Mein Filmtagebuch 2025

 Ob Neustarts oder (wieder)entdeckte ältere Streifen: Die stärksten Filme und Serien
(und zuweilen auch das Gegenteil davon) aus meinem persönlichen Filmjahr 2025.
Das Foto zeigt eine Szene aus der hinreißenden Tragikomödie Anora

Im Jahr 2025 habe ich 111 Filme und 34 Serien angesehen. Meine zwanzig Favoriten in diesem Jahr in alphabetischer Reihenfolge:
Adolescence
(Serie)
Anora
Blood & Sinners
How to Make Millions Before Grandma Dies
Ich will alles
Joker: Folie à Deux
Maxxxine
Morgen ist auch noch ein Tag
Mr. Long
One Battle After Another
Pearl
Perfect Days
Schitt's Creek
(Serie)
Sebastian
10 Dance
The Life of Chuck
The Paradise of Thorns
The Studio
(Serie)
The Substance
The Woman in the Yard

Wenn im heurigen Filmjahr auf eine Arbeit das Attribut "lakonisch" zutrifft, dann auf The Mastermind der Independent-Regisseurin Kelly Reichart. Josh O'Connor, gut wie immer, gibt darin die Titelfigur James, einen arbeitslosen Tischler, der den Raub von vier Gemälden aus einem Kunstmuseum initiiert, in Realität aber nichts mit einem solchen "Superhirn" gemein hat - was die Angelegenheit in einem Disaster enden lässt. Ein extrem entschleunigtes Heist-Movie ist das, bewusst ohne Rasanz, ja beschaulich gestaltet, was die Planung des Raubs, seine Durchführung und dann auch James' Flucht vor der Polizei betrifft. In grobem Siebzigerkorn und Erdtönen gehalten und von nervösem Jazz getragen, ist das eine edel anzuschauende und durchaus spannende Sache, gegen Ende vermittelt diese Erzählung hin und wieder den Anschein, als hätte sie den roten Faden verloren - aber das ist ja auch beim Charakter von James der Fall.

Zu Weihnachten bin ich über einen unerwartet herzigen Streifen gestolpert, Paddington 2. Schon der erste Eintrag in die Filmreihe aus dem Jahr 2014 war sehr nette Familienunterhaltung, dieser zweite Teil aus 2017 ist vielleicht sogar noch besser gelungen und weiß mit originellen Ideen rund um den kleinen Bären mit dem roten Schlapphut und dem Unschuldsblick und einem köstlichen High Grant als skurrilem Bösewicht zu bezaubern. Wie die beiden eine Haftanstalt in ein pinkblumiges Wohlfühlgourmetresort umgestalten, das sollte man gesehen haben.

In seiner Neuinterpretation des Danny DeVito-Klassikers Der Rosenkrieg aus dem Jahr 1989, die zur einfacheren Unterscheidung den Titel Die Rosenschlacht trägt, geht Regisseur Jay Roach erstaunlich subtil vor. Da erfahren wir, wie sich aus dem Kennenlernen von Ivy und Theo ihre Ehe entwickelt, wie zwei Kinder auf die Welt kommen und heranwachsen und sich die Karrieren der Köchin und des Architekten entwickeln (oder nicht). Alles läuft auf eine stürmische Nacht hinaus, in der Ivy einer Restaurantkritikerin deliziöse Krabben serviert und das Museumsprestigebauwerk von Theo zusammenkracht. Unter den nun vertauschten Karrierevorzeichen geht auch ihre Ehe den Bach hinunter - in dieser Fassung mit weniger Klamauk als in der ersten, stattdessen mit tiefen Gefühlen, die Olivia Colman und Benedict Cumberbatch ebenso treffend zu vermitteln wissen wie die vor Sarkasmus triefenden Pointen des Scheidungskrieges, der die beiden erst in einem finalen Twist im erneuten Aufflammen ihrer Liebe wieder vereint.

Ich hab's ja so gar nicht mit Superheldenfilmen, Marvel und DC sind für mich quasi das Gegenteil von filmischem Anreiz. Umso erstaunter war ich in den ersten Szenen von The Fantastic Four: First Steps. "Retrofuturistischer  Look" nennt sich das Design des Streifens von Regisseur Matt Shakman, und diese Mischung aus Alt und Neu übte auf mich einen gewissen Reiz aus. Als sich dann aber die übliche Story vom Superbösewicht anspinnt, der hier Galactus heißt, gerät die Sache zum üblichen faden CGI-Gewitter.

Katastrophenfilme bildeten besonders in den Siebzigern ein beliebtes Genre mit zusammenstürzenden Wolkkenkratzern, Erdbeben, argen Bränden und Superwellen. Letztere brechen auch im koreanischen Netflixbombast Die große Flut über Seoul herein, ein Asteroideneinschlag samt folgendem Tsunami ist dafür verantwortlich. Eine alleinerziehende Mutter und ihr kleiner Sohn sind in einem Hochhaus gefangen, ein wackerer Sicherheitsbeamter steht ihr bei - wobei sich das Ganze alsbald als nicht unspannendes Experiment mit Gefangenschaft in einer Zeitschleife entpuppt.

Ich habe die filmische Adaption der japanischen BL-Mangareihe 10 Dance als einen Höhepunkt des Tanzfilms erlebt. Zwei rivalisierende Profitänzer, beide mit Vornamen Shinya, der eine ist kühl und beherrscht und Meister im Fach der Standardtänze, der andere verkörpert im wahrsten Sinne des Wortes die Sinnlichkeit und Leidenschaft im Bereich des lateinamerikanischen Tanzes. Sie tun sich, mehr widerwillig als willig, zusammen, um die Kunst des jeweils anderen zu erlernen, ihr Ziel ist der Wettbwerb einer Mischung aus beiden Fachgruppen, eben der sogenannte 10 Dance. Aus der Gegnerschaft eines ständigen Kräftemessens im Training entwickelt sich große gegenseitige Anziehung, ja eine Art von Begehren, trotzig, aufbegehrend, zuweilen fast wütend, in der Spannung zwischen diesen beiden starken Persönlichkeiten. Ein aus der Zeit gefallener Moment, wenn es in einem menschenleeren und mit weißen Schneesternen geschmückten U-Bahn-Waggon zum ersten Kuss kommt. In der Klimax des Finales geht es nicht mehr ums Gewinnen, da tanzen die zwei Shinyas, wenngeich vor begeistertem Publikum, eigentlich nur für sich selbst; sie haben gelernt, die Eigenheiten des jeweils anderen anzunehmen und sind dadurch zu einer tänzerischen Einheit geworden. Ihre Gefühle füreinander offenbaren sich schließlich in einem ganz stillen, aus ihrer Umgebung und der Zeit geschälten Kuss. So ist10 Dance ein Film von beträchtlicher Schönheit und Eleganz, voll feuriger Energie und poetische-bezaubernder Momente, in dem die beiden hinreißenden Hauptdarsteller, Ryoma Takeuchi und Keita Machida, aufgehen in der perfekten Choreographie ihrer Geschichte des Suchens und Findens ihres Selbst.

Zum 100. Geburtstag von Hildegard Knef, der zerrissenen, mutigen, unsichern, trotzigen, liebesbedürftigen, streitbaren und alles in allem faszinierenden Diva, erschien mit dem Dokumentarfilm Ich will alles ein von der Regisseurin Liza Schmid gestaltetes durchaus tiefgehendes Porträt. Einerseits Hommage an eine große Schauspielerin, Chansonniere und Autorin, andererseits Zeitdokument von der deutschen Nachkriegsperiode bis in die Neunzigerjahre, beleuchtet der Streifen Licht und Schatten im Leben und der Arbeit der Knef, oder Neff, wie sie in ihren amerikanischen Filmen hieß. Ausschnitte aus Interviews mit Hildegard Knef selbst, ihrer Tochter und ihrem dritten Ehemann, aus Dokus und Spielfilmen sind Puzzlesteine eines Lebens zwischen Leiden und Triumph, das sich vor unseren Augen zu einem stimmigen Gesamtbild auftut.

Der dritte Eintrag in der Knives Out-Krimireihe von Netflix trägt den Titel Wake Up Dead Man und zeigt Daniel Craig wieder in der Rolle des schrägen Detektivs Benoit Blanc mit seinem Südstaatenakzent und den dandyhaften Anzügen. Der Mord an einem herrischen Priester (Josh Brolin) bringt ihn in eine Kleinstadt voller Verdächtiger mit Geheimnissen und Tatmotiven, ein klassisches Whodunit steht also ins Haus. Religiöser Fanatismus und Heuchelei werden aufgedeckt, das ist recht nett anzusehen, dabei gibt es Twists, ein wenig schwarzen Humor und Spannung, für die fast zweieinhalbstündigen Lauflänge aber viel zu wenig davon. Der wie immer großartige Josh O'Connor als ehemaliger Boxer und nunmehriger Jungpriester hält mit seiner großen Verunsicherung, die sich schließlich zu echtem Mut wandelt, die Geschichte zusammen und Glen Close darf als Pfarrhilfe ihr großes Repertoire, von zitternden Lippen und Flüstern und Schreien, abspulen. Doch Jeremy Renner als Arzt und Andrew Scott als Bestsellerautor haben nicht viel zu tun, was schlicht und einfach damit zu tun hat, dass das Drehbuch sich zwar ungewöhnlich viel Zeit für die Einführung der Figuren nimmt, diese aber dennoch sehr an der Oberfläche der Charakere bleiben. Selbst Benoit Blanc sind kaum sarkastische Bonmots in den Mund gelegt, Daniel Craig liefert routiniert ab, erzählt uns aber nichts Neues über seinen Protagonisten. Was bleibt, ist eine leicht fade Mischung aus Komponenten, die allesamt eine klarere, pointiertere Zeichnung vertragen hätten.

George Clooney hat wahrlich viel zu laufen in der Netflix-Produktion Jay Kelly, was aber kein Wunder ist, handelt es sich bei dem Film doch um ein Roadmovie zwischen Los Angeles, Paris und der Toskana. Per pedes, aber auch mit dem Privatjet, schwarzen Limousinen und der Bahn hetzt Clooney als berühmter alternder Schauspieler auf der Suche nach dem Sinn in seinem Leben seiner Tochter nach, die mit Freunden, aber nicht ihrem Vater verreisen will. Regisseur Noah Baumbach, der schon den tollen Streifen Marriage Story verantwortete, lässt die Titelfigur prägende Momente seines Leben Revue passieren und mit persönlichen Fehlern darin hadern. Adam Sandler überzeugt dabei in der Rolle seines Agenten - ich hätte nie gedacht, dass ich einen solcher Satz jemals auf die Tastatur bringen würde -, der sein Verhalten der eigenen Familie gegenüber ebenfalls in Frage stellt. Selbstverliebtheit und Lebensleere, ein Confessional über den Preis, der für Ruhm zu zahlen ist - in dieser Geschichte ist auch Raum für das Schicksal von Nebenfiguren, die nicht zur reinen Staffage geraten. Zuweilen wirkt der Film zu lang, zu zerfasert und dabei episodisch, insgesamt aber hält er sich und seine Erzählung in exquisit ausgestatteter und fotografierter Balance. Am Schluss dürfen wir zusammen mit George Clooney sogar gerührt sein.

Den Weg einer der schillerndsten Disney-Bösewichter, nämlich Creulla de Vil aus 101 Dalmatiner, vom Waisenkind zum Star der Modeszene zeichnet die Komödie Cruella aus dem Jahr 2021 nach. Nach einem recht einnehmenden Beginn gerät die allzu lang ausgwälzte Sache ziemlich rasch zu jenem Mainstream, den die Titelfigur, was Mode und Stil betrifft, vorgeblich ablehnt. Emma Stone als Estella, die sich zu Cruella wandelt, vs. Emma Thompson als böse Fashionbaronin, eine Art Der Teufel trägt Prada für die ganze Familie. Klingt fad, ist es auch. Und die schlecht computeranimierten Hunde nerven.

"Mr. Bean" Rowan Atkinson legte 2022 in der Miniserie Man vs. Bee auf vergnügliche Weise einen ganzen Haushalt in Trümmer, nun macht ihm in Man vs. Baby ein abgelegtes solches das Leben schwer. Dass eine Idee, die einmal gut funktioniert hat, kein zweites Mal reüssieren muss, wird hier augenscheindlich bewiesen. Für den Dreh wurden Zwillinge für das Baby besetzt, die CGI-Bearbeitung verleiht ihnen in ihrer unechten Echtheit eine wahrlich gruselige Wirkung. Die Gags sind ausgelutscht, das Ganze eher fad.

Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, die um ihren in einem Unfall ums Leben gekommenen kleinen Sohn trauert, ein neuer Nachbar, der unter Verdacht steht, seine Frau umgebracht zu haben - die Ausgangssituation der achttteiligen Serie The Beast in Me ist eine spannende und die erste Folge fährt in eben dieser Schiene. Doch alsbald verhält es sich, wie so oft bei Serien: Eine Straffung um zwei bis vier Folgen hätte der Geschichte gut getan. Zudem kommt die extrem harte, überbearbeitet wirkende Kontrastschärfe der Bilder, was die Gesichter zuweilen wie Masken aussehen lässt. Claire Danes als Autorin in Bedrängnis spielt sich schier die Seele aus dem Leib, mitunter geraten ihre Bemühungen aber ins Grimassieren. Die Sichtung drängt sich insgesamt also nicht auf.

Nach der schwer enttäuschenden Burroughs-Adaption Queer beweist der italienische Filmregisseur Luca Guadagnino mit After the Hunt wieder seine Meisterschaft. Julia Roberts ist in dem Psychodrama als College-Professorin Alma Imhoff am privaten, aber gleichzeitig auch beruflichen Scheideweg zu sehen. Ihre Ehe mit dem Psychiater Frederik (Michael Stuhlbarg) besteht nur noch aus Gewohnheit, der Traum einer Fixanstellung in Yale wird durch einen Konkurrenten, Hank (Andrew Garfield), in Frage gestellt, bei dem es sich gleichzeitig um ihren besten Freund handelt. Als Hank einen Plagiatsverdacht gegenüber Almas Sissertentin Maggie (Ayo Edibiri) ausspricht, bezichtigt ihn diese der Vergewaltigung - der Strudel, der das Figurenarsenal in seinem Elfenbeinturm erfasst, droht alle in den Abgrund zu reißen. Guadagnino erzählt diee Geschichte auf langsame und durchaus intellektuell fordernde Weise: Die philosophielastigen Dialoge drehen sich um die Fragen von Moral, Schuld und Unschuld, von Theorie im Gegensatz zur persönlichen Realität, von Behauptung und Wahrheit. Die Auseinandersetzung mit #Metoo und Wokeness wird uns mit kühler Distanz gezeigt, nur hin und wieder blitzen, wie durch Wunden im Panzer, den sich sämtliche Charaktere zugelegt haben, ehrliche Empfindungen auf. Was geschehen ist und was nicht, was man sagen darf und was nicht - in ständigen gegenseitigen Missverständnissen glaubt niemand den anderen und erscheint auch uns in der Folge jede der Figuren als unglaubwürdig. Vieles bleibt in den Schatten des visuell sehr dunklen Films zweifelhaft. Das Ticken einer Uhr, die auf dramatische Effekte setzende Musik, die detailverliebte Kamera und eine Julia Roberts am Rande der Verzweiflung - hier brennt die Lunte einer unsichtbaren Bombe ab; und das ist spannender als so mancher Actionkrimi.

Sehr stylish ist das südkoreanische Krimidrama Gentleman aus dem Jahr 2022 ausgestattet und gefilmt, der Hauptdarsteller Ju Ji-hoon wirkt auch ziemlich cool in der Rolle des Kopfes einer Detektivagentur, der sich als Staatsanwalt ausgibt, um an einen Multimillionär-Bösewicht heranzukommen. Untermalt von recht westlich klingenden musikalischen Noir-Motiven, funktioniert der Streifen mit seinen zahlreichen, meist in Rückblenden ausgeführten Twists immer dann, wenn er sich auf diese mittels der genannten Zutaten hervorgerufene Atmosphäre verlässt. Hin und wieder wird aber der Versuch unternommen, komödienhafte Elemente hinzuzumischen, was dann so gar nicht zusammenpassen will. Hundertpozentig, denke ich, habe ich die Sache nicht durchschaut. 

Mit Freude erinne ich mich an die Serie der Reisen des Kabarettisten Jack Whitehall zusammen mit seinem very British und stets grumpy Vater Michael. Nie und nimmer hätte ich ihn mir in einer ernsten Rolle vorstellen können - und dann noch als psychopathischen Mörder! Die Miniserie Malice beweist das Gegenteil. Sechs knackige Folgen, in denen sich ein charmanter junger Mann namens Adam als "Manny", Hauslehrer und Mädchen für alles, in die superreiche und ebenso überspannte Familie eines Investors (David Duchovny) einschleicht, Saltburn lässt grüßen. Nach und nach stellt er die einzelnen Mitglieder bloß und ihr Leben auf den Kopf. Das ist spannend bis zum Schluss - in Jack Whitehalls blauen Augen blitzt diesmal nicht der Schalk, sondern lauern Abgründe des Bösen.

Es gibt einen Thaipop-Song mit dem Inhalt, dass sich zwei Liebende erst dann wiedersehen werden, wenn in Bangkok Schnee fällt, also quasi nie. Billkin und PP Krit spielen im Musikvideo, oft tränenüberströmt, das unglückliche Paar. Oft fällt auch in dem thailändischen Krimidrama Everybody Loves me When I'm Dead Schnee in Pattaya, was sich also kein gutes Omen erweist. Zwei Bankangestellte sind in finanziellen Nöten, die da sind: die kostspielige Ausbilung der Tochter bzw. Schulden bei einem Gangster. Also aktivieren sie das stillgelegte Konto einer Verstorbenen und lassen sich das Geld auszahlen. Dadurch geraten sie in einen Strudel von immer weitere Kreise ziehender Gewalt. Die Exposition der Situation und der Charaktere erscheint einladend, doch dann gerät die Filmerzählung vermehrt in die Klischees von üblichen Gangsterbandenkämpfen. Das Ende stellt sich konsequent ernüchternd dar, abermals fällt dazu der Schnee.

Der deutsch-belgische Spielilm Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, im Jahr 2023 von Regisseurin Sonja Heiss nach dem Roman von Joachim Meyerhoff umgesetzt, ist schrecklich feige. Da wird die Kindheit und Jugend des Autors inmitten turbulenten Familienlebens in Bilder gefasst, um Momente, die wirklich zählen, windet sich der Film aber eher herum, als dass er sie direkt aufgreift. Zwei Minuten von unverfänglichen Einstellungen von einem Austauschjahr in den USA plätschern etwa dahin, bevor berichtet wird, dass derweil in Deutschland Tragisches passiert ist. Was wirklich zu Herzen gehen oder betroffen machen könnte, geschieht irgendwie nebenbei, so in etwa ist der Film strukturiert. Solche Beliebigkeit wird rasch langweilig wird, deshalb ist der Streifen eben das, nämlich schlich und einfach blass und fad. 

Eine alternde Auftragsmörderin mit beginnendem Parkinson sieht sich mit einem jungen aufstrebenden Kollegen konfrontiert, der ein Geheimnis aus der gemeinsamen Vergangenheit mit sich trägt und auf Rache aus ist ... Schon der Aufriss des Plots von The Old Woman with the Knife klingt nach südkoreanischem Kriminaldrama. Regisseur Min Kyu-dong setzt diese Geschichte in verschachtelter Erzählweise um, wobei seine Inszenierung, abgesehen von den wilden Kämpfen, (stellenweise allzu) bedächtig vorgeht. Lee Hye-young als Killerin Hornclaw und Kim Sung-cheol als ihr Widersacher Bullfight verkörpern ihre Rollen mit einer Mischung aus Coolness und meist unterdrückten Gefühlen, ihre Fights werden zu unserer Freude theatralisch ausgefochten.

Südkoreanische Produktionen mit religiösem Background sind selten, anderes bei dem Kriminalfilm Revelations. Ein Kindesentführer, dem selbst als Kind übelst mitgespielt wurde, ein Pastor mit halluzinierten Gotteserscheinungen, eine Polizistin mit traumatischen Erlebnissen aus der Vergangenheit. Ihre Schicksale verschränken sich im regenschwangeren Seoul auf anfangs zufällige, dann immer auswegslosere Weise. Rache und Wahnsinn sind die Punkte, auf die alles zuläuft, in der zweiten Hälfte weniger spannend als in der ersten, und mit einem vorhersehbaren Happy End ausgestattet, sodass sich das Gesehene im braven Mittelfeld bewegt.

Den bald nach seinem Netflix-Start entstandenen, fast hysterisch anmutenden Hype um den deutschen Dokumentarfilm Babo - Die Haftbefehl-Story verstehe ich ganz und gar nicht. Der Streifen erkundet das Leben, den kometenhaften Aufstieg und jähen Fall des im Titel genannten Rappers, die Kriminalität, die sein Umfeld von Kindheit an prägte, und seine Drogensucht, die schließlich zu einer Überdosis und dem völligen Zusammenbruch führte. Obwohl rundum ständig behauptet, hat das alles absolut nichts mit bewunderswerter Ehrlichkeit und Selbsteinsicht zu tun. Diese allerortens nachgebeteten Parameter sind reines Marketing, sind Effekthascherei (z. B. wird der Suizid des Vaters nachgestellt), schließlich muss nach der Entziehungskur der Lebensstandard doch irgendwie aufrecht erhalten bleiben. Zudem bedient das Credo, die Kamera auch in peinlichsten Situationen weiterlaufen zu lassen, wohl nur den Voyeurismus des Publikums. Irgendwie in die Tiefe geht die Doku nämlich trotzdem nicht, es entsteht keinerlei Diskurs mit der Musik des Rappers und seinen oft extremen Texten, und deshalb auch keine Einsicht in die Wirkung seiner Arbeit. Stattdessen lobhudeln seine Brüder, der Musikproduzent und die oftmals tränenüberströmte Ehefrau ohne Ende. Gegenstimmen sind keine zugelassen und deshalb ein differentiertes Bild dieser Persönlichkeit nicht möglich, wohl auch gar nicht erwünscht.

Die Kreatur hat die Gestalt von Ridley Scotts Prometheus-Geschöpfen und die vielleicht sanftesten Augen einer Horrorfigur ever. Guillermo del Toro inszeniert seine rezente Frankenstein-Adaption als große Oper, als pompöses Fest fürs Auge, angesiedelt zwischen Gothic und Barock, ausufernd im erzählerischen Gestus, aber ebenso verliebt in selbst kleineste Details. Oscar Isaac ist der gebührend irre Lebensschöpfer Victor Frankenstein, Jacob Elordi die Kreatur, die lernt, ihre Empfindungen zu deuten, zu sprechen und zu lesen und ein Mensch zu werden; Christoph Waltz, Mia Goth und Felix Kammerer sind unterstützenderweise tätig. Was del Toro gelungen ist: ein visueller Exzess, jedes Bild ein Gemälde! Ein bissl lang wird das mit der zweieinhalbstündigen Laufzeit schon, doch Del Toros Lieblingsprojekt hat durchaus mitreißende Momente vorzuweisen. Intime Einstellungen, in denen die Kreatur nur noch nichts als sterben möchte, aber akzeptieren muss, dass dies für sie nicht möglich ist, wissen zu berühren, die finale Einstellung ist in diesem Sinne magisch.

Das Paradebeispiel eines Filme ohne Ideen und auch nur einem Anflug an Atmosphäre, liefert Mel Gibson als Regisseur mit Flight Risk ab. Als Thriller bezeichnet, fehlt dem Film jedoch jeglicher Thrill. Ein Kronzeuge soll in einem Kleinflugzeug aus der Wildnis Alaskas nach Anchorage geflogen werden, der Pilot entpuppt sich als Mafia-Killer, die begleitende Agentin hat damit ihre Mühe. Peinlich, wie Topher Grace auf unbeholfen-kindische Weise versucht, so etwas wie Komik zu erzeugen, Downton Abbey-Lady Michelle Dockery hat hingegen ein paar Momente; Mark Wahlberg als Pilot übt sich in grausigstem Grimassieren. Er hat einen einzigen Trumpf auf dem Kopf, doch die Perücke fällt bald, die Glatze darunter wird vorscheinig, und dass dies als Haupteinfall des ganzen Films herhalten muss, sagt viel über ihn aus.

