Lesetagebuch 2026

Hier präsentiere ich meine Blogeinträge in Form von kurzen Rezensionen zu sämtlichen Büchern, die ich im Laufe des Jahres 2026 gelesen habe. Dabei handelt es sich um Romane und Erzählungen, aber hin und wieder auch um Sachbücher. 

Cal ist in der Literatur kein alltäglicher Name, ich erinnere mich eigentlich nur an die Titelfigur von Bernard McLavertys tollem Roman aus 1983 (und der Filmadaption aus dem Jahr darauf). Schon damals war Cal ein hagerer junger Mann im Hader mit seinem Selbstwert und voller Sehnsucht nach Wärme und Liebe. McLavertys Geschichte ist in Nordirland angesiedelt, John of John, der neue Roman des Booker-Preisträgers Douglas Stuart auf einer Insel auf den Äußeren Hebriden vor Schottlands Küste; ähnliches Setting, gleich die immerwährende Feuchte und Kälte, die mir auch beim Lesen fast unter die Bettdecke gekrochen ist. Was natürlich auch mit den von religiösem Eifer geschürten Aggressionen gegen andere, aber auch sich selbst zusammenhängt, die von gar nicht so wenigen der Charaktere ausgehen. Mit viel Gespür für Atmosphäre erzählt Stuart vom Heimkommen als Flucht vor und Beginn von neuen Problemen. Cal, der arbeitslose Herumtreiber nach absolviertem Studium, sein wortkarger und zu Gewalt neigender Vater John, die Großmutter Ella, dazu Cals erster, mittlerweile versoffener Liebhaber Doll, seine Mutter, die die Familie einst aus einem verschwiegenen Grund verlassen hat, eine Freundin und ihre ungewollte Schwangerschaft und nicht zuletzt Johns heimlicher Freund Innes - um die Geschichten dieser Schafzüchter und Tweed-Weber dreht sich der Roman, dazu tost der salzige Wind und rauscht das Meer. Die Figuren sprechen nicht viel und verschweigen dafür mehr, ihre Ängste und Traumata drehen sich um Scham und presbyterianische Strenge, verzerrte Wahrnehmung und die Gefängnisse, die sie sich in ihrem Köpfen bauen. Begehren, Intimität und Verbot - gegen Ende des Romans wagt Cal einen Ausbruch und drängt auch seinen Vater auf einen Platz in der Welt, in der er zum ersten Mal in seinem Leben er selbst sein darf.

Der Jugendroman Freunde der deutschen Autorin Eva Kranenburg ist ein wunderbares Buch über die, wie ich einmal gelesen habe, "schönste Form der Liebe", nämlich die Freundschaft. Vier Jugendliche, vom Schicksal zusammengewürfelt nach der Eroberung ihrer Heimatstadt durch "die Anderen", alle von ihnen äußerlich durch Wunden und Verletzungen gezeichnet sowie schwerst traumatisiert durch das Erlebte, das Töten, Morden, den Hunger und die Angst. Wie sie praktisch gezwungen sind, sich aufeinander einzulassen, um zu überleben, wie sie allmählich lernen, einander zu vertrauen und einander zu öffnen, beschreibt die Autorin auf bewusst einfache, behutsame und dabei ungemein einfühlsame Weise. Der kleine Tuk mit den roten Haaren, Tarek, dessen eine Gesichtshälfte von einer furchtbaren Narbe durchzogen ist, Nata mit den Granatsplittern im Bein und der engelsgleiche Rein als Ich-Erzähler, dessen Erinnerungen ein einziges Schlachtfeld sind, werden von Eva Kranenberg zu Charakteren, die man von Anfang an und dann immer mehr und mehr ins Herz schließt und deren Entwicklung hin zu reifen Persönlichkeiten rührt und berührt und zutiefst zu Herzen geht. Ein Buch über den Krieg rund um und in uns und über den Weg zu einem scheinbar unmöglichen und doch möglichen Frieden.

