Over the Rainbow
Der Zauberer von Oz (1939)
# 9 (2009)
Hitze, Dürre, Staub: In seinem Roman The Grapes of Wrath (1939) beschreibt der amerikanische Autor John Steinbeck jene Jahre der Großen Depression, in denen unzählige hoch verschuldete Farmer in der sogenannten „dust bowl“ ihren Besitz verloren und sich auf die Wanderschaft ins verheißene Land im Westen machten. „Der Staub flog von den Straßen auf und breitete sich aus und fiel auf das Unkraut am Rande der Felder. Dann wurde der Wind noch stärker und heftiger und griff auch die Regenkruste in den Kornfeldern an. Nach und nach verdunkelte sich der Himmel vom Staub, und der Wind strich über die Erde, lockerte den Staub und trug ihn davon …” Aus demselben Jahr stammt der Film The Wizard of Oz, auch die Szenerie, das ländliche Kansas, und die Grundstimmung ähneln einander, wenn das Mädchen Dorothy auf der Farm ihrer Tante und ihres Onkels von einem Ort wie aus einem Märchen träumt. „Somewhere over the rainbow“, soll dieses Land liegen, und was folgt, ist eine schwärmerische Beschreibung: Alle Sorgen würden dort schmelzen wie Zitronenbonbons und „the dreams that you dare to dream really do come true“, und dann der große, der großartige Wunsch: „Someday I'll wish upon a star/And wake up where the clouds are far behind me.“ Am Schluss noch das große Aufseufzen eines vor Sehnsucht berstenden Herzens: „Birds fly over the rainbow, why then, oh why can’t I?“
Dorothy ist, wir wissen es, Judy Garland, damals siebzehn Jahre alt und bereits ein Star. In einem dirndelartigen Kleid mit Puffärmelbluse und Zöpfen singt sie das Lied ihres Lebens, umgeben von allerlei Bauernhofgerät, dabei herzt sie ihren geliebten Hund Toto, und die Wolkengebilde am Horizont lassen schon den nahenden Wirbelsturm erahnen, der Dorothy bald in die Luft und das Traumland von Oz tragen wird. Ihre Abenteuer mit der Vogelscheuche, die statt nur Stroh im Kopf gerne Verstand hätte, dem Zinnmann, der seine hohle Brust gern mit einem Herz füllen möchte, und dem ängstlichen Löwen, der sich mehr Mut wünscht, sind Filmgeschichte, als Hommage darauf kann das Handlungskonzept des Animationsfilm # 9 von Shane Acker gesehen werden. Ein Wissenschaftler ersinnt darin ein Verfahren, Teile seiner Seele zu trenne und in Stoffpuppen zu manifestieren. Deren Wanderschaft durch eine postapokalytische Welt, ihre Suche nach so etwas wie Sinn, doch dann auch ihre Furcht vor den Maschinen, die dafür verantwortlich sind, dass die Welt in Schutt und Asche liegt, ihr Zögern und Zaudern und der Moment, in dem sie sich ein Herz fassen und all ihren Mut zusammennehmen und eben diesen Maschinen entgegentreten, funktioniert einwandfrei als Spiegelung auf die Ereignisse in Oz.
Was den Film besonders macht, ist ein wahrlich magischer Moment, der noch dazu völlig unverhofft daherkommt. Das Biest scheint besiegt, die Fabrik steht in Flammen, ein Szenario wie nach einem Krieg. Die Puppenfreunde versammeln sich in einiger Entfernung, um wieder Atem zu schöpfen, die Erleichterung ist ihnen ins Gesicht geschrieben: „It’s done.“ Da steht ein altes Grammaphon mit einem riesigen Trichter, sie setzen es in Gang und auf einmal singt Judy vom Land hinter dem Regenbogen. Es ist ein Augenblick der Ruhe, als hätte sich der Fluss der Zeit verlangsamt, um den Freunden die Chance auf ein zaghaftes Lächeln zu gewähren und die ersten kleinen Scherze seit langem, ein Aufkeimen von Hoffnung, dass das Schlimmste tatsächlich überstanden ist. Die Puppe Nummer neun stöbert derweil unter einigen Plattenhüllen, eine Scheibe rollt heraus und den Hang hinunter, wo noch die Flammen lodern. Und dann taucht aus den rauchenden Schwaden und der vor Hitze flirrenden Luft eine neue Maschine auf ihren spinnenartigen Beinen auf, auf einen Schlag ist klar, dass der Alptraum noch lange nicht ausgeträumt ist. Das kleine große Herz von Dorothy schlägt auch in den Stoffpuppen mit Nummern als Namen, und Judy Garlands Sehnen wohnt in ihren Seelen: nach einer Zukunft, nach einem Ort, in dem es sich schlicht und einfach lohnt zu leben.