Mein                    Lesetagegebuch 2025

Hier stelle ich meine Gedanken, Überlegungen und Meinung zu den im heurigen Jahr gelesenen Büchern vor, wobei die breit gefächerte Palette von Romanen und Sammlungen von Kurzgeschichten bis zu Sachbüchern reicht.

Ich habe im Jahr 2025 insgesamt 41 Bücher gelesen. Meine Favoriten darunter:

Gerbrand Bakker: Oben ist es still
Sebastian Barry: Tausend Monde
Seán Hewitt: Öffnet sich der Himmel
Thomas Korsgaard: Stadt
Ahepka Yves Moise N'Guessan: Die Frauen seines Lebens

Die Auslese an Top-Büchern war im Vorjahr größer, wenngleich Hewitts Öffnet sich der Himmel wohl für immer einen Platz in meiner persönlichen Bestenliste gefunden hat.
Als größte Enttäuschung erwies sich der neue John Irving Königin Esther.

Die Reihe 100 Filme der ... im Taschen Verlag stellt in großformatigen, reichbebilderten Prachtbänden die subjektiv wichtigsten Kinofilme einer Dekade von den 1990ern bis zu den 2010erjahren vor. Nun wurden diesen Bänden zwei neue nachgereicht, die so neu aber nicht sind. Es handelt sich um die Bücher über die Sechziger und Siebziger, hochinteressante Filmjahre, die in zahlreichen Fotos und prägnanten Texten vorgestellt werden. Die beiden Bände sind aber keine deutschen Übersetzungen im Großformat, sondern die kleineren englischen Originale in Neuauflage, deshalb auch 100 Movies of the 1960s and 100 Movies of the 1970s betitelt. Was dem Schmökervergnügen aber kaum Abbruch tut.

Grundsätzlich lieb ich Kurzgeschichten und Erzählungen, doch mit dem von der Kritik vielerortens hochgepriesenem Band Stories der US-amerikanischen Autorin Joy Williams konnte ich nicht viel anfangen. Der Stil ist knapp und präzise, da gibt es nichts zu meckern, ich hatte aber gröbere Probleme, mit ihren Charakteren zurechtzukommen, zwischen ihnen und mir fand ich beim besten Willen kaum gemeinsame Nenner. "Fast schon obszöne Grandezza" pries die Süddeutsche Zeitung dieser "teuflischen Kurzgeschichten" (Welt am Sonntag) - ich denke, diese Rezensenten haben ein anderes Buch gelesen.

In jede Hosentasche passt das Büchlein Die 100 besten Filme aller Zeiten von Frank Schnelle und Andreas Thiemann. Jeweils eine Seite pro Streifen, darauf ein Minifoto und eine kurze Beschreibung. Diese Texte sind wirklich gut geschrieben und bringen die Filme perfekt auf den Punkt und meist sogar eine eindrucksvollste Szene unter. Von der Auswahl her haben es sich die Autoren und der Verlag aber sehr leicht gemacht; es werden jene Filme gereiht und präsentiert, die in sämtlichen Listen älterer und neuerer Umfragen aufscheinen, deshalb gibt es kaum Blicke über den Rand von US-Produktionen, keine Überraschungen und kein Salz in der Best-of-Suppe. Citizen Kane auf Platz eins und 2001 auf dem dritten Rang - langweilig!

Wenn vom betagten Lieblingsautor unerwarteterweise ein neues Buch agekündigt wird,
schlägt das Herz des Fans natürlich höher. So geschehen in meinem Fall bei John Irvings Roman Königin Esther, der jüngst gleichzeitig in der Originalfassung und der deutschen Übersetzung herausgekommen ist. Umso größer die Enttäuschung, wenn man bei der Lektüre hauptsächlich Langeweile empfindet. In weiten Sprüngen bewegt sich die Handlung rund um die Familie Winslow zwischen den Jahrzehnten und  hetzt Irving zwischen den Schauplätzen Neuengland, Wien und Jerusalem umher, sodass er dabei seine Figuren fast aus dem Blick verliert. Zudem gibt es langwierige Einschübe über das Werk von Charles Dickens und die Geschichte des Judentums, die wie KI-Zusamenfassungen wirken. Dass sich der eigentliche Plot um den Ringer und Schriftsteller Jimmy dreht, der sich der Einberufung in den Vietnamkrieg durch die Zeugung eines Kindes mit einem lesbischen Paar dreht, wird nur in den Wiener Szenen schlagend - insgesamt kommt uns kein Charakter so nahe, dass sein/ihr Schicksal uns wirklich nahegehen würde. Wenn Jimmy in der finalen Szene endlich mit einer seiner beiden Mütter, der im Titel genannte Esther, zusammentrifft, geschieht dies wie nebenbei in einer schlampigen Nacherzählung. Ein wirrer, langweiliger und oberflächlich wirkender Nachhall auf Irvings typisches Arsenal aus Figuren, Schauplätzen und Topoi, vermischt mit ein wenig schlechtem Altherrenhumor. Insgesamt natürlich immer noch besser, als so vieles andere, das publiziert wird, ist Königin Esther der großen Erzählkunst eines John Irving aber in keiner Weise würdig.

Ben Shattucks Die Geschichte des Klangs wurde wahrscheinlich nur aufgrund des kommenden Kinofilms mit Josh O'Connor und Paul Mescal ins Deutsche übersetzt. Enthalten sind in dem sehr schmalen Band zwei von mehreren Kurzgeschichten, die der hochgepriesenen und wesentlich umfangreicheren Sammlung The History of Sound entnommen wurden. Wer das große Liebesdrama erwartet, das uns mit dem Film wohl bevorsteht, wird mit den vorliegenden Erzählungen nicht so recht zufrieden sein. Zu kurz, zu skizzenhaft sind die Texte; trotzdem dringt der Autor auf diesen wenigen Seiten in die Seele seiner Figuren vor. Lionel und David lernen sich im Schatten des Ersten Weltkriegs als Musiksstudenten kennen und ziehen einen wunderbaren Sommer lang zusammen durch Neuengland, um Volkslieder zu sammeln, die sie auf Wachszylinder aufnehmen. Ihre geheime Liebe hat aber keine Zukunft; was folgt, sind die Trennung und die lebenslange Trauer nach etwas, das dauern hätte können. Der alte Lionel erinnert sich: "Aber diese Walze erinnerte mich an das, was ich verpasst hatte: ein Leben, von dem ich nichts wusste, von dem David aber ein Teil war. Das richtige Leben." In Sprache, die sich oft wie in Notizen hingeworfen anfühlt, dann aber immer wieder von hochpoetischen Momenten durchdrungen ist, weckt Ben Shattucks Arbeit Neugier auf das erzählerische Fleisch, das in der Filmadaption (er selbst verfasste auch das Drehbuch) dem Skelett dieser Short stories wahrscheinlich hinzugefügt werden wird.