Ich gebe zu, Bücher zuweilen nach ihrem Cover zu kaufen. Als nun im Albino-Verlag eine Neuauflage von Die Schönheitslinie, Alan Hollinghurts "Booker Prize"-Gewinner des Jahres 2004 mit einem überaus gelungenem Umschlag erschien, entschied ich mich für die neuerliche Lektüre. Hollinghursts intensive Beschreibung des Aufstiegs und Falls der immens reichen Familie Fedden während des Thatcher-Jahrzehnts der Achtziger hat in diesen zwanzig Jahren nichts an seiner Kraft eingebüßt. Ich schätze normalerweise literarisch gesehen ja die kurzen Formen, doch die seitenlangen Beschreibungen von Unterhaltungen oder auch nur Eindrücken von Nick Guest, Hollinghurts jungem schwulem Protagonisten, zogen mich in ihren erzählerischen Sog. Nick, dem ewige Gast, gelingt es, als Oxford-Absolvent, doch ohne entsprechenden familiären Hintergrund bei den Reichen und Schönen unterzukommen und von ihnen ausgehalten zu werden. Er ist auf der stetigen Suche nach Heimat und mäandert dabei doch nur durch sein Leben, ohne irgendwo wirklich anzukommen. Do liest sich Die Schönheitslinie auch heute noch als raffiniert konstruierter Londoner Gesellschaftsroman, ein Buch über das Berauschtsein eines Jahrzehnts, in dem für Nick das gesellschaftliche und persönliche Glück immer in Reichweite zu sein scheinen, letztlich aber doch in unerreichbarer Ferne bleiben.

Ein junger Mann im coronabedingten Chaos des Jahres 2020, an anderer, der auf einem alten Schwarzweiß-Foto, den großen Zeh im Mund, in die Kamera blickt: Der Ich-Erzähler in Simon Chevriers mit dem "Goncourt du Premier Roman"-Preis ausgezeichnetem schmalen Band Foto auf Anfrage beschäftigt sich mehr und mehr mit diesem Bild aus fernen Tagen, als eine andere Pandemie Männer hinwegraffte. Wie ziellos driftet er durchs Leben, das Studium hat er geschmissen, ständig glaubt er, sich zu verlieben, und rennt damit doch nur an die Wände seiner Umwelt an. Es ist, als würde er durch das Gegenüber auf dem Foto eine Ahnung seines wahren Selbst erhaschen, auf das, was seine Identität unter Umständen ausmachen könnte. Der Tod des geliebten Vaters, die Chatverläufe mit immer neuen Liebhabern, die Vorlieben seiner Kunden als Escort, seine Wohnsituation in einer WG, die aufgelöst werden soll, die steigenden Infektionszahlen und der drohende Shutdown - alles wird wie protokollarisch festgehalten. Doch erlebt der Erzähler seine Umwelt wie durch einen Schleier; fast isoliert existiert er darin für sich selbst, scheinbar bleibt er von allem unberührt, sozial wie emotional distanziert, alles verharrt in Schwebe. Der junge französische Autor hat das beeindruckende Porträt eines Ziellosen geschaffen, eines Streuners in seinem eigenen Leben, ein Buch mit pointiert-genauen Beobachtungen, geschrieben in geradliniger starker Sprache.