Erst jetzt, anlässlich des Todes des Tadzio-Darstellers Björn Andrésen, habe ich Lucchino Viscontis Thomas Mann-Verfilmung Tod in Venedig gesichtet, tatsächlich zum ersten Mal. Leider muss ich feststellen, dass der Klassiker aus dem Jahr 1971 nicht gut gealtert ist. Fast mutet er wie die bleischwere und ermüdende Bebilderung der Musik von Gustav Mahler an. Dirk Bogarde als Gustav von Aschenbach, ein übernervöser Komponist, maniriert sich in theaterhaft-übertriebem Spiel. So etwas wie echte tiefe Gefühle blitzen nur ab und zu durch. Seine Liebe zu dem schönen Knaben Tadzio und die endlosen Blicke zwischen den beiden werden in redundanten Kameraeinstellungen festgehalten und von der üppigen Ausstattung und der gekünstelten Darstellung fast aller Figuren erstickt. Der fatamorganahafte Tadzio am Meer, dieser letzte Lebenseindruck des an der Cholera sterbenden Mannes, der letztlich an seinen uneingestandenen Begierden gescheitert ist, bleibt als poetisches Schlussbild eines Streifens, der vielleicht bereits zu seiner Entstehungszeit überschätzt war.

Die erste Folge der vierteiligen Miniserie Das Monster von Florenz vollführt einen atmosphärisch dichten und gemächlich erzählten, aber spannenden Einstieg in die wahre Geschichte eines Mörders von Liebespaaren, dann aber geht es von Episode zu Episode bergab. Die Geschichte reicht von den Fünzigern bis in die Achzigerjahre, jede Folge stellt einen anderen Hauptverdächtigen in den Mittelpunkt und verläuft aus seiner Perspektive. Was bleibt, sind die stete Gewalt der Männer gegen die Frauen, das Patriarchat, das selbst Mord als Form der Unterdrückung rechtfertigt, und die Obsession einer gestörten Psyche. Alsbald geraten uns ob der ständigen Zeitsprünge und der ähnlichen Bilder im braunen Farbspektrum die Figuren und Handlungsstränge durcheinander, auch einige der Darsteller auseinanderzukennen, fiel mir schwer. Der Verlauf der Handlung wird dann immer redundanter, das haben wir, geht uns während der letzten Folge durch den Kopf, alles doch schon mehrmals gesehen, und der Schluss erweist sich als absolut unbefriedigend.

Das vergnügliche Whodunit Only Murders in the Building geht in die fünfte Runde und bleibt der gewohnte harmlos-witzige Zeitvertreib, der uns schon ans Herz gewachsen ist. Das sympathische detektivsche Trio Steve Martin, Martin Short und Selena Gomez kriegen es diesmal mit dem Mord an Portier Lester, einer Mafiafamilie samt sechs Einfaltspinsel-Söhnen und einem nervigen Roboter-Doorman zu tun. Acht statt der vorhandenen zehn etwa halbstündigen Häppchen hätten gereicht, doch wir schauen dem Treiben einfach gern zu. Selbstironische Auftritte von Gaststars wie Meryl Streep, Renée Zellweger, Dianne Wiest, Logan Lerman und Christoph Waltz sind dem nicht abträglich. Und Howard (Michael Cyril Crighton), der mollige Mieter aus 3D, findet diesmal sogar einen Verehrer.

Dass die US-amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow Polit-Thriller mit Tiefe inszenieren kann, sollte nach hochwertigen Arbeiten wie The Hurt Locker (2008) oder Zero Dark Thirty (2012) allenthalben bekannt sein. Auch mit ihrer Netflix-Produktion A House of Dynamite ist sie in schmerzhafter Weise am Zahn der Zeit. Eine Interkontinentalrakete wird vom Pazifik aus auf die USA abgefeuert; der Film zeigt uns im Detail die neunzehn Minuten, die sie bis zum Einschlag benötigt. Bigelows Film erweckt den Anschein penibler Recherche und wendet einen Kunstgriff an, damit diese nicht wie die reine Nachstellung technischer Abläufe wirkt. Erzählt wird die Geschichte in drei Anläufen, jeweils durch die Augen einiger beteiligter Figuren, deren private Hintergründe zwar präsent sind, aber nicht störend in den Vordergrund treten; bei jener im dritten Anluf handelt es sich um den von Idris Elba dargestellten Präsidenten. Die Raketenabwehr versagt, die Zeit verrinnt - soll ein Gegenschlag eingeleitet werden? Weil ein solches oder ähnliches Szenario in unserer bis zum Bersten hochgerüsteten Welt ein stets denkbares ist, geht der Film an die Nieren, auch als hochspannender Thriller funktioniert er. Und hat dann den wohl einzig denkbaren unbequemen Schluss parat.

The Life of Chuck
ist ein Wunderwerk von einem Film, ein melancholisches Märchen über die Endlichkeit unseres Daseins, eine beglückende Tragikomödie voll der Leichtigkeit von Lebensbejahung und der Einsicht, aus der kurzen Zeit, die wir auf in dieser Welt haben, schlicht und einfach das Beste zu machen. Der US-amerikanische Regisseur Mike Flanagan teilt seine Adaption einer Kurzgeschichte von Stephen King in drei Akte und erzählt diese in rückwärtiger Reihenfolge. Es beginnt mit dem Drama eines sterbenden Planeten und einer Reihe von Charaktern, die auch ihr eigenes Leben vor dem Ende wähnen. Geht unser aller Existenz ihrem Ende zu? Und was hat es mit diesem Chuck zu tun, dem auf Plakaten und im Fernsehen für neununddreißig Jahre gedankt wird? Der mittlere Akt macht uns mit der Titelfigur des von Tom Hiddleston dargestellten Buchhalters bekannt der eines schönen Tages einfach zum Trommeln einer Straßenmusikerin zu tanzen beginnt. Der Grund bleibt auch hier mysteriös. Schon habe ich mich beim Ansehen gefragt, was das alles denn bitteschön soll - als der dritte und längste der Akte uns in Chucks Kindheit zurückführt, also im Grunde genommen an den Beginn der ganzen Geschichte. Mit meisterhafter Hand entwerfen Flanagan und der überaus talentierte Benjamin Pajak als Chuck in jungen Jahren eine wahrlich zu Herzen gehende Bilderfolge: Chuck verliert die Eltern bei einem Unfall, lebt alsdann bei seiner tanzfreudigen Oma und dem in die Kunst der Buchhalterei verliebten Opa (gespielt von "Luke Skywalker" Mark Hamill) und öffnet erst nach deren Tod die Tür zum Turmzimmer, zu dem ihm der Zutritt immer verboten war. Und jetzt, in einer wunderbar inszenierten Szene, erklärt sich Chuck und uns die Bedeutung all des Gesehenen wie von selbst. Selbst die kleinsten Puzzleteile fügen sich zusammen und ungemein berührt sitzen wir da und schauen und staunen - über diese sanfte Geschichte vom Sterben und vom Tod, die gleichzeitig eine Geschichte über das unglaubliche Glück ist, am Leben zu sein.

Als Trilogie haben Regissseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland die zweite Fortsetzung ihrer apokalyptischen Erzählung um einen Aggressionsvirus angelegt, 28 Years Later setzt dafür nun den Einstieg. Interessant ist, dass sie eigentlich eine Coming-of-Age-Geschichte im Zombiegewand erzählen. Eine Gemeinschaft von Nicht-Infizierten hat auf einer Gezeiteninsel Zuflucht gefunden, dem dreizehnjährigen Spike steht eine Art Initiationsritus bevor: Gemeinsam mit seinem Vater soll er einen Tag auf dem Festland überleben. Die beiden schaffen es mehr schlecht, als recht zu überleben, obwohl sich die Chemie zwischen ihren Figuren nie im Bereich des Stimmigen bewegt. Ihre Rückkehr auf die Insel gelingt in letzter Sekunde, der schlechte Zustand der schwerkranken Mutter bringt den Buben aber auf die Idee, mit ihr auf der Suche nach einem Arzt aufs Festland zurückzukehren. Wobei wir beim großen Manko des Streifen angekommen sind. Trotz seiner perfekten Boyl'schen Machart (Kamera, Schnitt, Musik/Ton) weiß er dem Genre inhaltlich nämlich nichts hinzuzufügen. Zuerst Bub und Papa, dann Bub und Mama sind auf Wanderschaft, treffen auf Zombies, können sich ihrer gerade noch erwehren, setzen die Wanderschaft fort, treffen wieder auf die rabiaten Biester usw. Da hilft auch das in Zeitlupe spritzende Blut nicht: Alsbald wird die Sache langweilig, das hat ja schließlich auch die Serie The Walking Dead gekillt. Der junge Darsteller Alfie Williams als Spike versteht es jedenfalls, den Film zu seinem offenen Ende zu tragen und dabei große Schritte in Richtung zum Erwachsenwerden zu gehen; und kurz vor dem Ende gibt es eine wirklich berührende Abschiedsszene zwischen dem Buben und seiner Mutter, bei der auch der über und über mit Jod eingeriebene Ralph Fiennes seinen Auftritt hat.

Immer häufiger, erscheint mir, entsteht im Netz ein Hype dadurch, dass die Poster einfach einer nach dem anderen voneinander abschreiben. Jener um den Horrorfilm Weapons ist ein gutes Beispiel für diese These. Sogar der meist wohltuend kritische Youtuber David Hain hat sich zu dieser Aussage hinreißen lassen: "Wegen Filmen wie diesem liebe ich das Kino!" So ein Unsinn! Dabei funktioniert Weapons anfangs ziemlich gut. Der Film entführt uns in eine amerikanische Kleinstadt, in der eines Nachts um 2:17 Uhr alle Kinder einer Schulklasse aus ihren Betten steigen, aus dem Haus laufen und verschwinden - bis auf einen Buben, der auch am nächsten Tag hinter seinem Pult sitzt. Die erste Stunde wird man von der routiniert inszenierten Arbeit sogar gepackt. Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln (nämlich jener der Lehrerin, eines Vaters, eines Polizisten und eines jungen Obdachlosen) erzählt, was Einblicke in deren Lebensverhältnisse und die Art und Weise der individuellen Verarbeitung des unerklärlichen Ereignisses gibt. Als der Film dann aber den weiteren Verlauf durch die Augen von Alex schildert, des Buben, der als einziger nicht verschwunden ist, merkt man: Irgendwie hat alles bisher Erzählte keinen wirklich Einfluss auf die Story und hätte auch gut und gern weggelassen werden können. Nichts des Gesehenen ist von Relevanz, nichts hat im Grunde genommen einen Bezug zur Auflösung oder führt zu etwas - oder doch: Es kulminiert in der Person von Tante Gladys, einer Art Voodoo-Priesterin, und rund um sie um immer lachhaftere und lächerlichere Szenen. Als die Kinder dann die Tante durch Gärten und durch Wohnzimmer und zersplitternde Terrassentüren verfolgen, glaubt man sich in einer misslungenen Komödie. Selten so enttäuscht.

Die Jagd auf einen Serienmörder ist ein wiederkehrendes Filmmotiv, so auch bei dem Noir-Thriller I Saw the Devil des südkoreanischen Regisseurs Kim Jee-woon aus dem Jahr 2010. Die Pole der Geschichte sind ein psychopathischer Killer, der aus reinem Vergnügen junge Frauen tötet, nd der Verlobte einer von ihnen, ein Agent des Geheimdienstes, der sich auf die Suche nach dem Untäter macht. Dies gestaltet sich ziemlich blutig und mit totaler Kompromisslosigkeit; Regissseur Kim schreckt vor keinen deutlichen Bildern zurück, was dem Film auch Probleme mit der Zensur einbrachte (wobei wir heute schon Krasseres gewöhnt sind). Der Streifen ist exzellent gealtert, das rasante Tempo, immer wieder überraschende Momente, die tolle Kamerarabeit und dramatische Musik schaffen eine knisternde, groteske, alptraumhafte Atmosphäre, die bei der Stange hält. Squid Games-Star Lee Byung-hun in jüngeren Jahren verkörpert den einsamen Rächer, der in der Ausübung seiner Rache selbst zu einer Art Monster wird, in der coolen Distanziertheit eines Alain Delon. Ich hätte gern mehr über ihn und seine Person und Hintergründe erfahren, dann hätte mich sein Schicksal auch noch mehr mitgenommen. 

Im Jahr 2022 überraschte der US-amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Ti West mit einer erfrischenden Neuinterpretation des Texas-Chainsaw-Motivs. Eine abgehalfterte Farm im Nirgendwo und dort ein Pornofilmteam samt mit Fortlauf der Handlung auf höchst blutige Weise schwindendem Figurenpersonal. Der überraschende Erfolg des im Seventies-Look schwelgenden Slashers X bildete wohl die Grundlage für ein Prequel und ein Sequel des Stoffes, die brillante Hauptdarstellerin Mia Goth stellt das Bindeglied dar. Pearl (ebenfalls aus 2022) spielt mehr als sechzig Jahre vor den unheilvollen Geschehnissen während des Pornodrehs. Die Mörderin von X ist nun eine junge Frau auf der Suche nach sich Selbst und der Überschreitung der Grenzen ihrer Freiheit vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und der Pandemie der Spanischen Grippe. Eigentlich handelt es sich bei Pearl nicht um Horror, sondern um einen psychologischen Thriller mit einigen Schockelementen. Die Titelheldin sehnt sich, Dorothy aus dem Zauberer von Oz ähnlich, fort aus ihrer beschränkten Welt, inszeniert sind diese Bilder in satten Farben und mit Hilfe getragener Musik im Kinostil der Fünfziger; fast glaubt man, eines der Dramen von Douglas Sirk vor sich zu haben. In einem siebenminütigen ungeschnittenen Monolog beweist Mia Goth ihre Klasse: wie eine unzufriedene, einsame, traurige Frau zur Mörderin wird und nicht aus dem schrecklichen Kreislauf ihrer Existenz herausfindet. Diese Exzellenz der Darstellung stellt auch das Gerüst des X-Sequels Maxxxine (2024) dar. Mia Goth spielt darin wieder Maxine, die Überlebende des Farmhausschlachtens. Im Los Angeles der Achtziger verdingt sie sich im Sexmilieu und giert nach Anerkennung. Als sich für sie eine Rolle in einem - natürlich - Horrorfilm auftut, bekommt sie es mit Kevin Bacon als Detektiv wie aus Polanskis Chinatown und einer mörderischen Sekte zu tun. Nach der Art eines grellen italienischen Giallo sieht sich die blonde Heldin immer mehr in die Enge getrieben, weiß sich aber mit Sarkasmus und hochhackigen Schuhen durchzusetzen. Eine knackige Trilogie des Schreckens, blutig, schwarzhumorig und mal was ganz anderes als der übliche Einheitsbrei.

Der Whodunit The Woman in Cabin 10, gerade auf Netflix herausgekommen, ist das Skelett eines Films. Keira Knightley als Top-Journalistin wird auf die Jungfernfahrt einer Luxusyacht eingeladen, eine illustre Schar von sehr reichen Menschen fungiert als Passagiere, alles hängt mit dem Erbe einer schwerkranken Milliardärin zusammen: l Tod auf dem Nil in Norwegischen Fjorden sozusagen. Anfangs wirkt der direkte Zugang des Streifens zu seiner Story und den Figuren erfrischend; da merkt man erst, wie sehr wir endlos langes Herumgerede im überdehnten Serienformat schon als selbstverständlich ansehen. Doch dann kriegt kein einzelner der Charaktere auch nur einen Ansatz an Hintergrundgeschichte und somit Profil. Irgenwie kommt keine Spannung auf, aufgrund der kurzen Laufzeit trotz aller Banalität aber auch keine Langeweile, alles passt ins Fernsehkrimischema und ist vorbei, bevor es noch richtig begonnen hat.

Die Figur des gefinkelten Einbrechers Parker verkörperte bereits Jason Stratham im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2013, nun übernimmt Mark Wahlberg die Rolle in dem Streifen Play Dirty. Schwache Schauspieler sind sie beide, weder sie, noch die Filme rundum werden den kultigen Romanvorlagen von Richard Starck/Donald E. Westlake gerecht. Im neuen Film geht es um den groß angelegten Raub eines von einem Schiff geborgenen ungeheuren Schatzes, ein klassischer Heist-Stoff also, wie ich ihn eigentlich liebe. Der hauptsächliche Grund, weshalb der Film schiefgeht, ist der Versuch von Regisseur Shane Black und seinem Team, witzig zu sein. Dieser angebliche Humor schwankt zwischen pubertär und ultrazynisch, die Dialoge sind zum Fremdschämen. Durch seine Menschenverachtung wird der Protagonist auch nie ein Held zum Mitfiebern. Detail am Rande: Filmmusikroutinier Alan Silvestri steuert einen Soundtrack bei, der in seiner jazziger Coolness einem hochlassigen Noir-Thriller zur Ehre gereichen würde, hier aber wie die sprichwörtlichen Perlen vor den Säuen wirkt.

Seit vielen Jahren spielt Liam Neeson Varianten der immer gleichen Rolle, nämlich der des alternden Profis eines gefährlichen Gewerbes, der sich ziemlich herausfordernden Actionsituationen gegenübergestellt sieht. In Ice Road: Vengeance macht er sich auf nach Nepal, um die Asche seines verstorbenen Bruders am Mount Everest zu verstreuen, wo ihm böse Landspekulanten in die Quere kommen, besser gesagt er ihnen. Echte Locations hätten die Actionroutine vielleicht aufgepeppt, so bleibt Neesons Mimik in zwei Versionen, Augenbrauen zusammengezogen und mitfühlender Blick sowie Augenbrauen zusammengezogen und entschlossener Blick.

Bei The Bayou handelt es sich um Tierhorror der Kategorie C, schlechte Darsteller:innen scheitern an einem unglaubliche schlechtem Drehbuch. Von einem Drogenlabor ausgeflossenes flüssiges Meth steigert die Beißfreudigkeit von Alligatoren in Sümpfen Floridas; einmal hab ich mich erschrecken müssen, über den Rest breiten wir Schweigen.

The Nun II ist die Fortsetzung des Horrorfilms The Nun aus dem Jahr 2018, der seinerseits im Conjuring-Universum angesiedelt ist. Erneut treibt die Dämonen-Nonne Valak ihr Unwesen, erneut stellt sich ihr die gute Nonne Irene (Taissa Farmiga) entgegen. Regisseur Michael Chaves gelingt es, in stimmigen Bildern eine unheimliche Atmosphäre aufzubauen, echt gruselig ist das Ganze aber nicht wirklich.

Die beiden ersten Staffeln der Anthologieserie Monster, von Showrunner Ryan Murphy rund um den Serienkiller Jeffrey Dahmer (2022) und die Morde der Brüder Menendez (2024) zusammengestellt, waren wahrlich brillante Streaming-Highlights, die dritte Staffel mit dem Titel The Ed Gein Story kommt da leider nicht mit. Murphy arbeitet mit der ihm eigenen Präzision, was Look, Ausstattung und Kamera betrifft, und hat in Charlie Hunnam einen Hauptdarsteller, der bereit ist, mit unschuldigem Blick und Fistelstimme (die gar nicht der realen Stimme Geins entspricht) eine ganze Menge von Grenzen zu überschreiten. Gefangen in einem eklatanen Mutterkomplex, tötet er mindestens zwei Frauen und schneidert aus der Haut geschändeter Leichen für sich ein weibliches Ganzkörperkostüm. In den ersten Folgen ist das sehr stimmig und spannend gemacht. Doch dann verfällt Murphy mehr und mehr dem Kult und dem Mythos rund um Gein, der sich durch Hitchcocks Psycho sowie andere filmische Werke wie The Texas Chainsaw Massacre und Das Schweigen der Lämmer immer wieder genährt sah. Diese Arbeiten ließen sich durch Geins Taten und seine Psyche inspirieren und schufen daraus faszinierend Eigenständiges. Murphy hingegen ergibt sich einer postmodernen Zitierwut, die fast zum Wahn geriert. Da wird aus Filmen zitiert bzw. werden ganze Szenen daraus nachgespielt, die ja ihrerseits bereits als Spiegelungen der realen Ed-Gein-Untaten funktionierten; zum Teil passiert das auf karikaturenhafte Weise. Als Beispiel mögen Szenen aus dem Biopic Hitchcock dienen, das seinerseits die Entstehung von Psycho neu in Szene setzte: das Zitat eines Zitats des Zitats. Und dann, als die Geschichte eigentlich auserzählt ist, kann Murphy einfach nicht aufhören. Er hängt noch zwei Folgen an, in denen er FBI-Agenten wie jene aus der Serie Mindhunters auf Serienkillerjagd schickt oder diverse Interviews mit anderen solcher Mörder nachstellt. Nicht zu vergessen (oder eben deshalb total zu vergessen) ist der erfundene und gänzlich unglaubwürdige "love inerest"-Teil mit einer Freundin, die es in Wirklichkeit nicht gab, und sind Nazi-Party-Sequenzen auf der Vorlage von Comiczeichnungen rund um die Buchenwald-Mörderin Ilse Koch, die vollends zur Farce und in einer Szene, in der Gein und Koch per Funkgerät miteinander kommunizieren, zur Täter-Opfer-Umkehr ausarten. Das alles klingt nicht nur uneinheitlich und wirr, es ist es auch, unterbrochen von ewig gleichen Szenen des expliziten Tötens und schizophrener Phasen mit viel Fistelstimmenherumgerede. Zum Schluss erleben wir eine Art Himmelfahrt samt Beinahe-Heiligsprechung des Mörders Gein - ob dies als sarkastische Gesellschaftskritik zu verstehen ist oder nicht, wurde mir nicht klar. Aber vielleicht habe ich zu diesem Zeitpunkt aus Langeweile aufgrund von "too much of the same" schon nicht mehr konzentriert genug zugesehen.

One Battle After Another ist ein Film wie auf Oscar komm raus. Paul Thomas Andersons brillante Farce auf radikal-politisches Agieren kann als Lehrstück über perfektes Filmemachen dienen, daran gibt es keinen Zweifel. Leonardo DiCaprio als tolpatschig-drogenumnebelter Ex-Revolutionär im Bademantel, hier ganz verzweifelter Vater auf der Suche nach seiner entführten Tochter, spielt sich schier die Seele aus dem Leib, Sean Penn als böser "white supremacy"-Militär schafft mit herrlichen Manierismen einen unvergesslichen Charakter und Benicio del Toro blitzt als cooler Sensei der Schalk aus den Augen. Chase Infinity als Entführungsopfer mit bewunderswert starkem Willen besteht problemlos zwischen diesen Ikonen. Dazu Jonny Greenwoods einmalige Musik, in einer atemlosen Plansequenz etwa nur ein Ton auf dem Klavier, treibend wie Michael Baumans exquisite Kameraarbeit und Andy Jurgensens Schnitt, wie man ihn fließender, eleganter, auf den Punkt genauer nicht setzen kann - das Pacing, der Rhythmus dieses Films ist zum Niederknien. Die Autoverfolgungsjagd über einen extrem welligen Highway im Westen ist Kino pur, der lakonische Witz trifft ins Schwarze - so kurzweilig waren zweidreiviertel Stunden noch selten. Und doch folgt hier noch mein persönliches Aber. Alles ist so perfekt, dass mir die Seele fehlt; daran ändert auch ein im Finale rührselig vorgelesener Brief einer Mutter an ihre Tochter nichts: Die zwischenmenschlichen Beziehungen habe ich bei aller Brillanz in meinem Herzen nicht gespürt.