Der große britische Autor Ian McEwan teilt die hochkomplexe Geschichte seines neuen Romans Was wir wissen können in zwei Teile. Der erste spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, im Jahr 2119, die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft; der Wert der Freiheit ist etwas, worüber man nur noch in Büchern über die Vergangenheit lesen kann, und auch der Reichtum, wie wir ihn erleben dürfen, existiert nicht mehr. In diesem Umfeld forscht der Literaturwissenschaftler Tom über einen legendären Zyklus von Sonetten, dessen einzige Niederschrift verschollen ist. Etwa hundert Jahre zuvor wurde er von einem Dichter namens Francis Blundy für seine Frau Vivien verfasst - aus ihrer Sicht spielt sich dann auch der zweite Teil von McEwans Roman ab. Gemeinsam mit Tom reisen wir auf beschwerliche Weise durch den Archipel, der einst Großbritannien war, auf der Suche nach Vivians Wohnhaus, zusammen mit ihr erleben wir das Demenzleiden ihres Mannes und die geheime Liebesgeschichte zu Francis. Und kommen mit diesen beiden Protagonisten einem Mordfall auf die Spur. Literarisch ist McEwan über alle Zweifel erhaben. Die Tiefe der Charakterisierung seiner Figuren lotet ihre Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Gewissensbisse aus, seine Prosa ist voller Genauigkeit und nur auf den ersten Blick kühl und sachlich; denn dahinter verbirgt sich jene Leidenschaft, die uns in den Erzählstrudel seines neuen Werks reißt und bis zum spannenden Schluss nicht mehr loslässt.

Zwei Jahre vor seinem berührenden Bestseller Die Überlebenden (2018) veröffentlichte der schwedische Autor Alex Schulmann den Roman Verbrenn all meine Briefe. Protagonist ist Alex, verheiratet und dreifacher Vater, der sich selbst nicht mehr versteht: Immer wieder gerät er in überschäumende Wut, die er, ohne es zu wollen, an seiner Familie auslässt, er spürt, dass diese Angst vor ihm hat. So begibt er sich auf die Suche nach einer möglichen Ursache und findet diese in der Geschichte seiner Großeltern. Als Kind verbrachte er viel Zeit mit seinem Großvater Sven, einem despotischen Literaturstar, und seiner immer stillen Großmutter Karin, einer Frau ohne eigene Stimme. Alex stößt auf Briefe aus dem Sommer 1932, auf einen damals aufstrebenden jungen Schriftsteller namens Olaf und auf eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, die an den damaligen Umständen und den Grenzen, in denen sich Karin und Olaf gefangen sehen, zum Scheitern verdammt ist. Gemeinsam mit Alex unternehmen wir eine Recherche in die Vergangenheit einer Familie, in der immer nur Unfriede geherrscht hat, und entdecken schließlich die (nicht sehr überraschende) Basis dafür. Besonders in den Rückblenden bezaubert diese unglückliche Liebe mit ihren vorsichtigen Antastungsversuchen, das Ende gerät mir dann aber doch zu kitschig. Dennoch ist Schulmann ein Text gelungen, der bei der Stange hält, und dessen Charakteren man gern nahekommt.

Seit ihrem brillanten Roman Fortescues Fabrik (1998) und der daraus entnommenen grandiosen Novelle Missouri (2006) bin ich hellhörig, was neue Arbeiten der deutschen Autorin Christine Wunnicke betrifft. Nicht selten haben mich diese dann aber nicht so richtig überzeugt, was auch bei ihrem neuesten Roman Wachs der Fall ist. Im Paris des 18. Jahrhunderts angesiedelt, erzählt es von zwei Frauen, Marie, die schon von Jugend an Leichen seziert, um deren Innenleben in Wachs zu modellieren, und Madeleine, die zeichnend der Anatomie von Blumen nachspürt. Der bewusst antiquiert wirkende Stil skizziert die zwei Proganistinnen, ohne sie jemals erreichen zu können. Ihre auf dem Cover behauptete Liebe vermochte ich nie zu spüren, die ganze Angelegenheit spielt sich distanziert und wie außen vor ab. Was bleibt, ist ein Entwurf, das Fleisch und Blut der Erzählung hat sich mir aber nicht erschlossen.

Auch bei der Lektüre des neuesten Romans der mittlerweile neunzigjährigen Krimiautorin Ingrid Noll, betitelt Nachteule, stellt sich gleich von Beginn an dieses heimelig-kuschelige Gefühl ein, das ihren Büchern so eigen ist. Protagonistin ist diesmal das fünfzehnjährige Adoptivkind Luisa, das weder redet wie ein heutiger Teenager, noch sich so benimmt, die aber die Gabe besitzt, im Dunkeln zu sehen. Wir schließen sie als ich-Erzählerin sofort ins Herz und sie den Obdachlosen Tim - auch wenn sie und wir bald erahnen, dass er einigen Dreck am Stecken hat. Wie das bei Noll'schen Büchern eben so ist, passieren die kriminellen Taten, von Einbruch bis Mord und Brandstiftung, wie nebenbei; wichtiger für Luisa ist da schon ein Kuss, der ihr sozusagen den Boden unter den Füßen wegzieht. Und dass ihr Adoptivvater bald wieder Vater werden wird. Und ... Aber egal, wie sich die leichte Lektüre entwickelt, Omi Ingrids Märchenstunde hat uns längst wohlig eingelullt.

Eine (melo)dramatische Familienzusammenführung in einem vom Seine-Jahrhunderthochwasser bedrohten Paris, das klingt nach einer TV-Soap im Romanformat. Tatiana de Rosnay führt in Fünf Tag in Paris ihre Figuren zum Hochzeitstag der Eltern und dem runden Geburtstag des Vaters in einem Luxushotel zusammen. Seit Tagen schüttet es sintflugartig, ähnlich aufgewühlt wie das Wetter sind die Gefühle der Mutter, des weltbekannten Fotografen-Sohnes Linden und der aufbrausenden Möchtegernkünstlerin-Tochter. Papa Paul ist ein berühmter Baumexperte, in einem Lindenstamm auf dem südfranzösischen Anwesen wartet eine geheimnsvolle Dose, die ein Geheimnis aus der Vergangenheit enthüllt. Diese zu bergen, macht sich Linden auf, nachdem der Papa beim Festessen zusammenbricht und im Sterben liegt. Lange Vorlaufzeiten und dann ein ziemlich abruptes Ende, dazwischen spannende Beschreibungen über Paris im Hochwasser und schwülstige über Lindens Gefühlsleben, der sich dem Vater im Krankenhausbett gegenüber erstmals outet: "... starrt er hinaus in den Regen, der wie Tränen über die Fensterscheibe rinnt."