Der britische Autor Ken Follett ist allenthalben als Meister des Spannungsthrillers (Die Nadel, 1978) bekannt, aber auch von oftmals im Mittelalter angesiedelten opulenten Historienwälzern (Die Säulen der Erde, 1990). Stets ging er dabei nach einer Art Raster der Handlungsstränge und Figuren vor, doch gelang es ihm, diese plastisch vor unseren lesenden Augen zu Leben zu erwecken. Unterhaltungsliteratur at its best, sozusagen. Mit seinem neuesten Werk Stonehenge - Die Kathedrale der Zeit hat Follett aber gehörig danebengeschrieben. Sein übliches Figurenpersonal wird in die weiten englischen Ebenen der Jungsteinzeit verpflanzt und weiß dort wenig mit sich selbst und gar nichts mit uns anzufangen. Die Charaktere leben in drei Gruppen, den Jägern und Sammlern des Waldes, den Viehzüchtern und Ackerbauern, und bleiben so blass, dass ich beim Lesen zuweilen sogar ihre Namen vergessen habe. Dabei enthält die Entwicklung der Zivilisation, wie sie Follett in diesen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften beschreibt, durchaus reizvolle Denkansätze, wenn sich, sobald Grund und Boden besessen werden, hierarchische Strukturen herauskristallisieren und der Weg zur Tyrannei und sogar zum Krieg gezeichnet wird. Doch wird alles schier endlos zerredet, und zwar in einer Redundanz und auf einem jämmerlichen sprachlichen Niveau, dass ich manchmal Rettung nur durch rasches Weiterblättern fand. Wenn dann im letzten Drittel des Romans endlich die Errichtung des titelgebenden Bauwerks angegangen wird, hatte ich bereits alles Interesse verloren. Sex and crime in der Jungsteinzeit - die "Romanfabrik" rund um Ken Follett hat hier ihr vielleicht schwächstes Buch abgeliefert.

Ich verehre die Autor:innen der klassischen Literatur der amerikanischen Südstatten sehr, William Faulkner und Truman Capote, Eudora Welty und Harper Lee, ganz besonders Flannery O'Connor in ihrer Klarheit und scharfen Brillianz, besonders in den Kurzgeschichten sind das ganz starke Texte. Tennessee Williams ist eher für seine Theaterstücke wie Endstation Sehnsucht (1947), Katze auf dem heißen Blechdach (1955) oder Die Glasmenangerie (1944) bekannt, und dies, wie ich eben erst herausgefunden habe, zurecht. Im Gegensatz zu ihnen vermochten mich seine Erzählungen, deren Lektüre ich erst jetzt gesammelt in dem Band Glasporträt eines Mädchens aus dem Jahr 1976 nachgeholt habe, nämlich nicht zu packen. Wie auch die dramatischen Werke beschreiben sie sensible Individuen im Kontrast zu einer Umwelt, in der nur der materielle Erfolg zählt, Außenseiter auf der Suche nach dem "Wesentlichen" im Leben, doch gelingt es den Geschichten und ihren Figuren nicht, zu mir eine Beziehung aufzubauen. Die Weltverzauberung Capotes oder der scharfe Humor O'Connors gehen ihnen ab, ich entwickelte einfach kein Bedürfnis, längere Zeit mit ihnen zu verbringen. Hätte ich mir nie gedacht.

Bei dem Band Lichte Tage der britischen Autorin Sarah Winman handelt es sich um einen richtig schönen, melancholisch-traurigen, gegen Schluss hin herzzerreißenden Roman um eine tiefe Freundschaft. Ellis und Michael lernen sich als Zwölfjährige kennen, die Flucht vor den Fäusten ihrer Väter hat sie zusammengeführt, im jeweils anderen finden sie Zuflucht und so etwas wie Heimat. Als Heranwachsende entdecken sie in der Wärme Südfrankreichs einander in allen Facetten und, wie es so schön auf dem Buchrücken formuliert ist, "wer sie sein könnten". Dann tritt Anne in ihr Leben und das ändert "gleichzeitig nichts und alles". Rührend und berührend, nur hin und wieder sprachlich in ein wenig allzu überschwänglichen Bildern, beschreibt Winman die Freundschaft zwischen drei Menschen, die man auch Liebe nennen könnte, und ihr bitteres Ende. Wenn da am Schluss nicht die Tränen glitzern.