Wer ist nun der Top-Auftragskiller Südkoreas? Die Titelfigur im Actionthriller Mantis hat, falls man es denn so nennen möchte, das "Talent" dazu, sieht sich aber mit einer Vielzahl an Mitstreiter:innen konfrontiert, die eher von ihren eigenen Qualitäten überzeugt sind. Der Look ist sehr stylish, manche Kameraeinstellungen ausgesucht einfallsreich, die Kämpfe fein choreographiert und blutig. Womit ich letztlich nicht mitkonnte, ist der spezielle koreanische Humor, der in seiner kindischen Kindlichkeit den harten Männern und Frauen einiges an Glaubwürdigkeit nehmen.

Als Fluch von Serien, kann man es inzwischen gradeheraus bezeichnen, dass nämlich eine Geschichte, die einen Spielfilm mit Spannung und Drama pur füllen könnte, zu mehreren Episoden ausgewalzt wird. Was auch bei Wayward der Fall ist, der deutsche Zusatztitel Unberechenbar weist auf die Charaktereigenschaft so mancher Figuren. Grundsätzlich scheint das Thema der sogenannten "troubled teen"-Industrie ein interessantes zu sein. Früher hat man sie "boot camps" genannt, Organisationen, in diesem Fall ein Internat, die Jugendliche mit Problemen "heilen" sollen; in den heutigen USA boomen sie offensichtlich. Da passt auch der Charakter des jungen Polizisten Alex ins Konzept, der mit seiner hochschwangeren Frau in eben jene Kleinstadt zieht, in der sich eine solche Schule befindet. Mit einer schwierigen Kindheit und Jugend hat der Transmann Alex zweifellos selbst Erfahrungen gemacht, die nichtbinäre kanadische Person Mae Martin verkörpert ihn auf einnehmende Weise. Als Protagonist erhält er aber viel zu wenig Hintergrund und Tiefe, um wirklich berühren zu können, dass er sich ständig das T-Shirt auszieht, soll wohl für seine Charakterisierung reichen. Als Gegenspielerin einer Art Sektenführerin liefert Toni Collette eine Performance mit oft aufgerissenen Augen ab, der Rest wird mit Ausbruchsversuchen diverser Teenies gefüllt. Dies bietet nichts Neues im Genre und wird rasch langweilig.

Als großer Fan des ursprünglichen Alien-Franchise war ich voller Erwartungen, was die Prequel-Serie Alien: Earth betrifft und bin nun sehr enttäuscht. Zwei Jahre vor Ridley Scotts legendärem Ersteintrag (1979) in die Filmreihe angsiedelt, stehen Hybridwesen aus menschlichem Bewusstsein in künstlichen Körpern im Mittelpunkt des Geschehens - Kinderseelen in Robotern quasi, die wiederholten Querverweise auf Peter Pan und seine verlorenen Kinder geben der Sache eine Art psychologischen Überbau. Die Serie vertraut dieser Prämisse, fügt ihr dann aber ebensowenig neue Impulse hinzu, wie sie etwas mit den Charakteren und der Handlung an sich anzufangen weiß. Ein Weyland-Raumschiff voll Alienspezien stürzt auf der Erde ab und die gewohnte Dezimierung des Figurenpopulation nimmt ihren gewohnten Lauf. Die dummen Handlungen von vorgeblich g'scheiten Figuren nerven, ein oktopusartiges Monster mit vielen Augen gehört in den Horrorkindergarten und nicht hierher, und der Xenomorph ist ein bissl klein geraten, aber zumindest handgemacht. Dass er durch die hybride Wendy, bei der man bis zuletzt nicht weiß, woher sie ihre Superkräfte bekommt, mit Klicklauten quasi gezähmt wird, schadet der Geschichte wie schon die "lieben" Raptoren jener um die Jurassic-Welt. Noch mehr aber, dass das Ganze zu keinem (weder befriedigendem, noch unbefriedigendem) Ende gebrachte wird. Acht Folgen lang mäandert Alien: Earth ohne jeglichen stringenten Spannungsbogen dahin und dann ist einfach Schluss. Auf die offensichtlich geplante zweite Staffel sind wir dann schon gar nicht mehr neugierig.

Wegen des herrlichen Schauplatzes Bad Gastein habe ich mir jüngst den österreichischen Fernsehkrimi Der Geier gegeben, ganz genau den zweiten Teil; jetzt bin ich für längere Zeit geheilt von solchem Schmarrn. Philipp Hochmair verkörpert den im Titel genannten ehemaligen Polizeikommisar, spezialisiert darin, Menschen eine neue Identität zu geben. Er outriert sich durch die fade Handlung samt ständig gleicher Einstellungen (Drohnenflug am Wasserfall; heranfahrende Autos), banalster Harmonikamusik, ewig langer küchenpsychologischer Dialoge und schlechter schauspielerischer Leistungen. Der ausgebleichte Look der Bilder soll wohl cool wirken, aber vergeblich.

Das Trickfilmstudio Pixar (Toy Story) stand einmal für bahnbrechende Qualität in Animation und Storytelling. Elio heißt der neueste Eintrag in die Produktionsliste, die Animation passt noch immer, vom Geschichtenerzählen ist nicht viel übriggeblieben. Ein kleiner Bub, der nach dem Unfalltod seiner Eltern bei seiner Militär-Tante lebt, träumt von Abenteuern im Weltall und erlebt diese nach einer Entführung durch Aliens dann auch. Die Bewältigung von Trauer in einer Coming-of-Age-Handlung rund um Freundschaft und Zusammenhalten, garniert durch einige außerirdische Wesen, die sich auch gut als Kuscheltiere oder Sammlerfiguren vermarkten lassen, wurde in manchen Rezensionen als fantasievoll und unterhaltsam apostrophiert, ich habe dabei aber nichts Neues unter der Disney-Sonne entdeckt.

Die Solidarität von Frauen gegen die Unterdrückung durch Männer - bei Spaniens Meisterregisseur Pedro Almodóvar geht sie meist schrill vonstatten, im Spielfilmerstling der italienischen Filmemacherin Paola Cortellesi, Morgen ist auch noch ein Tag, hingegen ganz still. Sie spielt darin auch die Hauptrolle von Delia, mit einem sexistischen Macho verheiratet und Mutter von drei Kindern, die in ärmlichen Verhältnissen ihre Familie im besetzten Nachkriegsitalien durchzubringen versucht und sich dabei den immer größeren Gewaltattacken ihres Mannes ausgesetzt sieht. Ihre ganz persönliche Art der Flucht aus diesen Verhältnissen besteht in der Teilnahme zur Abstimmung über die Einführung der Republik. Die Weise, wie sie alles daransetzt, dafür ihrem Ehemann zumindest für kurze Zeit zu entkommen, wie sie sich für den großen Tag eine Bluse schneidert und Lippenstift aufträgt und dann stolz ihr Wahlrecht in Anspruch nimmt, ist das zu Herzen gehende Finale dieses ungewöhnlichen Films. In stimmigen Schwarzweiß-Bildern gedreht und zuweilen von moderner Musik vorangetrieben, stellt er ein ruhiges, poetisches, dann auch wieder mitreißendes Plädoyer gegen männlichen Chauvinismus und für die Würde von Frauen dar. Ein böses Märchen, das doch Realität war und zuweilen noch ist, mit einem wunderbar optimistischen Ende.

Spannend waren die Kinozeiten, als man sich noch auf jeden neuen Eintrag in die Mission Impossible-Reihe (Brian DePalma! John Woo! Handgemachte Actionstunts in einzigartiger Perfektion!) freuen konnte. Bei The Final Dead Reckoning, dem offenbar wirklich letzten Streifen des Franchise, ist das nun gar nicht mehr der Fall. Das Interessanteste daran ist die Frage, ob in der nächsten Szene Tom Cruise mit oder ohne aufgespritzte Wangen zu sehen sein wird; diese Mischung aus Vorher und Nachher in Bezug auf verunstaltende sogenannte Schönheitsoperationen am Hauptdarsteller legt Zeugnis davon ab, wie sehr sich Regisseur Christopher McQuarrie und sein Star in einer überlangen, -bordenden und -frachteten Geschichte verrant haben. Die grundliegende Thematik von KI, die sich gegen die Menschheit wendet, erscheint mir brandaktuell, nützt ihr Potential aber nicht und versandet letztlich in plattem Nationalstaatenpatriotismus. Zudem konstruiert der Film krampfhaft eine Zusammenführung der Storylines und ihres Figurenpersonals der Vorgänger und nervt damit Publikum, das diese nicht unbedingt dreißig Jahre lang im Hinterkopf behalten hat. Diese Einstiegsszenen dauern über eine Stunde lang und sind so verworren, dass ich mich bald gar nicht mehr ausgekannt habe. Später nimmt der Film Fahrt auf, der Einbruch in ein gesunkenes U-Boot ist filmtechnisch und atmosphärisch brillant gestaltet. Dann aber wird wieder herumgeredet bis zum Gehtnichtmehr. Am Schluss folgt noch eine schön altmodisch handgemachte Doppeldeckeroldtimerluftverfolgungsjagd, die jedoch nicht ausd handlungsintrinsischen Gründen, sondern aus der einzigen Motivation heraus gezeigt wird, damit es in dem Film eine schön altmodisch handgemachte Doppeldeckeroldtimerluftverfolgungsjagd gibt und Tom Cruise wieder einmal seine selbst absolvierten waghalsigen Stunts promoten kann; das war's dann aber auch schon mit Action und zerdehnt, wie diese Sequenz mit einer zweiten parallel laufenden geschnitten ist, kommt keine Spannung auf. Schade, denn ein solch unrühmliches Finale hat sich die früher so coole Filmserie nicht verdient.

Wer immer schon über die Herkunft des Eiskalten Händchens bescheid wissen wollte, kann sich in der zweiten Staffel der Serie Wednesday aufklären lassen. Nicht so witzig und spritzig wie in der ersten, führt Tim Burtons Neuauflage seiner Version des Stoffes rund um die Addams Family die Titelhelin im Düsterlook mit dem Glupschaugenmonster Tyler, dem Zombie Isaac , der Werwölfin Enid und vielerlei anderen weirden Figuren zusammen. Zwischen Szenen und Dialogen, die die Sache offensichtlich unbedingt auf acht Folgen dehnen sollen, sorgt in der schwarzhumorigen Gruselmär die nach wie vor hinreißende Jenny Ortega als Goth-Mädchen für skurrile Pointen.

Mit seiner Oslo-Trilogie hat der norwegische Drehbuchautor und Regisseur Dag Johan Haugerud ein Fimereignis geschaffen, das aus dem heutigen Mainstream wahrlich hervorsteht. Im ersten der in sich abgeschlossenen Teile, betitelt Sehnsucht, geraden zwei Rauchfangkehrer, die in heterosexuellen monogamen Beziehungen leben, in Situationen, ob im Traum oder der Realität, die sie ihre bisherigen Vorstellungen über Sexualität und Geschechterrollen hinterfragen lässt. Im zweiten Teil, Träume, verliebt sich ein sechzehnjähriges Mädchen in ihre Lehrerin und veröffentlicht ein Buch über ihre Erfahrungen. Der dritte Teil mit dem Titel Liebe führt auf einer Nachtfähre eine Ärztin und einen Krankenpfleger zusammen, der solche Fahrten regelmäßig für schnellen Sex nützt. Die Filme führen in klugen, zum Teil wie improvisiert gespielten Dialogen einen intelligenten Diskurs über Themen wie Liebe, Sehnsucht, Beziehungen, Treue, Gender und Identität und lassen uns in ihrer ruhigen Gestaltung ganz nah ran an die Charaktere, die unsere Freunde und Nachbarn, aber auch wir selbst sein könnten. Diese meisterliche Inszenierung zelebriert die Kunst des empathischen Zuhörens und lässt auf diese Weise beglückend authentische Momente heranreifen, die wir mitdenken, mitfühlen und miterleben dürfen.

Im Vorjahr für drei Oscars nominiert, sehe ich in Sing Sing bloß puren Sozialkitsch. Das Gefängnisdrama des US-amerikanischen Regisseurs Greg Kwedar basiert auf einem realen Resozialisierungsprogramm in Form der Einstudierung auf Aufürhrung von Theaterstücken. Colman Domingo in der Rolle des geläuterten Mörders John darf pathetisch dreinschauen und mit bebeneden Nasenflügeln Monologe deklamieren, und alle in der Hanftanstalt sind Brüder und die besten Kumpels. So edel geht es die ganze Zeit zu, dass ich Johns Freudentränen bei der Entlassung gar nicht so recht nachvollziehen konnte: In Sing Sing war's eh so heimelig.

Also ganz ausgekannt habe ich mich bis zum Schluss nicht. A Balloon's Landing (ich sehe im Titel keinen Zusammenhang mit der Handlung) ist ein Film der Regisseurin Teng I-Han und entwirft die Geschichte des mit Plagiatsvorwürfen konfrontierten und von Suizidgedanken geplagten Hongkonger Schriftstellers Tian-Yu, der sich auf einer Reise durch Taiwan auf die Suche nach seinem Brieffreund aus Kindheitstagen, A-Xiang, macht. Die Annäherung der beiden Männer, der eine still und in sich gekehrt, der andere Dampfplauderer, gestaltet sich als liebenswert inszenierter Road trip durch die Insel, da hätte man nichts dagegen, mit ihnen im selben Wagen oder auf demselben Moped zu sitzen. Die beiden Darsteller Terrance Lau und Fandy Fan sind sympathisch, ihrer harmlosen Bromance mit romantischen Untertönen folgt man gern. Doch weshalb wir auf einmal ein melancholischen Fantasymärchen schauen und plötzlich die Zeit zurückgedreht werden kann, hat sich mir nicht erschlossen. Die Struktur des Films und die Entwicklung der Figuren wird dadurch im Grunde genommen zerstört, die interessantesten Knackpunkte des Plots nicht ausgelotet.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass heuer noch ein Film anläuft, der The Paradise of Thorns von meinem persönlichen Platz 1 verdrängen kann. Der thailändische Regisseur Naruebet Kuno, der schon für die grandiose Serie I Told Sunset About You verantwortlich zeichnete, schildert in dem Drama, das sich konsquent bis zur Tragödie steigert, den Kampf um eine Durianplantage. In wunderbar poetischer Bildsprache zwischen Romantik und Sozialkritik geht es um den jungen Thogkam, der sich nach dem Unfalltod seines Mannes mit dessen Mutter und deren Adoptivtochter um sein Eigentum gebracht sieht. Thaipopstar Jeff Satur verkörpert Thogkam auf ungemein einfühlsame Weise, wer außer dem großen Schauspielführer Kuno hätte ihm das wohl zugetraut? Auch die anderen Darsteller:innen, allen voran Engfa Waraha als Thogkams Rivalin Mo, eine zerrissene, verzweifelte Frau auf der Suche nach so etwas wie Glück, agiern mitreißend. Kunos Erzählkunst und die Emotionen der Charaktere ziehen uns in den Sog dieses fesselnden Dramas. Immer wieder aufkeimende Hoffnung nach einem guten Leben, die Sehnsucht nach dem ganz persönlichen kleinen Paradies, sie werden durch den Zwist und Neid der Menschen zerstört. Davon erzählt uns dieser wunderbare Film in Einstellungen von großer Schönheit und nicht geringerer Trauer.

Ich liebe Whodunit-Mörderrätsel à la Agatha Christie, die Romanadaption von Tod auf dem Nil aus 1987 mit Peter Ustinov (nicht die grauenhafte Verstümmelung von Kenneth Brannagh) hat ihren festen Platz in den Top Ten meiner Lieblingsfilme. Wenn bei der Aufklärung eines Mordes in einem Downton-Abbey-Lookalike-Nobelaltersheim dann auch Kapazunder wie Helen Mirren, Pierce Brosnan und Ben Kingsley tätig sind, muss The Thursday Murder Club doch liebevoll-nostalgische Unterhaltung sein. Dachte ich. Doch mittlerweile denke ich, dass bei Netflix-Prestigeproduktionen zu viele Köche im Einsatz sind, da kann das herausgekommene Produkt nur noch nach Einheitsbrei schmecken. Regisseur Chris Columbus ist (vielleicht mit der Ausnahme von Kevin - Allein zu Haus) auch nicht gerade für die Würze seiner Arbeiten bekannt. Und so ist das donnerstägliche Mördersuchspiel mit Altstars recht bieder, ganz nett, nie spannend und eher einschläfernd geworden.

Die Besprechungen des Horrorfilms Final Destination 6 waren vielerorts so positiv, dass ich richtig Gusto darauf hatte. Die Realität hinkt der Vorfreude aber leider wieder einmal nach. Eine Reihe von Figuren springt dem Tod von der Klinge, werdenvon ihm dann aber bald wieder eingeholt. Tatsächlich sind einige Verkettung von Unfällen, die auch in diesem Teil des Franchises variiert werden, fein erdacht und ausgeführt, doch natürlich ist alles wie gehabt und just a bit more of the same. Dass hier offenbar der Versuch unternommen wurde, den altbekannten Erntezug des Todes in eine komplexere Familiengeschichte einzufügen, mag und als rühmlich erscheinen, steigert die Spannung auch nicht gerade.

Viele von uns werden sich angesichts der Qualität und des Erfolgs des Horrortrhillers Weapons dem Erstlingsfilm des US-amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Zach Gregger zugewandt haben. Barbarians heißt dieser, es handelt sich dabei um wahrlich qualitativ hochwertiges Spannungskino. Eine doppelt vergebene Airbnb-Unterkunft in einem verwahrlosten Stadtteil von Detroit, eine regnerische Nacht, ein junger Mann (Bill Skarsgard) und eine junge Frau (Georgina Campbell) auf der Flucht vor einer toxischen Beziehung. Was sich daraus entwickelt, spielt mit unseren Erwartungen und führt uns dabei ständig auf falsche Fährten. Nach der Hälfte des Films bricht dieser Handlungsstrang jäh ab und tut sich ein anderer mit Justin Long als Protagonisten auf; dies wird auch noch ein weiteres Mal passieren, bevor der Horror im Untergrund des Hauses weitergeht. Ich habe Weapons ja noch nicht gesehen, doch Barbarians macht definitiv Lust darauf.

Aus Mangel an Beweisen war ein spannender Gerichtssaalkrimi aus dem Jahr 1990, Harrison Ford darin in der Rolle des Staatsanwaltes Rusty zu sehen, der des Mordes an seiner Geliebten beschuldigt wird. Selber Titel, selbe Geschichte, doch jetzt wird sie, wie heutzutage leider üblich, zur achtteiligen Serie ausgewalzt. Solide gemacht, gut gespielt (Rusty wird diesmal von Jake Gyllenhaal verkörpert, Chase Infinity als seine Frau Jaden ist exzellent), doch insgesamt allzu redundant und deshalb langweilig in den einander sehr ähnelnden Reden und Befragungen vor der Jury. Als dann am Schluss das Töchterl den Plottwist einfach runtererzählt, anstatt dass wir Hinweise darauf im Verlauf der Handlung entdecken hätten können, merken wir, wie einfach man es sich hier gemacht hat.

Der britische Regisseur Guy Ritchie (Sherlock Holmes) war einmal als Spezialist für spritzige Action bekannt, was er in letzter Zeit für Streamingdienste liefert, ist aber erbärmlich. Sein neuester Streifen Fountain of Youth beschreibt die mit allerlei nervigem Rumgestreite zwischen John Krasinski und Natalie Portman durchsetzte Suche nach dem im Titel genannten Jungbrunnen und erweist sich in seiner jämmerlichen Ideenlosigkeit als so unnötig, wie ein Film nur sein kann. Es gibt ihn nämlich schon, in der grandiosen Form von Indiana Jones und der letzte Kreuzzug aus 1989; Ritchies Version fehlt es an dem Charme, dem Witz und Spielberg'schem filmischem Zauber des Klassikers, der einen Höhepunkt des Abenteuerkinos überhaupt darstellt.

Bei der im Titel der apple-Serie The Studio genannten Institution handelt es sich um ein Hollywood-Studio, beim Endprodukt um eine von Seth Rogan verantwortete Comedy voll (meist) pointierter Wortgefechte und amüsenter Anspielungen an die Filmindustrie. Wir begleiten den neuen Produktionschef Max durch das alltägliche Chaos von Meetings mit Regisseuren, Darsteller:innen und anderen Filmschaffenden bei seinem Versuch, auch mal Innovatives gegen die Erwartungen des Oberbosses (Brian Cranston) durchzusetzen. In den Szenen herrscht meist wie in klassischen Screwball-Komödien großes Wirrwarr, die hektische Musik tut das ihre, um das Sausen in unseren Köpfen anzustacheln. VIPs spielen sich selbst und nicht selten haben wir es mit Szenen zu tun, die in einer einzigen Einstellung gedreht wurden. Bei einer Folge, in der Max etwa in den Dreh einer solchen Szene gerät und ihn gehörig durcheinanderbringt oder em Ablauf einer Golden Globe-Gala ist das der Fall; und es macht großen Spaß, all dem zuzusehen.

Bei The Wedding Banquet handelt es sich um eine US-amerikanische Neuverfilmung von Andrew Ahn des queeren Klassikers Das Hochzeitsbankett des taiwanesischen Filmemachers Ang Lee (Regieoscars für Brokeback Mountain und Life of Pi) aus dem Jahr 1993, deren Produktion man sich im Grunde genommen auch ersparen hätte können. Die Geschichte um eine Scheinehe, die die tatsächliche schwule Beziehung der konservativen Verwandtschaft gegenüber verschleiern soll, wurde in Details verändert (Taiwan etwa durch den In-Faktor Korea ersetzt), stellt heutzutage aber kein Wagnis mehr da. Lee drehte mit Wagemut eine hinreißende Komödie um Themen, die damals noch nicht offen ausgesprochen wurden; solche Erzählungen sind mittlerweile im Mainstream angekommen, eine queere Romcom entrüstet erfreulicherweise nur noch Menschen mit ganz spezifischen Denkmustern. Ahns Adaption ist nett und ohne echte emotionale Höhepunkte anzusehen, zuweilen recht lustig und vom Cast sympathisch dargebracht, das ist es aber auch schon.

Ich freue mich auf jeden neuen Film von Steven Soderbergh, bei dem Spionagekrimi Black Bag verhielt es sich nicht anders. Und in der Tat handelt es sich dabei um Spannung in geschliffen-pointierten Dialogen und cleveren Gedankengängen - auch nur eine kleine Pause beim Mitdenken ist da nicht erlaubt. Michael Fassbender mit Harry Palmer-Gedächtnisbrille (Michael Caine in seiner berühmtesten Agentenrolle) und Cate Blanchett mit so kantigen Wangenknochen, dass es schon bedrohlich wirkt, als lebender Beweis eines definitely too much an Schönheitsoperationen - die beiden spielen ein Agentenehepaar, das sich mit einem Maulwurf in engsten Kollegenkreis konfrontiert sehen. Der Filmtitel bezieht sich auf ein Codewort, das die beiden gegen Fragen einsetzen, die höchster Geheimhaltung unterliegen. Bei den Ermittlungen wird denn auch ihre Loyalität zueinander in Frage gestellt. Die Handlung entwickelt sich gefinkelt, der Erzählmodus ist schnörkellos, das Setdesign erlesen; die Explosionen in diesem Krimi spielen sich nicht auf der Leinwand ab, sondern zwischen den Ganglienzellen im Gehirn der Zuschauenden.Was vielleicht in all dieser Coolness abgeht, ist der Faktor menschlicher Emotionen, der den Figuren noch etwas mehr Tiefe gegeben hätte.