"Ich setze dieses Buch aus Fragmenten zusammen, weil ich nichts anderes zur Verfügung habe. Vielleicht sollte ich Scherben sagen [...] Oder Fundstücke. Zerbrochene Dinge jedenfalls." Auf diese von ihm selbst formulierte Weise setzt sich der italienische Autor Matteo B. Bianchi in dem Buch Von dem, der bleibt mit der Thematik des Suizid auseinander, und zwar aus der Sicht der, wie er es nennt, Überlebenden. "Wenn du wiederkommst, bin ich schon nicht mehr da." Der letzte Satz des Freundes am Telefon wird anders verstanden als gemeint, nämlich als Folge eines Streit. Doch was passiert mit denen, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen zurückbleiben? Diese peinigende Frage verfolgt Bianchi in seinem sehr persönlichen Text über Jahre hinweg, vom ersten überbordenden Schmerz bis zu einer Art Arrangement mit sich selbst, das Ereignis, das immer Teil der eigenen Biografie sein wird, in diese so zu integrieren, dass ein Weiterleben möglich erscheint. Erstaunlich nüchtern und mit großer Ersthaftigkeit und Ehrlichkeit beobachtet Bianchi sich selbst und lässt uns an seinem verzweifelten Überlebenskampf teilhaben.

How to Hitchcock nennt der Synchronbuchautor Jens Wawrczeck, der schib in seiner Jugend in den Hörbuchfassungen der Drei Fragezeichen einen der Juniordetektive sprach, seinen ganz persönlichen Streifzug durch sein "Hitchcock-Universum". In Kapiteln über Mütter, Ehen und Schurkinnen und Schurken in den Meisterwerken des Master of Suspense werden die einzelnen Filme vorgestellt, die Leidenschaft, die der Autor zeitlebens dafür empfindet, wird in jeder einzelnen Zeile spürbar. Dass Wawrczeck einen meiner Favoriten, das Kammerspiel Cocktail für eine Leiche aus dem Jahr 1948, eher nebenbei und wahrlich nicht gebührend behandelt, sei ihm angesichts der Fülle an Analyse und Hintergrundinfos zu anderen Arbeiten des Regiegenies verziehen.

Zu seinem 80. Geburtstag hält der österreichische Journalist Hans Rauscher in seinem Band Worüber sich zu schreiben lohnt Rückschau in ein langes Berufsleben. Der leicht lesbar geschriebene Streifzug durch die Zeit der Zweiten Republik birgt für politisch interessierte Zeitgenossen nicht unbedingt neue Erkenntnisse, doch so mancher Blick hinter die Kulissen und die Fassade so mancher politischer Akteure bringt vielleicht den einen oder anderen Funken größerer Klarheit bei der Beurteilung selbst miterlebter Ereignisse. Nachdenklich machen Rauschers Kommentare zur Gefährdung von Rechtstaatlichkeit und Demokratie - womit sich der Kreis zum Titel des Buches schließt.

Der Kurzroman The Boy and the Sea der britischen Schriftstellerin Kirsty Gunn konzentriert sich auf einen einzigen Tag. Bereits 2006 erschienen, verfolgt die Coming-of-Age-Geschichte den extrem introvertierten Teenager Ward, dessen ganzes Denken sich selbst an einem wunderbaren Sommertag in den Dünen am Strand und der Aussicht auf eine Party ohne Eltern nur um eines dreht: abseits von der Hektik und dem Lärm der anderen Burschen und Mädchen die Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Surfbrett weit draußen auf dem Meer zu genießen. Das Wasser wird in dem hochstehend geschriebenen und ungemein intensiven Text fast wie ein eigener Charakter gezeichnet, seine Berührungen wie die eines Menschen, der Ward ganz nah ist. Immer wieder taucht sein Vater in seinen Erinnerungen auf, der ihn einst das Surfen lehrte und dem scheuen, extrem unsicheren Sohn immer noch als übergroßes Vorbild dient. Und genau diesen Vater vermeint er auf einmal ganz weit draußen im Meer, inmitten von gewaltigen Wellen auszumachen ...  Beschrieben als "a tale of danger and sexuality, of mothers and sons and the fathers who rule them, and of the sea", hat mich der Text in der ihm eigenen, auf ihre Essenz reduzierten Sprache seinen Sog gezogen wie Ward die Strudel im Meer, wo er sich beweisen wird als starker junger Mann, der herausgewachsen ist aus der Rolle, die er sich selbst bislang nur eingeräumt hat.

In meiner Suche nach einem schönen Historienschmöker bin ich in eine Vermarktungsfalle getappt. Florientia - Im Bann der Medici ist ein Roman mit ansprechendem Cover betitelt, als Autor ein gewisser Noah Martin genannt. Sollte der Vorname des Pseudonyms an den "Vater" des tollen Medicus, einen echten Könner des Genres, weisen? Keine Ahnung, doch dahinter verbirgt sich eine an der Renaissance interessierte Verlagslektorin mit unbändigem schriftstellerischem Drang. Diesem hätte sie besser nicht nachgegeben: Schuster bleib bei deinem Leisten. Die politischen und liebesbedingten Wirren im Florenz der Medici Mitte des 15. Jahrhunderts werden auf sprachlich einfachste Weise und in langen, oft geschwollenen Dialogpassagen aufgerollt, keiner der Charaktere, darunter auch der junge Leonardo da Vinci und Boticelli, bekommt auch nur einen Ansatz an Tiefe. Habe die banale Möchtegernchose ab der Hälfte nur noch überflogen, abgehackt und auch schon wieder vergessen.

Ich glaube, mit Fug und Recht sagen zu können, dass mich seit André Acimans Call Me By You Name kein Buch sosehr emotional mitgerissen hat wie Seán Hewitts Roman Öffnet sich der Himmel. Die in den Verlauf der vier Jahreszeiten gegliederte Handlung spielt in einer verschlafenen Kleinstadt im Norden Englands des Jahres 2002, Protagonist ist der sechszehnjährige James, der sich gleich mit mehreren Schwierigkeiten konfrontiert sieht: den wirtschaftlichen Problemen seiner Eltern, der schweren Krankheit seines kleinen Bruders und der Rolle des Außenseiters nach seinem unfreiwilligen Coming-out. Nichts wie weg aus diesem Kaff, ist sein sehnlichster Wunsch, doch da tritt Luke, der ihm zwar Freund sein will, aber nicht mehr sein kann, in sein Leben. James' Sehnsucht nach menschlicher und körperlicher Nähe, das Brennen seiner unerfüllten Liebe und eines Begehrens, das nicht erwidert wird, die Last der drückenden Verantwortung, die seine Eltern ihm aufbürden, beschreibt der Autor in hoher literarischer Qualität als einen Sog, der mich schon gleich zu Beginn gepackt und dann bis zum Schluss nicht mehr losgelassen hat. Eine Elegie auf Freundschaft und Liebe, voll Zartheit und Zärtlichkeit, berührend, herzzerreißend, grandios ehrlich und wahrhaftig - James ist ein literarischer Held, dessen Coming-of-Age mich mitfiebern und -leiden ließ wie kaum ein zweites und den ich wohl nicht mehr vergessen werde.

