Nachtschattengewächse

Mandragora (1997)
Gottes Werk und Teufels Beitrag (1999)



„Wenn Dickens und Hardy eines gemeinsam haben, dann den fatalistischen Glauben, dass gutherzige und rechtschaffene Menschen, besonders wenn sie noch jung und unschuldig sind, in dieser bedrohlichen Welt am meisten zu befürchten haben.“ Diese Betrachtung des amerikanischen Autors John Irving, niedergeschrieben in seinem Roman In einer Person (2012) und umgelegt auf das Setting des Prager Hauptbahnhofes nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, stößt uns direkt hinein in die traurige Geschichte der hilflosen Versuche eines Burschen, im Leben Fuß zu fassen, und seines tragischen Scheiterns. Die Parameter der Jugend und der Unschuld treffen zwar zu, doch die Initiationsprozesse, die in Wiktor Grodeckis Film Mandragora ablaufen, vergönnen dem fünfzehnjährigen Marek keine Möglichkeit der Katharsis, der Heilung, die der viktorianische Schriftsteller und auch Irving selbst trotz all der irritierenden Umstände für ihre Helden am Ende bereit halten.
Nach einem Streit mit seinem Vater reißt Marek, der moderne Oliver Twist, den Miroslav Čáslavka mit jener Authentizität verkörpert, die den ganzen Film kennzeichnet, von zu Hause aus. Kaum in der Hauptstadt angekommen, wird ein Zuhälter auf den hübschen Jungen aufmerksam und Marek, der sich anfangs noch wehrt, mit einem Schlafmittel für den ersten Job gefügig gemacht. Szenen mit diversen Freiern und immer häufigerem Drogenkonsum sind die Stationen auf Mareks Talfahrt in den Untergang. Einen Schimmer an Hoffnung stellt für ihn David dar, die aufkeimende Liebe zu ihm führt zu ungeschütztem Sex bei einem Pornodreh. Das Vertrauen, auf das sich Marek ob seiner Gefühle eingelassen hat, wird sich alsbald bitter rächen: Als David für einen Diebstahl bei einem Freier festgenommen wird, stellt sich heraus, dass er HIV-positiv ist. 
Der Titel des Films bezieht sich auf Alraune, Nachtschattengewächse, in der Kulturgeschichte oftmals als Heil- und Zauberpflanzen gesehen. Ihre Früchte, saftige Beeren, strömen bei Reife einen angenehmen Geruch aus, der jedoch mit der Zeit schwer und unangenehm wird. Marek genießt zuweilen seine Rolle als Prinz der Nacht, der bei der Kontaktaufnahme mit Freiern sein gutes Aussehen und seinen Charme gewinnbringend einzusetzen versteht. Doch dann geraten die wechselnden Bezugspersonen seiner Streifzüge mehr und mehr zu Fratzengesichtern, die ihm Stück für Stück seiner Identität und seiner Selbstachtung rauben.
Inzwischen reist Mareks Vater nach Prag und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn. Das Ende des Films scheint ihre Lebensfäden, die sosehr auseinandergelaufen sind, wieder zusammen zu führen, in einer Szene von großer Direktheit und herzzerreißender Intensität. Sie befinden sich beide in der Bahnhofstoilette, ohne voneinander zu wissen und ohne sich zu finden. Marek kauert in einer Kabine am schmutzigen Boden und zitternd, hektisch, wie in Panik, setzt er sich einen Schuss. Im Wahn sieht er Würmer auf seinem Arm kriechen und fügt sich mit dem Messer tiefe Wunden zu. Ihn trennt nur eine dünne Wand von seinem Vater, der sich rauchend sogar für einen Moment dagegenlehnt, und doch ist die Grenze zwischen ihnen, zwischen den beiden so unterschiedlichen Welten, in denen sie leben, unüberbrückbar. Der Vater tritt die Heimreise an, während sein Sohn in der dreckigen Kabine in seinem Blut liegt. Als der Zug aus dem Bahnhof fährt, gibt er den Blick auf einen anderen blonden Burschen frei, der gerade eingetroffen ist.
Die Voraussetzungen sind ähnlich, doch Lasse Hallströms Gottes Werk & Teufels Beitrag, wie der deutsche Titel seiner Version von John Irvings The Cider House Rules lautet, verläuft in milderen Bahnen, was nicht zuletzt mit zwei Oscars belohnt wurde (für Irvings im Vergleich zur Romanvorlage entschlackte Drehbuchadaption und Michael Caines herrliche Darstellung). Die Initiationsgeschichte des Waisenknaben Homer Wells (Toby Maguire) und seine enge Beziehung zu seinem Ersatzvater Dr. Larch (Caine) ist stimmungsvolles Sentiment, das durchaus zu rühren weiß. Dr. Larch entbindet Frauen, die ungewollt schwanger wurden, nimmt zu einer Zeit, als dies noch illegal ist, aber auch Abtreibungen vor, um die Schwangeren vor dem Handwerk von Kurpfuschern zu schützen. Vor dem Einschlafen liest Dr. Larch den Waisen aus Dickens’ David Copperfiel vor, mit den Worten „Good nicht, you Princes of Maine, you Kings of New England“ schließt er die Tür, da bleibt kein Zuschauerauge trocken. 
Dieses Ritual wird eines Tages auch Homer übernehmen, wenn er nach dem Tod des Arztes dessen Platz einnimmt. „Thus I began my new life in a new name and with everything new about me”, liest Homer. „I felt like one in a dream.” Wie sich Dr. Larch um Homer kümmerte, wie er ihm ein Herzleiden attestierte, nur um ihn vor dem Krieg zu bewahren, so ist nun Homer für die Waisen da, denen die Welt offensteht, weil es jemanden gibt, der sie liebt und dem sie wichtig sind. Hingegen ist es Marek, dessen Lebensumstände ungleich grausamer gezeichnet sind als Dickens’ London und Irvings New Hampshire, nicht vergönnt, dass ihn sein Vater findet, er verblutet einsam in der Bahnhofstoilette. Die Sehnsucht, zu den Prinzen und Königen zu gehören, wurde zu seinem Alptraum.