George Clooney und Brad Pitt in einem Film, das weckt selige Erinnerungen an die Coolness von Ocean's 11 & Co. Davon sind wir bei der als solcher apostrophierten Thrillerkomödie Wolfs aber so weit wie nur möglich entfernt. Zwei der im Titel genannten Cleaner also, Tatortreiniger nach Gewaltverbrechen, die als einsame Wölfe am liebsten allein arbeiten, sich in diesem Fall aber zum Teamwork gezwungen sehen - deshalb auch die bewusst falsche Pluralform. Die beiden Stars geben sich Mühe, aus dem faden Drehbuch zumindest ein paar Pointen herauszukitzeln. Zu Beginn gelingt ihnen das durch ihr Charisma auch kurzzeitig, bald sieht sich ihre Mimik über Gebühr angestrengt und Langeweileschiebt sich in den Vordergrund. Aus nichts kann nichts werden, bei Wolfs ist das eindeutig der Fall.

Der Fluch des wahren Filmfreundes und damit Vielsehers ist die Vorhersehbarkeit der Handlungsentwicklung; was früher oder später zu immer mehr Langeweile im Kino führt. Umso erfreulicher, auf einen Stoff voller Überraschungen wie Mr. Long aus dem Jahr 2017 zu stoßen. Der Profikiller als Koch, so könnte man den Plot um einen taiwanesischen Meister mit dem tödlichen Messer umschreiben, der nach einem misslungenen Auftrag in einem verwahrlosten Viertel von Tokio strandet und sich dort mit seiner Rindsuppe die Zuneigung der Nachbarschaft erkocht. Regisseur Sabus Genrebruch zwischen beinhart-blutigem Thriller und liebevoller Sozialkomödie funktioniert tatsächlich aufs Vortrefflichste. Im Wechsel zwischen langen realistischen Arthouse-Einstellungen und dramatischen Schnitten, untermalt von einem minimalistischen Score, in dem stille Klavierakkorde Nähe und einzelne Trompetentöne Spannung erzeugen, entwickelt der Film auf warmherzige Weise die Beziehung zwischen dem schweigsamen Killer, einem kleinen Buben und dessen drogensüchtiger Mutter. Ein Kriminalfilm voller Glücksmomente und einem märchenhaft-überhöhten Ende, das hat wohl keiner von uns schon oft gesehen.

Bill Skarsgard sehe ich immer gern als Darsteller meist gruseliger Figuen und Anthony Hopkins verehre ich ohnehin als eine der besten Schauspielpersönlichkeiten ever. Kein Wunder, dass ich mich von dem Thriller Locked angezogen fühlte; was aber nicht bis zum Schluss des Streifens anhielt. Ein Gelegenheitsgauner bricht in ein unversperrtes Luxusauto auf einem New Yorker Parkplatz ein, schon schließt sich die Verriegelung, er ist gefangen und den unberechenbaren Launen des exzentrischen Besitzers ausgeliefert, der mit ihm von nun an verfährt wie eine Katze mit der sprichwörtlichen Maus in der Falle. Was für eine tolle Idee (die auf einem argentinischen Vorbild aus dem Jahr 2019 basiert), was für ein fader Film ist daraus geworden. Den Klimax killt schließlich schreckliche Unlogik, was das Verhalten der Charaktere betrifft.

Die Romanvorlage von Sang Young Park ist die mitreißende Romcom eines schwulen Mannes und seiner besten Freundin durch die Höhen und Tiefen der Reise ihres Erwachsenwerdens und natürlich auch der großen, echten Liebe. Die Filmadaption von Love in the Big City bezieht sich in erster Linie auf einen der vier Anschnitte des Buches, bei der im Titel angesprochenen Stadt handelt es sich um Seoul, die beiden Hauptrollen werden von Noh Sang-hyun und Kim Go-eun ansprechend verkörpert. In der Odyssee ihrer Lebensnavigation nehmen sie so manche falsche Abzweigung, Enttäuschungen und Verletzungen sind die Folge. Sie finden aber immer wieder auf den rechten Weg der wahren Freundschaft, die nie wanken soll, zurück. Das ist nett mitzuverfolgen, plätschert aber meist ohne emotionale Höhepunkte dahin und bleibt dabei stets sehr distanziert; einen Zugang der menschlichen Nähe findet der Film leider nicht.

Schon vor zwei Jahren lief Club Zero, der bislang letzte Film der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, an. Dass er ähnlich sperrig und zum Teil vielleicht auch interessant sein würde wie die meisten Einträge in ihr Werksregister, war erwartbar; ich war dann aber eher überrascht davon, wie sehr der Streifen nicht funktioniert. Eine Privatschule für Kinder reicher Eltern, Jugendliche, denen der Rückhalt von zu Hause fehlt, eine neue Lehrerin, die es schafft, zu einigen von ihnen ein enges Verhältnis aufzubauen und sie für ihren Ernährungskult begeistert. Es gilt, so wenig wie möglich zu essen, schließlich von der Luft zu leben, und sich auf diese Weise von Zwängen unserer Konsumgesellschaft zu befreien. Die Jugendlichen folgen ihr fast hörig, Konflikte mit der Schulleitung und den Eltern in ihrer Machtlosigkeit sind vorherbestimmt, die Tragödie nimmt ihren Lauf. Dies alles ist in Hausners ganz eigenem Stil in Bilder höchster Stilisierung gefasst, kalt, distanziert, in einer Atmosphäre beunruhigender Monotonie, die sich von einem minimalistischen Score in immer gleicher Tonfolge unterstützt sieht. Das Problem ist nur, dass sich das, was sich auf höchst kunstvoll wirkende Weise vor unseren Augen abspielt, in Wirklichkeit ziemlich banal ist. Inhaltlich fehlt jede Tiefe, die die Thematik auszuloten wüsste, die Beziehung zu den Eltern und die ansatzweise gegebenen Erklärungen für das Fasten haben Maturaaufsatzniveau. Zudem verhindert das bewusst steife Spiel mit den gestelzt aufgesagten Dialogen, dass wir Zugang zu den Charakteren, Einsicht in ihre Persönlichkeit und Handlungsmotive zu gewinnen vermögen. So bleiben die Figuren wie von außen vor; ihr Schicksal berührt uns nicht und ist uns im Grunde genommen egal, wirklich nah am Hungertod wirken sie ohnehin nie. Wegen der formalen Konsequenz konnte ich Club Zero mit Interesse folgen, da er mich menschlich nicht gepackt hat, war er aber bald wieder vergessen.

Der Titel des südkoreanischen Noir-Thrillers The Childe hilft uns, was da Verständnis des Inhalts betrifft, nicht viel weiter, die wörtliche Übersetzung des Originaltitels tut es sehr wohl: "Ehrenmann" lautet diese nämlich, in den schlechten deutschen Untertiteln wird die schwammigere Formulierung "Profi" angeboten. Um einen solchen Protagonisten geht es, einen von Kim Sen-ho dargestellten geheimnisvollen Killer, der den jungen Boxer Marco Kang Tae-joo) nach Seoul verfrachen soll, auf dass sein Herz einem todkranken Tycoon transplantiert werde. Als interessanten Aspekt sehe ich Marcos Zugehörigkeit der Volksgruppe der Kopinos mit gemischter koreanischer und philippinischer Herkunft an. Diverse Diskriminierungen, denen sich solche Menschen ausgesetzt sehen, spielen im Film eine Rolle, zudem eine Reihe von Autoverfolgungsjagden und inhaltlich überraschenden Sprüngen. Am Schluss erklärt eine Wendung um die Hauptfigur seinen Motivationshintergrund; der Kreis um den "Ehrenmann" schließt sich dann.

Der poetisch klingende Titel von James Mangolds Bob Dylan-Biopic Like a Complete Unknown ist Programm: vor der Sichtung wissen wir nicht gerade viel über Dylan als Privatperson und das bleibt auch so. Timothée Chalamets Darstellung des Künstlers als jungem Mann ist grandios, er verschmilzt geradezu mit ihm, das war es dann aber auch schon. Denn das Drehbuch versucht erst gar nicht, hinter das öffentliche Gesicht des schwierig-eigenbrötlerischen Musikers zu blicken, es stellt dafür ja nicht einmal genügend Szenen zur Verfügung. Der Film konzentriert sich auf den jungen Dylan, auf seine Ankunft im New York des Jahres 1961 und seine Entwicklung von der Folk Music hin zum Rock wird. Erzählt wird diese in Form der Aneinanderreihung eines Songs nach dem anderen; Plattenaufnahmen und ganze Konzertauftritte werden nachinszeniert, wobei der Hauptdarsteller dem Musiker und späteren Literaturnobelpreisträger durch perfektes Make up nicht nur sehr ähnlich sieht und sich bewegt und spricht wie er, er singt auch sämtliche Lieder selbst. Persönlichkeiten wie Joan Baez, Johnny Cash, Woody Guthrie und Pete Seegers sind dabei bloß Motten, die das Licht des Genies umkreisen und sich dabei zum Teil die Flügel verbrennen. In ihrem Zentrum steht eine Persona publica, die in diesem Film authentisch porträtiert wird, in deren Seele wir aber in keinem Moment blicken dürfen.

Schon The Father (2020), dem Erstling des französischen Autors und Regisseurs Florian Zeller, lag ein von ihm und dem Dramatiker Christopher Hampton verfasstes brillantes Drehbuch zugrunde. Es bot die Basis für Anthony Hopkins grandiose Darstellung eines demenzkranken Mannes. Zellers zweiter Film The Son aus dem Jahr 2022 punktet mit ähnlichen Qualitäten. Im Mittelpunkt stehen der siebzehnjährige Nicholas (Zen McGraths verhaltener Schmerz ist herzzerreißend), der mit schweren Depressionen zu kämpfen hat, und sein Vater Peter (eine ebenfalls starke Performance von Hugh Jackman), ein erfolgreicher Anwalt, den seine eigenen Dämonen aus der Kindheit jagen. Die Handlung bewegt sich wie ein Wasserstrudel um die Beziehung dieser beiden Figuren, all ihre Verletzungen und Sehnsüchte, und zieht sie unbarmherzig in die Tiefe ihrer wunden Seelen. Auf den Punkt geschriebene Dialoge (zugrunde liegt dem Film Zellers Theaterstück Le fils) fesseln uns an das Schicksal dieser Charaktere und der Figuren in ihrem Umkreis (Anthony Hopkins als Peters Vater, Laura Dern als seine erste, Vanessa Kirby als seine zweite Frau). Regisseur Zeller meint, er wollte das schwierige Thema der Jugenddepressionen "auf ehrliche und demütige Weise" behandeln; dies ist ihm mit diesem bewegenden Film gelungen.

Erkläre mir mal jemand die Logik hinter deutschen Filmtiteln; wird nicht funktionieren, denn es gibt keine. Jüngstes Beispiel liefert Ryan Cooglers Vampir-Horrorfilm Sinners, der im deutschsprachigen Raum den Titel Blood & Sinners aufgesetzt bekommen hat. Anyway, der Film selbst kann nichts dafür und steht zudem Klassen über diesem Unsinn der Verleihfirma. Ich würde den Streifen als "slow burner" bezeichnen, denn zu Beginn nimmt er sich viel Zeit für die Einführung des Themas und der Figuren; wie eine Zündschnur brennt der Stoff rund um eine Bluesbar, die ein schwarzes Zwillingsbrüderpaar (Michael B. Jordan) Anfang der Dreißigerjahre im Süden der USA eröffnet, daraufhin schneller und immer schneller ab und sich in unsere Augen bis zu einem Finale, das es wahrlich in sich hat. Die Handlung läuft über einen Tag und eine Nacht, die Musik des Blues dient dafür als Treibstoff, sie setzt für den Film einen Rhythmus, den Choreografie, Kamera und Schnitt, die Abfolge von längeren Plansequenzen und Bildern im Stakkato, aufnehmen und uns hineinreißen in einen Sog, der immer treibender wird und sich steigert bis zu der blutigen Klimax. Ein junger talentierter Blues-Gitarrist (Miles Caton), der Cousin der Zwillinge, erlebt seine Initiation und Katharsis: Die Dualität von Gut und Böse, die Sehnsucht nach Freiheit in einer Umgebung, die der Ku-Klux-Klan regiert, die Realität, die ins Paranormale kippt, die Erotik der Musik und die orgiastische Steigerung im Tanz, die Kontemplation über die Endlichkeit des Seins und lupenreinste Action - der Film packt uns und lässt uns als Reimagination des Genres, doppelbödig und progressiv, nicht mehr los. Der stille Post-Credit-Epilog, der sechzig Jahre später spielt, schließt den Kreis der Erzählung auf nachdenkliche Weise.

Ich weiß nicht, wie ich auf die abwegige Idee gekommen bin, mir Bridget Jones - Verrückt nach ihm anzusehen; wann immer auf der Suche nach dem Superlativ von "banal", sollte man zu diesem Film, dem vierten Teil der Reihe, greifen. Die von er merklich schönheitschirurgisch misshandelten Renée Zellweger dargestellte Titelfigur ist nach dem Tod ihres Mannes auf der Suche nach einer neuen Liebe, die sich nach einem nicht so erfolgreichen Zwischenspiel mit einem jungen Muskelmann schließlich in Person eines lieben Lehrers findet. Hugh Grant ist der einzige Lichtblick in den sich um dieses Ansinnen entspinnenden Ereignissen. Früher hätte man solche Groschenromanromantik als Fortsetzungsgeschichte in einer Illustrierten bringen können, heute fällt das einfallsDrehbuch wohl in die Kategorie "KI-generiert".

Als Vorbereitung auf die anstehende Neuverfilmung von Die nackte Kanone habe ich mir ein Wiedersehen mit der Originaltrilogie aus den Jahren 1988, 1991 und 1994 gegönnt, und dieses entpuppte sich auch nach so langer Zeit als ein höchst vergnügliches. Was Jim Abrahams und die Zucker-Brüder David und Jerry hier an aus heutiger Sicht politisch völlig unkorrekten Gags und bisweilen absurdem Humor aus dem Hut zauberten - herrlich komisch! Leslie Nielsens stoischer Blick inmitten des von ihm in der Rolle des Polizeilieutenants Frank Drebin angerichteten Chaos, ob in Zusammenhang mit der englischen Königin, dem US-Präsidenten oder bei der Oscarverleihung, erscheint mir so unnachahmlich, dass ich der neuen Version mit Liam Neeson mit Schaudern entgegenblicke.

Die erste Liebe und den Aufruhr des Herzens hat sich der belgisch-niederländische Jugendfilm Young Hearts (kein sehr origineller Titel) zum Thema gemacht; dass sich der vierzehnjährige Elias dabei in den Sohn des neuen Nachbarn, den gleichalterigen Alexander (Marius De Saeger) verliebt, scheint weniger für sein familiäres Umfeld und den Freundeskreis ein Problem zu sein, als für ihn selbst - schließlich kenne er, wie er selbst einmal sagt, keine anderen Jungen, die auf Jungen stehen. Das Spielfilmdebüt des belgischen Drehbuchautros und Regisseurs Anthony Schatteman hat für die erwachsenen Figuren eher banale und betulich inszenierte Dialogzeilen auf Lager. Hingegen lebt es von der authentischen Zeichnung der Jugendlichen und ihres liebevollen Umgangs miteinander und der außergewöhnlichen Leistung des jungen Hauptdarstellers Lou Goossens - seine großen blauen Augen wissen mitunter ganze Bände zu sprechen. Der zuweilen angestellte Vergleich mit Lukas Dhonts Meisterwerk Close aus 2022 mag sich anbieten, hält aber keinesfalls stand. Als liebenswerte Annäherung an die Thematik ist der Film für die dargestellte Altersgruppe aber bestens geeignet.

Was auch als Resümee meiner Gedanken dienen könnte, gleich zu Beginn: Perfect Days ist ein perfekter Film. Der deutsche Filmemacher erzählt darin ganz still und leise von Hirayama, einem altenden alleinstehenden Mann, der für die Reinigung der hippen Toiletten im schicken Tokioer Stadtteil Shibuya zuständig ist. Der japanische Schauspieler Koji Yakusho verkörpert diesen Mann, der ganz im Hier und Jetzt zu leben scheint, der seine Arbeit, auf die andere mit Nasenrümpfen herabsehen, aufs Beste zu erledigen trachtet, in der Mittagspause das Lichtspiel zwischen Ästen und Zweigen (analog) fotografiert, Musik noch auf Kassetten hört und vor dem Einschlafen Faulkner und Highsmith liest, ganz wunderbar als wortkargen Einzelgänger. Doch als keinen, der mit seinem Schicksal zu hadern scheint. Jeden Morgen, wenn er aus der Tür zur seiner Wohnung tritt, begrüßt Hirayama den neuen Tag mit einem Lächeln, und beim Verfolgen seiner alltäglichen Gewohnheiten werden wir selbst ruhig und lächeln mit ihm und seiner Lebensweise; Hirayamas trostspendende Seelenruhe überträgt sich auch auf uns. Selbst durch die Person eines chaotischen Mitarbeiters, später durch das Auftauchen seiner Nichte lässt Hirayama kaum Störungen seiner Routinen zu. Feine Risse von Irritation treten im letzten Drittel des Films auf, als ihn seine Schwester bittet, doch den dementen Vater im Heim zu besuchen und Hirayama dies ablehnt; da steht er auf der Straße und weint. Es sind kleinste Hinweise wie diese, die hin zu Hirayamas bisherigem Leben weisen, wir können über ihre Bedeutung nur mutmaßen. Und am Ende, wenn wir beim Autofahren direkt in sein Gesicht blicken, ohne Schnitt und minutenlang und damit ähnlich wie bei Timothée Chalamet in Call Me By Your Name oder Glenn Close in Gefährliche Liebschaften, erkennen wir die Trauer und die Traurigkeit, die dieser Mann (auch) aushalten muss, gegen die er aber mit seinem Lächeln ankämpft. Eine beglückende Kinofantasie.

Mit dem koreanischen Film 84m2 liefert Netflix recht halbgare Ware. Die Geschichte von einem jungen Mann, der sich mit allem zusammengekratzten Eigenkapital und hohen Kreditschulden eine Eigentumswohnung kauft, geht die Kritik an Raubtierkapitalismus und Börenspekulationen nicht uninteressant an. Doch bald rauben der Haupfigur seltsame Geräusche in dem Gebäude den Schlaf und der Ansatz zur Sozialsatire wird auf Eis gelegt; die Suche nach der Lärmursache nimmt die Möglichkeit des Verlaufes in Richtung Mystery oder Thriller nicht auf, ist stattdessen spannungsarm und verläuft alsbald ins Belanglose. Wie die fallenden Immobilienkurse im Film, sinkt auch unser Interesse an der ganzen Sache recht bald.

Natürlich sind sämtliche negativen Rezensionen über den amazon-Streifen Heads of State gerechtfertigt: in Bezug auf Logik ist der Film zu vergessen, die realpolitischen Bezüge gehen nicht in die Tiefe, Action und Effekte sind lau, so manche der Gags zünden nicht. Trotzdem: Idris Elba als unglücklich verliebter britischer Premierminister und John Cena als eher doofer US-Präsident, die sich nach dem Absturz der Air Force One von Belarus bis zum NATO-Gipfel in Italien durchschlagen müssen, hatten beim Dreh sichtlich Spaß, der sich passagenweise auch auf mich übertragen hat. Die ewig lange Herumballerei am Schluss hätte sich aber durch spritzigere Einfälle lösen lassen.

"Sie hatten noch Gesichter damals." Der legendäre Satz von Gloria Swanson in Billy Wilders Klassiker Sunset Boulevard aus dem Jahr 1950 erweist sich bei der Betrachtung vieler rezenter Filme immer wieder als beinahe hellseherisch. Zwei, die der geäußerten Sehnsucht nach der Leinwandpräsenz echter Stars entsprechen, sind zweifellos Harrison Ford und Helen Mirren. Wenn die Kamera in der Serie 1923 auf ihre Gesichter hält, vergessen wir die Verrenkungen der Handlungsführung und die platten Dialoge; stattdessen tauchen wir ein in die Geschichten, die ihre Augen erzählen. Als Prequel zur Serie Yellowstone (2018) und Sequel zu 1883 (2021) erzählt sie von den Duttons, einer Dynastie von Rinderzüchtern im Montana des im Titel genannten Jahres, einer Zeit der wirtschaftlichen Depression. Dallas zur Zeit, als der Westen an seine wilden Grenzen stieß - inhaltlich bewegt sich alles auf ausgetretenen Soap-Pfaden. Wenn Harrison Ford seine Augen zusammenkneift und die Stirn runzelt und Helen Mirren mit Resolutheit durchgreift, macht das Hinschauen aber Freude.

Hämmernde Musik, spitzzähnige Fischmaulkreaturen, viel spritzendes Blut, rasanter Schnitt und dann wieder großzügig eingesetzte Zeitlupe, das alles in einer Art Moody-Black-Filter gestylt: Der thailändische Martial-Arts-Zombiestreifen Ziam entwirft eine grausige Dystopie. Inmitten einem apokalyptisch dargestellten,von quälender Nahrungsmittelknappheit heimgesuchten Bangkok kämpft sich der Thai Boxer Singh (der fesche Prin Suparat) durch ein Krankenhaus voll Infizierter, um seine Ärztefreundin Rin und einen kleinen Buben zu retten. Fetzige Action, die immer wieder auf besonders schöne Bilder des Durchatmens bedacht ist. Der Held überlebt schlussendlich sogar den Einsturz des Krankenhauses; aber über Logik grübelt bei einem solchen Film ohnehin niemand.

Wegen Christoph Waltz darf man schon mal neugierig in einen Film hineinschauen, sogar wenn es sich bei Simon West um einen Regisseur von Stangenware handelt. Im Fall von Old Guy spielt Waltz in dem ihm eigenen Singsang-Englisch einen altgedienten Auftragskiller, der nervigen Nachwuchs ausbilden soll; Actionkomödie nennt sich das, hat aber mit keinerlei Inhalten zu diesen beiden Komponenten aufzuwarten. Nicht witzig und nicht spannend: Schaut man's nicht, hat man nichts versäumt.

Für mich sind die einzelnen, in sich abgeschlossenen Folgen der Netflix-Serie Somebody Feed Phil immer wieder kleine Köstlichkeiten für Zwischendurch. Der US-amerikanische Autor und Fernsehproduzent Philip Rosenthal reist in mittlerweile acht Staffeln mit seinem Bruder als Kamermann rund um den Erdball, wobei sich jede Folge um eine Stadt dreht und dort in erster Linie - der Titel verrät es schon - ums Essen. Dabei werden sowohl Streetfood als auch Gourmetlokale ins rechte Licht gerückt, kulinarische Traditionen und Überraschendes zubereitet und verkostet, und damit auch Menschen porträtiert, die schlicht und einfach gern kochen und/oder essen. Es sind Rosenthals überaus freundliche, empathische Ausstrahlung und seine absolute Begeisterungsfähigkeit, die die liebenswerte Stimmung erzeugen; in letzter Zeit steht auch jeweils eine charitative Einrichtung im Mittelpunkt.

Ziemlich positiv überrascht die Netflix-Produktion K-Pop Demon Hunters als Kreischvehikel schon für Fans im Kindesalter, vergrault aber auch ältere nicht. Eine Girl-Group als Jägerinnen der Dämonen, die in Gestalt der Mitglieder einer Boygroup agieren, das war's dann auxch schon mit dem Inhalt. Die genretypische Musik trifft die Erwartungen, alles ist bunt animiert, mit Humor angerichtet und von einer frischen Leichtigkeit getragen. Wer das mag, kann sich hier gut unterhalten fühlen.