Wie zahlreiche Bücher aus dem Albino-Verlag verwöhnt uns auch Ein Tor zum Meer mit einem besonders schön gestalteten Cover. Der syrische Autor Khaled Alesmael bleibt darin dem Thema seines Romans Selamlik treu, nutzt diesmal aber die Form von Briefen, Interviews und auf dem Handy hinterlassenen Nachrichten, um über die Schicksale schwuler arabischer Männer in politischen Systemen und familiärem Umfeld, in dem für sie und ihre Art zu leben und zu lieben kein Platz zu sein scheint, in zuweilen eindringlicher Weise zu berichten. Verfolgung, Gewalt und eine Existenz im Geheimen , aber auch die Hoffnung der Flucht, von Neuanfang und Selbstermächtigung: "Freiwillig stürze ich mich in die Dunkelheit meiner Geschichte und schreibe dir, in der Hoffnung, mich an einer geeigneten Zeile festklammern zu können und mich so vor dem Fall zu bewahren."

Ich dachte, ein netter viktorianischer Krimi zwischendurch kann nicht schaden, auch die Tendenz zum Phantastischen hätte mich nicht gestört. Eine rätselhafte Uhr, ein Bombenanschlag auf Scotland Yard, zudem Szenen die in Japan spielen, klang gut. Doch Der Uhrmacher in der Filigree Street der britischen Autorin Natasha Pulley entpuppt sich bald als echter Langeweiler. Ohne Charme und Sinn für Atmosphäre und Zeitkolorit, ohne frische Ideen und überraschende Einfälle gelingt es ihr, fast 450 engbedruckte Seiten zu füllen, ohne auch nur die geringste Anteilnahme an ihren Figuren und Interesse für den Fortgang der Handlung zu erwecken. Ich habe das Buch nach der Hälfte zur Seite gelegt.

Dass der niederländische Autor Gerbrand Bakker, dessen Roman Oben ist es still ich als meine bislang ergreifendste Lektüre dieses Jahres bezeichnen möchte, immer wieder mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte und hat, wissen wir spätestens seit seinem autobiografisch-fiktionalen Buch Jasper und sein Knecht. Der Band Knecht, allein aus dem Jahr 2020 schlägt in eine ähnliche Kerbe. Bakker führt darin eine Art Depressionstagebuch und erkundet etwa auch, was der Libidoverlust aufgrund der Medikation mit ihm macht. Die peniblen Aufzeichnungen über seelische Hochs und Tiefs, die ständige inhärente Angst vor einem neuerlichen Schub, die Besuche bei Therapeut:innen, die Wirksamkeit verschiedener Medikamente und seinen Freundeskreis dazwischen werden mit der Zeit etwas redundant. Doch immer wieder gelingen Bakker intensive, gnadenlos ehrliche und zum Teil schockierende Passagen von Wahrheiten, die besonders Betroffene in ihren Bann zu ziehen vermögen.

Der Untertitel von Die Erfindung des Abenteuers des deutschen Filmwissenschaftlers Thomas Koebner lautet: Notizen zu Romanen und Filmen; genau darum geht es in den kurzen Texten auch. Koebner begibt sich auf die Spur des Motivs des Abenteuers und des Protagonisten des Abenteurers in Literatur und deren Adaptionen für das Kino. Gut lesbar, informativ und prägnant, bilden sie bei der Lektüre sozusagen eine Art ruhige Mitte in der Dramatik ihrer erzählenden Grundlagen.

Als großes Alterswerk wurde Die Nöte des wahren Polizisten, der letzte Roman des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano aus dem Jahr 2011, apostrophiert, in Wahrheit handelt es sich dabei, wie im Vorwort beschrieben, eher um ein Buchprojekt, das Anfang der Achtziger begann und bis zu Bolanos Tod 2003 verfolgt wurde. Die Form eines Romans nimmt darin nur die Geschichte des Literaturprofessors Oscar Amalfitano ein, der nach einem Skandal an der Uni von Barcelona zusammen mit seiner Tochter in ein nordmexikanisches Kaff flüchtet. Das liest sich auch interessant. Die Teile, die sich mit weiteren Figuren wie dem aidskranken Autor Padilla beschäftigen, wirken jedoch wie ausformulierte Notizen, dazu kommen Zusammenfassungen von anderen literarischen Werken und Briefe; was fehlt ist der kohärente Zusammenhang zwischen all dem, denn der auf dem Buchrücken gepriesene "abgründige Witz" hat sich mir auch nicht offenbart. Seine Studierenden lehrt Amafitano, dass "ein Buch ein Labyrinth und eine Wüste" sei. Was exakt meinen Eindruck bei dieser Lektüre beschreibt.

Zwei Männer, zwischen ihnen die Koventionen der Zeit und der Krieg. Der finnisch-kosovarische Autor Pajtim Statovci siedelt seinen unglücklichen Liebesroman Bolla im Pristina des Jahres 1995 an, dort begegnen einander der Albaner Arsim, verheiratet und Vater eines Kindes, und der serbische Medizinstudent Milos und erleben wenige Wochen einer Liebe, der keine Zukunft vergönnt ist. Der Krieg reißt sie auseinander, in Form von Milos' Tagebucheinträgen erfahren wir von erlebter Grausamkeit und ungeheuerlichen Gräueln, wohingegen Arsim in der Migration bei seinen Versuchen scheitet, ein neues Leben für sich und seine Familie aufzubauen. Kein Happy End findet sich am Schluss: Selbst als die beiden wieder zusammen sind, finden sie nicht mehr zueinander - allzu sehr sind sie Versehrte der Zeitumstände und der Gewalt, die all der Hass und die Gewalt ihnen angetan haben. In klarer Sprache steuert Statovic von der anfänglichen Euphorie, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem man fast eins zu sein scheint, auf diese Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit zu; was eine zutiefst berührende Geschichte ergibt.

