Vom Anhalten der Zeit

The Walking Dead (ab 2010)
X-Men - Vergangenheit ist Zukunft (2014)



„Werd ich zum Augenblicke sagen:/Verweile doch! Du bist so schön!/Dann magst du mich in Fesseln schlagen,/Dann will ich gern zugrunde gehn!“ Die Sätze, die Goethe seinem Faust in den Mund legt, der Abschluss eines Vertrags mit Mephistopheles, die Wette, dass es diesem nämlich nicht gelingen würde, ihn, den Faust, von seinem Streben nach Wissen abzubringen, der Abschied in die Bequemlichkeit als ersten Schritt ins Verderben – es ist kein Bild der Idylle, der uns hier vor Augen steht. „Expect poison from standin water“, heißt es an einer Stelle von William Blakes Gedicht „The Marriage of Heaven and Hell“. Darin wird die Idee des Ausgleichs zwischen Vernunft und Leidenschaft beschrieben, die aber, entgegen aller Wunschvorstellungen, eigentlich Stillstand bedeutet und jegliche menschliche Entwicklung vergiftet. Am Ende seines an Ereignissen und Erkenntnissen nicht armen Lebens, hat Faust als alter Mann die Vision einer Gesellschaft freier Menschen; da sieht er vor seinem inneren Auge den Moment gekommen, an dem er die  gefährlichen, wenngleich auch so ersehnten Worte aussprechen könnte: Dass der Augenblick ob seiner Schönheit nicht vergehen solle.
Freilich bleibt er bei Goethe ein utopischer, ein konjunktivistischer, ein Gefühl von dem, was sein könnte; Fausts Genuss des perfekten Moments ist ein intellektueller, ein auf die Vorstellungskraft bezogener. Whitney Houstons „Moment in Time“ ist da schon gegenständicher und im dazugehörigen Musikvideo besonders auf sportliche Höchstleistungen bezogen. Bei den filmischen Charakteren aus dem fantastischen Genre, auf die uns hier besinnen wollen, sieht solcherart Magie hingegen ein wenig anders aus: Ihnen geht es schlicht und einfach um einen Moment, wie herausgeschält aus der Realität, die sie umgibt, einen Moment der absoluten Ruhe in sich selbst und dabei um den Genuss des Gefühls, ganz einfach sie selbst und am Leben zu sein. Und dies anzusehen macht verdammt viel Spaß, wenn es sich dabei um die Filmreihe rund um die X-Men und um die Fernsehserie mit den wandelnden Toten handelt.
Die Mutantentruppe rund um Professor Xavier und seinen Erzrivalen Magneto aus dem Universum der Marvel Comics bringt es seit Bryan Singers erstem filmischem Eintrag aus dem Jahr 2000 bereits auf eine ganze Reihe von Kinoauftritten. Der neueste, im Original elegant Days of Future Past betitelt, stürzt sich in den Strudel eines Zeitreiseplots, wodurch ein wunderbarer Cast aus älteren und jüngeren Darstellern wie Patrick Stewart und Ian McKellen einerseits sowie James McAvoy und Michael Fassbender als ihre jüngeren Verkörperungen auf der anderen Seite zusammenfindet. Und in all dem Superheldenbombast gibt es diese eine herrliche Szene, dieses Anhalten von Atem und Zeit, dieser von seiner ersten Sekunde an bereits klassische Kinomoment von der unglaublichen Leichtigkeit des Seins eines Superhelden.
Da ist einer voll in seinem Element und kostet jeden Moment davon aus. Es gilt, im Jahr 1973 den in einem Verlies tief unter dem Pentagon inhaftierten Magneto zu befreien, zu einem Zeitpunkt, als dieser noch Eric heißt. Er wird fälschlicherweise für den Mord an präsident Kennedy verantwortlich gemacht, und zum Zweck seiner Rettung tritt in Aktion: Quicksilver (Evan Peters), seines Zeichens ein sich allenthalben unverstanden fühlender Teenager mit Glupschaugen und eigenwilliger silbergrauer Haartracht. Dass es sich bei Quicksilver um Erics Sohn handelt, ist zu diesem Zeitpunkt keinem bewusst; dass der Junge die Fähigkeit besitzt, sich übermenschlich rasch zu bewegen, erweist sich hingegen alsbald als ziemlich hilfreich.
Die Tür zur Pentagonküche geht auf und die Helden – neben den jungen Ausgaben von Magneto und Professor Xavier ist auch Wolverine mit von der Partie – sehen sich penetrantem Sprinklerregen sowie bis auf die Zähne bewaffneten Polizisten gegenüber. Magneto lässt allerlei metallisches Gerät in die Luft fahren, da ballern die nervösen Cops auch schon los. Einsatz Quicksilver. Er richtet sich die Schutzbrille und setzt sich Köpfhörer auf, und allein durch die Geschwindigkeit seiner Bewegungen scheint für die anderen die Zeit stehen zu bleiben. „If I could save time in a bottle/The first thing that I'd like to do/Is to save every day till eternity passes away/Just to spend them with you.“ – Die sanften, hippieartigen Klänge von Jim Croces Song bilden als musikalische Untermalung einen charmanter Gegensatz zu den in der Überschallgeschwindigkeit schon auch mal entgleisenen Gesichtszügen Quicksilvers. Auf den Wänden umrundet er den Raum mehrere Male und bewegt sich dann zwischen den Polizisten herum, die wie erstarrt dastehen. Die abgeschossenen Kugeln legen ihre Bahn in Superzeitlupe zurück, Quicksilver hat die Muße, sie abzulenken und daneben auch noch Sauce zu kosten, sich eine Copkappe aufzusetzen, einen der Polizisten in die Wange zu kneifen und schließlich Fäuste, Kochpfannen, Messer und etliches andere Gerät in einer Weise zu arrangieren- was, kaum dass er angehalten hat, dazu führt, dass sich die Gegner in slapstickhafter Manier flugs selbst außer Gefecht setzen.