Ich war im Vorjahr von Gerbrand Bakkers Roman Oben ist es still so fasziniert, dass ich beschloss, mir nach und nach auch seine anderen Arbeiten zu Gemüte zu führen. Der schmale Band Birnbäume blühen weiß aus demJahr 2010 ist leider total danebengegangen, und das liegt nur an den letzten Seiten. Eigentlich liegt uns ein wunderbares Kleinod vor, die Geschichte eines Vaters und seiner drei Söhne, die, von der Ehefrau und Mutter verlassen, nach einem Autounfall noch näher zusammenrücken. Bakker hat einen stillen, zärtlichen Text über die Verletzungen von Körpern und Seelen und die Sehnsucht auf Heilung geschrieben. Wie sich die Zwillingsbrüder Kaas und Kees um den jüngeren Gerson kümmern, wie sie an seinem Krankenbett sitzen und ihn aus dem Koma zurück ins Leben holen, durch Reden, durch Berührungen, durch einen Kuss, geht ungemein zu Herzen. Als Gerson realisiert, dass er sein Augenlicht verloren hat und den Rest seines Lebens blind sein wird, wissen sie sich fast nicht mehr zu helfen; und Gerson wird schließlich einen Weg gehen, der seine Familie völlig zerstört zurücklässt. Der Großteil des kurzen Romans ist aus der Sicht der Zwillinge erzählt, ein geringerer Teil aus jener von Gerson. Der Abschluss, wenn Gerson in den Teich beim Haus seiner Großeltern springt und nicht mehr auftaucht, in vermenschlichten Gedanken von Daan, dem Familienhund. Diese selten dämliche Einscheidung des Autors hat für mich alles ruiniert, mein Mitgefühl von den Charakteren gerissen, dass sie plötzlich weit weg von mir waren, mich sprachlos gemacht. Welch Vergeudung dieser Figuren im stimmungsvollen Setting eines heißen Sommers auf dem Land und eines Textes, der ein Meisterwerk hätte sein können.

Ich kenne eigentlich nur einen Roman, in dem die Du-Erzählperspektive wirklich gut funktioniert, nämlich Jay McInerneys Bright Lights, Big City aus 1984 ("Du bist nicht der Typ, der sich morgens um diese Zeit an einem Ort wie diesem herumtreibt."). Das Sonderbare an dieser Vorgehensweise eines Erzählers, sich an seinen Protagonisten zu wenden, ist, dass dadurch, vielleicht, weil so selten durchgeführt, eine große Distanz zwischen den beiden und den Lesenden geschaffen wird. Im Fall des Romans Was die Zeit nicht nimmt des tschechischen Autors Marek Torcik ist diese Entfernung so groß, dass ich mich weit weg vom Text und davon geradezu ausgeschlossen gefühlt habe. Zu weit, um Anteil an Mareks gedanklicher Rückkehr in seine Jugend zu nehmen, an seinen Gefühlen im Leben in einer dysfunktionalen Familie, der Armut, dem Alkoholismus und der Gewalt inmitten der politischen Umbrüche des Jahres 1989 und einem Umfeld, das Andersartigkeit bestraft. Szenerie und Themen dieses bei Erscheinen mit siebenundzwanzig Übersetzungen gehypten Textes hätten mich wohl interessiert, doch die Geschichte ist für mich abgelaufen wie auf einer allzu weit entfernten Leinwand.

Ich mag ja altmodische Detektivgeschichten sehr gern, kein Wunder, dass mein Interesse bei der Klassifizierung als "cosy crime" im Fall des Romans Hunter B. Holmes Studienfach Mord geweckt war. Ich stehe - angesicht meiner eigenen Publikationen wohl nachzuvollziehen - der Veröffentlichung im Eigenverlag sehr offen gegenüber, erwarte mir dabei aber dann auch den gehobenen Level guter Verlagsarbeit, was das Layout und das sprachliche Niveau betrifft. Was Autor Wolf September hier liefert, ist einfach beliebig geschrieben und von der Zeichnung der Charaktere und der Handlung arg klischeehaft. Klar, dass sich bei mir hier kein Gefühl von "cosiness", sondern eher Verärgerung eingestellt hat.

Jahrzehntelang war Donald Windham, der selbst großartige Romane wie Dog Star und Zwei Menschen verfasste, mit den Literaturstars Tennessee Williams und Truman Capote befreundet, beide Freundschaften endeten nicht im Guten. In seinem Buch Verlorene Freunde schildert, analysiert und reflektiert er diese Zeit mit Intellekt und Herzblut. Das Original erschien bereits im Jahr 1987 und erst jetzt in der deutschsprachigen Übersetzung. Hochinteressant für alle, die an Südtsaatenliteratur und im Speziellen an diesen beiden großen, als Menschen aber nicht gerade einfachen Schriftstellern Interesse haben.