Eines Tages Reise in eine lange Nacht und darüber hinaus, so könnte man Michael Sollorz' schmalen Roman Abel und Joe beschreiben. Erstmals 1994 erschienen, wurde das Buch nun wieder aufgelegt, im Albino-Verlag wie üblich sehr schön gestaltet. Abel, ein Mann um die dreißig, ist auf der Suche nach seinem Partner Joe, denn dieser ist nicht nach Hause gekommen und unauffindbar. Abel lässt sich durch Berlin von einem Ort, einer Bar, einer Sauna, einem Park und gemeinsamen Freunden zu anderen treiben, an denen sich Joe aufhalten könnte. Dabei steigen Bilder aus seinem Leben hoch, das sich die längste Zeit im "Gefängnis" des Ostens abspielte, darin Erinnerungen an seine Jugend, sexuellen Abenteuern und einer großen unglücklichen Liebe. Über gut zwei Drittel weiß der Text zu fesseln, die Charaktere sind glaubwürdig gezeichnet, die Sprache ist klar und redet nicht um den heißen Brei herum, das liest sich echt spannend. Doch mit Abels zunehmendem Alkoholkonsum verwischen die Grenzen zwischen der Realität und seinen Wunschvorstellungen und Verlassensängsten. Je mehr Letzteres Überhand in der Erzählung nimmt, desto mehr entzog sie sich mir - bevor mich das Ende dann doch wieder sehr berührt hat.

"Ein herausragendes amerikanisches Debut, das auf herzergreifende Weise von Liebe, Verlust und Migration erzählt." So vollmundig gibt sich der Klappentextr des Klett-Cotta-Verlags für den Roman Cinema Love des Autors mit chinesischen Wurzeln Jiaming Tang. Und tatsächlich trifft solche Lobpreisung auf den ersten und dritten Teil des Buches zu. Anfangs wird von zwei Männern, Old Second und Shun-Er, erzählt, die ihre Liebe zueinander in einer Umgebung, die einer solchen mit Feindseligkeit gegenübersteht, geheim leben. Schauplatz ist ein herabgekommenes Kino, ein Zufluchtsort für alle, die in der Außenwelt mit gemeinster Homophbie zu kämpfen haben; Tang inszeniert diese Szenen und auch berührende Rückblicke in die Kindheit der beiden, als Art Märchenwelt, in der Gefühle sein dürfen, was und wie sie sind. Im dritten, dem kürzesten, Teil des Romans, kämpfen zwei Frauen in der Immigration um in der Erinnerung an ihre Vergangenheit, die mit Old Second und Shun-Er zu tun hat, ihre Würde wiederzufinden und zu bewahren. Im mittleren, dem längsten der drei Abschnitte, zerfastert diese wunderbare Erzählung jedoch in zu viele Stränge; Handlung und Figuren sind oft nicht greifbar, Zeit- und Ortssprünge nicht immer klar, zu den persönlichen Problemen der Charaktere kommen Schilderungen der Armut und Ausbeutung in der New Yorker Chinatown, sogar die Covid-Lockdowns werden noch hinzugemischt. Das ist einfach zuviel des Ganzen. Eine Besinnung auf die schwule Liebesgeschichte, die durchaus auch ausführlicher erzählt werden könnte, und die Wege der Ehefrauen, damit ins Reine zu kommen, hätte die Essenz des Romans herauskristallisiert und vielleicht zu dem apostrophierten Meisterwerk gemacht.

Ich bin ja, wenn es um Literatur geht, ein Freund der kurzen Form, Romanwälzer sind nur ganz selten mein Fall. Der philippinische Autor Blaise Campo Gacoscos hingegen hätte in seinem Buch Der Junge aus Ilocos, das im Original den ungleich poetischeren Titel Kites in the Night trägt, durchaus ausführlicher sein können. Der Roman setzt sich aus acht Kurzgeschichten zusammen, zwischen denen oft ein Zeitraum von mehreren Jahren liegt; zusammen sind das nicht mehr als 120 Seiten. Geschildert werden Ausschnitte, Blitzlichter sozusagen, aus dem Leben von Victor, seiner Kindheit in der im deutschen Titel genannten Provinz, seine Liebe zum Klavierspiel, seine Freundschaft zu einem anderen Buben, der so ist wie er selbst, später dann seine Arbeit als Gesellschaftsreporter und schließlich als Lehrer in Manila, der nach einer Reihe von gescheiterten Beziehungen zu anderen Männern ein recht einsames Leben führt. Victor scheint immer ein Außenseiter zu sein, wenngleich dies in den Kindheitsepisoden weniger deutlich spürbar ist als in denen aus der Zeit als Erwachsener. Obwohl davon betroffen, laufen die Ereignisse seines eigenen Lebens quasi neben ihm ab, es ist, als könnte er kaum Einfluss auf sie nehmen. Und genau über Victors Emotionen sowie über Geschehnisse, die in den Kurzgeschichten mal in einem Dialog oder einem Nebensatz anklingen, würde ich sehr gern mehr lesen. Campo Gacoscos Stil ist leise und behutsam, er nimmt uns an der Hand und geleitet uns durch Victors Leben; ich wäre gern noch länger an seiner Seite geblieben.

Schönes Cover mit einem Foto von Ryan McGinley, dickes Buch, allzu sehr in die Länge gezogener Text: Der Kaiser der Freude des in Vietnam geborenen US-amerikanischen Autors Ocean Vuong. In der Tiefe seines Herzens ist und bleibt er ein Lyriker. Seine Themen, von Krieg und Einwanderungserfahrungen über die damit verbundenen Traumata bis zur Queerness, hat er bisher in Gedichten (Zeit ist eine Mutter) und einem gefeierten Roman in Form des Briefes eines Sohnes an die Mutter, die diesen nie lesen wird (Auf Erden sind wir kurz grandios) angesprochen; sie - wohl aus Verkaufsargumenten - in einen Wälzer von 520 Seiten zu packen, ist das Seine aber merklich nicht. Vuong mäandert in endlosen belanglosen Unterhaltungen eines allzu großen Figurenpersonals und allzu redundanter Beschreibung alltäglicher Verrichtungen durch die Geschichte des zwanzigjährigen pillensüchtigen Hai, eines jungen Mannes mit Selbsttötungsgedanken und ohne jedes Ziel im Leben, und kommt dabei leider nur selten auf den Punkt. Diese gelungenen Momente sind im Konkreten verankert, anstatt sich in endlosen Sehnsuchtsvorstellungen zu ergehen, sie haben einerseits mit Hais liebevoller Pflege der an Demenz leidenden Grazina, einer Überlebenden des Zweiten Weltkriegs, zu tun, andererseits mit Erinnerungen an seine verstorbene Jugendliebe Noah. Berührend ist dabei die Solidarität von Underdogs, die allesamt aus dysfunktionalen biologischen Familien stammen und sich im Zusammenhalt untereinander eine Art neuer, Heimat gebender "Familie" schaffen. Dabei entstehen Momente voller Poesie und der Sanftheit von tiefen Gefühlen - hier zeigt sich Vuongs lyrische Ader, das sind zuweilen fast Gedichte in Prosa. Ich würde mir Hais Geschichte gekürzt und auf ihre Essenz reduziert wünschen, auf die tiefen Emotionen, die kein elendslanges Geschwafel brauchen.