Was wurde dieser Film allerortens von der Kritik doch verrissen! Beim Sichten von The Amateur fand ich aber eine wesentlich gelungerene Arbeit vor. Dies liegt in erster Linie an der tollen Darstellung von Bond-Schurke Rami Malek. Ich nehme ihm den introvertierten CIA-Computernerd ab, der in Bezug auf Menschen oft geradezu autistisch agiert, in seinen Analysen aber ein absoluter Spezialist ist. Ich nehme ihm die große Liebe zu seiner Frau ab, die bei einer Geiselnahme in London erschossen wird, und seine Verzweiflung ob der Untätigkeit seiner Vorgesetzen beim Aufspüren der Täter. Und ich glaube ihm seine Anstrengungen, über den eigenen Schatten zu springen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die seinen Kontrahenten per Computer gestellten gefinkelten Fallen auf der einene Seite, sein zuweilen fast unbeholfenes Agieren bei handfesten Auseinandersetzungen auf der anderen kommen nachvollziehbar und glaubwürdig rüber, weil er eben der im Titel genannte Amateur, der Fehler macht und fast an sich selbst scheitert. So ist ein geradlinig-spannender Spionagethriller mit einem interessanten Protagonisten entstanden, dessen Musik leider so flach kommt wie das gesamte Finale. Dieses wird wie nebenbei und völlig lustlos abhandelt und mit Michael Stuhlbarg (der Vater aus Call Me By Your Name) als Oberbösewicht ein wunderbarer Darsteller mit ein paar flauen Drehbuchzeilen verheizt.

The Filme Morbius, Venom und Madame Webb haben zwei Dinge gemeinsam: Zum Ersten versuchen sie, Bösewichter aus dem Spiderman-Universum zu Helden aufzubauen, zweitens sind sie allesamt furchtbar schlecht geraten. Die neue Produktion Kraven The Hunter tut es ihnen in beiderlei Hinsicht gleich. Aaron Taylor-Johnson, den ich in seiner Grobschlächtigkeit gar nicht passend als neuen James Bond sehen würde, stellt die Titelfigur mit meist grimmigem Blick und ohne Nuancen dar; weshalb er seine Superkräfte in jungen Jahren von einem Mädchen namens Calypso erhält, bleibt ebenso unklar, wie die Motivation dafür, dass ein Film dieser Größenordnung zum Teil so grottenschlechte Spezialeffekte (die Büffelherde!) einsetzt. Fad ist das Ganze ohnehin, denn wenn ein Held mit übersensiblen Sinnnesorganen und der Fähigkeit zu wahren Hüpf- und Springorgien von vornherein unbesiegbar ist, killt dies nicht nur Unmengen an Gegnern, sondern ganz nebenbei auch jede Spannung. Ach ja, Russel Crowe stakst mit theaterhaft russischem Akzent herum, aber das tut er heutzutage eh überall, wo man ihn ordentlich bezahlt.

Zu Brick auf Netflix: Nach wie vor gibt es keinen wirklich guten Film mit Matthias Schweighöfer. Über Nacht ist ein Hamburger Wohnhaus von einer schwarzen Mauer umgeben, es gibt kein Herauskommen aus den Wohnungen. Drehbuch und Regie stammen von Philipp Koch, der immerhin den grandios pessimistischen Streifen Picco (2010) verantwortete, in diesem Fall ist ihm aber nichts eingefallen. Statt die psychologischen Möglichkeiten der Grundsituation zu entwickeln, läuft die höhepunktlos-fade Handlung auf eine fadenscheinige Erklärung hin. Die Figuren darin erleben keine Entwicklung, ihre Beziehungen sind reine Behauptungen, die wir nicht nachvollziehen können; die schlechten schauspielerischen Leistungen schließlich führen dazu, dass uns ihr Schicksal schlicht und einfach egal ist.

Zum Start des neuesten Jurassic-Abenteuers habe ich mir als Dino-Fan nochmals die vorangegangenen sechs Teile angesehen. Hier meine Reihung. --- Auf den ersten Platz gehört natürlich Steven Spielbergs Jurassic Park aus dem Jahr 1993, ein zeitloses Meisterwerk, das mit grandioser Eleganz Animatronic-Effekte mit computergenerierten zu verweben wusste. Perfekt in drei Akte und diese wiederum in einem betörenden Rhythmus getaked, ist das ein Film des großen Staunens über die Wunder der Natur und der panischen Angst, wenn das Korsett, in das Menschen diese zu pressen versuchen, aus seinen Fugen gerät. Spielbergs Visionen haben Standards gesetzt, an denen heutige Blockbuster regelmäßig scheitern, seine spezielle Kunst des visuellen Storytellings ist und bleibt einzigartig. Und halten wir uns vor Augen, dass er im gleichen Jahr, teilweise sogar gleichzeitig, auch an Schindlers Liste arbeitete. Viele der Bilder sind zu ikonischen Einstellungen der Filmgeschichte geworden, die von Sam Neill, Laura Dern und Jeff Goldblum verkörperten Charaktere zu unseren all-time-Favoriten. Und John Williams? Der komponierte eines seiner Leitmotive, das ins akustische Erinnerungsvermögen ganzer Generationen einging. --- Damals verkannt, heute allseits geschätzt: Auf dem zweiten Platz finden sich wieder Spielberg und die direkte Fortsetzung des Mutterfilms, Vergessene Welt: Jurassic Park. Jeff Goldblum ist wieder dabei, dazu Julianne Moore (ungewohnt hölzern) und der knurrige Pete Postlethwaite als Großwildjäger. Der Spannungslevel ist von Anfang bis zum Schluss auf höchste Stufe gedreht; und der Angriff des T-Rex auf den Van im peitschenden Regen ist der im wahrsten Sinne des Wortes vielleicht beste Cliffhanger der Filmgeschichte. --- Platz drei schließlich nimmt der abschließende Teil der ursprünglichen Reihe, Jurassic Park III (2001) betitelt, ein. Eine nervende, weil ständig kreischende Téa Leoni als besorgte Mutter auf einer Dino-Insel auf der Suche nach ihrem verschollenen Sohn, an ihrer Seite William H. Macy und ein wohltuend ruhig agierender Sam Neill - ein ziemliches kurzes und kurzweiliges B-Movie, das sich in keinerlei Nebenhandlungen verläuft, sondern stattdessen in "Augen zu und durch"-Manier direkt auf sein Finale zustürmt. Das klingelnde Telefon im Spinosaurus, die erstmalige Konzentration auf die Dino-Vögel, die African Queen-Atmosphäre auf dem Dschungelboot - nix zu meckern. ---  Auf dem vierten Platz sehe ich den zweiten Teil der World-Reihe, Jurassic World: Das gefallene Königreich aus dem Jahr 2018, den unterschätztesten Teil der Serie überhaupt. Regisseur J. A. Bayona zeichnet für meinen Liebslingshorrorfilm ever, Das Waisenhaus (2007), verantwortlich; er schält aus Fallen Kingdom den Horrorfaktor heraus wie kein Jurassic-Teil sonst. Was ich darin besonders schön finde, sind die genussvoll ausgekosteten, wunderbar ikonischen Bilder, die die Kamera im innovativen Spiel mit Licht und Schatten in dem insgesamt coolen Look und der großen atmosphärische Dichte kreiert. Die Evakuierung der Insel aufgrund eines bevorstehenden Vulkanausbruchs, der Tod des letzten Dinos in den Feuerwolken der Eruption, die Verlegung der Handlung in die vertikale Ebene eines riesigen gotischen haunted house-Anwesens samt spukigem home invasion-Grusel, die Krallenpranke am Fenster, der finale Kampf auf einem Glasdach - herrliche Szenen, viel Spaß. --- Auf Platz fünf folgt mit Jurassic World der erste Teil der zweiten Trilogie. Es stellt wohl kein positives Zeugnis für einen Film dar, wenn in der Erinnerung eine schrecklich dumme Szene, in diesem Fall die erfolgreiche Flucht vor dem T-Rex in Stöckelschuhen, dominiert. Beim Wiedersehen hat sich erwiesen, dass der Film selbst ein ironisches Zwinkern darüber parat hält und insgesamt spannender gerät als bei der Erstsichtung im Jahr 2015. John Hammonds Traum des Dino-Parks ist Wirklichkeit geworden, doch dann nimmt das Verhängnis wieder einmal seinen Verlauf. Die Zähmung der wilden Intelligenz der Raptoren habe ich nie wirklich gustierten und zu Chris Pratt mit seinen, den Dinos gegenüber ständig beruhigend hochgehaltenen Händen nicht wirklich eine Beziehugn aufbauen können, doch insgesamt weiß der Film immer noch zu reüssieren. --- Bei den Filmen auf den letzten beiden Rängen kann ich das aber nicht behaupten. Jurassic World: Ein neues Zeitalter hat inhaltlich nicht Hand und Fuß. Vieles an den diversen Szenen entwickelt sich nicht inhärent aus der Handlung, sondern wirkt wie behauptet und unnatürlich und deshalb nie wirklich gefährlich; wodurch die Identifikation mit den Charakteren auch flachfällt. Die Raptoren als lasergesteuerte Kampfmaschinen: nein danke; Winterszenen, sogar nach einem unfreiwilligen Eisbad, ohne Atemwolken der Figuren: nein danke; Dinosaurier, die Gelegenheiten zuzubeißen nicht nutzen: wieder nein; und düstere Tunnel, die wie aus Plastik gestaltet anmuten: Bis vor ein paar Tagen dachte ich, dieser Tiefpunkt des Franchises könnte nicht mehr unterboten werden. --- Doch dann kam Jurassic World: Die Wiedergeburt und die Besetzung des letzten Platzes.

Was soll in Jurassic World: Die Wiedergeburt wiedergeboren werden? Das weiß ich auch nach Sichtung des Films nicht; das Franchise an sicher sicherlich nicht, denn dafür müsste man sich wohl etwas Anderes ausdenken als eine Geschichte, in der dumme Leute über zwei Stunden lang fast ausschließlich dumme Dinge tun (der Zaun, das Gummiboot, das Abseilen und vieles mehr), weil Autor David Koepp nur dumme Ideen hatte. Neue, frische, interessante Einfälle: gleich null. Was wir hingegen erleben dürfen, ist a) in den ersten fünf Minuten das unverschämteste Product placing der Filmgeschichte (Snickers, später auch M&Ms) seit Roger Moores vorgebliches Fotografieren per Nikonkamera auf der Copacabana in Moonraker (1979); b) die Erkenntnis, dass auch Scarlett Johannson und Mahershala Ali nichts aus Figuren ohne Charakterhintergrund und einem inhaltsleeren Scrip herausholen können; c) dass Frau Johannsons Rolle einer supertoughen Söldnerin - wenn man ihr bei ihren Aktionen zusieht - völlig unglaubwürdig ist; d) der Anthropologe, der auf einer einsamen Insel das Blut von je einem Land-, Flug- und Meeressaurier entnehmen soll, in dem Film keine einzige Zeile anthropologisches Wissen von sich gibt und dessen Darsteller Jonathan Bailey beim Staunen über die Großartigkeit von Saueriern schauspielerisch bis zur Lächerlichkeit überfordert ist; e) auch in einer solchen Großproduktion die CGI mitunter abgrundtief hässlich rüberzukommen vermag; weshalb f) viele der Szenen (im tempelartigen Vogelbau und in der Regennacht im Finale) im Dunkeln spielen, denn darin fällt dies nicht so störend auf; g) familiäre Segelbootausflüge in absoluten Sperrzonen problemlos möglich sind; h) die Location als südostasiatische, nicht aber, wie im Film behauptet, als karibische verortet werden kann; i) das genmanipulierte Monster besser ins Universum von Alien als hierher passen würde.

Aufgrund vieler Rezensionen sowie so manch disaströser sogenannter Realfilmadaptionen von Disney-Klassikern wie Arielle und Der König der Löwen hatte ich vor der Sichtung von Schneewittchen die allergrößten Vorbehalte. Beim Vorbild aus 1937 handelt es sich ja nicht zuletzt um den ersten Kinofarbfilm ever und um ein klasssiches Märchen, das sich im kollektiven Bewusstsein ganzer Generationen eingebrannt hat. So schlimm wie erwartet, ist es mit der Neuversion dann aber doch nicht gekommen. Zwar ist "Wonder Woman" Gael Gadeot als böse Königin eine glatte Fehlbesetzung; wo Charisma die Figur zu einer echt bedrohlichen werden lassen sollte, steht es glattes Nichts an Ausdruck und fast Mitleid erregendes hilfloses Herumfuchteln bei so manchen ebenfalls schwachen Gesangspassagen. Doch so unsympathisch Rachel Zegler bei Interviews herübergekommen ist, so charmant und gesanglich top füllt sie die Titelrolle aus. Ebenso verhält es sich mit dem liebenswerten Witz der kleinwüchsigen Männer, die Schneewittchen nach anfänglichen Vorbehalten Unterschlupf gewähren. Ob ihre Erscheinung als Computergenerierungen die beste Entscheidung war, sei dahingestellt; zusammen mit all den CGI-Kulissen und ebensolchen Tieren, hat der Film jedenfalls den Charakter größerer Künstlichkeit als der Zeichentrick unglaubliche fast neunzig Jahre zuvor. Disneys Message hingegen bleibt dieselbe wie damals und in so vielen der Arbeiten des Studios seitdem: Sie ist reinste Huldigung des monarchischen Prinzips. Obwohl Schneewittchen hier zusammen mit einer Art Robin Hood und seiner Rebellentruppe im Wald geradezu als Sozialrevolutionärin auftritt, geht es immer nur darum,  nach dem angestrebten Sturz der bösen Königin von ihrem Sonnenthron wieder eine Art aufgeklärten Absolutismus einzuführen; dann wird für die braven Untertanen schon auch mal Apfelkuchen gebacken.

Den einzigen Jumpscare des Mysterythrillers Forgotten hätte sich der südkoreanische Regisseur Jang Hang-ju sparen können, denn die Handlung ist auch ohne solche Tricks ziemlich unheimlich. Der Streifen aus dem Jahr 2017 erzählt eine Geschichte voller Geheimnisse, Wendungen und Enthüllungen. Eine auf den ersten Blick perfekte Familie zieht in ein neues Haus in einem Vorort von Seoul, der jüngere Sohn (sehr wandlungsfähig: Kang Ha-neul) vermeint Geräusche aus einem Raum zu hören, zu dem ihm der Zutritt verwehrt ist, und in einer regnerischen Nacht wird sein älterer Bruder (Kim Mu-yeol) von dunklen Gestalten in einen Van gezerrt und entführt. Nach neunzehn Tagen taucht er wieder auf, allerdings ohne Erinnerungsvermögen. Und dann mehren sich die Anzeichen, dass rund um den Burschen nichts so ist, wie es scheint ... Die tolle Arbeit der Make-up-Artists unterstützt die Glaubwürdigkeit der Figurenzeichnung und den Aufbau knisternder Spannung vom Anfang bis zum tragischen Schluss.

Mit den beiden indonesischen Martial-Arts-Actionfilmen The Raid (2011) und The Raid 2 (2014) setzte der britische Regisseur Gareth Evans brillante Meilensteine des Genrers, die in Perfektion choreografierten und oft ohne Schnitte gefilmten Kämpfe, die zuweilen irrwitzigen Kamerawinkel und die unbarmherzige Konsequenz in der Umsetzung ergaben Action in ihrer reinsten, ungezähmtesten Form. Obgleich mit einem wesntlich höheren Budget ausgestattet, kommt sein neuester Streifen Havoc an diese Vorbilder bei weitem nicht heran. Die Rasanz der Erzählung kann man der Geschichte rund um den abgehalfterten Cop Walker (Tom Hardy mit der passenden Körperlichkeit) und seinen Kampf durch eine herkömmliche Drogenbandenfehde nicht absprechen, inhaltlich hält das Ganze aber wahrlich nichts Neues bereit. Was mir an dem Film gefällt, sind der grobkörnige, atmosphärisch dichte Look und ein wirklich mitreißender Shootout in einem Club; so manches Logikloch verschlingt jedoch den Rest.

Als riesengroßer Reinfall entpuppt sich die dritte Staffel der koreanischen Erfolgsserie Squid Game. Die Geschichte wurde eigentlich bereits in der ersten Staffel mitreißend auserzählt, und ebenso wie schon für die zweite gilt für diese finale: schlicht und einfach unnötig. Natürlich kann man einzelnen Szenen rund um Kapitalismuskritik, Gier und das Wölfische im Menschen die beträchtliche Spannung nicht absprechen, doch wird die Handlung rund um eine Neuauflage des für fast alle Teilnehmenden bombastisch inszenierten tödlichen Spiels um viel Geld oder das Leben immer wieder extrem in die Länge gezogen; wir kennen diese endlosen Zerredungsdialoge auch aus einer Reihe anderer Serien. Zudem kommt der Umstand, dass Seong Gi-hung, der Held schon der vorhergehenden Staffeln, hier die meiste Zeit brütend und total passiv herumsitzt, ohne dem Verlauf zu nutzen oder auch nur kleine Anknüpfungspunkte zur Identifikation anzubieten. Sein Antagonist, der Spielemacher, hängt die meiste Zeit belanglos mit einigen VIPs herum, deren Szenen mit von Ehrfurcht gebietender Dilletanz geschrieben und inszeniert sind. Die Suche einer ebenfalls ehemals interessanten Figur, des Cops, nach der Insel erscheint als reines Füllmaterial und führt ins Bedeutungslose. Der Twist im letzten der Spiele ist clever ausgedacht und wahrlich böse, kann die Serie als Ganzes aber auch nicht mehr erretten. Dass die Geschichte auf US-Boden nun neu verfilmt oder weitergeführt werden soll, wurde bereits verkündet und blitzt auch als Clou in den letzten Sekunden auf.

Das Gefängnisdrama Die Verurteilten des US-amerikanischen Regisseurs Frank Darabont findet sich immer wieder auf diversen Best-Film-Listen ganz vorne, deshalb endlich, nach nunmehr 31 Jahren, meine Sichtung des Werks. Basierend auf einer Novelle von Stephen King, erzählt es die Geschichte des wegen Mordes zu Unrechts zu lebenslanger Haft verurteilten Bankers Andy und seiner Freundschaft zu einem Mithäftling namens Red. Tim Robbins gibt den eher in sich gekehrten Andy, der Sinn im Unsinn, Ordnung im Chaos der Willkür um ihn herum sucht, Morgan Freeman leiht sein sonores Organ der Figur von Red, die uns aus dem Off durch die Handlung leitet. Da hat es sich Daranbont leicht gemacht, das Voice over gibt Erklärungen und erläutert Zusammenhänge, die zu visualisieren er sich erspart, in einigen Szenen wird uns sogar mitgeteilt, was sich ohnehin gerade vor uns abspielt. Den Twist des Ausbruchs aus dem Gefängnis sehen wir schon bald kommen, bis dahin lässt sich der Film Zeit für die Beschreibung des Haftalltags und das Eindringen in die Gefühlswelt der beiden Protagonisten. Langweilig oder uninteressant wird das nie, dennoch ist Die Verurteilten nicht viel mehr als ein brav und sauber gemachter Streifen, der ohne große Höhen und Tiefen ruhig und unspektakulär vor sich hinfließt bis zum eher kitschigen Ende am idyllischen Meeresstrand. Mit dem vielerortens apostrophierten Meisterwerk hat das nicht wirklich etwas zu tun; in Zeiten, in denen Medien oftmals bloß voneinander abschreiben, wird das aber meist nicht erkannt oder ausgesprochen.

Der französische Regisseur Francois Ozon hat mit seinem Drama Die Zeit, die bleibt (2005) ein stilles Meisterwerk über das Leben, den Tod und die Trauer an der Schwelle dazwischen geschaffen, inklusive der vielleicht berührendsten Schlussszene des Kinos überhaupt. Seine im Paris der Dreißiger angesiedelte Krimikomödie Mein fabelhaftes Verbrechen aus 2023 wirkt dagegen wie eine kleine Fingerübung. Eine witzige kleine Geschichte um eine erfolglose Schauspielerin, die eines Mordes beschuldigt wird und darin die Möglichkeit für Publicity, sich alsbald aber mit einer ehemaligen Stummfilmdiva konfrontiert sieht, die die Tat tatsächlich begangen hat - kulissenhaft im Setting, verschwenderisch in der Ausstattung, amüsant  in den Dialogen, spritzig in der Handlungsführung, bewusst übertrieben im Spiel: Boulevardtheater im besten Sinne des Wortes, nicht mehr und nicht weniger.

Die erste Staffel von FURBAR, dem Serienvehikel von Arnold Schwarzenegger, habe ich mit großem Amüsement genossen. Der im Geheimen arbeitende Agent im Pensionsalter mit grimmigem Blick, weicher Seele und wiederholten "Schatzl!"-Ausrufen und seines ebenso mit stressigem Doppelleben agierende Tochter - das hatte im heimeligen Look eines billigen Action-Comedy Movie aus den Achtzigern durchaus Witz. In der zweiten Staffel arbeitet nun die ganze Familie um die Aufträge "fucked up beyond all repair" zusammen. Diese werden nach Schema F abgehudelt und auf ziemlich billigem Level abgespult - was die die Einsätze und deren Ausstattung, aber auch die Ideen betrifft. Von der völligen Unglaubwürdigkeit wollen wir hier gar nicht reden, das liegt ohnehin in der Natur des Sache; doch die Frische der ersten Staffel fehlt dieser doch sehr.

Horrorfilme machen sich ja üblicherweise die Düsternis der Nacht zunutze, um Schauder und Grusel zu verbreiten. Im Gegensatz dazu spieltThe Woman in the Yard von Regisseur Jaume Collet-Serra am hellichtem Tage. Ein abgelegenes Landhaus, kein Strom, kaum Essensvorräte. Mama Ramona (Danielle Deadwyler) ist eine Witwe mit verletztem Bein und beträchtlicher Geheimnislast aus ihrer jüngeren Vergangenheit, der vierzehnjährige Taylor (Peytan Jackson) zerrissen zwischen der Rolle des abwesenden Vaters und des trotzigen Teenagers, und das Nesthäckchen Annie schafft es einfach nicht, den Buchstaben R richtig zu schreiben. Diese Familienaufstellung sieht sich eines Morgens mit einer von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleideten Frau im Garten konfrontiert. Daraus gelingt es Collet-Serra, beträchtliche Spannungsbögen zu setzen. Abgesehen von einigen wenigen Jump-Sacres, sind es die überzeugenden Leistungen der Darsteller:innen, die innovativen Kameraeinstellungen, das Spiel mit flirrendem Licht und sich dehnenden Schatten, die eine unheilvolle Atmosphäre erzeugen. Letztlich gipfelt diese in einem Gäsehaut-Showdown im Inneren des Hauses, in dem sich Ramona ihrem eigenen verzweifelten Seelenzustand stellen muss. In der Tradition von The Others und Das Waisenhaus und dabei superspannend.

Geschichten brauchen Iderntifikationsfiguren, sind derer keine vorhanden, funktionieren sie in den allermeisten Fällen nicht, it's as simple as that; und aus diesem Grund funktioniert das Biopic Cranko des deutschen Regisseurs und Autors Joachim A. Lang ganz und gar nicht. Erzählt wird die Lebens- und - man möchte fast sagen - Leidensgeschichte des südafrikanisch-britischen Ballettänzers und Choreografen John Cranko, der mit seinen Inszenierungen Bahnbrechendes schuf und das Stuttgarter Ballet in den Sechzigern bis zu Beginn der Siebziger zu einer der führenden Kompanien der Welt aufbaute. Davon sehen wir vieles in diesem Film, von den ersten Ideen über die schwierige Probenarbeit bis hin zu den beeindruckenden Aufführungen, die uns in (vielleicht allzu) langen Szenen veranschaulicht werden. Wovon wir nur Äußerlichkeiten sehen, ist jedoch das Innenleben des Protagonisten, der uns trotz vieler, vieler Wutausbrüche, Tränen und auch glückseliger Momente fremd bleibt. Die schleichende menschliche Vereinsamung, die damit einhergehenden Depressionen und auch die manischen Phasen werden in Sam Rileys angestrengter Darstellung nur behauptet, vermögen in uns aber keinerlei Mitgefühl zu wecken. Da liegt ein Mann in Johns Bett, da beendet ein anderer aufgrund der Homphobie dieser Zeit ihre Beziehung - wir erfahren aber nichts über diese Personen, nicht, welche Gefühle hier mitspielen, nichts über ihre gemeinsame Geschichte mit John. Ein gequälter Gesichtsausdruck, ein imaginierter Abschiedstanz, doch alles Emotionale bleibt oberflächlich, wirkliche Tiefe wird nicht zugelassen, stattdessen gibt es eine Häufung banaler bis belehrender Dialoge. Vielleicht ist es ja die Angst der Regie, Homosexualität als Lebensentwurf auch tatsächlich zu zeigen, anstatt sie bedeutungsschwanger im Hintergrund schweben zu lassen: Wenn ich mich nicht täusche, gibt es im ganzen Film nicht einmal einen einzigen Kuss zu sehen. So etwas Glattgebügeltes hätte, so denke ich, auch John Cranko nicht gemocht.