Hat man in literarischen Zirkeln einen guten Namen, kommt mir zuweilen vor, kann man schreiben, was man will, und die Lobpreisungen folgen auf dem Fuße. Julya Rabinowichs Jugendroman Mo & Moritz ist für diese These ein gutes Beispiel. Queere Bücher werden von der Literaturkritik ja meist völlig links liegen gelassen, nicht einmal wahrgenommen, doch wenn Frau Rabinowich über ihre arg konstruierte Geschichte der jungen Liebe zwischen Mo mit seinen muslimischen Wurzeln und dem jüdischen Burschen Moritz herausbringt, sind alle gleich aus dem Häuschen. Noch schlimmer, dass das Buch vor Klischees, sprachlichen und inhaltlichen, nur so strotzt. Schon im Prolog malt die Sonne "goldene Flecken auf das Meerwasser" und in dem Wiener Setting dominiert das Norddeutsche ("hatte gesessen"). Da findet Mo, gerade aus der Schule geworfen (eine Szene, die sich für mich als Lehrer seit vierzig Jahren total unglaubwürdig liest), auch flugs eine Stelle bei einem Nobelfriseur und Zugang zum Opernball. Wie auf einer Liste von Paramtetern, die abzuarbeiten sind, gibt es Großeltern mit Holocausterfahrungen, Fluchttraumata und Stereotype wie einen religiös radikalisierten Bruder. Ein bisserl viel hat die Autorin da in ihre Geschichte gestopft, und plätschert bei dem Überangebot an Themen an der Oberfläche, kein Aspekt wird vertieft, nicht einmal jener der Beziehung zwischen den beiden Burschen. So wirken sowohl Sprache als auch Handlung banal und beliebig. Die Liebesgeschichte bleibt so ohne Zaudern und Zögerlichkeit, ohne Zartheit und Zärtlichkeit, ohne einen Funken des gefühls von Wahrheit. Wie unfertig ausgearbeitet stehen Mo und Moritz vor uns, aber zumindest ist es am Schluss am Meer wieder sehr schön.

"Sie strich mir die Tränen vom Gesicht" und "Meine Stirn glättete sich" - wem, wie mir, bei schwülstigen Ausdrücken wie solchen Aversionen hochkommen, sollte die Finger von Isabel Ibanez' Roman What the River Knows lassen. Die Lektüre eines Buches, bei der ich ständig in Versuchung bin, mit einem Rotstift dazwischenzufahren, ist mir einfach zu anstrengend. Eine junge Frau namens Inez macht sich von Buenos Aires auf, den Tod ihrer Eltern in Ägypten aufzuklären. Erwartet hatte ich einen altmodisch-netten Krimitext, herausgekommen ist aber magische Jungmädchen-Mysterie im oben beschriebenen Stil. Die aufwändige Aufmachung im Book-Tok-Stil hätte mich schon abschrecken sollen; wieder was dazugelernt.

Angeregt durch die filmische Adaption unter dem Titel Hamnet, habe ich zur Romanvorlage Judith und Hamnet der britischen Autorin Maggie O'Farrell gegriffen. Nun soll man Äpfel und Birnen nicht vergleichen, in diesem Fall einen Roman und seine Verfilmung, dennoch ist man dazu versucht. William Shakespeare also, seine Ehe mit Agnes, die Gründung einer Familie und dann das jähe Erwachen wie aus einem Traum, der in einen Alptraum mündet: der Pesttod des zwölfjährigen Sohnes Hamnet. Wo der Film uns mit Hilfe grandioser schauspielerischer Leistungen, der wunderbaren Musik und schöner Bilder die Emotionen der Charaktere zeigt, uns an sie heranzieht und quasi mitfühlen lässt, beschreibt der literarische Text sie bloß und bleibt dadurch weiter außen vor. Der Roman liest sich besser in Szenen, die der Film nur streift (etwa die Auseinandersetzung des jungen William mit seinem aggressiven Vater), der Film ist stärker in jenen, auf die er sich unter dem Prinzip "show, don't tell" ausführlich einlässt (z. B. Hamnets Tod). Die wunderbar ausgekostete Schlusssequenz im Theater, in der Agnes endlich versteht, auf welche Weise ihr Ehemann den Tod des Sohnes verarbeitet hat, seine persönliche Art des Trauer eben, handelt das Buch, so gut es auch geschrieben ist, auf wenigen Seiten ab, echtes Mitgefühl kommt da nicht auf. Im direkten Vergleich, den wir wie gesagt eigentlich ja nicht anstellen sollen, ist der Film, obgleich auch nicht ohne Schwächen (siehe meine Rezension) wesentlich mitreißendere Erlebnis.