Ich halte es für einen bewussten Täuschungsversuch des Diogenes-Verlags an der Leserschaft, dass der Roman Bis die Sonne scheint des deutschen Autors Christian Schünemann als Coming-of-Age angepriesen wird, dieser Aspekt im gesamten Text aber eine verschwindende Rolle spielt. Angesiedelt in den offenbar verkaufsfördernden Achtzigerjahren, geht es nämlich nicht wirklich um den vierzehnjärhigen Daniel, der sich neben seinen Anstrengungen, einen schicken Firmungsanzug zu bekommen, mit den Schulden seiner Eltern und der Pfändung des Hauses herumschlagen muss. In wesentlich umfangreicheren Kapiteln wird die Familiengeschichte bis zu den Großeltern nacherzählt - und ich habe bewusst dieses Vokabel verwendet. Recht emotionslos, fast bürokratisch und fast als fader Sachtext kommen diese langen Passagen daher, Daniel spielt darin keine Rolle. Ich habe Schünemanns Frisör-Krimis als amüsante Zwischendurchlektüre gern gelesen, der rezente Roman aber ist nicht Fisch, noch Fleisch und in seiner trügerischen Aufmachung geradezu ärgerlich.

Anfangs haben mich das Genre des Universitätsromans und der verschrobene Protagonist Don Lamb, seines Zeichens in sich gekehrt lebender konservativer Kunsthistoriker und Erforscher der Himmelsmalerei des venezianischen Malers Tiepolo, sehr interessiert und die dazugehörige umfangreiche Geschichte von Tiepolos Blau des britischen Autors James Cahill auch durchaus bei der Stange gehalten. Mit dem Abdriften Dons in Alkoholismus und die Tiefen seiner lebenslang unterdrückten Begierden aber wird der Text ziemlich redundant; zudem driften die Beschreibungen von erotischen Szenen ins Banal-Peinliche ab. Lange Zeit mäandert der Roman dann vor sich hin, ohne Maß und Ziel zu kennen, was der in den Beziehungen zwischen den Figuren implizierten Spannung gar nicht gut tut. Das Ende kommt schließlich so abrupt und ist so wirr gestaltet, dass mir die Nicht-Auflösung der Hintergründe zum Verhalten der einzelnen Charaktere fast egal war. Zudem ist das Buch nicht gerade lesefreundlich gebunden. 

Eine raue Insel in der Irischen See, Charaktere, die von dort aus ihr Leben beginnen oder wieder dorthin zurückkehren - das war die Ausganglage von John Boynes Tetralogie über die Elemente, die nun mit dem (wie immer) schmalen Band Air ihren Abschluss findet. Ein Vater und Psychologe, Aaron, jugendliches Missbrauchsopfer in einem früheren Teil, und sein pubertierender Sohn Emmet auf einem langen Flug von Sydney über Dublin zu eben dieser Insel. Anlass ist die Beerdigung der Mutter bzw. Großmutter, ein Zusammentreffen mit deren Tochter, Aarons Ex-Frau und der meist abwesenden Mutter von Emmet. Konflikte kommen zur Sprache, Verborgenes ans Tageslicht, viele Fäden aus den vorhegehenden Bänden werden zusammengeführt, das löst Boyne elegant, mitunter aber doch ziemlich konstruiert und allzu pathetisch. Als Einzellektüre nicht sinnvoll, als Abschluss der Reihe zufriedenstellend.

Vor einigen Jahren habe ich für mich den tollen irischen Autor Sebastian Barry mit seiner hinreißenden Simplicissiade im Amerikanischen Bürgerkrieg Tage ohne Ende entdeckt. In dem Roman Tausend Monde, 2020 erschienen, setzt er die Geschichte von John Cole und Thomas McNulty, den beiden Männern, denen es gelingt, sich trotz der widrigen Umstände eine gemeinsame Exisztenz aufzubauen, fort. Doch nicht sie stehen diesmal im Mittelpunkt des dramatischen Geschehens, sondern ihre Adoptivtochter Winona, ein Lakota-Mädchen. Sie erzählt von ihrem kargen Leben auf der Farm im Tennessee des Jahres 1873, von Diskriminierung und Zusammenhalt, ihren liebevollen Vätern und von Jas Jobnski, ihrer ersten Liebe und vielleicht ihrem Vergewaltiger: "Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte." Ihnen kommt Winona mit der Zeit auf die Spur - was sie um ein Haar selbst das Leben kostet. Sebastian Barrys poetische Sprache spiegelt auf wunderbare Weise Winonas Empfindungen, ihre naive und gleichzeitig entschlossene Sicht auf die Welt sowie ihren trotzigen Mut wider, sich nicht unterkriegen zu lassen. Was dadurch entsteht, ist ein Märchen von lyrischer, zu Herzen gehender Schönheit.

Mit seinem neuesten Roman Jenseits aller Zeit legt Sebastian Barry nun einen sehr komplexen Text vor. Tom Kettle, Kriminalbeamter im Ruhestand, wird aus seinem gewollt beschaulichen Leben in einer Wohnung mit Blick aufs Meer gerissen, als Kollegen ihn um die Mithilfe bei einem aktuellen Fall mit Wurzeln in der Vergangenheit bitten. In diese führen uns dann auch immer häufiger Tomas Erinnerungen an seine Frau June, seine Tochter und seinen Sohn - erst mit der Zeit erfahren wir, dass sie nicht mehr am Leben sind. Sie sind noch so real für Tom wie Ereignisse, die sich so gar nicht abspielen können, die er in seinem Geist, der mehr und mehr ins Irreale abzudriften droht, aber intensiv zu erleben glaubt: "Denn nichts war so, wie behauptet wurde. Die Wahrheit eingeschlossen." Alte Wunden, Traumata, werden aufgerissen und wir Lesenden befinden uns dabei ganz nah bei Tom und seinem Bewusstseinsstrom. Wenn Tom schließlich in seiner Imagination nicht nur glaubt, die Verstorbenen sehen zu können, sondern sogar "ihre warmen Finger" zu berühren vermag, sind auch wir zutiefst berührt von diesem Charakter und dem Resumee über sein Leben: "Eine ungezügelte Freude."