Bei Sidney Lumets Klassiker Die zwölf Geschworenen aus dem Jahr 1957 handelt es sich um die bis heute wohl trefflichste Umsetzung des Konstrukts der Einheit von Ort und Zeit im Rahmen einer Filmhandlung. Die im Titel genannten Figuren, unter ihnen Henry Fonda als großer Zweifler, ein Raum und eine Erzählung ohne Zeitsprünge - und ein brillantes Drehbuch, dem es gelingt, die gesamte Vorgeschichte des Kriminalfalles und der Gerichtsverhandlung in Form von Dialogen aufs Hochspannendste aufzurollen. Auf diesem intellektuellen und filmischen Niveau bewegt sich Clint Eastwoods jüngste Regiearbeit Juror #12 nicht. Wir sehen darin Nicholas Hoult als werdenden Vater, der zum Juror berufen wird, sich aber nicht sicher ist, ob nicht er selbst die zur Diskussion stehende Tat begangen haben könnte. Schuld, Sühne, schlechtes Gewissen und Selbstzweifel - keine vordergründigen Aktionen, sondern der innere Konflikt des Protagonisten stehen im Fokus des Films, das wird sauber umgesetzt, aber ohne Ecken und Kanten im wahrsten Sinne des Wortes verhandelt. Gelungen finde ich das halb offene Ende, das die Unsicherheiten auf der Leinwand und in uns Zuschauenden nicht niederbügeln will.

Angesichts der jüngsten Veröffentlichung des Sequels bin ich auf den Actionfilm The Accountant aus dem Jahr 2016 gestoßen. Er sticht aus dem Einheitsbrei des Genres durch seinen von Ben Affleck verkörperten Protagonisten hervor, das autistische Mathematikgenie Christian Wolff, reich geworden durch Geldwäscherei im großen Stil für einige berüchtigte Unterweltorganisationen. Sein ihm entfremdeter Bruder Braxton ist Auftragsmörder, und es kommt, wie es kommen muss, Braxton wird eines Tages auf niemand anderen als Christian angesetzt. Die kurzen Einblicke in Christians finanztricktechnische Denkweise sind reizvoll mitzuverfolgen, eine eingestreute Liebesgeschichte wirkt hingegen aufgesetzt, die Auflösung schließlich entpuppt sich als durchschnittlich gefilmte Schießerei wie aus einem Fernsehkrimi. Im Vergleich dazu stürzt die Fortsetzung The Accountant 2 gar ins Bodenlose. Der Versuch, die Geschichte als liebensweres Buddy-Movie zwischen den beiden Brüdern zu entwickeln, schlägt total fehl. Was amüsant wirken soll, wirkt bloß lächerlich, und Ben Afflecks Bermühungen, seine Figur schauspielerisch in den Griff zu bekommen und ihr dadurch Tiefe zu verliehen, driften ins Laientheaterhafte ab: zum Fremdschämen. Alles mündet in eine wilde Schießerei rund um die Rettung illegaler Einwandererkinder in einem mexikanischen Lager, unglaubwürdig von vorne bis hinten.

Über koreanische Serien im Bereich von Gangster/Krimi/Thriller freue ich mich immer, deshalb habe ich gleich nach dem Start in die Netflix-Produktion Mercy for None hineingeschaut. Die sieben knackig-kurzen Folgen rund um die Geschichte eines Top-Kämpfers, der sich aus den Auseinandersetzungen zwischen zwei Gangs zurückgezogen hat, beginnen auch ziemlich spannend. Als sich der Protagonist in Charles-Bronson-Rachemanier auf die Suche nach den Verantwortlichen rund um den Tod seines Bruders macht, faszinieren die übersichtlich choreografierten Fights mit Fäusten und Messern. Das Figurenpersonal der zwei rivalisierenden Banden geriert sich jedoch ein bissl verwirrend, die Handlung kennt keine originellen Twists und die Kämpfe ähneln einander mit der Zeit stark, sodass nur noch einzelne besonders blutige Momente herauszustechen wissen. Die konsequent düstere Stimmung der Serie mochte ich aber bis zum Schluss.

Oftmals haben Filme oder Serien ein hohes, zuweilen abstruses Budget, vergessen in ihrer Protzsucht aber darauf, dass es die Figuren und ihre Entwicklung sind, die für eine Geschichte wirklich interessieren und diese zusammenhalten. Die schottische Krimiserie Department Q hingegen hat einige der am besten geschriebenen Charaktere der letzten Zeit vorzuweisen, deren Wachsen an den gar nicht feinen Umständen für die zum Teil beträchtliche Spannung sorgen. Matthew Goode lotet seine Rolle des Polizeiinspektors Carl Morck in der Wandlung vom Ungustl zum Menschen mit Ecken und Kanten und seelischen Tiefen aus. Das Team aus seiner jungen Mitarbeiterin Rose, die nach einem Nervenzusammenbruch festen Boden unter den Füßen sucht (Leah Byrne), dem syrischen Flüchtling Akram (Alexej Manvelov) und seinem früheren, nach einer Schussverletzung großteils gelähmten Partner James (Jamie Sivers), das sich allmählich rund um ihn formiert, rollt einen alten Fall auf und begibt sich auf die Suche nach der Staatsanwältin Merritt (Chloe Pirrie). Basierend auf einer Romanreihe des dänischen Autors Jussi Adler-Olsen, zeigt auch die Filmadaption die kriminalistische Arbeit im Detail. Viele Dialoge sind dabei auf den Punkt geschrieben, anderes dann doch wieder recht redundant und in der Auflösung arg konstruiert. Die Zusammenführung vieler erzählerischer Fäden durch fast ganze Folgen lange Rückblenden schließlich empfand ich als etwas plump. Was mich aber bis zum Schluss faszinierte, ist die Beziehungsarbeit der Charaktere in Bezug auf das Team und sich selbst; sollte dies auf eine zweite Staffel hinweisen - sehr gern, aber vielleicht diesmal ein bissl stringenter mit sechs statt neun Folgen.

Ich hatte trotz der allenthalbenen medialen Lobpreisungen und auch so mancher persönlichen Empfehlung Vorbehalte gegenüber der postapokalyptischen und auf einem Videospiel basierenden Serie The Last of Us - zusehr lag mir die Enttäuschung ob des totalen Crashes von The Walking Dead noch in den Knochen. Nun, zu Beginn der Ausstrahlung der zweiten Staffel, habe ich mir die erste angesehen; kurz und gut: Meine Befürchtungen trafen nicht oft ins Schwarze. Ein Pilz hat einen Großteil der Menschheit in fressgierige Monster verwandelt, gesunde Überlebende hausen in sogenannten Quarantänezonen, in denen jedoch Unterdrückung mit faschistischen Anklängen herrscht. Die Hauptfiguren sind der in sich gekehrte und als Schwarzhändler tätige Zyniker Joel (Pedro Pacal darf oft ins Leere starren und die Stirn runzeln, hat aber auch Momente, die einen Blick in seine Seele gewähren) und die vierzehnjährige Ellie (Bella Ramsey, in ihrem Trotz und der unterdrückten Sehnsüchte eine Idealbesetzung), die zwar gebissen wurde, jedoch keine Anzeichen einer Verwandlung zeigt. Die beiden machen sich auf den Weg zu einem Stützpunkt der Untergrundorganisation der Fireflys, wo sie durch Ellies Immunität ein Gegenmittel gegen den Pilz zu finden erhoffen. Da ist es wieder, das langeweilehervorrufende Prinzip des Aufbruchs, der Gespräche, der Wanderung, der Gespräche, des Zusammentreffens mit anderen Menschen, die sich meist als Bösewichter entpuppen, der Gespräche, der Hoffnung, der Enttäuschung, der Resignation - die Redundanzen in den ewigen Palavern ist nervig. Doch es gibt dazwischen immer wieder Sequenzen von Höchstspannung oder solche, die echte Gefühle zulassen. Die dritte Folge (Bill und Frank) etwa weist immense emotionale Tiefe auf, ebenso jene, in der ein Rückblick die Situation zeigt, in der Ellie gebissen wird, und auch die berührend-behutsame Entwicklung einer Vater-Tochter-Beziehung zwischen Joel und Ellie. Der Cliffhanger schließlich macht neugierig auf Kommendes. 

Und natürlich flattern auch diesmal die Tauben. Die Vögel sind eines der Markenzeichen von John Woo, der mit seinem Thriller The Killer aus dem Jahr 1989 das Genre des Heroic Bloodshed aus Hongkong auch im Westen populär machte. Mit seinen Arbeiten wie Mission Impossible 2 und Face/Off zählte er eine Zeitlang zu den gefragtesten Actionregissseuren, im Vorjahr legte der mittlerweile 79-Jährige unter dem selben Titel ein Remake seines Klassikers vor. In Form von kleinen Änderungen ins Hier und Jetzt transformiert, erzählt er die Geschichte der Auftragsmörderin Zee (Nathalie Emmanuel), die sich eines Tages einem Job widersetzt und dadurch selbst in Lebensgefahr gerät. Im Polizisten Sey (Omar Sy) findet sie einen ebenbürtigen Gegner, schließlich aber auch die Unterstützung, die - im Gegensatz zum Original - zu einem Happy End führt. Woo behält jene Stilmerkmale bei, die ihn berühmt gemacht haben, die stilvoll choreographierten Actionsequenzen, den oftmaligen Einsatz von Zeitlupe (die Kugeln! die Zweikämpfe!), die blutigen Referenzen an Genres wie den Film noir oder den Italowestern. Das Problem ist nur, dass sie alle mittlerweile zu Standards geworden sind, wodurch sich der Wow-Effekt bei der rezenten The Killers-Adaption in Grenzen hält. Spannend ist das Ganze allemal. 

Entweder, ich werde nun wirklich schon zu alt für Serien mit High-School- oder Coillegehintergrund, oder diese sind mittlerweile tatsächlich dümmer, als vom Dekanat erlaubt. Obwohl, im Fall von Überkompensiert schätzt dieses das Treiben der Figuren, bei denen sich alles Denken und Tun um Saufen, Sex und Fraternitätsblödsinn dreht, dann ja sogar noch. Benny, Typ cooler Football-Star, traut sich kein Outing, das wird aufs Althergebrachteste fad abgehandelt und sieht sich eingebettet in eine Reihe aus mehr oder weniger peinlichen, meist aber völlig unlustigen Pseudogags. Der an und für sich sympathische Youtuber Benito Skinner hat die Serie konzeptioniert, ist 32 und sieht auch so aus, was seiner Darstellung des 18jährigen Freshman Benny kein Fünkchen an Glaubwürdigkeit lässt. Ein abprutes Ende weist zudem auf eine zweite Staffel: Bitte nein!

Über Jahre lang waren die nach Romanvorlagen von Rita Frank adaptierten Eberhofer-Krimis für mich amüsantes Entspannungsfernsehen (für die Kinoleinwand immer schon zu banal). Jüngst habe ich mir die Einträge acht und neun der Reihe zu Gemüte geführt, betitelt Gugelhupf-Geschwader und Rehragout-Rendezvous, und war nur noch genervt davon. Vormals konnte man, so man dies wollte, die Charaktere als liebenswert beschreiben, die Handlungswendungen als skurril; mittlerweile ist alles nur noch eine schlechte Persiflage auf sich selbst, ein Einheitsbrei aus more of the same ohne jegliche neue Einfälle. Es ist wie beim Essen, auf das die Filmchen ja auch ständig Bezug nehmen: eine Leberkässemmel ist köstlich, bei der zehnten graust es einem dann schon.

Oftmals landen Kinoflops auf Streamingplatformen, wo sie aufgrund der Darsteller:innen zum Hineinschauen einladen. Chaos Walking ist ein Beispiel dafür, dass sich ein solcher Blick trotz Tom Holland, Daisy Ridley und Mats Mikkelsen in den tragenden Rollen nicht lohnt. Die Grundidee der Jugendbuchvorlage von Patrick Ness, immerhin für das grandiose Sieben Minuten nach Mitternacht (2011) verantwortlich, dreht sich um eine in Wäldern angesiedelte Kolonie von ausschließlich Männern auf einem kolinialisierten Planeten. Eine Lederstrumpf-Situation grimmiger Männer folgt der nächsten, da bringt die Bruchlandung einer jungen Frau alles durcheinander. Regisseur Doug Liman, immerhin für Unterhaltsames wie Die Bourne Identität (2002) und Mr. und Mrs. Smith (2005) verantwortlich, gelang es nicht, die im Buch funktionierende Idee der für die Umgebung einer Figur stets hörbaren Gedanken in die filmische Adaption überzuführen. Langweilig.

Der britische Schauspieler Nathan Stewart-Jarrett ist uns mit seinem frechen Elan aus der anarchisch-sozialkritischen Superheldenpersiflage Misfits (2009-12) noch in bester Erinnerung, wenngleich seitdem nur wenige Rollen seiner zu harren schienen. Nun beweist er in dem kleinen, sehr feinen Drama Femme (2023) in der Rolle der Dragqueen Jules die Bandbreite seiner emotionalen Ausdruckskraft. Jules wird nach einem Auftritt von einer Gruppe junger Männer homophob angepöbelt und brutal zusammengeschlagen. In der Folge zieht er sich völlig aus der Öffentlichkeit und auch von seinen Freunden zurück, erst die zufällige Begegnung mit dem Anführer der Gruppe, in gewohnter Qualität von George MacKay (1917) zwischen Gewaltausbrüchen und Verletzlichkeit verkörpert, bringt ihn auf die Idee der Rache. Wie sich zwischen den beiden Männern allmählich so etwas wie eine echte Beziehung entwickelt, in der sie sich mit ihren oft widersprüchlichen Gefühlen hin- und hergerissen sehen, wie sie Pole von offen gelebter und verborgener Homosexualität und das weite Land dazwischen abtasten und sich dabei die Machtverhältnisse verschieben, das inszenierten die beiden Regisseure Sam H. Freeman und Ng Choon Ping auf einfühlsame und nahegehende Weise. Zurück bleibt kein Sieger, sondern bleiben zwei Männer, in denen etwas zerbrochen ist.

Weshalb tun sich alternde Schauspielerinnen das nur an, diese Botoxspritzerei? In der fünften Staffel der Anthologieserie Fargo aus dem Jahr 2023 ist es Jennifer Jason Leigh, die nur noch mit ihrer Mundpartie agieren kann, der Bereich darüber erscheint wie paralysiert. Die zehn Folgen selbst sind hochspannend und exquisit gestaltet. Auf den ersten Blick ist Dorothy, exzellent gespielt von Juno Temple, eine normale, etwas überbetuliche Hausfrau, dahinter aber ein Bündel aus Mut und Verzweiflung mit einer Altlast aus schrecklicher Vergangenheit, die eines unvorhergesehenen Tages plötzlich wieder über sie und ihre Familie hereinbricht. Jason Leigh ist die eiskalte Schwiegermutter, John Hamm gibt einen despotischen Unsympathler-Sherrif, Sam Spruell einen weirden Killer im No Country for Old Men-Look. Rund um dieses unglückliche Kleeblatt entwickeln sich skurril-brutale Ereignisse; dass diese angeblicht wahr seien und  aus Respekt den Toten gegenüber getreulich nacherzählt würden, macht die Sache noch schockierender. Und etwa in Szenen, die wie eine Mischung aus The Purge und Kevin - Allein zu Haus wirken, zum sarkastischen Amüsement.

Nicole Kidman scheint dem Botox ja auch nicht abgeneigt, thematisiert die Spritzerei in dem als solchen gehypten Erotikthriller Babygirl aber immerhin auf selbstironische Weise. Als toughe Geschäftsfrau Romy lässt sie sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem wesentlich jüngeren Praktikanten Samuel (Harris Dickinson, glaubwüdig) ein. Ihre sexuellen Wünsche der Unterwerfung vermag sie zusammen mit ihrem liebevollen Ehemann Jacob (Antonio Banderas) nicht auszuleben, mit Samuel ist es für sie kein Problem, auch mal auf allen Vieren die Milch aus einem Teller zu lecken. Dass sich daraus Psychospielchen um Macht und Gefahr entwickeln, ist der reizvolle Aspekt des Streifens. Ich bezweifle nur die Glaubwürdigkeit der Prämisse: Romys uneingestandene Sehnsüchte sind im Grunde genommen so banal, dass sie nur eine prüde Denkweise, wie sie etwa auch Fifty Shades of Gray für anrüchig hielt, für sich zu skandalisieren vermag. Außer, dass sie eine "fucking" Kindheit gehabt habe, erfahren wir auch nichts von Romys Motivationshintergründen, von Samuels nicht einmal einen solchen einzigen Aspekt; schon beachtlich, was Kidman und Dickinson aus diesem Nichts an Background an atmosphärisch dichtem Zusammenspiel machen. Völlig niedergemacht wird das alles dann von einem unglaubwürdig-läppischen Happy End, wie man es sich mit noch weniger Erotik oder Thrill kaum ausdenken kann.

Ich würde im Gegensatz zu der Meinung Vieler gar nicht behaupten, dass die Charakterzeichnung der Hauptfigur in Emilia Pérez eine fragwürdige wäre, weil aus dem Inbegriff eines toxischen Drogenboses namens Manitas nach einer Geschlechtsumwandlung eine wahre Perle von Menschenrechtsaktivistin wird. So einfach macht es sich das Filmdrama mit seinen interessant gestalteten Musicaleinlagen gar nicht. Schon Manitas ist gehörig von Selbstzweifeln geplagt - all die Gewalt und das Morden will er im Grunde gar nicht. Und später ist Emilia durchaus gewillt, ihre Wünsche mit dem nötigen Nachdruck durchzusetzen, wenn es zum Beispiel darum geht, mit ihren Kindern zusammen zu sein. Nach einem fulminanten Beginn kommt es in den Sequenzen nach der Umwandlung zu einem argen Durchhänger - unter Umständen spiegelt dieser aber auch nur Emilias Unentschlossenheit in ihrem neuen Leben wieder. Der Drive kommt ins Geschehen zurück, als sie durch ihren Einsatz für die Witwen von Verschwundenen wieder Sinn in diesem sieht. Bis auf die letzte Gesangseinlage hält die Musik für uns keine Ohrwürmer bereit, die Lyrics geben aber mehr Aufschluss über die Gefühlslage und die Ziele von Emilia und der zweiten Protagonistin, ihrer Awältin Rita, als die Szenen dazwischen. Karla Sofia Gascón in der Titelrolle und Zoe Saldana als Rita füllen ihre Charaktere mit Leben, bis der Showdown einer von ihnen das ihre nimmt. Dass sich Emilia in diesen Momenten aber völlig passiv verhält, keinerlei Gegenwehr setzt und bloß geschehen lässt, was sich um sie herum an Kugelhagel und Explosionen abspielt, ist angesichts ihrer früheren Stärke, sowohl als Mann als auch als Frau, nicht glaubwürdig.

Auf einem Langstreckenflug stößt man zuweilen auf Filmmaterial, das man sonst wohl nicht zu Gesicht bekommen hätte. In Escape geht es um den Versuch eines nordkoreanischen Soldaten, sich durch die entmilitarisierte Zone zu schlagen und in den Süden überzulaufen. Das ist nicht unspannend und von dem Schauspieler Lee Je-hoon in all seinem Mut und Leidenswillen durchaus überzeugend verkörpert, strotzt aber sosehr von abstrusen Zufällen und wie von Minenexplosionen gerissenen Logikkratern, dass man zwar dranbeleibt, aus dem Kopfschütteln aber oft nicht herauskommt.

Flüge nach Südkorea und retour sind lang, deshalb hier ein weiteres, weitaus gelungeneres Beispiel für das Filmangebot im Flieger. A Normal Family (2023) ist ein kriminalistisches Drama betitelt, das natürlich von einer Familie erzählt, die ganz so normal nicht ist. Zwei Brüder, Arzt und Anwalt, die Frauen nicht gut miteinander, demnach auch keine intensive Bindung. Die beiden Kinder, Bursch und Mädchen im Teenageralter, hingegen hängen miteinander ab und verüben in einer regenverhangenen Nacht einen Mord an einem Obachlosen. Die Frage, ob die Eltern bis zur letzten Konsequenz hinter ihren Kindern stehen (sollen), bildet das Gerüst für eine Reihe glaubwürdig gespielter und intensiver gedanklicher Auseinandersetzungen samt verbalen Diskussionen um Wahrheit und Lüge, Moral und verletzte Würde. Das Ende kommt abrupt und effektvoll, es lässt uns mit unseren eigenen, vielleicht widersprüchlichen Emotionen zurück.

Und Kino über den Wolken, die dritte. Der Thriller The Plot geht von einer überaus reizvollen Prämisse aus. Ein Team rund um den Designer Yeong-il (Gang dong-won) hat sich darauf spezialisiert, Auftragsmorde wie Unfälle aussehen zu lassen, was eine penible Planung und Inszenierung voraussetzt. In sehr stylisher Weise in Szene gesetzt, ist die Verfolgung eines dieser Einsätze superspannend. Auch die Vorbereitungen rund um den nächsten Auftrag, die Beseitigung des Kandidaten für die Stelle des Generalstaatsanwaltes, werden auf mitreißende Weise geschildert. Hier musste ich aber schon aufpassen wie ein umgangssprachlicher Haftlmacher, um den Faden in der gefinkelten Geschichte nicht zu verlieren. Als Yeon-il und seine Gruppe schließlich selbst zu Gejagten werden, habe ich der Verworrenheit der Handlung ein wenig den Überblick verloren.

Die Idee von Jan de Bonts genreprägendem Actionthriller Speed aus 1994 herzunehmen und von einem Bus auf einen Hochgeschwindigkeitszug umzulegen, hat die japanischen Macher von Bullet Train Explosion offenbar bereits soviel Gehirnschmalz gekostete, dass für auch nur die kleinsten weiteren Einfälle nichts mehr davon übrig war. Ein Shinkansen darf nicht langsamer als 100 km/h fahren, sonst explodiert eine im Zug platzierte Bombe. Hektik und Overacting, wir fallen dabei ins Dauergähnen.

Lange habe ich die Sichtung von Joker: Folie à Deux aufgrund der recht einhellig negativen Meinungsäußerungen darüber hinausgeschoben, nun kann ich sagen, dass ich mir meiner Distanzhaltung ganz falsch lag. Nach den blutigen Ereignissen des ersten Teils aus dem Jahr 2019 ist der Protagonist Arthur alias der Joker, abermals von Joaquin Phoenix im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert, in der psychiatrischen Anstalt von Arkham inhaftiert und wartet auf seinen Prozess, in dem die Anwälte den Aspekt einer gespaltenen Persönlichkeit, hervorgerufen von Missbrauch in der Kindheit, einzubringen versuchen. Arthur ist eine Hungerfigur aus Haut und Knochen, ein allseits gedemütigter, zutiefst gebrochener Mann ohne Lebenswillen. Auftritt Lady Gaga als angebliche Mitgefangene, und schon geht für ihn so etwas wie Sonne auf und die beiden beginnen, immer wieder, zu singen. Dass sich Regisseur Todd Phillips nach dem Erfolg des ersten Teils rein gar nichts um die Erwartungshaltungen des Publikums geschert hat, finde ich spannend. So präsentiert er eine Art melancholisches Musical aus neu arrangierten Klassikern mit wunderbar lyrischen Momenten, in denen die Erzählzeit und die erzählte Zeit innehalten und einfach auf die gesungenen, gekrächzten, gehauchten Gedanken und Gefühle der beiden Hauptfiguren horchen. Das düstere Spiel um reale und imaginierte Identitäten endet im ikonischen Bild eines Schlussakts, der Sterben bedeutet; aber auch so etwas wie Erlösung.