Eine härtere und gar nicht verspielte Gangart schlägt die TV-Serie The Walking Dead ein, die seit 2010 in immer umfangreicheren Staffeln die dystopische Szenerie einer Welt zeichnet, in der der Kampf ums Überleben zu einem täglichen geworden ist. Eine Seuche hat alle Verstorbenen in lebende Tote mit kannibalistischer Gier verwandelt. Die Infektion erfolgt durch Bisse dieser so genannten Walkers. Die Irrewege ihrer Flucht haben eine Gruppe von Männern, Frauen und auch Kindern von Atlanta aus über eine entlegene Farm bis zu einem Gefängnisareal geführt. Angesichts der ausgesperrten Walkers herrscht dort für kurze Zeit so etwas wie die Vorstellung von einem Leben in Sicherheit. Doch die brutalen Machtgelüste eines selbst ernannten Gouverneurs bewahrheiten wieder einmal den Hobb’schen Satz vom Menschen als des Menschen Wolf, und aus ist es mit der Hoffnung auf einen möglichen Neuanfang.
Voneinander getrennt sind die Figuren ab der Mitte der vierten Staffel in versprengten Grüppchen unterwegs, und wir wollen uns auf den ehemaligen Sheriff Rick (Andrew Lincoln) und seinen Sohn Carl (Chandler Riggs) konzentrieren. Sie haben in einem Haus Zuflucht gefunden, Rick ist so schwer verletzt, dass sein Leben am seidenen Faden hängt. Carl seinerseits macht den Vater für alles verantwortlich, was schief gelaufen ist. Die anderen hätten ihm vertraut, hätten ihn als ihren Führer akzepiert, schreit Carl den Besinnungslosen an, und er hätte doch nur versagt. Und unter Schluchzen: „I’d be fine if you died.“
Es ist die ohnmächtige Wut eines Kindes, das nicht mehr ein noch aus weiß, das sich als Erwachsener behaupten möchte und dennoch mit der Angst vor der damit verbundenen Verantwortung kaum umzugehen weiß. Aber Carl hat schon so vieles durchstehen müssen, dass er nicht klein beigibt. Er streift durch die Gegend, auf dem Kopf den Sheriffhut des Vaters und einen Revolver in der Hand, er bricht in ein Haus ein, das er leerstehend wähnt, und findet dort eine Vielzahl an Vorräten, darunter eine Riesenpackung Schokoladenpudding. Und dann der Schock: Er ist nicht allein. Ein Walker stürzt sich auf ihn, es entbrennt das, was man allenthalben als Kampf auf Leben und Tod bezeichnet. Kurz vorher hat Carl die Warnung seines Vaters, keine Patrone zu verschwenden, als nervende Bevormundung abgetan, jetzt hat er keine Kugel mehr. Er wehrt sich mit Händen und Füßen und einem Lampenständer, wird um ein Haar ins Bein gebissen und verliert beim Versuch, sich zu befreien, einen Schuh. Als es Carl schließlich gelingt, die Tür zwischen dem Walker und ihm zuzuschlagen, ist da nichts mehr von dem Aufbegehren des Teenagers, sondern nur noch grenzenlose Erleichterung. Und so etwas wie Triumph: „Walker inside. Got my shoe. Didn’t get me“, hinterlässt Carl als Botschaft auf der Tür.
Und dann dieser herrliche moment in time, ein paar Sekunden, die herausgeschält sind aus all dem Kämpfen und dem Blut, dem Chaos und den abgeschlagenen Köpfen, eine Szenerie des Friedens, eine „Fuck the world“-Attitüde, die zu Herzen geht. Carl sitzt auf dem Vordach des Hauses, in dem er gerade eben fast sein Leben gelassen hätte. Hinter ihm versucht als ironischer Touch der Walker unermüdlich, aber vergeblich, durch ein Fenster, das einen Spalt offen steht, nach Carl zu greifen, aber solche Kleinigkeiten können den Jungen nicht aus der Ruhe bringen. Eine leise sanfte Melodie, Carl lässt den Blick über das Kleinstadtidyll der Gärten, weißen Zäune  und verlassenen Straßen schweifen, und dazu löffelt er den Schokopudding – mit einem Gesichtsausdruck, als wäre das für ihn der Himmel auf Erden. Der Junge ist zum Mann geworden, dafür haben schon die grausamen Umstände gesorgt, und genießt dennoch den Augenblick mit der schokoladigen Süße im Mund und im Herzen, in dem er auch wieder ganz Kind sein kann. 
Später, wenn sein Vater wieder gesund ist, sind die großmauligen Worte vergessen; Carl wird ihm sagen, wie sehr er ihn doch noch braucht und ihn liebt. Den Moment auf dem Vordach jedoch hat er genossen wie keinen zweiten seit Ausbruch der Seuche, ebenso wie Quicksilver die rasende Tour durch die Pentagonküche. Ganz selbst waren die beiden in diesen Augenblicken, und sie freuten sich offensichtlich ihres Lebens. Augenblicke, die man wahrlich nicht anders als besonders bezeichnen kann, und um die zu erleben, sie genießen zu dürfen, uns sogar die Einlösung der Wette mit dem Teufel akzeptabel erschiene. Was Quicksilver als einer der X Men und Carl als Serienfigur im Einsatz gegen Zombies aber gar nicht einmal nötig haben.