Die Cashcow muss natürlich gemolken werden, und so veröffentlichte vor Kurzem die US-amerikanische Bestsellerautorin Suzanne Collins den mittlerweile fünften Band ihrer Dystopie Die Tribute von Panem. Er trägt den umständlichen Zusatztitel L. Der Tag bricht an und konnte mich, der ich die Originaltrilogie geradezu verschlungen habe, überhaupt nicht überzeugen. Die fünfzigsten Hungerspiele stehen an, in ihrem Mittelpunkt der siebzehnjährige Haymitch, der viele Jahre später als Spielemacher die Heldin Katniss Everdeen unterstützen wird. Nach ihrem Ausflug in die Jugend Präsident Snows kehrt Collins aus der Rolle der allwissenden wieder zur Ich-Erzählerin zurück, was Haymitchs Motivationshintergrund und sein Erkennen von Zusammenhängen extrem einschränkt. Viel zu viele Mutationen finden ihren Weg in die Arena, dadurch werden so manche Situationen ratzfatz bereinigt, Spannung kommt auf diese Weise keine auf. Haymitch selbst ist als Charakter mit widersprüchlichen Gefühlen stimmig gezeichnet, nach dem Sieg bei den Spielen wird der Rest aber so überhastet abgehudelt, dass weder Stimmung noch Atmosphäre bestehen bleiben und es den Anschein hat, als wollte die Autorin ihren Protagonisten so rasch wie möglich loswerden: Diese letzten Seiten wirken wie eine bloße Inhaltsangabe seines im Grunde genommen zerstörten Lebens. Vielleicht musste Collins das Romanprojekt auch überhastet abschließen, schließlich laufen bereits die Vorbereitungen zur Verfilmung. Zusehr Cashcow hat schon der Öfteren guten Ideen geschadet.

Der große britische Romacier Alan Hollinghurst veröffentlicht im Schnitt nur alle sechs Jahre einen seiner umfangreichen Romane (Die Swimmbad-Bibliothek, Die Schönheitslinie), umso gespannter war ich auf sein neuestes Werk Our Evenings. Der schwule Schauspieler David Win, von burmesisch-englischer Herkunft, erzählt in zwei Teilen aus seinem Leben. Im ersten gibt er uns Einblicke in seine Jugend ohne Vater, seine Studien in einem Eliteinternat, das er aufgrund der Unterstützung eines reichen Kunstmäzens besuchen kann, das Mobbing als Außenseiter in der englischen Oberschicht, in seine Sehnsüchte und die Enttäuschung einer unglücklichen Liebe. Der zweite Teil dreht sich um seine ersten Versuche im Beruf als Schauspieler, seinen Aufstieg und sein Leben auf der Bühne. In einem abschließenden kurzen letzten Teil löst Hollinghurst die clevere Struktur des Buches auf, das Ende mündet in einen Hassmord zur Coronazeit. Die Schilderungen des Autors sind ungeheuer detailreich, was die Inneinerichtung von Landhäusern, die Verhaltenscodes seiner privilegierten Bewohner:innen, auch die Inszenierungen von Theaterstücken und auch Davids Überlegungen und Empfindungen betrifft. Er nimmt uns immer wieder mit zur näheren Erforschung der Personen in Davids Umfeld, etwa der Familie seines Mäzens, seiner Mutter und deren Lebensgefährtin, wodurch auch der Protagonist selbst plastisch dargestellt und als Mensch vor unseren lesenden Augen lebendig wird. Somit ist Hollinghurst ein bedächtig gestalteter Streifzug durch das (auch queere) kulturelle und politische Leben Englands in den letzten sechzig Jahren gelungen, nichts für zwischendurch, sondern für intellektuell und emotional erfüllende Lesestunden. 

Alles läuft auf diese Nacht zu, in der Marco, Familienvater und Kinderarzt, von seiner Frau beim Liebesakt mit seinem Freund Gérome überrascht wird. Ahepka Yves Moise N'Guessan, der Autor des Romans Die Frauen seines Lebens, kommt aus der westafrikanischen Elfenbeinküste und dort spielt auch seine Geschichte. Diese wird, voll lokalem Kolorit, aus vier Blickwinkeln erzählt, von Marco, seiner Frau Linda, seiner Mutter und Tochter, die beide den Namen Anastasie tragen. Ein schmaler Band, wie alle Bücher im Albino-Verlag ausgesprochen schön gestaltet, und doch tut sich in ihm eine ganze Welt auf, die, durch verschiedene Augen gesehen, unterschiedliche Szenen und zuweilen auch dieselben fokussieren. Es geht um Selbstgeißelung, um seelische und körperliche Verstümmelung, die Aufopferung der eigenen Bedürfnisse zum vermeintlichen Schutz der Familie, die Vielfalt menschlicher Gefühle und eine Art von Engstirnigkeit, die schließlich allen Beteiligten so etwas wie echte Liebe versagt. "Die eiserne Maske, die ich zu tragen mir auferlegt hatte, wog schwer und deformierte mein Gesicht, das einst so schön gewesen war, bis zur Unkenntlichkeit." Marcos Versuch, seine Homosexualität in einer Gesellschaft zu unterdrücken, die diese nicht akzeptiert, macht seine Welt zu einem "Ort der Verbannten, Heimatlosen und Vergessenen", nicht anders ergeht es aber auch den drei Frauen in eben diesem seinem Lebens. Die oft unausgesprochene Sehnsucht der Figuren im Hadern mit ihrem Schicksal beschreibt der Autor in zuweilen herzzerreißenden Bildern, allein die Drogensucht der Tochter Anastasie erscheint mir aufgesetzt und nicht so authentisch wie der Gedankenfluss der älteren Charaktere. Die Erzählung mündet in einem Epilog zwischen Wunschträumen und Wirklichkeit und darin in einem letzten versöhnlichen Absatz, der so etwas wie einen winzigen Funken von Hoffnung andeutet.

"Warum bist du nur so?", fragt die Mutter ihren siebzehnjährigen Sohn Tue. "Man kann dich nicht verstehen, mit deinen vielen Gefühlen." Mit diesen kommt der Protagonist von Thomas Korsgaards Tue-Trilogie selbst nicht zurecht. Im ersten Band war Tue noch ein Kind, das sich gegenüber der Gewalt in seiner Familie mit frechem Trotz behauptete und dadurch große Resilienz aufzubauen vermochte. Der zweite Band trägt den Titel Stadt, denn genau dorthin reißt Tue aus, flüchtet er geradezu, als ihm die Zurückweisungen und Misshandlungen, die psychischen durch seine depressive Mutter und die physischen durch den Alkoholiker als Vater, unerträgliche werden. Korsgaards Kunst ist es, in wie schon im ersten Band episodenhaft geschilderten Szenen vieles nur in Andeutungen oder zwischen den Zeilen zu erzählen, so wie Tue in seiner Verzweiflung manches nicht wahrhaben will und ihm zuweilen die Worte fehlen; mitunter vermag er sein Seelenheil nur zu retten, indem er die Realität nicht ganz an sich heranlässt. Die große Sehnsucht nach Nähe zu seinen Eltern, die Zärtlichkeit zur Mutter und einer Art von Respekt vom Vater, bleibt unerfüllt, immer wieder sieht er sich von ihnen zurückgestoßen - bis er die Flucht nach vorne antritt, vom ländlichen Gehöft in die Stadt. Darin, dass all diese Erlebnisse nicht zum Sozialporno verkommen, sondern uns durch den berührenden Zugang zu Tues Denken und Fühlen zu seinem Verbündeten machen, liegt die Qualität dieses Buches. Der dritte Band, der noch heuer herauskommen soll, wird den Titel Paradies tragen. Insofern ist es denkbar, dass Tue schließlich finden wird, was er sucht, nämlich "in der Wurzellosigkeit Wurzeln zu schlagen und in der Heimatlosigkeit eine Heimat" (zitiert aus dem Verlagstext).

