Der Filmerzähler
Der Kuss der Spinnenfrau (1985)
„Weil daheim das Geld zu Pferd unterwegs war und wir zu Fuß, kratzten wir, wenn in der Siedlung ein Film gezeigt wurde, den mein Vater (nur wegen des Hauptdarstellers oder der Hauptdarstellerin) für sehenswert hielt, unsere Münzen zusammen, bis es für eine Eintrittskarte reichte, und ich wurde hingeschickt, um den Film anzuschauen. Wenn ich dann aus dem Kino kam, musste ich ihn im Garniturzimmer der vollzählig versammelten Familie erzählen.” So beginnt der Roman Die Filmerzählerin (2009) von Hernán Rivera Letelier, eine zauberhafte Liebeserklärung an das Kino, die uns in eine entlegene Minensiedlung in der chilenischen Atacama-Wüste führt. María Margarita, ein zehnjähriges Mädchen, ist die Titelfigur, deren Gabe die Menschen fasziniert: „Meines Wissens gab es niemand in der Siedlung, der es im Filmerzählen mit mir aufgenommen hätte. Und egal, was für welche: mit Cowboys, Horror, Krieg, Marsmenschen oder Liebe. Und natürlich die mexikanischen, die mein Papa, als echter Mann aus dem Süden, am liebsten mochte.”
María ist eine Verwandte im Geiste von Molina aus Der Kuss der Spinnenfrau des argentinischen Autors Manuel Puigs. Molina, der in Héctor Babencos Filmadaption vom jungen William Hurt mit naiver Grazie verkörpert wird (Oscar für die beste männliche Hauptrolle), blickt mit unschuldiger Gutherzigkeit in die Welt und kann angesichts von Militärdiktatur und Folter nicht fassen, was da abläuft. Die Flucht in die Glitzerwelt des Films ist für ihn und später auch für seinen Mitgefangenen Valentin (Raul Julia) der Anker, um an der Tristesse ihres Lebens in der Gefängniszelle nicht zu verzweifeln. Molina erzählt Kinoszenen nicht bloß nach, er schwelgt in ihnen, er zelebriert sie. Molina ist homosexuell und des Kindesmissbrauchs angeklagt, Valentin ein politischer Gefangener; es gibt diese Abmachung mit der Geheimpolizei, dass Molina Valentin ausspionieren soll. Valentin weiß mit Molinas femininer Art nichts anzufangen, doch als er krank wird, säubert ihn Molina und macht ihm Tee und kümmert sich um ihn wie um einen Freund.
„Once upon a time in a tropical island far away, there lived a strange woman …”, beginnt eine neue Erzählung von der Spinnenfrau, gefangen in einem Netz, das aus ihrem eigenen Körper wächst. Sie mag als Metapher für die beiden Männer und vielleicht auch das ganze System dienen, in dem dem Einzelnen die Entfaltung nach außen versagt ist und nur in der Flucht nach innen die Möglichkeit besteht, sich selbst treu zu bleiben. Zwischen Molina und Valentin entsteht Vertrauen und entwickelt sich gegenseitiger Respekt und mehr. Er solle ihn nicht an der Schulter berühren, wehrt Molina Valentin ab: „Because I’ve fallen in love with you.”
Diese emotionale Nähe wird auch zur körperlichen. Ein In-die-Arme-Nehmen ist das, ein Zögern zuerst, dann ein Seufzen, ein Streicheln des Gesichts des anderen und seiner Narben. „Do what you want with me”, bricht es aus Molina, „because that’s what I want. If it doesn’t disgust you.” Doch Molinas Fürsorge und die Angst in der Kälte der Zelle haben Valentin längst zu seinem Freund gemacht. Er bläst die Kerze aus, bevor er zu ihm aufs Bett sinkt, und lang noch glimmt der Docht nach und wir vernehmen Worte von zwei Menschen, die einander ganz nah sind.
Sigmund Freud schreibt in seinem literarischen Essay Das Motiv der Kästchenwahl (1913) um die Auseinandersetzung mit dem Tod und in diesem Zusammenhang vom Wissen um die Todesgöttin, die Shakespeares Lear, dem alten Mann am Ende seines Lebens, wie die Verkörperung des Begehrenswerten, wie eine Liebesgöttin erscheint. Sie wird ihn zuletzt in die Arme nehmen, sie ist, wie es Thomas Kramar formuliert, wohl auch in Leonard Cohens Song „The Darkness” gemeint, wenn eine geheimnisvolle Frau einen Becher reicht und gebietet, daraus die Dunkelheit zu trinken. „I got no future, I know my days are few”, heißt es in Cohens Text parallel zu Freuds Konklusion: „Ewige Weisheit im Gewande des uralten Mythos rät dem alten Manne, der Liebe zu entsagen, den Tod zu wählen, sich mit der Notwendigkeit des Sterbens zu befreunden.”
Molina und Valentin sind zwar noch keine alten Männer, doch die Umstände lassen auch sie auf das Ende ihres Lebens zusteuern. Dabei breitet die Todesgöttin, hier in der Form der Spinnenfrau, ihre Arme für sie aus. „Sooner or later you’re certain to meet/In the bedroom, the parlor or even the street/There’s no place on earth/You’re likely to miss/Her kiss“, heißt es in der großen dramatischen Szene in der Musicalversion des Stoffes von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte) aus dem Jahr 1992. Darin wird die Zwecklosigkeit jeden Fluchtversuches deutlich: „You can run/You can scream/You can hide/But you cannot escape.“ Valentin küsst Molina auf den Mund, als dieser aus dem Gefängnis entlassen wird, da ist in ihm etwas vorgegangen, das er sich vor seiner Einlieferung wohl nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Es ist ein Kuss des endgültigen Abschieds. Molina wird von der Geheimpolizei beschattet und bei seinem Versuch, mit Valentins Mitverschwörern Kontakt aufzunehmen, von diesen als vermeintlicher Verräter niedergeschossen. Blutend sinkt er inmitten eines offenen Platzes auf die Knie, da zerrt ihn ein Polizist in einen Wagen. Er würde ihn nur dann ins Krankenhaus bringen, wenn er ihm die Telefonnummer der Revolutionäre verrät, versucht er ihn zu erpressen. Doch Molina gibt sich dem Unvermeidlichen hin, er schließt die Augen, sein Kopf sinkt zur Seite.
Auch Valentin nimmt den Schierlingsbecher der Todesgöttin dankbar an, hier in Form von Morphium, das ihm ein mitfühlender Arzt nach der Folter verabreicht, die seinen Körper furchtbar gezeichnet hat. In dem Traum, der nun auch für Valentin den Übergang zum Tode bedeutet, kommt Marta, seine Geliebte, zu ihm ans Krankenbett und führt ihn aus dem Gefängnis. „What about Molina?“, fragt Valentin. „Only he knows if he dies happy or sad“, ist die Antwort. Dass Molinas Leichnam von den Polizisten auf einer Müllhalde abgeladen wird, spielt in dieser Fantasie keine Rolle mehr. Denn schon befindet sich Valentin auf einer nächtlichen Insel und geht mit Marta, seiner Göttin, Hand in Hand über den Strand, und Valentin sagt ihr, wie sehr er sie liebe: „That’s one thing I never said to you because I was afraid of losing you.“ – „That can never happen now“, versichert sie ihm. „This dream is short but this dream is happy.“ Und es ist Tag und sie fahren in einem Boot über das blaue Meer einem blauen Himmel entgegen, der Unendlichkeit, wie sie sich auch der begnadetste Filmerzähler nicht besser hätte ausdenken können.