Im Genre der queeren Jugendbücher hat sich der US-amerikanische Autor David Levithan (Letztlich sind wir dem Universum egal, Two Boys Kissing) einen guten Namen gemacht. In seinem Roman Ryan und Avery beschreibt er in einfachem Stil und einfühlsamer Weise die Liebesgeschichte zwischen zwei sechzehnjährigen Burschen, die von großer Unsicherheit geprägt ist. Das Buch ist in zehn Kapitel geteilt, jedes schildert ein Date zwischen den beiden Jungen, von denen einer im Körper eines Mädchens geboren wurde, das Spezielle daran ist, dass diese nicht in chronologischer Reihenfolge geordnet sind. Dadurch entsteht Spannung in diesem schüchternen Aufeinander-Zugehen und dem wachsenden Mut, sich und ihre Liebe anderen gegenüber zu behaupten. Ein bissl amerikanisch bieder, für das Zielpublikum in der Entwicklung der Gefühle zueinander aber gut nachvollziehbar.

Das erste Buch, den ich im Jahr 2026 gelesen habe, war der Roman Lázár des Schweizer Autors Nelio Biedermann. Das Marketing um das Buch hatte auch mich erreicht, ich gebe es zu, das Erscheinen in zwanzig Ländern gleichzeitig und die Person des blutjungen Autors, mein Interesse war geweckt. Letztlich zum Kauf bewogen hat mich aber der brillante erste Satz: "Am Rande des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendenden Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, der es bis über den Tod hinaus für seinen Vater halten wird." Sofort war ich an Schlafes Bruder und Das Parfum erinnert und geflasht. Leider aber weiß der Roman als Gesamtwerk diese Versprechung nicht zu erfüllen. Vielleicht ein Viertel oder Drittel des Textes war ich gepackt vom Charakter dieses Lajos als ungarischem Aristokraten und seinem Aufwachsen zwischen Waldschloss und Stadtpalais, selbst die altertümelnde Sprache wusste mich zu umgarnen. Doch dann passiert etwas Unverständliches: Es ist, als hätte der Autor das Interesse an seiner Figur verloren. Was es mit ihrer vorgeblichen Durchsichtigkeit auf sich hat, ist nie wieder Thema des Buches, der Protagonist sebst spielt kaum mehr eine Rolle, als seine Kinder in den Vordergrund treten, doch auch zu ihnen finden wir kaum Zugang. Eine Vielzahl an Nebenfiguren, deren Namen man mitunter durcheinanderbringt, und historischen Ereignissen, vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg und den darauf folgenden politischen Umwälzungen in Ungarn, werden aufgeworden, als würde eine von einer KI erstellte Liste an wichtigen Ereignissen abgehakt. In die Tiefe geht das nie, der Text plätschert in von Kapitel zu Kapitel beliebiger werdender Sprache oberflächlich dahin, und was die beiden eingeschobenen Kapitel von Stalins Tod sollen, zeigt sich nicht. Letztlich bleiben uns die Charaktere so fern, dass ihr Schicksal nicht weiter interessiert. "Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne im Vollbesitz seiner Fähigkeiten", preist Daniel Kehlmann auf dem Umschlag das Buch, das im selben Verlag wie die seinen herausgekommen ist. Er irrt gewaltig.