Meine Lieblingsserie ever ist die thailändische Coming-of-Age-Romanze I Told Sunset About You aus dem Jahr 2020. Schon damals empfahlen sich die beiden Hauptdarsteller "Billkin" Putthipong Assaratanakul und "PP" Krit Amnuaydechkorn als brillante Schauspieltalente, mittlerweile sind sie in ihrem Heimatland und Teilen Asiens Superstars im Genre des Thaipop. Billkin kehrt nun mit dem Drama How to Make Millions Before Grandma Dies auf die Leinwand zurück, bei uns löblicherweise durch Netflix auf den Fernsehschirm. Der Titel umschreibt die Handlung perfekt: Das mögliche Erbe im Hinterkopr, kümmert sich ein junger Mann um die sterbenskranke Großmutter (Usha Seamkhum in ihrem Debut). Der Film geht das schwere Thema mit leichter Hand an, in der Schilderung von Tagesabläufen geschieht die natürlich vorhersehbare Annäherung von Oma und Enkel allmählich und ohne übergroße Dramatik. Wunderbar poetisch sind die Bilder des ärmlichen Hauses und der Seitengasse mit den von Oma gehegten und gepflegten Pflanzen, und Billkin beweist wieder das enorme emotionale Spektrum seiner Darstellerkunst. Die widersprüchlichsten Gefühle, von Trotz bis Zärtlichkeit, von Liebe bis zu Trauer, in seinen Augen, das macht ihm vielleicht Timothée Chalamet nach, sonst aber keiner. Ein stiller, kleiner, sehr feiner und feinfühliger Film, bei dessen Ende wohl niemand die Tränen zurückzuhalten vermag.

Dass Viola Davis eine ganz besonders toughe Frau ist, war uns ja spätestens seit ihrer Rolle einer Top-Anwältin in der Serie How to get Away with Murder klar. Die menschliche Tiefe hinter einer solch harten Fassade adelt auch ihre US-Präsidentin in dem amazon-Thrillerchen G20. Beim Treffen der Regierungschefs der im Titel angesprochenen führenden Industriestaaten in einem abgeriegelten Hotel in Kapstadt ist das Ende des Hungers in der Welt ihr Ansinnen, die Attacke einer Gruppe von bitcoingierigen Terroristen droht dieses jedoch im Keim zu ersticken. Der Film verspricht beim Anblick von Frau Davis in roter Abendrobe, die quasi im Alleingang die Unholde aufmischt, Spaß zu machen, scheitert aber an einem völlig uncharismatischen Oberbösewicht, seinen sich meist dümmer als erlaubt gebenden Helfern und einem Look, der billiger ist, als das Ganze gewesen sein kann.

Die erste Staffel der Gesellschaftssatire The White Lotus aus dem Jahr 2021 hatte sechs Folgen und war in sich gesehen perfekt. Die zweite aus dem Jahr darauf hatte mit sieben Folgen schon die eine oder andere Länge im sarkastisch-dramatischen Geschehen. Bei der jüngsten dritten sind es acht Episoden und man wünscht sich zuweilen in die knackigere erste Staffel zurück. Überspannte Reiche in einem diesmal in Thailand angesiedelten Luxusresort, einige von ihnen mit mordlüsternen Gedanken - inmitten der traumhaften Szenerie wird über Businesscrashes, toxische Freundschaften, zerstörte Hoffnungen und beunruhigende Begierden erzählt. So manch redundant breitgetretene Dialoge, immer gleiche wellengischspritzende Zwischenschnitte und die mit der Zeit penetrant nervende Musik trüben jedoch das Vergnügen. Zum Schmunzeln reicht es aber, das Ganze ist fein anzusehen und die Spannung in der letzten Folge beträchtlich. Woraus sich ein nicht geringer Unterhaltungsfaktor ergibt.

Früher habe ich die spleenigen Filme des amerikanischen Drehbuchautoren, Regisseurs und Produzenten Wes Anderson ja sehr geschätzt. Der ihm so eigene Stil, diese Anderson-Tableaus, die von der ersten Einstellung an aus dem üblichen Filmbrei herausstachen, waren und sind immer noch unverwechselbar. Die Royal Tennenbaums (2001) und Grand Budapest Hotel (2014), auch die liebenswerte Stop-Motion in Der fantastische Mr. Fox (2009) - herrliche Arbeiten. In letzter Zeit aber scheint Anderson auf der Stelle zu treten, so auch sein jüngster Film Asteroid City aus dem Jahr 2023. Ein Kaff in der einer Westernwüste Mitte der Neunzehnfünfziger, darin Scarlett Johannson, Tom Hanks und weitere bekannte Gesichter aus der Stammriege des Regisseurs, Atombombentests in der Nähe und dem Auftauchen eines Außerirdischen. Dies plätschert in bis ins letzte Detail arrangierten, aber doch sehr selbstreferentiellen Sets und mit der gewohnt skurrilen Lakonie dahin, garniert von einer Metaeählung über die Entstehung des dem Film zugrundeliegenden Theaterstücks - leider ohne jede Entwicklung der Handlung und jeden Höhepunkt, unddeshalb mit der Zeit ziemlich langweilig.

Steven Yeun startete nach seinem blutigen Hinscheiden in der Zombie-Serie The Walking Dead mit Rollen in dem wunderbaren Drama Minari und dem brillanten Thriller Burning eine vielversprehende Karriere. Davor trat er 2017 noch in dem unsympathischen Blödsinn Mayhem auf, den wir getrost als Fehltritt vergessen können. Ein Rote-Augen-Virus wütet in einem Geschäftshaus, der junge Anwalt Derek sieht sich darin gefangen und dadurch in einem C-Filmchen ohne jeden Charme und Thrill.

Die Musical-Verfilmung Wicked erwies sich im Vorjahr als ziemlich erfolgreich, hinterlässt bei der Sichtung aber einen flauen Nachgeschmack. Die Vorlage läuft seit 2003 am Broadway und erzählt ihre Vorgeschichte des Judy Garland-Klassikers Der Zauberer von Oz in zweidreiviertel mitreißenden Stunden. Diese Laufzeit gönnt sich die rezente Adaption allein für den ersten Akt, der zweite soll in einer nicht minder zerdehnten Fassung noch heuer starten. Womit wir bereits beim Hauptptoblem der Angelegenheit sind: Sie ist schlicht und einfach viel zu lang. Der Weg der aufgrund ihrer grünen Hautfarbe ständig diskriminierten gutherzigen Elphaba vom Collegegirl zur "bösen Hexe des Westens" und ihrer barbiepuppenhaften Freundin Glinda (empathisch dargestellt und wunderbar gesungen von Cynthia Erivo und Ariana Grande-Butera) hält im Grunde genommen mit "Popular" und "Defying Gravity" nur zwei catchy tunes in petto, der Rest ist Fahrstuhlmusik mit endlosen nichtssagenden Zwischenszenen. Dies alles ist eingebettet in ein bewusst künstliches Märchenlandsetting, mit dem ich nie so recht Freund wurde, und wird in einer Art totaler Überinszenierung präsentiert. Da wird geprotzt, was geht, und dabei bleiben die menschlichen Zwischentöne, das, was eigentlich die magischen Momente von Musicals auszumachen vermag, auf der Strecke. Und diese, wir wissen es schon, ist ziemlich lang.

Im derzeit grassierenden Wahn, auf der Suche nach Streamingcontent auch nur jede erdenkliche Serienidee bis zum Gehtnichtmehr auszureizen, sind wir nun also beim Serienkiller Dexter, dem von Michael C. Hall verkörperten blutlüsternen Forensiker in Miami, gelandet. Die sechs spannenden Staffeln wurden zwischen 2006 und 2013 produziert, ein Sequel mit dem Titel Dexter: New Blood aus 2021 war dann eine 08/15-Fortführung, auf die schon niemand mehr neugierig war. Und nun also das Prequel Dexter: Original Sin, wir verfolgen darin den Weg des Protagonisten als jungem Mann beim Erlernen der Fertigkeiten zur Erfüllung seiner Passion. Oder besser gesagt, wir verfolgen ihn nicht, weil das Ganze in einer dermaß hektischen und laientheaterhaften Weise gestaltet und gespielt ist, dass es schade ist um die Lebenszeit.

The Agency soll als moderne Version der klassischen Agententhriller von John LeCarré reussieren und scheitert genau an diesem Anspruch. Wo der britische Bestsellerautor (Der Spion, der aus der Kälte kam) gefinkelte Prämissen und Winkelzüge in der betont realistischen Handlungsführung erdachte, langweilt die Serie durch ihre allzu bedächtige Erzählweise. Michael Fassbender als verdeckt agierender CIA-Agent in einem die halbe Welt umspannenden Verwirrspiel, dazu eine tragische Liebesgeschichte, stylish-düstere Settings und ein Titelsong von Jack White - die Zutaten scheinen zu stimmen. Doch die Schauplätze von Addis Abeba bis Minsk werden visuell nicht ausgeschöft und Richard Geres uninteressante Rolle des Londoner CIA-Direktors hätte jeder spielen können. Ewig durchgekaute Inhalte in redundanten Gesprächen und die immer gleichen endlosen stirnfaltengerunzelten Blicke ins Leere lassen in zehn langen Folgen kaum Spannung aufkommen. Wie so oft wäre die Würze in der Kürze gelegen, in vielleicht sechs Folgen würde sich die Serie knackiger gerieren. Bis auf wenige Momente regiert deshalb die Fadesse.

Was als moderne Doris Day-Komödie, heute nennt man das Rom-Com, angepriesen wird, entpuppt sich nur allzu rasch als dahinplätschernd-seichtes Herumgeplänkel mit ein paar Momenten zum Schmunzeln, doch auch allzu langen witzlosen Passagen. To the Moon heißt der Film, dessen Sixties-Setting nett anzusehen ist, der sich aber immer wieder in Strecken von pathetischer Raumfahrtbetroffenheit suhlt, die wir so oder nbsser schon unzählige Male zuvor gesehen haben. Die Chemie zwischen Channing Tatum als Leiter der NASA-Mission rund um die erste Mondlandung im Jahr 1969 und Scarlet Johannsen als Werbefachfraum, die das Interesse der amerikanischen Bevölkerung für das Event mit damals unkonventionellen Methoden zu wecken versucht, funktioniert zwar recht gut, mit dem Esprit einer klassischen Screwball-Comedy à la Katharine Hepburn und Cary Grant hat das alles aber absolut nichts zu tun. Und wer in aller Welt ist für dieses spachteldicke dunkelorange Make-up für den Hauptdarsteller verantwortlich, das ihm ein fast unwirklich roboterhaftes Aussehen verleiht?!

Die Spannung baut sich langsam auf, die Atmosphäre soll erotisch knistern, das noch halb verborgene Drama, das im Hintergrund abläuft, immer spürbarer sein, schließlich steigert sich der Klimax zu einer Art von innerer oder äußerer Explosion: ein Mord geschieht, Beziehungen zerbrechen, ein Lügengebäude bricht in sich zusammen. Auf diese Weise wirkt ein sogenannter Slowburner. Der deutsche Horrofilm Delicious ist ein Möchtegern-Exemplar dieses Genres und geriert dabei zur unglaubwürden Farce ohne jedes Gefühl für Stimmung oder Timing. Eine deutsche Familie im Urlaub in einer französischen Luxusvilla und ein vorgebliches Dienstmädchen, das sich einschleicht und ein böses Spiel mit Vater, Mutter und den Kindern beginnt. Das Ende ist dann Horror, was das Finale der Geschichte, aber auch die fade filmische Umsetzung ohne jeden Fokus betrifft. Valerie Pachner und Fahri Yardim als Eltern und Carla Díaz als Intrigantin, der das hirnlose Drehbuch jeden Anflug von Geheimnis versagt, agieren hölzern bis zum Abwinken.

Je länger ich nach der Sichtung des romantischen Horrordramas (ja, dieser Genremix!) The Gorge über den Film nachdachte, desto ärgerlicher wurde er. Dabei liest sich die Prämisse ziemlich gut und wird in der ersten dreiviertel Stunde auch ansprechend ausgeführt. Zwei Scharfschützen beziehen für ein Jahr lang Position in Wachtürmen auf den gegenüberliegenden Seiten der im Titel genannten Schlucht. Ihr Auftrag, alles, was sich darin befinden mag, auf gar keinen Fall herauszulassen. Anya Taylor-Joy (Damengambit) und Miles Teller (Whiplash) verkörpern diese eher tragischen Figuren, die einander über den Abgrund hinweg entdecken und finden und ihn schließlich sogar überwinden, um einander nahe sein zu können. Doch nach ihrem Absturz in die Schlucht stürzt auch die Handlung ins Bodenlose; völlig lächerlich die Baumungeheuer, die sie dort erwarten und meist in Düsternis mit violettem Touch gehüllt sind, damit wir die wohl billige CGI nicht allzu deutlich zu Gesicht bekommen. Völlig zusammengestohlen, was sich daraus entwickelt, jammerschade um die interessante Grundidee.

Die Idee zur Krimiserie The Residence ist eine reizvolle. Wie zuletzt auch in der dritten Staffel von Chucky dient das Weiße Haus als Setting. Ein Galadinner für den australischen Regierungschef, ein Mord, eine Vielzahl an Verdächtigen, Motiven und keine Alibis. Die Nachforschungen der resoluten Cordelia Cubb (Uzo Adfuba aus Orange is the New Black), Hobbyornithologin und allenthalben bekannt als beste Detektivin der Welt, sind flott und mit viel pointiertem Wortwitz inszeniert, der im Detail nachgebaute Schauplatz tut das Seine, wir fühlen uns amüsiert und auf harmlose Weise bestens unterhalten. Nach Folge sechs (von acht) kippt die Angelegenheit aber. Ein Zeitsprung von vier Monaten, dann die Wiederaufnahme des Falles und die Abspulung genau derselben Befragungs- und Spekulationsmuster, vorgetragen von demselben Figurenpersonal beginnt. Die Vermutung, dass Netflix neuerdings vorrangig Inhalte produziert, die man auch nebenbei beim Bügeln oder Whatsappen konsumieren kann, weil ohnehin alles wieder und immer wieder durchgekaut wird, verfestigt sich.

Gemäß den legendären Billy-Wilder-Worten braucht es ja drei Komponenten für einen gelungenen Film, nämlich erstens ein gutes Drehbuch, zweitens ein gutes Drehbuch und drittens - ein gutes Drehbuch. Die britische Miniserie Adolescence, zu sehen auf Netflix, hat zweifellos ein brillantes, verfasst von Jack Thorne und Stephen Graham, in unglaublicher Eleganz entwickeln sich die Szenen auseinander heraus, die Dialoge sind von großer Intelligenz und voller Emotionen. Regisseur Philip Barantini hat es zum Niederknien umgesetzt. Jede der vier Episoden wurde in einem einzigen Take gedreht, das sind bewundernswert gestaltete Plansequenzen, in denen die Kamera ohne auch nur einen einzigen erkennbaren Schnitt jeweils unterschiedlichen Charakteren folgt und meist ganz dicht bei ihnen bleibt, sich zuweilen aber auch von ihnen entfernt und für einen Rundumblick in die Luft erhebt. Der dreizehnjährige Jamie wird des Mordes an einer Mitschülerin verdächtigt, er selbst, seine Eltern, ein Inspektor und eine Psychologin bilden dabei die Pole, um die herum sich die Folgen entwickeln. Die Regeln rund um die Festnahme des Buben und seine Befragung in der Polizeistation, die Nachforschungen und Gespräche mit Lehrkräften und Mitschüler:innen in Jamies Schule, die Auseinandersetzung einer Psychologin mit den Hintergründen von Jamies Handeln in einer Strafanstalt für Jugendliche und schließlich die aufgewühlten Gefühle seiner Eltern - auf grandios authentische und in ihrer Intensität kaum übertreffbare Weise beleuchtet die Geschichte die Blickpunkte der einzelnen Figuren. Derart lernen wir die verschiedenen Szenerien wie auf einem Erkundungsgang durch Orte und die Herzen der in ihnen lebenden und arbeitenden Menschen kennen. Die geschilderten Beziehungen sind in jedem Moment glaubwürdig und die Besetzung jeder einzelnen Rolle ist bestechend, besonders Owen Cooper als Jamie, Stephen Graham als sein Vater, Christine Demarco als seine Mutter und Erin Rachel Doherty als Psychologin geben herausragende und zuweilen herzzerreißende Darstellungen. Die Klärung von Schuld oder Unschuld wird auf hochspannende Weise behandelt, noch mehr im Vordergrund stehen aber Aspekte wie der Einfluss sozialer Medien auf die Psyche von Heranwachsenden und die quälende Frage der Verantwortung und Güte von Elternschaft. Adolescence ist ein aufwühlendes Meisterwerk.

Die Killerpuppe Chucky ist einfach nicht totzukriegen und metzelt sich mittlerweile durch die dritte Staffel der gleichnamigen Serie. Der Clou ist diesmal, dass ihn der kleine Sohn des US-Präsidenten liebgewonnen hat, mörderische Umtriebe im Weißen Haus sind die blutige Folge. Der Count an möglichst effektvoll-grauslichen Methoden, eine Sekretärin, Secret-Service-Agenten und schließlich das Staatsoberhaupt selbst ins Jenseits zu befördern, ist ein hoher und steigert sich im Verlauf der acht Folgen ins Unüberschaubare, was zu geradezu surreal anmutenden Szenen führt, die allesamt im sarkastischen Ton des Franchise gehalten sind. Das schwule Teenie-Liebespärchen Jake und Devon und ihre Freundin Lexy samt dem älteren Präsidentensohn Grant machen sich als sympathisches Quartett auf die Jagd nach Chucky, der diesmal sogar altert - was er für keine akzeptable Lebenssituation hält. Wer das wie ich zu goutieren weiß, wird auch diese Serie mögen.

Ohne antrainierte Hulk-Muskeln habe ich James McAvoy (Abbitte) fescher gefunden, in seiner zuweilen übertrieben zähnefletschend angelegten Rolle in dem Thriller Speak No Evil hätte er sie auch gar nicht gebraucht. Am Stärksten entfaltet der Film nämlich seine Wirkung im Heranpirschen des psychopathischen Wolfes hinter der lächelnden Schafspelzfassade eines Familienvaters an eine Gastfamilie auf seiner Farm, der er gar Böses will. Das US-Remake eines bitteren dänischen Vorbildes aus dem Jahr 2022 entwickelt seine Geschichte eines Hinterhaltes langsam und mit Sorgfalt in der Zeichnung der Charaktere innerhalb einer zersplitterten Familie, das Actionfinale kann mit dieser unterschwelligen Spannung dann nicht mehr ganz mithalten.

Auf gar keinen Fall das Seil loszulassen, mit dem sie mit ihrer Hütte im Wald verbunden sind, trichtert die besorgte Mama Halle Berry ihren beiden Söhnen ein, denn anderenfalls würde das Böse um sie herum von ihnen Besitz ergreifen. Never Let Go heißt denn auch der Horrorthriller des französischen Regisseurs Alexandre Aja, der uns schon mit Filmen wie Maniac und The Hills Have Eyes ordentlich zu schocken wusste. Never Let Go, seine Paraphrase von M. Night Shyalamans The Village, wusste mich aber nicht zu überzeugen. Die erste Hälfte des Streifens ist extrem redundant, allzu oft und in immer gleicher Weise werden die Schrecken beschworen, die angeblich im Wald rund um das Haus lauern, und die Sicherheit, die letzteres der kleinen Familie bieten würde. Ob sich die Mutter die Monster bloß einbildet oder sie real sind, ob sie eigentlich wahnsinnig ist und die beiden Buben terrorisiert oder alles tut, selbst ihr Leben gibt, um sie zu beschützen - solche Unsicherheiten liegen in der Luft. Das wird mit der Zeit immer spannender, besonders, als sich einer der Söhne gegen die Mutter aufzulehnen beginnt. Das Kappen der Seile, der metaphorischen Nabelschnüre, sorgt daraufhin doch sogar für beträchtliche Spannung, die schließlich aber durch einen erzwungen wirkenden finalen Twist ins Lächerliche kippt. Das Ende wirklich offen zu lassen, wie es lange den Anschein hat, wäre in diesem Fall die stimmigere Variante gewesen.

Demi Moore einmal für einen Oscar nominiert zu sehen und nicht für die Goldene Himbeere hat mich, als ich davon erfahren habe, ziemlich überrascht. Nach Sichtung der Horrorsatire The Substance geht es aber gar nicht anders, als von ihrer Darstellung eines alternden Fernsehstars mit dem vielsagenden Namen Elizabeth Sparkle fasziniert zu sein. In der Geschichte der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Coralie Fargeat bietet sich ihr die Idee eines Auswegs aus dem Vergessenwerden in Form eines Serums, mit dessen Hilfe sie jede zweite Woche in ihr jüngeres zweites Ich Sue (Margaret Qualley) zurückkehren kann. Dass die Sache mit Sues steigendem Ruhm alsbald Risse bekommt und schließlich außer Kontrolle gerät, ist klar, da lassen Dorian Gray, Cronenbergs Fliege sowie Dr. Jekyll und Mr. Hyde grüßen. Die kompromisslose Art und Weise der Umsetzung dieses Zweikampfes von zwei Egos, die eigentlich Eins sind, von zwei Frauen zwischen Ängsten vor dem Altern und der Auflehnung dagegen, Jugend- und Schönheitswahn und der Eiseskälte unserer Gesellschaft, wenn etwas nicht (mehr) ins idealisierte Bild passt, ist aber kaum vorhersagbar und immer wieder höchst überraschend. Wobei es ganz leise psychologische Untertöne sind, etwa die Szene, in der Elizabeth die Chance auf ein Date nicht nützt, weil sie auf einem Billboard vor dem Fenster Sues Perfektion vor Augen hat und daran verzweifelt, die mich ganz in die Geschichte gezogen haben. Schlussendlich, wenn der Film aufs Ganze geht und die bitterböse Farce in surrealen Bodyhorror explodiert, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Brillant.

Die Story vom ehemaligen Auftragskiller, der auszieht, um sich in visuell ansprechend arrangierten Kampfszenen an den Mördern seiner Familie zu rächen, ist allbekannt und auch die blutige japanische Manga-Verfilmung Demon City weiß zum Thema nichts Neues hinzuzufügen. Vielleicht mit einer Ausnahme: Die Szene, in der der Gelähmte im Rollstuhl mit Speichenfäden in den Mundwinkeln von einem Moment auf den anderen zur Killermaschine mutiert, ist wirklich von himmelschreiender Unlogik.

Es gibt diese Szene in Luca Guadagninos Adaption von William Burroughs autobiografischem Roman Queer, in dem sich Daniel Craig Heroin spritzt, die Kamera minutenlang auf sein Gesicht hält und sich in der Veränderung von dessen Zügen die Wirkung der Droge spiegelt. Craig hat mir als James Bond und auch in anderen Rollen immer sehr gefallen, seine große Wandlungsfähigkeit in Queer hat mich aber verblüfft. Er geht in der Rolle des Alter Ego des Autors völlig auf, eines alternden Alkoholikers im mexikanischen Exil. In der Tragödie eines in seiner Verliebtheit zu einem jungen feschen Amerikaner (Drew Starkey) zuweilen lächerlichen Mannes auf der Suche nach so etwas wie Liebe wirkt Craig in manchen Momenten fast unbeholfen in seinen Versuchen zu gefallen; das Strahlen in seinen Augen, wenn sich ihm der Geliebte hingibt, weicht bald wieder tiefer Verletzlichkeit, wenn er sich dann wieder entzieht. Ich verehre Luca Guadagnino als Regisseur von grandiosen Arbeiten wie Call Me By Your Name oder zuletzt Challengers, doch Queer ist viel zu lang und in dieser Laufzeit generisch geraten. Die stringente Konzentration auf die toxische Beziehung zwischen den beiden Männern und das psychisch brutale Wechselspiel zwischen dem Zulassen von Nähe und dem Wegstoßen des Gegenübers hätte ein intensives Filmerlebnis bereiten können. So aber herrscht viel Langeweile zwischen einigen wenigen atmosphärisch dichten und berührenden Momenten.