Bei Stephen King handelt es sich um einen der absoluten Vielschreiber im Literaturbetrieb, unter seinen Werken gab es ja auch tatsächlich Wegweisendes. Warum er glaubt, auch noch veröffentlichen zu müssen, wenn so etwas wie eine Idee gar nicht auszumachen ist, bleibt schleierhaft, eine Art Schreibmanie muss da wohl dahinterstecken. Im Roman Später (in der englischen Originalfassung Later schon 2001 erschienen) handelt es sich um nichts anderes als eine schamlose Kopie eines der brillantesten Horrorfilme ever und des überhaupt genialsten Twists der Filmgeschichte, nämlich Night M. Shyalamans The Sixth Sense (1999). "I can see dead people" war damals und ist auch hier der entscheidende Satz, der Bursch, der in Kings Fall die genannte Gabe hat, kann sich mit den Verstorbenen sogar unterhalten - zum Gruselfaktor trägt das nichts bei.

Ungefähr zu der Zeit, als ich an der Herausgabe von Magische Momente, meiner "Liebeserklärung an die stärksten Szenen des Kinos" arbeitete, muss auch der FM4-Filmkritiker Christian Fuchs die Idee einer Sammlung von ihm besonders lieben Texten aus seiner langjährigen journalistischen Laufbahn gehabt haben. Das Glühen im Dunkeln heißt sein Band aus dem Vorjahr, der Untertitel "Wie Filme mir das Leben retteten" weist auf seinen engen persönlichen Bezug zu Streifen, über die er darin voller Leidenschaft schreibt. Das liest sich kurzweilig und zuweilen amüsant, interessant fand ich auch die starken Parallelen zwischen meiner filmischen Sozialisation und jener von Herrn Fuchs, Kleinstadtkinos in den Siebzigern, Godzilla und Jaws spielten in unser beider Leben anscheinend eine tragende Rolle. Leider haben sich in die Texte nicht wenige Tippfehler und solche im Buchsatz eingeschlichen; wenn der Druck schon von "Wien Kultur" gefördert wird, wäre wohl auch ein sorgfältigeres Lektorat drin gewesen. Das Cover empfinde ich als ziemlich hässlich, die rote Schrift auf dem Buchrücken ist kaum lesbar. Viele der Texte, die eher anekdotisch aufgebaut sind und nicht allzu sehr in die Tiefe der besprochenen Filme vorstoßen, waren für mich aber durchaus unterhaltsam.

Mir gebührt jetzt ganz offiziell eine Tapferkeitsmedaille für unerschrockenes Lesen. Die Neugier aufgrund berstend voller, mit Büchern dieses Genres gefüllter Messehallen und ganzer Abteile voll fast identer Cover in Buchläden hat gesiegt und ich habe mich tatsächlich an einen "New Adult"-Roman gewagt. Wenn schon, denn schon, habe ich mir gesagt, und zu einem Band der vielleicht erfolgreichsten Autorin dieser Gattung gegriffen, nämlich Colleen Hoover und ihr Buch Ugly Love. Die Figuren Tage und Miles also, eine auf Leidenschaft und Sex beruhende Beziehung, die dann aber doch mehr zu werden droht - was sich darin seltsamerweise nicht findet, sind Leidenschaft und Sex, trotz der langen Passagen, die Leserinnen in all ihrer (gespielten) Entrüstung oft als Pornographie bezeichnen - denn sprachlich ist das alles ein weichgespültes Kitschwischiwaschi. Was diese Seiten und die ganze Schema-F-Geschichte durchzieht, ist klischeetriefende Langeweile, sind in ewiggestrigen Geschlechterrollen gezeichnete Figuren und einem Stil auf Ärzteheftchenniveau. Grausig, was hier die Bestsellerlisten stürmt.

Wer zumindest ein wenig Reiseerfahrung in Afrika hat, wird die Szenen, die der deutsche Reiseschriftsteller Helge Timmerberg in seinem Band African Queen beschreibt, gutieren können, so manche typischen Figuren und Schausplätze wiedererkennen und nachzuspüren vermögen, wie sich diese in einem Umfeld in Malawi, Tansania oder Mosambique anfühlen. Der Roman ist episodenhaft strukturiert und an manchen Stellen sehr treffend und mit lakonischem Witz erzählt, an anderen zieht sich die Handlung, weil weder der Ich-Erzähler, bei dem es sich wohl zumindest zum Teil um den Verfasser handelt, noch seine junge Liebe, der er durch den halben Kontinent folgt, ob ihrer schemenhaften Zeichnung als Identifikationsfiguren herhalten können.

Endlich das eigene Leben leben, denkt sich der Bauer Helmer, und er beginnt auf dem Hof in Jütland aufzuräumen. Den alten und kranken Vater verfrachtet er ins Obergeschoß des Hauses, unten richtet er sich selbst ein. In sein bescheidenes Dasein brechen dabei Erinnerungen, verdrängte Sehnsüchte und auch Dämonen aus seiner Vergangenheit, die mit seinem früh verstorbenen Zwillingsbruder Henk, dessen damaliger Braut Riet und einem Knecht zu tun haben, der in seiner Jugend für ihn eine große Rolle spielte. Und dann steht Riets pubertierender Sohn vor der Tür, der ebenfalls Henk heißt ... Der holländische Autor Gerbrand Bakker entwirft in seinem überaus erfolgreichen Roman Oben ist es still aus dem Jahr 2008 dieses Bild eines einsamen Mannes auf der Suche nach sich selbst in der seinen Arbeiten eigenen Ruhe und Gelassenheit, in klarer Sprache und auf der Spur nach klaren Gedanken, nach denen seine Hauptfigur Helmer ringt; in diesem Ringen sind wir ihm Kompliz:innen und fühlen mit ihm, bis hin zur Andeutung eines Endes mit Hoffnung.