Ein krasser Schnitt in die Gegenwelt dieser Erfahrung führt Neil kurze Zeit darauf in die Gewalt eines Kunden, der ihn zwingt, Drogen zu nehmen, der ihn  beschimpft und ihm ins Gesicht spuckt und ihn schlägt und misshandelt. Neil sucht Schutz im Badezimmer, doch der Mann folgt ihm, prügelt ihn nieder und vergewaltigt ihn aufs Brutalste in der Wanne. Blutüberströmt wacht Neil später auf der Straße auf. „Mom“, ist sein erstes Wort.
Die letzte Szene des Films führt die beiden Protagonisten, dargestellt von Brady Corbet und dem brillanten Joseph Gordon-Levitt, an den Ort des Missbrauchs zurück. Brian und Neil brechen durch ein offenes Fenster in das Haus ein - der Trainer ist längst fortgezogen, die Familie, die jetzt dort wohnt, nicht daheim. „I felt honored“, beschreibt Neil sich selbst als Achtjährigen, der im Coach einen Menschen gefunden zu haben glaubte, dem er wirklich etwas bedeutet. Das abendliche Baseballspiel, der plötzlich einsetzende Regen, die Eltern, die ihre Kinder nach Hause bringen, nur Brian, um den sich niemand kümmert - Schritt für Schritt, Bild für Bild führt Neil Brian in die Vergangenheit mehr als zehn Jahre zuvor zurück. Immer wieder fragt er nach, ob Brian bereit sei für das, was nun komme, immer wieder drängt ihn dieser, weiter zu erzählen. Und dann die Szenen des Missbrauchs, in deren Inszenierung sich Akaris großes Feingefühl beweist, aber auch seine Bereitschaft, die Dinge wirklich beim Namen zu nennen. Als der Schmerz Brian zu überwältigen droht, legt er seinen Kopf an Neils Schulter, da nimmt draußen vor der Haustür eine Gruppe von weihnachtlichen Sängern Aufstellung. „Stille Nacht, heilige Nacht“ - die Melodie und die Worte hüllen Brian und Neil ein, die beisammen auf dem Sofa sitzen, und die Kamera zieht sich von ihnen zurück, als würden sie in die sie umgebende Dunkelheit entfliegen.
Vom Schicksal des Baseballtrainers, des pädophilen Täters, erzählt uns der Film nichts, diese andere Perspektive ergreift Tod Fields Little Children. Ja, das ist der Film, in dem Kate Winslet und Patrick Wilson auf der Waschmaschine echt heißen Sex haben. Es ist aber auch der Film, der einen einzigartig sarkastischen Kommentar zum Thema Pädophilie abgibt. Wegen der Entblößung vor einer Minderjährigen war Ronald (gleichermaßen verschreckt und beängstigend: Jackie Earle Haley) zwei Jahre in Haft, nun lebt er bei seiner Mutter und versucht, ein normales Leben zu führen. Fast tut er uns leid angesicht des Terrors, mit dem ihn ein sogenanntes „Komitee beorgter Eltern“  unter Druck setzt. Wenn er mit Flossen und Schnorchel im Pool des öffentlichen Freibades taucht, schwankt die Szene im Zwiespalt zwischen seinem Wunsch nach einem normalen Leben und danach, das tun zu können, was alle tun, und dem unbehagliche Gefühl, das uns angesichts seiner Blicke unter Wasser beschleicht. Als er erkannt wird, breitet sich Panik aus, eine böse Referenz zu der Szene in Der weiße Hai, wenn alle schreiend aus dem Wasser flüchten. Ronald taucht schließlich auf, der Pool um ihn herum ist leer, am Rand stehen die Eltern und ihre Kinder und starren auf ihn wie auf ein Ungeheuer. „I was only trying to cool off!“, ruft Ronald ihnen zu, als er von zwei Polizisten fortgeführt wird. 
„Mich wundert, dass ich so traurig bin …“ - Brian und Neil sind sich des Grundes für ihre Traurigkeit bewusst geworden, vielleicht gelingt es ihnen nun, dieses Gefühl, das ihr Leben bislang bestimmt hat, zu akzeptieren, und damit letztlich auch sich selbst, vielleicht wird ihnen die Nähe, die sie an diesem Weihnachtsabend zueinander gefunden haben, eine Hilfe sein. Für Ronald hingegen gibt es nichts, das sich zu hoffen lohnt. „Please be a good boy“, lautete der letzte Wunsch seiner Mutter, bevor sie an einem Herzanfall stirbt. Schluchzend kauert er gegen Ende des Films auf einer Schaukel im nächtlichen Park. „She’s gone”, schluchzt er. „Mummie is gone.“ Und weiter: „She loved me. She’s the only one.“ Ronald sieht für sich, so wie er ist, keine Zukunft. Und um dem Wunsch seiner Mutter, die ihm alles bedeutet hat, auch wirklich entsprechen zu können, zieht er eine unwiderrufliche Konsequenz. Als er auf der Kinderschaukel im Park sitzt, hat er sich bereits selbst kastriert.