Ich denke, dass das Problem bei der allseits zerrissenen Neuverfilmung von als solche apostrophierten Kultklassikern zuweilen jenes ist, dass die Filmkritik schamlos aus dem Internet oder voneinander abschreibt, ohne das Original einer Neusichtung unterzogen zu haben. Dafür ist The Crow aus dem Jahr 1994 ein gutes Beispiel. Regisseur Alex Proyas hat aus der Comicvorlage einen kleinen, im groben Korn atmosphärischen, in manchen Szenen aber doch sehr billig wirkenden Horrorkrimi im stimmigen Gothic Look inszeniert, der ob seiner das Figurenpersonal betreffenden Plumpheit wohl nur deshalb das ungewöhnliches Aufsehen erregte, weil der junge Hauptdarsteller Brandon Lee während der Dreharbeiten bei einem Unfall ums Leben kam. Seine Figur des Eric Draven, der aus dem Reich der Toten wiederkehrt, um den Mord an seiner Verlobten Shelly zu rächen, ist ein extrem flacher Charakter ohne Ecken und Kanten und ohne hinter die Schminkfassade blickendes Profil; Lee selbst erscheint mir recht farblos und austauschbar, sein immer wieder heraufbeschworenes Charisma hängt offenbar doch stark mit seinem traurigen Schicksal zusammen. Nun also die von Rupert Sanders verantwortete Neuadaption des Stoffes, ebenfalls unter dem Titel The Crow. Und hier sehen wir, was ein Darsteller mit der großen Leinwandpräsenz eines Bill Skarsgård aus dieser Rolle des Eric Draven zu machen vermag. Er trifft in einer Entzugsklinik auf Shelly, ihr Kennenlernen und die Entwicklung ihrer Liebesbeziehung beschränkt sich nicht wie im Original auf einige grelle Flashbacks, sondern wird nachvollziehbar auserzählt. Dann die Morde und Erics Rückkehr, sein anfängliches Erstaunen über die schnelle Heilung auch der schlimmsten Wunden, sein Kunstwerk eines trainiert-tätowierten Körpers, seine Verzweiflung und Selbstzweifel und schließlich sein in aller Deutlichkeit gezeigtes blutig-dämonisches Wüten, das seinen Höhepunkt in einem wahren Gemetzel in einer Oper findet. The Crow aus 2024 fällt demnach zu dem als Kult beschworenen Original nicht nur nicht ab, er ist ihm in der Zeichnung der Hauptfigur und im Storytelling deutlich überlegen.

Schon mit seinem Film Die Hütte am See (2017) bewies der finnische Regisseur Mikko Mäkelä sein Talent für stille, authentische Arbeiten, die sich selbst zurücknehmen und stattdessen die Tiefe ihrer Geschichten und ihrer Charaktere sprechen lassen. In diese Riege passt auch sein neuer Streifen Sebastian. Die Titelfigur heißt eigentlich Max und ist ein junger Mann, Journalist und aufstrebender Schriftsteller, und verdingt sich unter dem Namen Sebastian in London als Escort. Dabei verabeitet er seine Erlebnisse mit meist älteren Kunden in Kurzgeschichten und dem ersten Entwurf eines Romans. "The shame about the shame" macht ihm dabei zu schaffen, empfindet er doch mehr als seine Tätigkeit die Zweifel darüber, ob die Verabeitung seiner Erlebnisse mit den Kunden für seine Literatur gerechtfertigt sei, als Schande. Oft betrachtet er sich in Fensterscheiben oder im Spiegel, die Reflexionen scheinen ihm näher zu sein als er sich selbst. Das Psychogramm einer verlorenen Seele berührt uns in seiner Unmittelbarkeit, die Sensibilität und Natürlichkeit des Newcomers Ruaridh Mollica, sein Lächeln beim Betrachten eines Schlafenden neben sich, seine Tränen in Momenten der Verlorenheit, ziehen uns in dieses Spiel um den Einfluss des Fiktionalen in der Realität und des Erlebten in seiner literarischen Überhöhung. Am Schluss will eine Journalistin vor einem Interview von Max wissen, ob denn eine der Fragen zu persönlich wäre. "You can ask me anything", ist seine Antwort. Das Versteckspiel ist vorbei, Max und sein alter ego Sebastian sind mit sich selbst im Reinen.

Bei der Dramödie Anora des amerikanischen Regisseurs Sean Baker handelt es sich um den Cannes-Gewinner des Vorjahres und im Grunde genommen um eine moderne, entkitschte Version der Kultschnulze Pretty Woman. Ali, die Stripperin in Brighton Beach, dem russischen Viertel von New York, und der unreife Oligarchensohn Vanya, die Annäherung der beiden vom Geschäftlichen zum Privaten, die anscheinend zur Liebe wird, ihre überhastete Hochzeit in Las Vegas und schließlich die Versuche der entsetzten Familie des verzogenen Knaben, die Ehe annullieren zu lassen - die Handlung bewegt sich zwischen zuweilen fast slapstickartiger Ironie und echten Emotionen, die aber, das wird sich am Ende herausstellen, nicht von beiden Seiten kommen. Mickey Madison und Mark Edelshteyn brillieren psychologisch ausgefeilt als Ali und Vanya, die einzelnen Szenen gleiten in der makellosen Inszenierung gleichsam ineinander. Zeitweise kam ich aus dem Schmunzeln nicht heraus, dann wieder drückt der Missbrauch von Anis Gefühlen aufs Herz und die finalen Bilder lassen uns gerührt zurück. Hinreißend.

Was in dem politischen Kriminalfilm The Order passiert, ist auch in der Realität geschehen. Wir schreiben die 1980er-Jahre, eine terroristische "White supremacy"-Gruppe mit dem titelgebenden Namen plant den Sturz der US-Regierung. Überfälle auf Banken und Geldtransporter, Geldfälschungen - auf Schritte wie diese folgen Morde und soll schließlich der Putsch stattfinden. Der von seiner Familie entfremdete und psychisch labile FBI-Agent Terry Husk, authentisch von Jude Law verkörpert, kommt der Sache auf die Spur, als Gegenspieler entpuppt sich Nicholas Hoult als Terroristenführer Bob Mathews mit stechendem Blick aus blauen Augen und einer anfänglichen Freundlichkeit, die sekundenschnell in gewalttätige Härte umzuschlagen vermag. Geradlinig inszeniert, vielleicht eine Spur zu lang, aber spannend in der Intelligenz seiner politischen Analyse, ist The Order seit dem Beginn der Amtszeit von Donald Trump, in der etwa die verurteilten Verantwortlichen des Sturms auf das Kapitol am 6. Jänner 2021 rehabilitiert wurden, geradezu tagesaktuell.

Ein zentraler Topos von Politthrillern war immer schon die Gefahr eines die Ideale der Demokratie von Innen zerfressenden und von höchsten Stellen ausgehenden Krebsgeschwürs aus Lügen, Verschwörungstheorien und politischen Hinterhalten. In diesem Sinne könnte die sechsteilige Netflix-Miniserie Day Zero nicht aktueller sein. Eine Cyberattacke legt das gesamte Energiesystem der USA von einer Sekunde auf die andere lahm, eine Sonderkommission wird mit der Aufklärung des Falls beauftragt. An ihrer Spitze steht Robert De Niro in der Rolle des hochgeachteten ehemaligen Präsidenten George Mullen, der zurückgezogen in Manier eines "elderly statesman" lebt und um den sich ein namhafter Cast wie Jesse Plemons, Joan Allen, Dan Stevens, Matthew Modine und Angela Bassett gruppiert. Die Serie punktet mit der realistisch-straffen Inszenierung des intelligenten Drehbuches, ich musste wirklich genau aufpassen, um keine der vielen Wendungen um all die beruflichen Geheimnisse und familiären Traumata des Protagonisten und anderer Figuren zu verpassen. Spannung ohne grobe Effekte, heutzutage eine Seltenheit.

Die Geschichte der Besiedelung des sogenannten Wilden Westens war eine gnadenlos-blutige und als genau solche wird sie in der Serie American Primeaval  dargestellt. In wunderschönen bis grausigen, farblich extrem entfärbten Bildern zieht eine steckbrieflich gesuchte angebliche Mörderin im Jahr 1857 mit ihrem gehbehinderten Sohn in Richtung und durch Utah und sieht sich gefangen im Kampf der Regierungssoldaten gegen eine Miliz der Mormonen und Stämme von Native Americans. Die Brutalitäten dieses ersten amerikanischen Bürgerkriegs werden in all ihrer Grausamkeit gezeigt, wobei nicht nur das eisige Wetter, sondern auch die Herzenskälte vieler Figuren frösteln macht. Was sich mit der Zeit als Problem der acht Folgen erweist: Die Geschichte bietet uns praktisch keine echten Identifikationsfiguren an, deshalb gehen uns auch die Schicksale nicht wirklich nahe. In diesem Sinne zieht sich die Handlung trotz der Brillanz der Kamerarbeit in einander immer wieder sehr ähnelnden Szenen ziemlich.

Über sechs Jahre hindurch, von 2015 bis 2020, fand die kanadische Comedy-Serie Schitt's Creek beständig wachsende Gefolgschaft; als ich nun darauf stieß und die 80 Folgen in einem Rutsch durchschaute, war ich demnach recht spät dran. Es handelt sich um eine Sitcom (ohne dazugemischtes Gelächter), ein Genre, um das ich üblicherweise einen weiten Bogen mache. Trotzdem verliebte ich mich von der ersten Folge an in die Familie Rose, ehemals Millionäre und ein Leben in Saus und Braus gewohnt, die sich nach einem Totalcrash des Firmenimperiums in dem titelgebenden Kaff wiederfinden und nach und nach ihr Leben neu aufzubauen versuchen. Da ist Vater Johnny Rose (Eugene Levy, der Vater aus American Pie), Ex-Videothekenmagnat und in seiner Ehre als Geschäftsmann gekränkt, da ist auch seine Frau Moira (Catherine O'Hara, die Mutter aus Kevin allein zuhaus), ehemaliger Star einer daily soap, die gefühlt in jeder einzelnen Szene mit einem neuen aufsehenerregenden Outfit auftrumpft, und da sind die erwachsenen Kinder Alexis (Annie Murphy) und David (Dan Levy), die bislang außer Geldausgeben nichts gelernt haben. Der kulturelle Clash zwischen ihnen und den biederen Bewohnerinnen und Bewohnern der Kleinstadt, ihre zuweilen rührenden Versuche, wieder auf die Beine zu kommen, Anschluss und vielleicht sogar Liebe zu finden, ist auf höchst amüsante Weise inszeniert. Die bayrisch anmutende Blechblasmusik, der staubtrockene Humor mit seinen immer auf den Punkt gesetzten Pointen, der gerade rechte Freiraum, zwischen den Zeilen sogar rührenden Momente menschlicher Wärme zu entdecken, der Enthusiasmus aller Beteiligten hinter dem Projekt - schlicht und einfach hinreißend!

In seinen letzten Rollen war Bill Skarsgård unter all dem Pennywise- und Nosferatu-Make up ja kaum bis gar nicht zu erkennen, in Boy Kills World stellt sein jungenhaftes Gesicht einen reizvollen Kontrast zu dem toptrainierten Körper dar. Als im Dschungel ausgebildete taubstumme menschliche Kampfmaschine macht er sich in einer dystopischen, (allzu) stark an Panem orientierten Welt, auf, um die Ermordung seiner Familie zu retten. Die ständigen, gewollt coolen Kommentare aus dem Off mit ihrem Pseudowitz, der nie zündet, verleiden uns die gut choreografierten (zum Teil aber extrem gewalttätigen) Actionszenen.

Neugierig gemacht durch seine rezente Interpretation des Nosferatu-Stoffes, beschloss ich, Robert Eggers' allerortens hochgepriesenen Streifen The Northman nachzusichten, den Hype darum kann ich aber auch jetzt nicht nachvollziehen. Hamlet zur Wikingerzeit also, eine Brachialversion sozusagen, Verrat, Mord und Rache, alles vorhanden, vermischt mit nordischen Mythen, die in den Jenseitsvorstellungen der filmimmananten Figuren Teil der Lebensrealität zu sein scheinen. In der Ausstattung offenbar um historische Athentizität bemüht, wirken die geschraubten Dialoge in pseuododialekthaft-harter Aussprache lächerlich, und in dem Ansinnen von überwältigenden Bildern sticht das zuweilen hässliche CGI (die Schiffe zu Beginn! das Meer!) umso störender ins Auge. Als wirklich ansprechend möchte ich die eindrucksvoll choreografierten Actionplansequenzen nennen, den Score habe ich aber als allzu bombastisch, die Überlänge als ermüdend empfunden; wie in der gesamten Inszenierung sind darin keine Zwischentöne auszumachen, die uns den Zugang zu den übergroßen Charakteren in ihrer Kampfhundeattitüde erleichtern würde.

Der Titel des neuen Films von Oscar-Preisträger Edward Berger (Im Westen nichts Neues), nämlich Konklave, beschreibt auch schon seinen Inhalt. Der alte Papst ist verstorben, die Wahl eines neuen obliegt der gewissenhaften, in den Traditionen der katholischen Kirche streng geregelten Organisation des Dekans Kardinal Lawrence, den Ralph Fiennes mit gewohnt gerunzelter Stirn und von Zweifeln (auch jenen am eigenen Glauben) geplagten Augen verkörpert. Die Ankunft der Kardinäle im Vatikan, die im Detail dargestellten Vorbereitungen, der Einschluss in der Sixtinischen Kapelle und schließlich eine Reihe von Wahlvorgängen inszeniert Berger zum durchaus spannenden Kammerspiel um Macht, Intrigen und die Überzeugung der eigenen Größe auf der einen, der Einsicht in die Würde des Amtes und die Nöte der Menschen auf der anderen Seite. Es sind Einstellungen der rauchenden Würdenträger oder von Regenschirmparaden in Schwarz und später in Weiß, die der strengen und zuweilen recht vorhersehbaren Handlungsfolge menschliche Momentaufnahmen abringen, Lawrences fast detektivische Suche nach den Motiven so mancher Kollegen und den wahren Umstände um den Tod des Papstes sind der Pfeffer im filmischen Gericht. Die Charaktere stehen im krassen Gegensatz zueinander, sie sind entweder modern-liberal oder eben rückschrittlich-reaktionär, da gibt es kaum Nuancen oder die Entschlüsselung von Hintergründen; die Figur der von Isabella Rossellini gespielten Obernonne schließlich leidet an der völligen Vergeudung ihres Potentials. Der mitunter viel zu bombastische Score treibt die Ereignisse schließlich zu einem Solala-Twist, der die Auferstehung einer Art von neuem Messias feiert. Was jetzt insgesamt weniger unterhaltsam klingen mag, als der Film beim Ansehen eigentlich war.

Vor zwei Jahren wusste uns eine Netflix-Serie zu unterhalten, deren Hauptfigur, der Agent Peter Sutherland, nicht von ungefähr denselben Nachnamen wie Kiefer Sutherland trug, der Star aus der legendären Actionserie 24 - solide, handgemachte Spannung verband die beiden Produktionen. The Night Agent geht nun in die zweite Staffel und hat dabei diese Qualitäten zum Großteil auf der Strecke verloren. Die Chemie zwischen dem muskulösen Gabriel Basso und seiner "leading lady" Luciane Buchanan stimmt zwar noch immer, doch es gilt, was derzeit für so viele Serien gilt: für die Lauflänge gibt es in der Geschichte rund um einen Maulwurf im CIA viel zu wenige zündende Ideen und überraschende Wendungen. Gentleman ist der Protagonist aber nach wie vor: Selbst in der zeitknappsten Verfolgungsjagd hält er der Dame stets die Beifahrertür auf. Hier wurde wohl innere Unlogik mit Stil verwechselt.

Als Freund cineastischen Horrors waren meine Erwartungen an Robert Eggers' Neuverfilmung des Nosferatu-Stoffes beträchtlich, wurden aber großteils enttäuscht. Friedrich Wilhelm Murnaus ikonenhaftes Vorbild aus dem Jahr 1922 schuf mit Max Schrecks Interpretation und Maske des an Bram Stokers Dracula angelehnten schaurigen transylvanischen Unholdes eine der prägendsten Figuren der Filmgeschichte, und auch Werner Herzog wusste in seiner Version aus 1979 dazu zusammen mit seinem Hauptdarsteller Klaus Kinski und dessen nuancierter Schauspielkunst Einiges zu sagen. Eggers hingegen vertraut auf Bombast pur und bläht seinen Film dadurch ins Fade. Freilich, da sind Bilder von ausgesuchter Schönheit, wie düster-romantische Malerei wirken sie einerseits, wie die Umsetzung der damals gemalten expressionistisch-verzerrten Caligari-Kulissen ins aus Steinen Gemauerte andererseits, doch dann sind (zu) viele Szenen so dunkel, dass wir Mühe haben, überhaupt etwas zu erkennen. Freilich spielt sich Lily-Rose Depp in der Rolle der eigentlich im Zentrum der Handlung stehenden Ellen, die in Visionen vom Nahen des Vampirs und damit in Zusammenhang dem Aufwallen von ihr erschreckend erscheinenden sexuellen Begierden heimgesucht wird, schier die Seele aus dem Leib, doch dann sind eben diese Alpträume zu häufig und redundant und deshalb bald uninteresant. Freilich ist die Maske, die Bill Skarsgard zum Monster macht, mal wirklich etwas Neues, das Drehbuch schenkt der Figur und damit dem Schauspieler aber keinerlei Möglichkeiten der Entwicklung oder eines Blickes auf den Charakter hinter dem gewöhnungsbedürftigen Schnurrbart. Wie aufgesagt ziehen sich viele theaterhafte Dialoge, unnötig erscheint uns die von Willem Dafoe unpassend in Richtung Slapstick verzerrte Rolle eines Wissenschaftlers, der absolut nichts zur Lösung der dramatischen Ereignisse beitragen kann. Dies alles gipfelt aber in einer hinreißenden Klimax. Nosferatu, das ist uns eh schon klar, wird in Ellens Schlafkammer eindringen - Eggers bedient sich dabei in schier unverschämter Weise an Murnaus Schattenfingern im Stiegenhaus und am Schloss der Tür. Doch dann steht sie vor dem Monster und bietet sich ihm an, und wenn dieses über die junge Frau herfällt, ohne Gegenwehr zu erfahren, und sich hinter ihnen, die sich auf dem Bett aufbäumen, langsam die Morgensonne über die Dächer der Stadt schiebt, vermeinen wir einen kurzen Blick hinter das grausige Angesicht und die ekelhafte Gestalt des Unholdes zu erhaschen - in eine Melancholie, eine Verzweiflung, eine undefinierbare Sehnsucht, ein bedauernswertes Geworfensein, das uns zutiefst menschlich erscheint. Dann wird Nosferatu von Sonnenstrahlen getroffen, er windet sich und blutet aus den Augen und schreit vor Schmerz - starke Bilder, die in einer finalen Einstellung eines fast ausgedörrt wirkenden Skeletts münden, das, umgeben von verstreuten, fablosen Blumen, verkrümmt auf der toten Frau liegt: ein Stilleben der Erstarrung der Ewigkeit. Allein, um dies zu sehen, lohnt es sich, den Film anzuschauen.

Der Titel der Netflix-Actionkomödie Back in Action bezieht sich nicht nur auf Hauptdarstellerin Cameron Diaz, die nach längerer Filmpause wieder einmal zu sehen ist, oder ihren Partner Jamie Foxx, der während der Dreharbeiten einen Schlaganfall erlitt und quasi zurück ins Leben finden musste. Er spiegelt auch die Story der beiden als Ehepaar, ehemalige Agentin und Agent, deren Tarnung auffliegt und die sich zusammen mit ihren beiden Kindern in eine haarsträubende Geschichte katapultiert sehen. Als nette Familienkomödie funktioniert der Streifen recht gut, da gibt es die eine oder andere amüsante Szene; in puncto Action beginnt sie mit hässlichem CGI rund um den Ansturz eines Flugzeugs und hetzt anschließend, viel zu schnell geschnitten, durch Nahkämpfe und Schießereien, bei denen uns der Überblick bald verloren geht. Er ist das, was Netflix offenbar am meisten schätzt: Content für nebenbei eben, aber kein wirklich schlüssiger Film zum Dranbleiben.

Hätte ich Deadpool & Wolverine schon bei seinem Erscheinen im Vorjahr gesehen, hätte er unangefochten den ersten Platz in der Liste der schlechtesten Filme des Jahres belegt. Was soll dieser Schwachsinn? Marvel runiniert mit Machwerken wie diesen nur das filmimmanente Universum. Durch ständige Zeitreisen wird jeglicher Standpunkt zerstört, es gibt keine Konsequenzen von Handlungsereignissen, man kann ja eh immer wieder zurück; zumal entsprechen die ständigen pseudo-anzüglichen Sprüche bloß pubertärem Humor. Nicht zum Aushalten. 

Squid Game, die südkoreanische Hitserie aus dem Jahr 2021, findet die erwartete Fortsetzung und bietet dabei nichts Neues. Der kapitalismuskritische Ansatz um Geiz und Pyramidenspiel-Gier ist weiterhin interessant, manche der grausamen Spiele halten bei der Stange, und besonders so manche jüngste demokratiepolitische Entwicklungen geben der Sache bei den Wahlen, die nach jeder Runde um den Abbruch oder den Fortgang der grausamen Spiele entscheiden, einen ganz aktuellen Anstrich, doch nach zwei Einstiegsfolgen, die eine spannende Entwicklung von Figuren und Handlung versprechen, rutscht die Action samt nicht enden wollendem lückenfüllendem Herumgequatsche ins Altgewohnte.

Angesichts so mancher schlimmer Serienentgleisungen der letzten Zeit rund um Disneys Aufarbeitung des Star Wars-Universums wirkt die Serie Skeleton Crew fast erfrischend, zumindest zu Beginn. Die Goonies im Weltraum, dazu ein bissl Schatzinselsetting - nett, vier Teenagern zuzusehen, wie sie durch einen Zufall von ihrem ideal anmutenden Planeten ins All katapultiert werden. Ihrer Suche nach einem Weg zurück nach Hause mangelt es aber an zündenden Ideen, außerdem weiß die Entwicklung der Story absolut nichts mit ihren Figuren anzufangen. Insgesamt also eine recht laune Angelegenheit.

Das Filmjahr 2025 beginnt für mich mit den beiden letzten Folgen der netten japanischen Serie Light of My Lion. Der Löwe im Titel bezieht sich auf den Namen und das liebste Stofftier eines kleinen Buben, der sich eines Tages vor der Tür von zwei Brüdern ausgesetzt sieht, des autistischen jüngeren namens Michito, der gern Tiere, darunter auch Löwen, malt, und des älteren Hiroto, der die Eigenständigkeit seines Lebens samt möglichem Studium für die Betreuung Michitos aufgegeben hat. Es gibt ein bissl vorhersehbare Dramatik, einen Kriminalfall rund um die Suche nach Lions Mutter und viel Beschwörung des Zusammenhalts der ungewöhnlichen Familie; das ist eigentlich belanglos, aber so entzückend und warmherzig gespielt, dass ich gern dabeiblieb.